Eine Lektion in Geduld und Beharrlichkeit – von Magellan

Was bedeutet es, ein Entdecker zu sein? In eine Welt vorzupreschen, die keiner vor einem gesehen hat? Auf ein Terrain zuzusteuern, das möglicherweise nicht existiert? Wie findet man Lösungen für Unlösbares?

Ferdinand Magellan, geboren 1480 in Portugal, stach 1519 mit einer winzigen Flotte von fünf Schiffen und einer Besatzung von 237 Mann in See. Eine heroische Ausfahrt in einen Menschheitskrieg gegen das Unbekannte. Er segelte mit falschen Informationen los und entdeckte – anstelle einer Alternativroute nach Indien – eine komplett neue Welt. Zwei Jahre, elf Monate und zwei Wochen später fuhr eines der fünf Schiff mit 18 Mann an Bord wieder am Ausgangshafen in Sevilla ein. Sein Leben gab Magellan auf der Reise, doch seine Tat überlebte.

Der Weg von seiner Vision zur Tat wurde akribischst geplant. Kein Schritt überliess Magellan dem Zufall. Kein Entschied fiel ohne genaues Abwägen. Magellan kämpfte sich durch alle Instanzen. Er stellte sein Vorhaben über seine Familie, seine Nation und über seine eigene Existenz. Stefan Zweig beschreibt in seiner Romanbiografie «Magellan – Der Mann und seine Tat» das Genie des Weltumseglers:

«Aber wie in allen Sphären war auch in Magellans nautischer Kunst sein eigentliches Genie die Geduld, die unerschütterliche Vorsicht und Voraussicht. Einen ganzen Monat verharrt er in seiner verlässlichen, verantwortlichen Suche. Er eilt nicht, er jagt nicht in ungeduldiger Erwartung weiter, obwohl ihm gewiss innerlich die Seele schon bebt, endlich, endlich, endlich den Ausgang, endlich das südliche Meer schauen zu dürfen. Immer wieder, bei jeder Gabelung teilt er seine Flotte; jedes Mal, wenn zwei Schiffe einen Nordfjord erkunden, durchforschen gleichzeitig die beiden anderen den südlichen Pfad. Als wüsste dieser einsame Mann, dass er, unter dunklen Sternen geboren, niemals dem Glück vertrauen darf, überlässt er nicht ein einziges Mal die Wahl unter den vielfachen Wegen dem Zufall, auf gerad oder ungerad die Münze werfend; immer sucht und durchforscht er alle Wege, um den einen, den rechten zu finden, und so triumphiert mit seiner genialen Fantasie zugleich die nüchternste und die eigenste seiner Tugenden: die heroische Beharrlichkeit»

Die Vision war Magellans Kompass. Beharrlichkeit und Geduld waren der Motor, der die Segelschiffe unablässig durch die unendliche Weite der unbekannten Gewässer vorwärts trieb.

Eines haben Pioniere gemeinsam, egal ob Elon Musk, Darwin oder Magellan: Sie sind Entdecker und Erfinder gleichzeitig. Hätte Magellan den „paso“ – Die Meerenge zwischen zwischen dem Südamerikanischen Festland und der Insel Feuerland, die den Atlantischen mit dem Pazifischen Ozean verbindet – nicht erfunden, hätte er ihn wohl kaum entdeckt. Er hätte die Mission bereits viel früher abgebrochen und wäre nach Spanien zurückgesegelt. Das hätte ihm und seiner Crew eine Menge Leid und Qualen erspart. Doch er folgte seinem persönlichen Nordstern. Schritt für Schritt. Beharrlich und geduldig. Er fand, wonach er suchte und formte seine Idee zu einer Wahrheit:

«Immer gibt ein Mensch nur das Höchste, wenn er ein Beispiel gibt, und wenn eine, so hat diese eine fast vergessene Tat Magellans für alle Zeiten erwiesen, dass eine Idee, wenn vom Genius beschwingt, wenn von Leidenschaft entschlossen vorwärtsgetragen, sich stärker erweist als alle Elemente der Natur, dass immer wieder ein einziger Mensch mit seinem kleinen vergänglichen Leben, was Hunderten Geschlechtern blosser Wunschtraum gewesen, zu einer Wirklichkeit und unvergänglichen Wahrheit umzuschaffen vermag.»

Chronos und Kairos; Die Dichotomie der Zeit

Die alten Griechen hatten zwei Bezeichnungen für die Zeit: Chronos und Kairos.

Der griechische Gott Chronos, Vater des Zeus, steht für den tickenden Sekundenzeiger, die fallenden Körner der Sanduhr. Chronische Folgen sind die Leiden des passiven Menschen, der sich nicht mit den Ursachen seiner Unstimmigkeiten beschäftigt. Wer seine Lebenszeit nicht effizient nutzt, der wird von Chronos verschlungen. Dem aktiven Menschen ist Chronos der Schatz an Erfahrungen und Weisheiten.

Kairos hingegen, der jüngste Sohn des Zeus, ist der Gott des rechten Augenblicks und der günstigen Gelegenheit. Kairos trennt die Verbindung zur Vergangenheit. Die Chancen liegen im aktuellen Moment. Um die Gelegenheit am Schopf zu packen, muss man achtsam im Moment leben. Denn der richtige Augenblick ist flüchtig.

Chronos ist quantitatives Zeitempfinden, Kairos ein qualitatives. Chronos steht für Erfahrungen, Kairos für Möglichkeiten. Chronos ist die Vergangenheit und die Zukunft, Kairos ist die Gegenwart. Chronos ist beschränkt, Kairos ist dimensionslos.

Du kannst weder die Vergangenheit noch die Zukunft kontrollieren. Es gibt nur die Gegenwart. Nur in diesem Moment kannst du sein, wirken, erschaffen. Nicht gestern oder heute, sondern genau jetzt.


Quellen:
Drexler, W.: Kairos. In: Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie 2:1 (1890- 1894). S. 897-90. URL: https://archive.org/details/ausfhrlichesle0201rosc/
Roscher, W. H.: Chronos. In: Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie 1:1 (1884-1886). S. 899-900. URL: https://archive.org/details/ausfhrlicheslexi11rosc/