Nonkonform: was nicht gilt und nicht recht ist

Gestern ging ich der Limmat entlang. Gemütlich schlendernd, tagträumend, geniessend. Ich schaute dem Wasser zu. Da kam von vorne eine stampfende Rauchlokomotive auf mich zu. Gerade wollte ich mich in Sicherheit bringen, da prallte sie auch schon gegen meine Schulter und die Asche ihrer brennenden Zigarette blieb an meinem Pullover hängen. Ich drehte mich um, doch die Frau war schon weg und weiter. Was in der Luft blieb, war, neben dem Kippenrauch, nur ihr wütender Ausruf: «Rechtsverkehr!»

Und tatsächlich. Sie hatte Recht. Ich befand mich auf der linken Seite des drei Meter breiten Trottoirs und hinderte den flüssigen Fussgängerverkehr an der Flusspromenade. Doch ausser mir und der schimpfenden Furie war weit und breit keine Menschenseele zu sehen.

So viele Menschen stampfen mit Scheuklappen durchs Leben. Sie sehen nur, was richtig und recht ist. Sie wissen, was sich gehört und was nicht. Es gibt nur richtig oder falsch, nur links oder rechts, schwarz oder weiss. Kompromisse gibt es nicht. Doch das Leben ist nicht immer eindeutig und Rechtsverkehr.

Auf einer Rolltreppe macht es durchaus Sinn, sich ans «rechts stehen, links gehen»zu halten. Auf der Rolltreppe haben alle die gleiche Richtung und das gleiche Ziel: vorwärts bzw. auf- oder abwärts zu kommen.

Doch an einer Flusspromenade gibt es kein universales Ziel. Es geht nicht nur ums Vorwärtskommen, es gehen nicht alle in die gleiche Richtung. Die Motive, Absichten und Vorgehen aller Passanten sind unterschiedlich.

Deshalb kann man mit dem freien Platz spielen. Sich bewegen, die Richtung und Geschwindigkeit verändern. Stehen blieben und pausieren. Sich umschauen und neue Entscheidungen treffen.

Und weil wir nicht alleine sind, müssen wir auch ausweichen oder umdenken können. Wir werden angeregt, müssen Kompromisse eingehen, uns der Situation anpassen und dazu lernen. Oder wir kämpfen uns blind mit Ellbogen weiter unserem eigenen, vermeintlich richtigen Weg entlang – wütend, schimpfend, stampfend.

Über Tradition und Innovation

«Wie? Soll ich also nicht in die Fußstapfen der Vorgänger treten? Was mich betrifft, so werde ich zwar den alten Weg benützen, sollte ich aber einen besseren und ebeneren finden, so werde ich mir diesen gangbar machen. Die vor uns jene Ideen entwickelt haben, sind nicht unsere Herren, sondern unsere Führer. Die Wahrheit steht allen offen. Sie ist noch von keinem in Beschlag genommen worden. Ein grosser Teil von ihr bleibt auch noch den künftigen Geschlechtern aufgespart.» – Seneca, Briefe an Lucilius, 33.11

Traditionen sind Best Practices, die den Test der Zeit überstanden haben. Traditionen beschreiben die Evolution der Ideen. Sie sind die DNA unseres Zeitgeists. Traditionen zu verfolgen bedeutet, von Bewährtem zu profitieren und aus den Fehlern unserer Vorfahren zu lernen.

Doch Traditionen sind nur überliefertes Wissen. Und Wissen ist kein fixes Konstrukt. Jede konservative Vorstellung war einst kontrovers und innovativ. Jede Konvention war einst nur eine Idee. Was heute unerreichbar scheint, das mag morgen einengend wirken. Die Zeit eröffnet uns neue Möglichkeiten, neue Perspektiven. Deshalb dürfen wir uns nicht davor fürchten, anders zu denken und unbekannte Wege zu gehen.

