Die Bedeutung von richtiger Kommunikation: Harvey Weinsteins Brief an Errol Morris

Harvey Weinstein, der Kopf der Produktionsfirma Miramax und später von The Weinstein Company, drückte in seinem berüchtigten Brief an Errol Morris von 1988 offen und ehrlich sein Missfallen darüber aus, wie Morris seinen neuen Film in Interviews präsentierte. Der Dokumentarfilmer und Regisseur Morris war ein Meister seines Fachs und wurde schliesslich mehrfach für «The Thin Blue Line» prämiert. Doch was den Verkauf des Konzepts an seine Zuschauer anging, dabei scheiterte er kläglich. Sein Produzent schrieb:

«Heard your NPR interview and you were boring. You couldn’t have dragged me to see THE THIN BLUE LINE if my life depended on it.»

Harvey Weinstein, verantwortlich für Filme wie «Pulp Fiction» oder «Gangs of New York», ermahnte Morris in seinem Brief:

«Speak in short one sentence answers and don’t go on with all the legalese. Talk about the movie as a movie and the effect it will have on the audience from an emotional point of view.
If you continue to be boring, I will hire an actor in New York to pretend that he’s Errol Morris. If you have any casting suggestions, I’d appreciate that.
Keep it short and keep selling it because that’s what’s going to work for you, your career and the film.»

Es reicht nicht, nur etwas Wertvolles zu kreieren. Damit ein Werk seinem Wert gerecht wird und Wellen schlägt, muss es auch adäquat vermarktet werden.

Der Film sollte auf Anhieb überzeugen, um Zuschauer in die Kinos zu reissen. Wie Weinstein formulierte: «It’s time you start being a performer and understand the media.» Sein Vorschlag lautete:

Q: What is this movie about?
A: It’s a mystery that traces an injustice. It’s scarier than NIGHTMARE ON ELM STREET. It’s like a trip to the Twilight Zone. People have compared it to IN COLD BLOOD with humor.

Deine Arbeit konkurrenziert nicht nur mit dem, was momentan publiziert wird, sondern mit allem, was vor dir veröffentlicht wurde. Zusätzlich ist es nicht nur der Preis, den deine Arbeit rechtfertigen soll, sondern auch die Zeit, die der Konsument dafür aufwendet und dessen Opportunitätskosten – alles was der Kunde verpasst, weil er sich für dein Produkt entscheidet.

Genau wie das Produkt selbst, ist deshalb auch die Kommunikation harte Arbeit. Seth Godin erklärt:

«Being really good is merely the first step. In order to earn word of mouth, you need to make it safe, fun and worthwhile to overcome the social hurdles to spread the word.»

Es spielt keine Rolle, wie gut deine Arbeit ist, wenn sie nicht gesehen, gelesen oder konsumiert wird. Und daran ist nicht das Publikum schuld, wie Ryan Holiday in «Perennial Seller» deutlich macht: «Audiences can’t magically know what is inside something they haven’t seen. … Someone is going to have to tell them. It has to be obvious»

Du möchtest, dass deine Arbeit die Menschen verändert, die sie verändern möchte. Doch dazu muss deine Arbeit zuerst die Menschen erreichen, die sie verändern möchte, damit sie sie auch verändern kann.

 

Die Arroganz des Ichs

Der Mensch ist so arrogant zu glauben, die Farbe Rot sei für alle anderen das gleiche Rot, wie er es kennt.

Aber wenn du ehrlich bist, dann weisst du nicht einmal, ob alle anderen ausser dir tatsächlich Menschen sind.

Doch es ist die einzige Basis, auf der du aufbauen kannst. Kunst ist, zu präsentieren, was du siehst, denkst und fühlst. Kunst resoniert, weil was du siehst, denkst und fühlst eine Reaktion auslöst. Diese Reaktion lässt darauf schliessen, dass andere doch irgendwie dieselben Sorgen, Probleme und Umstände beschäftigen.

Umfragen und Interviews geben uns eine Richtung. Doch was ein Mensch sagt, ist nicht was ein Mensch ist. Die Sprache ist ein Kompromiss. Wir sind uns einig: Rot ist Rot. Doch was Rot wirklich ist, das weisst du nur von dir selbst.

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Falls du nicht bist, gib vor du seist

«Be wise, because the world needs more wisdom. And if you cannot be wise, pretend to be someone who is wise, and then just behave like they would.» – Neil Gaiman

In Scott Adams Buch «God’s Debris» beschreibt der amerikanische Autor und Cartoonist eine tiefgreifende Konversation zwischen einem Paketboten und dem weisesten Mann der Welt. Das Gespräch dreht sich um das Leben und die grundlegenden Zusammenhänge dieser Erde. Doch das Faszinierendste an dieser kurzen Geschichte ist nicht ihr Inhalt: Um aus der Perspektive der allwissenden Person zu schreiben, muss Adams kennen, was dieser Mensch denkt, weiss und sieht, wie er spricht und handelt. Und weil, wie Adams bestätigt, der weise Protagonist keine autobiographische Figur ist, war dessen Konstruktion seiner reinen Fantasie überlassen. Um ein authentisches Bild dieser Person zu malen, musste Adams also vorgeben zu verstehen, wie dieser Mensch tickt. Deshalb der Untertitel «A Thought Experiment».

