Was ich von 10 Tagen Stille, Zeit und Einsamkeit gelernt habe

Stille:

Still war es in meinem Kopf, als ich eines Abends vor meinem Computer sass und «Absenden» drückte. Nicht still im Sinne von idyllisch, sondern still im Sinne von leer. Still im Sinne von gefährlich.

Eine Stille, wie bei einer Wortmeldung im vollen Vorlesungssaal, wenn sich die vorsichtig vorbereitete Antwort in Luft auflöst und man mitten im Satz nicht mehr weiss, wo man steht oder hinwill.

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Oder eben die Stille, die ich erlebte, als ich mich für einen 10-tägigen Meditationskurs anmeldete. 10 Tage meditieren. Mehr als 10 Stunden täglich. Keine elektronischen Geräte erlaubt. Nichts zu lesen. Nichts zu schreiben. Nur sitzen. Alleine. Keine Möglichkeit frühzeitig abzubrechen. Wer tut sich sowas an?

Morgens, nach der Dusche zum Handy zu greifen, Headspace zu öffnen und während 15 Minuten meinen Geist zu massieren – das war ich mir zu meiner Selbstverteidigung gewohnt. Nennt sich möglicherweise auch Meditation, ist aber eher Wellness. 10 Tage Vipassana? Das ist eine komplett andere Liga. Das ist «the real shit» (wie man im Deutschen so schön sagt).

Vipassana: «Meditationsmethode nach der Lehre Buddhas. Vipassana ist ein Weg der Selbstveränderung durch Selbstbeobachtung. Der Fokus liegt auf der tiefen Wechselbeziehung zwischen Körper und Geist, die durch eine geschulte, auf die körperlichen Empfindungen gerichtete Achtsamkeit auf direktem Wege erfahren werden kann. Diese Empfindungen bestimmen das Leben des Körpers und beeinflussen so im ständigen Wechselspiel die Konditionierung des Geistes. Die auf eigene Beobachtung gründende, selbsterforschende Reise zu dem gemeinsamen Ursprung von Geist und Körper löst die geistigen Unreinheiten auf und führt zu einem ausgeglichenen Geist voller Liebe und Mitgefühl.» (Quelle)

Zum zweiten Mal wurde es dann still, als ich einige Monate später ein folgenschweres Versprechen ablegte. Ich befand mich in Mont-Soleil, im schweizerischen Jura auf 1200 Metern über Meer in der Meditationshalle eines umgebauten Lagerhauses, als ich mich dem Gebot der Edlen Stille verpflichtete.

Mit ungefähr 70 Meditierenden summte ich in Pali – einer ausgestorbenen indischen Sprachstufe – eine melodische Absichtserklärung, alle Regeln einzuhalten, die Vipassana von einem Schüler einzuhalten verlangt. Ich versuchte die Laute möglichst treffend zu imitieren, ohne natürlich irgendetwas davon zu verstehen. Trotzdem fühlte es sich irgendwie verbindlich an. Unter diesen Regeln war die erwähnte Edle Stille: Das Versprechen, für die kommenden 10 Tage kein einziges Wort mehr zu sprechen.

Wenn sich 70 Menschen ein kleines Lagerhaus teilen, dann bedeutet Schweigen offensichtlich keine absolute Stille. Die interpersonale Kommunikation reduziert sich auf ein urzeitliches Schmatzen, Grunzen, Schnarchen, Stampfen, Rülpsen, Husten und Stöhnen. Präsenz markieren oder jemandem mitteilen, dass es sich nicht gehört, sich beim Mittagsbuffet vorzudrängen, funktioniert nonverbal ebenso gut wie mit Worten. Man kann halt wirklich «nicht nicht kommunizieren», wie Paul Watzlawick bestätigt. Aber stiller war’s auf jeden Fall.

Still sein ist wichtig. Still sein ist in Ordnung. Doch was geschieht, wenn wir diese Stille verlängern und das Element der Zeit hinzufügen?

Zeit:

10 Tage sind nicht viel mehr als eine Woche. Eine Woche ist nicht viel mehr eine kurze Zeit. Eine kurze Zeit ist nicht viel länger als der eine oder andere Moment. Und der eine oder andere Moment ist nicht vielmehr als einige Augenblicke. Wo ist also das Problem? Was sind schon 10 Tage?

Mit dieser Einstellung setzte ich mich in den Zug Richtung Vipassana-Zentrum. Ironischerweise hatte ich für die Reise das grossartige Buch mit dem Titel Finite and Infinite Games des Historikers und Literaturprofessors James P. Carse mit eingepackt. Auch nicht viel mehr als ein Spiel sollte dieser Ausflug werden. Eine Abenteuerreise meiner Spielfigur, die das Spielbrett und die Spielregeln zu beherrschen glaubte. Glaubte.