Die DNA unserer Zeit ist offen gegenüber Mutationen. Diese genetischen Anpassungen nennen wir Innovationen. Was das System effektiver macht, das überlebt. Was sich erübrigt, das stirbt aus.

Das Einstiegszitat stammt von einem Philosophen aus dem alten Rom. Möglicherweise werden die Weisheiten Senecas von modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen widerlegt oder weiterentwickelt. Möglicherweise aber auch nicht. Doch der Punkt ist: Beharre nicht auf der Meinung eines Mannes, der vor 2’000 Jahren aufgehört hat zu lernen. Die Welt verändert sich und unsere Vorstellungen, Ideen und Traditionen mit ihr.

Traditionen sind nicht mehr als Empfehlungen. Bedien dich, wenn sie dir helfen und denk neu, wenn sie dich hindern.

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In einer unvorhersehbaren Welt bereit sein – Was Bereitschaft wirklich bedeutet

„Die Angelegenheiten unseres Lebens haben einen seltsamen Gang, der sich nicht berechnen lässt.“ – Goethe

Die Welt ist unvorhersehbar. Wenn du versuchst, dich auf alles vorzubereiten, wirst du niemals bereit sein. Der Moment, in dem du dir sagst: «Gut, jetzt bin ich für alles gewappnet», dieser Moment kommt nie. Es wird Momente geben, die dich unvorbereitet wie eine Faust mitten ins Gesicht treffen. Doch du bist dieser Faust des Schicksals nicht hilflos ausgeliefert.

Jim Collins untersuchte für sein Buch «Great by Choice» in einem 9-jährigen Forschungsprojekt, weshalb einige Unternehmen in Unsicherheit und sogar Chaos gedeihen und andere nicht. Der Autor fand heraus, dass die erfolgreichsten Unternehmen nicht besser dazu in der Lage waren, die Zukunft zu prophezeien als ihre weniger erfolgreichen Mitspieler. Im Gegenteil, die erfolgreichsten Teilnehmer der Studie erkannten, dass sie das Unverhoffte nicht voraussagen konnten und bereiteten sich deshalb besser vor.

Es gibt treibende Kräfte und unvorhersehbare Ereignisse, die wir weder prophezeien noch kontrollieren können. Aber wir können uns darauf vorbereiten. Greg McKeown schreibt in «Essentialism»:

«The only thing we can expect is the unexpected. Therefore we can either wait for the moment and react to it or we can prepare.»

Doch wie bereiten wir uns auf etwas vor, dass wir nicht kennen und nicht erwarten? Wir können an unserem Arsenal an Fertigkeiten arbeiten. Ein Fussballspieler wird in jedem Spiel mit unbekannten Situationen konfrontiert. Das bedeutet allerdings nicht, dass er im Training frustriert in der Ecke sitzt und nichts tut, weil er nicht weiss, worauf er sich spezifisch vorbereiten soll Der Fussballspieler arbeitet an seiner Technik, an seiner Ballkontrolle, an seiner Kondition, trainiert seine Übersicht und er schult sich strategisch. Der Fussballspieler weiss zwar nicht, wo während des nächsten Matches seine Mitspieler stehen, wie er den Ball zugespielt bekommt, wie der Gegenspieler reagiert. Doch der Fussballspieler braucht in jeder Situation seine Technik, sichere Ballkontrolle, Spielübersicht und strategisches Wissen. Ohne diese Basis ist es ihm nicht möglich, im Spiel kreativ zu reagieren und er scheitert an seiner eigenen Unfähigkeit. Er konzentriert seine Trainingszeit auf das, was er kontrollieren und verbessern kann. Genauso funktioniert es in jedem anderen Bereich ausserhalb des Fussballs. Das Leben verlangt von uns eine gewisse Spontaneität und kreative Reaktionsfähigkeit. Doch um angemessen auf Unbekanntes zu reagieren, müssen wie uns ein Fundament schaffen – einen Pool an Methoden, Wissen und Fähigkeiten – auf den wir uns im Fall der Fälle verlassen können. An diesem Fundament können wir arbeiten und darauf aufbauen. Wir müssen unsere Fertigkeiten perfektionieren, Abläufe verinnerlichen. Archilochos (680-645 v. Chr.) schreibt:

«Wir steigen nicht auf das Level unserer Erwartungen, wir fallen auf das Level unseres Trainings.»