Weshalb tragen Leute Halsketten mit der Aufschrift: «Was würde Jesus tun?»
Sie haben dadurch einen moralischen und ethischen Leitfaden, der ihnen Entscheidungen vereinfacht. Auch wenn sie versuchen, wie Jesus handeln, so macht sie das noch lange nicht selbst zu Jesus. Aber das soll es auch nicht.

Benjamin Franklin strebt sein Leben nach einem vollkommenen Charakter, einer tadellosen Tugend. Wie er aber in seiner Autobiografie rückblickend gesteht, habe er diese Perfektion nicht annähernd erreicht und sei bei Weitem hinter seinem Ziel zurückgeblieben. Doch das Streben selbst macht Franklin zu einem vollkommeneren Menschen. Er musst die Perfektion nicht erreichen, jede Annäherung zur Perfektion ist in sich bereits ein Erfolg. Franklin schreibt:

«Wenn ich aber auch im Ganzen niemals zu jener Vollkommenheit gelangte, nach welcher ich mit solchem Ehrgeiz gestrebt hatte, sondern weit hinter derselben zurückblieb, so war ich doch durch mein Streben ein besserer und glücklicherer Mensch, als ich sonst und ohne derartigen Versuch gewesen wäre.»

Perfektion ist ein Wegweiser. Auch wenn auf diesem Wegweiser keine Zeit bis zum Ziel verzeichnet ist, so gibt er dir doch eine Richtung vor. Du wirst dieses Ziel zwar nie erreichen, doch du kommst ihm näher. Und jeder Schritt auf diesem Pfad macht dich besser.

Stehst du vor einem Problem, so hol dir Hilfe. Besorg dir so viel Hilfe, wie du benötigst. Doch gelangst du an einen Punkt, an dem du nicht mehr weiterkommst, weil du nicht weisst oder kannst, dann gib vor du wüsstest oder könntest und handle entsprechend. Und es öffnen sich neue Möglichkeiten und Wege.

Es geht nicht um Fakten, sondern um Wahrnehmung

Du gehst keine Risiken ein, nicht weil du dich nicht auf dich selbst verlassen kannst, sondern weil du glaubst, dass du dich nicht auf dich verlassen könntest.

Marketing hat nicht das Ziel, den Kunden zu überzeugen, dass du das beste Produkt anbietest, sondern ihn glauben zu lassen, dass du das beste Produkt anbietest.

Der Unterschied zwischen Wissen und Glauben zu wissen ist riesig.

Objektivität ist eine Illusion. Du siehst nichts objektiv, sondern immer mit deinen eigenen Augen. Andere sehen das selbe, aber mit ihren eigenen Augen.

Du verarbeitest Informationen nicht wie ein Computer:
Input → Verarbeitung → Folgerung
Du musst die Information zuerst wahrnehmen, bevor du sie umwandeln kannst:
Input→ Wahrnehmung → Verarbeitung → Folgerung

Solange du Informationen wahrnehmen musst, und keinen USB-Stick in deinen Schädel einstecken kannst, bleibst du subjektiv.

Deshalb ist es effektiver, den Glauben zu triggern als das Wissen. Fakten sind Fakten, aber Bilder erzeugen Vorstellungen und Vorstellungen erzeugen Veränderungen.

Urheberrecht auf Ideen – Über Eigentum und Wirkung, Autorschaft und Aussage

Seit der Erfindung des Internets ist die Quelle der Information unsichtbar geworden. Alles fliesst zusammen, vermischt sich und flutet den Planeten. Doch das spielt keine Rolle, denn am Ende ist alles nur Information. Und Information allein ist nichts wert.

Was bereits vor 2’000 Jahren unter den Philosophen Streit verursachte, ist heutzutage aktueller als jemals zuvor. Seneca schreibt in «Briefe an Lucilius»:

«Das Hören und Lesen der Philosophien diene unserem Vorsatz, glückselig zu leben, nicht dazu, nach veralteten oder neu erfundenen Wörtern zu haschen, nach riskanten Metaphern und Redefiguren, sondern nach nützlichen Lehren und grossartigen und von Mut beseelten Sprüchen, um diese alsbald in die Tat umzusetzen. (…) Nicht Reden, sondern Lenken ist angezeigt. Alles, was diese Leute sagen, was sie vor den Ohren der Menge zum besten geben, ist fremdes Gut: `Das hat Platon gesagt, das Zenon, das Chrysippus und Posidonius und die überwältigende Menge unserer so zahlreichen und vortrefflichen Denker.` Wie sie beweisen können, dass diese Gedanken ihr Eigentum sind, zeige ich dir sogleich: Sie sollen tun, was sie sagen.»