Übung macht uns immun. Sie macht und immun gegen die Angst vor dem Scheitern. Sie macht uns immun gegen Selbstzweifel und Zögern. Mit jeder Wiederholung stärken wir  unser Selbstvertrauen sowie die neuronalen Verbindungen, unsere Instinkte, unser Timing. Wir lernen, wie unser Körper reagiert, lernen, was wir können und was nicht. Training macht uns handlungsfähig. Sobald Schwierigkeiten und Möglichkeiten auftauchen, können wir auf unsere Werkzeuge zurückgreifen und richtig reagieren. Marc Aurel (161-180) schreibt in «Selbstbetrachtungen»:

«Wie die Ärzte für plötzliche Operationen ihre Werkzeuge und Eisen stets zur Hand haben, so sollst auch du deine Überzeugungen in ständiger Bereitschaft halten, um göttliche und menschliche Dinge richtig anzusehen und, eingedenk des gegenseitigen Zusammenhangs beider, alles und auch das Geringste danach auszurichten.»

Das Unerwartete ist immer eine Chance. Wer adäquat reagiert, wird belohnt. Doch dazu musst du in vollem Besitz deiner Fertigkeiten sein. Steven Pressfiel beschriebt in «The War of Art» die Bedeutung der Vorbereitung, um die flüchtige Möglichkeit zu ergreifen und möglichst umfassend auszunutzen:

«The professional dedicates himself to mastering technique not because he believes technique is a substitute for inspiration but because he wants to be in possession of the full arsenal of skills when inspiration does come.»

Wenn wir gewinnen möchten, müssen wir uns auf das Gewinnen vorbereiten. Für Erfolg müssen wir Erfolg denken, Erfolg planen, Erfolg üben. «We don’t become successful simply through luck», meint David J. Schwarz, «Success comes from doing those things and mastering those principles that produce success.»

Wandel und Veränderung sind stets gegenwärtig. Entweder lassen wir uns von der Angst vor dem Unbekannten paralysieren oder wir sind offen für Neues und lassen uns herausfordern. Entweder erzittern wir vor dem aufbrausenden Sturm oder wir versuchen, auf den Wellen zu surfen. Entweder geben wir uns die Erlaubnis, zu erstarren oder die Möglichkeit, zu wachsen und zu lernen.

Wir können uns vorbereiten. Mehr können wir nicht tun. Wir können uns vorbereiten und auf unser Glück hoffen. Und das Glück wird kommen, wenn wir dafür bereit sind:

“Glück ist, was passiert, wenn Vorbereitung auf Gelegenheit trifft.“ – Seneca

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Pilot und «reverse pilot»: Ausbauen und Aufräumen

Hinzufügen ist verlockend. Eine neues Projekt, eine zusätzliche Idee, ein weiteres Hobby. Das Pilotformat erlaubt es dir, eine Initiative als Prototyp in einem begrenzten realen Umfeld zu testen. Bevor etwas Neues implementiert wird, kann so – ohne Rundumschlag – ein realer Versuch auf einem provisorischen Spielfeld stattfinden. Nach der Testphase wird der Pilot entweder weiterverfolgt oder verworfen. Ein Pilot hilft dir, ohne riesigen Aufwand zu differenzieren, welche neue Idee funktioniert und welche nicht.

Die Idee eines Piloten kann auch in umgekehrter Reihenfolge angewendet werden, um das Unwesentliche in einem praktisch risikofreien Verfahren zu eliminieren. Daniel Shapero, ein Director bei Linkedin, nennt diesen Prozess «reverse pilot». Er schreibt in seinem Artikel «Great Managers Prune as Well as Plant»:

«Killing marginal projects is incredibly hard because there is no urgency for change. Great companies and great managers find ways to kill these marginal projects and focus their resources and best people on being excellent at things that truly move the needle. Great managers prune as much as they plant. Great companies work hard to tear down as much as they build up.»

Das Ziel des «reverse pilot» ist, die Komplexität zu verringern. Wir möchten möglichst viele Variablen aus der Gleichung streichen, ohne dass sich das Resultat verändert. Welche Projekte oder Aufwände können für eine Testphase aus dem Programm gestrichen werden? Wenn das entfernte Stück nicht vermisst wird oder für das Funktionieren des Systems keinen Unterschied macht, war es schlicht nicht wichtig.

«Perfektion ist nicht erreicht, wenn sich nichts mehr hinzufügen lässt, sondern dann, wenn man nichts mehr wegnehmen kann.» – Antoine de Saint-Exupéry

Hinzufügen ist einfach. Es ist toll, sich mehr anzunehmen und sich breiter aufzustellen. Wegnehmen hingegen ist schwierig. Wegnehmen bedeutet Loslassen. Wegnehmen heisst, ehrlich zu sein, zu reflektieren. Wegnehmen heisst den Status quo zu hinterfragen, Veränderung zu umarmen. Das ist unangenehm. Doch diese Reduktionen sind essentiell, um die Energie auf die Dinge zu konzentrieren, die tatsächlich den Unterschied ausmachen.

«Experience-Stretching»: Wenn der Standard steigt und das Glück sinkt

«Once we have an experience, we are thereafter unable to see the world as we did before. Our innocence is lost and we cannot go home again.»

Daniel Gilbert führt in «Stumbling on Happiness» den Begriff der «Experience-Stretching Hypothese» ein und erklärt das Prinzip anhand eines hawaiianischen Sonnenuntergangs:
Das Farbenspiel der untergehenden Sonne über dem unendlichen pazifischen Ozean ist ein purer Genuss. Unvergleichlich. Wenn wir aber mit einer dicken kubanischen Zigarre im Mund dem Versinken der Sonne im hawaiianischen Meer zuschauen, sind die darauffolgenden Sonnenuntergänge ohne rauchenden Stumpen weit weniger erfüllend. Wenn wir zusätzlich zur Zigarre ein Glas antiker Rotwein geniessen, während sich die Sonne farbenfroh verabschiedet, so wirkt anschliessend das Naturphänomen des Sonnenuntergangs allein nochmals deutlich unbefriedigender.

Wenn wir unseren Erfahrungsschatz erweitern, sehen wir die Welt in einer neuer Perspektive. Wir können Vergangenes nicht verleumden und können nicht wissen, wie es wäre, wenn wir Bestimmtes nicht erlebt hätten. Unser Erfahrungshintergrund verändert sich und formt unsere Wahrnehmung. Daniel Gilbert schreibt:

«All claims of happiness are claims form someone’s point of view – from the perspective of a single human being whose unique collection of past experiences serves as a context, a lens, a background for her evaluation of her current experience. As much as the scientist might wish for it, there isn’t a view from nowhere. Once we have an experience, we are thereafter unable to see the world as we did before. Our innocence is lost and we cannot go home again. We may remember what we thought or said (though not necessarily), and we may remember what we did (though not necessarily that either), but the likelihood is depressingly slim that we can resurrect our experience and then evaluate it as we would have back then. In some ways, the cigar-smoking, [wine-drinking] we become have no more authority to speak on behalf of the people we used to be than do outside observers.»