Schöpferisches Arbeiten bedeutet, kopieren, interpretieren, anpassen und neu vernetzen. Und meistens sind wir uns dessen nicht einmal bewusst. «Every new idea», erklärt Austin Kleon in «Steal like an Artist», «is just a mashup or a remix of one or more previous ideas.». Keine kreative Idee ist von Grund auf ein Original. Doch das ist in Ordnung, denn es ist nicht die Idee selbst, die den Unterschied macht. Entscheidend ist, was diese Idee bewirkt.

Seneca meint, es sei schlimmer, Neues zu erfinden und die Aussage zu schwächen, nur um original zu sein, als sich bei Vorgängern zu bedienen und die Wirkung zu erhalten. Autorschaft ist unwichtig, die Resonanz entschiedet:

«Ich werde mich nie dafür schämen, einen schlechten Autor zu zitieren, wenn das, was er sagte, gut ist.»

Die Informationen stehen allen zur Verfügung. Jeder kann zugreifen und damit arbeiten. Entscheidend ist, was funktioniert. Es gewinnt nicht der erste, sondern der beste. Nicht Versprechen, sondern Taten zählen.

Fühl dich frei, die Gedanken der bedeutenden Denker zu nutzen, umzuwandeln und anzupassen. Der Beweis, dass du wirklich verstehst, was du schreibst und sagst, ist, zu tun was du schreibst und sagst.

«Die Welt verändert sich durch dein Vorbild, nicht durch deine Meinung.» – Paulo Coelho

Anfängergeist – Das Zen-Konzept für eine breite Palette an Möglichkeiten

Mit Wiederholung kommt Routine, mit Routine kommt eine Erwartungshaltung. Wenn wir eine Übung nicht zum ersten Mal ausführen, haben wir eine Vorstellung des Resultats. Wir projizieren unsere Erwartung auf die Aufgabe, die ansteht. Wir kennen das Resultat, bevor wir beginnen.

Waren die letzten Wiederholungen erfolgreich, so versuchen wir das Ergebnis zu reproduzieren. Waren die vorherigen Durchgänge enttäuschend, erwarten wir auch dieses Mal keinen positiven Ausgang. Bei Wiederholung einer Übung verlieren wir leicht die ursprüngliche Einstellung dazu.

Im Japanischen gibt es den Ausdruck shoshin – übersetzt Anfängergeist. Shunryu Suzuki erklärt in seinem Buch «Zen-Geist – Anfängergeist» das Prinzip, die Praxis so anzugehen, als würde man sie zum ersten Mal ausführen. Ohne Erwartung, ohne Vorurteil:

«Im Anfänger-Geist gibt es keinen Gedanken: „Ich habe etwas erreicht.“ Alle selbstbezogenen Gedanken grenzen unseren unendlich weiten Geist ein. Wenn wir nicht daran denken, etwas zu erreichen, nicht an uns selbst denken, sind wir wahre Anfänger. Dann können wir wirklich etwas lernen.»

Wie uns das Sprichwort aus Zen-Buddhismus lehrt, können wir nur «eine leere Schüssel füllen». «Für einen Menschen ist es unmöglich», wie Epiktet erklärt, «das zu erlernen, was er bereits zu wissen meint.» Um zu lernen, dürfen wir nicht glauben, wir wissen, was wir tun.

Das Ziel der Praxis ist es, nicht dualistisch zu denken. Der Anfängergeist «ist immer reich und genügt sich selbst». Es gibt kein Gut und Schlecht, es gibt keinen Erfolg und kein Verfehlen, es gibt nur die Praxis. Suzuki schreibt:

«Wenn ihr zu viele Unterscheidungen trefft, begrenzt ihr euch selbst. Wenn ihr zu viel verlangt oder zu gierig seid, ist euer Geist nicht reich und selbstgenügsam.»

Geh nicht nur zur Arbeit, weil du gestern auch schon bei der Arbeit warst. Kümmere dich nicht um deine Beziehungen, weil du das schon immer so getan hast. Auf eine Erwartung folgt Enttäuschung. Der Tag ist nicht jedes Mal gleich, er ist jedes Mal neu.

Wenn wir keine Erwartungshaltung haben, ist unser Geist leer. Und nur so werden wir zu immer besseren Anfängern:

«Wenn euer Geist leer ist, ist er stets für alles bereit; er ist offen für alles. Im Anfänger-Geist gibt es viele Möglichkeiten, im Geist des Experten nur wenige.»