Was wir als normal empfinden, verändert sich. Je mehr unser Standard steigt, desto selbstverständlicher scheint Vieles. Je mehr Witze wir gehört haben, desto schwieriger ist es, uns zum Lachen zu bringen. Je mehr Erfahrungen wir gesammelt haben, desto einfacher ist es, im Moment zu sehen, was fehlt, anstatt das zu geniessen, was vorhanden ist.

Auch wenn der Begriff «Experience-Stretching» modern ist, die Thematik ist zeitlos und beschäftigte bereits die Stoiker des alten Roms. Sie erarbeiteten sich praktische Werkzeuge, den Status quo zu hinterfragen und sich am Vorhandenen zu erfreuen. Epiktet schreibt in seinem «Handbüchlein der Moral»:

«Tod und Verbannung und Alles, was als schrecklich erscheint, soll dir täglich vor Augen schweben, am meisten aber der Tod; so wirst du nie wieder an etwas Gemeines denken, noch etwas allzuheftig begehren.»

Durch die Visualisierung des Worst-Case-Szenarios lockert sich die Umklammerung an den momentanen Zustand. Seneca pflegte, einige Tage im Monat auf seinen Luxus zu verzichten und ein Leben in Armut zu praktizieren. So machte er sich resilient gegenüber realen Verlusten und unabhängig von überflüssigem Luxus. Der Worst-Case ist selten so schlimm, wie wir ihn uns ausmalen. Seneca schreibt in seinem 18. Brief an Lucilius:

«Dazwischenschiebe einige Tage, an welchen du, zufrieden mit wenigster und billigster Speise, rohem und schlichtem Kleid, dir sagen magst: „Ist dies, was ich so gefürchtet habe?“ Gerade in dieser Sorglosigkeit bereite die Seele sich auf Beschwerliches und stärke sich wider des Geschickes Härten während seiner Wohltaten. Der Soldat manövriert mitten im Frieden, ohne irgend einen Feind in Sicht wirft er einen Wall auf und ermattet sich durch unnötige Mühe, auf dass hinzureichen nötiger er vermöge; von welchem du nicht willst, dass unmittelbar in der Sache er zurückbebe, den übe vor der Sache.»

Marc Aurel, römischer Kaiser von 161-180, war der mächtigste und wohl einer der reichsten Männer seiner Zeit. Der überzeugte Stoiker übte sich, die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich waren: Grilliertes Fleisch sei nicht mehr als ein totes Tier und edler Wein nicht weniger als alte, vergorene Trauben. Er konzentrierte sich auf die Wirklichkeit und liess sich nicht von Verzierungen blenden. Eine glänzende Fassade sollte nicht vom Wesentlichen ablenken. Seneca schreibt:

«Die Nahrung stille den Hunger, der Trank lösche den Durst, das Kleid bewahre vor Kälte, das Haus sei ein Schutz gegen die Unbilden der Witterung. Ob dieses nun aus Rasenstücken oder buntem Gestein einer fremden Gegend erbaut ist, macht keinen Unterschied: Ihr sollt wissen, dass der Mensch unter einem Strohdach ebenso sicher ist wie unter einem aus Gold.»

Trotz der stetigen Ermahnungen verweigerten sich Stoiker Luxusgütern keinesfalls. Seneca war ein äusserst erfolgreicher Geschäftsmann von grenzenlosem Reichtum. Anspruchslosigkeit fordert der Stoizismus, nicht Selbstqualen. Man soll sich mit dem Nötigsten zufrieden geben, Zusätzliches nicht ablehnen. Reichtum und Luxus sind in Ordnung, so lange wir deren Verlust verkraften könnten:

«Wenn (dem Weisen) Krankheit oder Feind eine Hand abgehauen, wenn ihm ein Unfall ein oder beide Augen ausgeschlagen hat, wird ihn, was ihm übriggeblieben, zufriedenstellen, und er wird trotz seines verkrüppelten und verstümmelten Körpers ebenso heiter sein, wie er es mit dem unversehrten war. Aber wenn er die fehlenden Körperteile auch nicht vermisst, ist ihm ihr Vorhandensein doch lieber»

Denn, wie Seneca schreibt: «Nicht wer zu wenig hat, sondern wer mehr begehrt, ist arm.»

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Herman Hesse übers Zuhören: Siddhartha und der Fluss des Lebens

 «Der Fluss ist überall zugleich, am Ursprung und an der Mündung, am Wasserfall, an der Fähre, an der Stromschnelle, im Gebirge, überall zugleich, und dass es für ihn nur Gegenwart gibt, nicht den Schatten Vergangenheit, nicht den Schatten Zukunft.»

«Suchen heisst: ein Ziel haben», schreibt Hesse. «Finden aber heisst: frei sein, offen stehen, kein Ziel haben.». Auf der Suche nach deiner Bestimmung, dem perfekten Job, dem richtigen Partner, der einzigartigen Idee, verbringst du dein Leben in einem aktiven Streben nach vorne. Der entscheidende Schritt – glaubst du – liegt bei dir. Ohne Aktion keine Reaktion. Ohne Handeln keine Erfüllung. Den Blick fixiert auf das Ziel läufst du vorbei an der schönsten Blume, der herrlichsten Aussicht. Du überquerst die Ziellinie und kommst trotzdem nicht an. «Deinem Ziel nachstrebend, siehst du manches nicht, was nah vor deinen Augen steht.» Vor lauter Suchen findest du nicht.

Dem gleichen Streben verfällt in Herman Hesses indischer Dichtung «Siddhartha» von 1922 der gleichnamige Protagonist. Auf der Suche nach Weisheit verlässt der junge, ambitionierte Brahmanensohn Siddhartha sein Elternhaus. Er wendet sich von jeglichen Dogmen und Lehren ab, wandert ziellos umher, verliert sich in der Liebe und im Spiel des Samsara. Siddhartha dreht sich im Kreis. Er scheint zu rennen, so schnell kann – jedoch ohne vom Fleck zu kommen. In seiner Abwärtsspirale bleibt sein Ankerhaken in der Natur hängen. Siddhartha kommt bei einem Fährmann am Ufer eines Flusses zur Ruhe. Dort entdeckt Siddhartha seine Liebe für das fliessende Wasser und lässt sich von ihm verführen. Hesse schreibt:

«Zärtlich blickte er in das strömende Wasser, in das durchsichtige Grün, in die kristallenen Linien seiner geheimnisreichen Zeichnung. Lichte Perlen sah er aus der Tiefe steigen, stille Luftblasen auf dem Spiegel schwimmen, Himmelsbläue darin abgebildet. Mit tausend Augen blickte der Fluss ihn an, mit grünen, mit weissen, mit kristallnen, mit himmelsblauen.
(…)
Lerne von ihm!
Wer dies Wasser und seine Geheimnisse verstünde, so schien ihm, würde auch viel anderes verstehen, viele Geheimnisse, alle Geheimnisse.
(…)
Von den Geheimnissen des Flusses aber sah er heute nur eines, das ergriff seine Seele. Er sah: das Wasser lief und lief, immerzu lief es, und war doch immer da, war immer und allzeit dasselbe und doch jeden Augenblick neu!»

Der Fluss unterstützt Siddhartha bei seiner Wandlung vom Sucher, Redner, Interpreten zum einem Zuhörer, Beobachter und Versteher.

«Der Fluss lernt ihm, dass es keine Zeit gibt. Er lernt ihm das Zuhören, das Lauschen mit stillem Herzen, mit wartender geöffneter Seele, ohne Leidenschaft, ohne Wunsch, ohne Urteil, ohne Meinung.»

Der Fluss steht für den Wandel und gleichzeitig für die Beständigkeit. Er ist stets da, immer gleich und doch immer anders. Der Fluss ist die Zeit, er ist das Leben:

«Sie lauschten. Sanft klang der vielstimmige Gesang des Flusses. Siddhartha schaute ins Wasser und im ziehenden Wasser erschienen ihm Bilder: sein Vater erschien, einsam, um den Sohn trauernd, er selbst erschien, einsam, auch er mit den Banden der Sehnsucht an den fernen Sohn gebunden; es erschien sein Sohn, einsam auch er, der Knabe, begehrlich auf der brennenden Bahn seiner jungen Wünsche stürmend, jeder auf sein Ziel gerichtet, jeder vom Ziel besessen, jeder leidend. Der Fluss sang mit einer Stimme des Leidens, sehnlich sang er, sehnlich floss er seinem Ziele zu, klagend klang seine Stimme.

„Hörst du?“ fragte Vasudeva stummer Blick, Siddhartha nickte.
„Höre besser!“ flüsterte Vasudeva.

Siddhartha bemühte sich besser zu hören. Das Bild des Vaters, sein eigenes Bild, das Bild des Sohnes flossen ineinander, auch Kamalas Bild erschien und zerfloss, und das Bild Govindas, und andre Bilder, und flossen ineinander über, wurden alle zum Fluss, strebten alle als Fluss dem Ziele zu, sehnlich, begehrend, leidend, und des Flusses Stimme klang voll Sehnsucht, voll von brennendem Weh, voll von unstillbarem Verlangen. Zum Ziele strebte der Fluss, Siddhartha sah ihn eilen, den Fluss, der aus ihm und den Seinen und aus allen Menschen bestand, die er je gesehen hatte, alle die Wellen und Wasser eilten, leiden, Zielen zu, vielen Zielen, dem Wasserfall, dem See, der Stromschnelle, dem Meere, und alle Ziele wurden erreicht, und jedem erfolgte ein Neues, und aus dem Wasser ward Dampf und stieg in den Himmel herab, ward Quelle, ward Bach, ward Fluss, strebte aufs neue, floss aufs neue. Aber die sehnliche Stimme hatte sich verändert. Noch tönte sie, leidvoll, suchend, aber andre Stimmen gesellten sich zu ihr, Stimmen der Freude und des Leids, gute und böse Stimmen, lachende und trauernde, hundert Stimmen, tausend Stimmen.»

Du bist, wo du bist, durch das, was du erlebt hast. Das Vergangene ist geschehen, und deshalb unveränderlich. Die Zukunft ist ungewiss und deshalb keinen Kummer wert. Was bleibt, ist die Gegenwart:

«Siddhartha lauschte. Er war nun ganz Lauscher, ganz ins Zuhören vertieft, ganz leer, ganz einsaugend, er fühlte, dass er nun das Lauschen zu Ende gelernt habe. Oft schon hatte er all die gehört, diese vielen Stimmen im Fluss, heute klang es neu. Schon konnte er die vielen Stimmen nicht mehr unterscheiden, nicht frohe von weinenden, nicht kindliche von männlichen, sie gehörten alle zusammen, Klage der Sehnsucht und Lachen des Wissenden, Schrei des Zorns und Leiden des Sterbenden, alles war eins, alles war ineinander verwoben und verknüpft, tausendfach verschlungen. Und alles zusammen, alle Stimmen, alle Ziele, alles Sehnen, alle Leiden, alle Lust, alles Gute und Böse, alles zusammen war die Welt. Alles zusammen war der Fluss des Geschehens, war die Musik des Lebens. Und wenn Siddhartha aufmerksam diesem Fluss, diesem tausendstimmigen Lied lauschte, wenn er sich nicht auf das Leid noch auf das Lachen hörte, wenn er seine Seele nicht an irgendeine Stimme band und mit seinem Ich in sie einging, sondern alles hörte, das Ganze, die Einheit vernahm, dann bestand das grosse Lied der tausend Stimmen aus einem einzigen Worte, das hiess Om: die Vollendung.»

Du suchst dir ein Narrativ, eine Stimme, die dich leitet. Du folgst dieser Stimme blindlings. Sie sagt dir, was wahr und recht ist, was bedeutend und entscheidend ist. Erst wenn du einen Schritt zurück machst und das Geschehen aus einer Distanz – ohne Urteil und Meinung – betrachtet, erkennst du die Einheit und erlebst inneren Frieden. Jede Stimme erzählt nur eine Geschichte. Alles ausser das Hier und Jetzt ist ein Gedanke. Hesse schreibt:

«Langsam blühte, langsam reifte in Siddhartha die Erkenntnis, das Wissen darum, was eigentlich Weisheit sei, was seines langen Suchens Ziel sei. Es war nichts als eine Bereitschaft der Seele, eine Fähigkeit, eine geheime Kunst, jeden Augenblick, mitten im Leben, den Gedanken der Einheit zu denken, die Einheit fühlen und einatmen zu können.»

Um sein Ziel zu erreichen, reicht aktives Handeln nicht aus. Du musst dich in die Rolle des Zuhörers versetzen. Wenn du genau lauschst, antwortet die Welt auf deine Fragen.

Die richtige Antwort kommt nicht zwingend von der Stimme, die am stärksten schreit. Sie alle möchten dir etwas mitteilen, die lauten und die leisen Stimmen, die heiteren und die klagenden, die klaren und die dumpfen Stimmen. Erst wenn die Sinfonie tausender Stimmen einen gemeinsamen Ton singen, dann hörst du sie, die Wahrheit.

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Das eigene Glück pflücken

Pause. Wiese absuchen. Ein paar Schritte weiter. Hier? Nein. Etwas weiter vorne? Nein, hier auch nicht. Zur nächsten Wiese. Stehenbleiben. Hier vielleicht?

Mein 7-jähriger Cousin sorgte für ein eher gemächliches Tempo während des Familien-Bergspaziergangs von letzter Woche. Der Grund? Sein Blick schweifte nicht über das atemberaubende Flussbett, sondern war stets fokussiert auf den Boden gerichtet. Seine Augen hüpften suchend von einem Klee zum nächsten, zum nächsten, zum nächsten. Er war sich sicher, irgendwann wird er auf einen vierblättrigen Glücksklee stossen. Das brauchte Zeit. Doch ohne Erfolgserlebnis wurde er von Kleeblatt zu Kleeblatt ungeduldiger und frustrierter. Mit der Absicht, ihn aufzuheitern, pflückte ich (mit etwas Glück) ein vierblättriges Exemplar und gab es ihm im Verborgenen. So könne er erzählen, er habe es selbst gefunden. Mit dem Klee, wie einen Schatz in seinen Handhöhlen bergend, schloss er zur Gruppe auf. Doch anstatt sich über das Geschenk zu freuen, liess es ihn noch entmutigter und verärgerter werden. Der Klee war zwar vierblättrig und gehörte ihm, doch er konnte ihn nicht als seinen eigenen anerkennen. Er murmelte vor sich hin: «Das ist nicht richtig. Den habe ich nicht gefunden. Ich will unbedingt meinen eigenen finden.»

Den darauffolgenden Tag verbrachte er auf der Wiese vor seinem Haus und suchte nach seinem vierblättrigen Glücksklee.

Andere können ihr Glück zwar mit dir teilen, doch sie können es dir nicht schenken. Du musst dein eigenes Glück pflücken, sonst hat es keinen Wert. Nicht jeder stolpert prompt über sein Glück. Man kann sich schnell benachteiligt vorkommen, wenn anderen das Glück vor die Füsse fällt und man nach unzähligen Versuchen immer noch mit leeren Händen dastehst. Doch jeder muss sich bücken, suchen, und das Glück selber aus der Erde zupfen. Wenn du noch nicht fündig wurdest, musst du einfach weitersuchen. Vielleicht blüht dein Glück hier, vielleicht auf der nächsten Wiese.