Nachdem ich mich vor Ort beim Kursmanager registrierte, erhielt ich ein Dokument, – ja beinahe einen Vertrag, – dass ich mich verpflichte, für die vollen zehn Tage am Kurs teilzunehmen. Ich unterschrieb und deponierte mein Telefon, die Zug-Lektüre und mein Notizbuch in einem Schliessfach und übergab den Schlüssel dem Verantwortlichen.

Meine Uhr zeigte 14:00 Uhr an. Nun hatte ich noch einige Zeit zu überbrücken, bis es offiziell losging. Ich ging auf mein Zimmer, bezog das Bett und räumte meine Kleider ein. Danach putzte ich mir die Zähne und machte mich auf eine kleine Erkundungstour durch das Kursgelände. Ich schaute mir die anderen Zimmer an und ging dann nach draussen. Nachdem ich den Garten unter die Lupe genommen hatte, verliess ich das Gelände und machte einen Spaziergang über einen Höhenweg und genoss die sonnige Nachmittagsluft. Nach einer grösseren Runde kehrte ich zurück, ging in den Esssaal, machte mir eine Tasse Tee und setzte mich an den schönsten Platz am Fenster. An der Wand hing eine Art Kalender mit der der Aufschrift «Tag 0». Ich nahm einen Schluck heisses Verveine-Wasser, einige Tiefe Atemzüge und blickte auf die Uhr. 14:30.

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Während der 10 Tage badete ich im Überfluss an Zeit. Ich wachte auf und hatte Zeit. Ich setzte mich zur Meditation und hatte Zeit. Nachdem ich Zeit verbracht hatte, hatte ich noch mehr Zeit. Und dann nochmals Zeit. Ich ging ins Bett und auf mich wartete, ja, Zeit.

Von Abwechslung weit und breit keine Spur. Routine war angesagt. Deshalb gab es einen fixen Tagesablauf für den ersten Tag des Kurses. Derselbe für den zweiten und dritten. Genau, jeder Tag war ganz genau gleich strukturiert. Und zwar so:

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Wenn wir nun die Tabelle etwas vereinfachen und auf dem Zeitaspekt reduzieren, entsteht ungefähr so etwas:

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Oder noch etwas simpler:

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Die einzige Frage die sich stellt: Wohin mit der ganzen Zeit?

Einsamkeit

Wenn man ein Bild der Milchstrasse betrachtet, dann bekommt man leicht ein falsches Bild von Zusammengehörigkeit. Die Milchstrasse zeichnet ein wunderbares, funkelndes Kollektiv an Sternen, Planeten, Asteroiden und Kometen ins tiefschwarze Universum. Harmonierend, zusammenspielend.

Zoomt man allerdings etwas hinein und betrachtet unser Sonnensystem, dann sieht man ein in sich geschlossenes physikalisches System. Über 40 Billionen Kilometer vom nächsten System entfernt. Das Sonnensystem ist Teil der Milchstrasse. Aber trotzdem isoliert und anders.

Schaut man noch etwas genauer hin, so erkennt man den Planeten Erde. Die Erde ist Teil des Sonnensystems aber eine eigene Welt für sich mit eigenem Öko- und Klimasystem, eigenen Bedingungen, Gesetzten und Regeln.

Geht man noch etwas tiefer, so erkennt man unterschiedliche Kontinente. Alle befinden sich auf derselben Erde und alle sind den gleichen Bedingungen ausgesetzt. Doch jeder Kontinent beherbergt seine eigene individuelle Flora und Fauna, aussergewöhnliche Kulturen und Kulturschätze.

Auf einer noch kleineren Ebene erkennt man unterschiedliche Länder innerhalb desselben Kontinents, verschiedene Städte innerhalb der gleichen Länder, unähnliche Familien innerhalb derselben Städte, unterschiedliche Personen innerhalb von Familien, verschiedene Organe innerhalb einer Person, differenzierte Zellen innerhalb desselben Organs, unterschiedliche Konstituenten innerhalb der gleichen Zelle, verschiedene Atome innerhalb jeder Konstituente und verschiedene Partikel innerhalb dieser Atome.

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Nach dem gleichen Prinzip funktioniert das Zusammenleben während des Vipassana-Kurses. Man teilt sich einen Ort, das Ziel, den Tagesablauf. Man schläft im gleichen Zimmer, isst im gleichen Raum, meditiert in der gleichen Halle. Doch zoomt man etwas hinein, dann wird klar: jeder lebt für sich selbst.

Im Alltag sind wir – auch wenn wir keinen Menschen um uns haben – nicht wirklich allein. Wir haben unsere Smartphones, Computer, das Internet. Wir können lesen oder schreiben. Wir haben Möglichkeiten en masse, um mit anderen Personen in Verbindung zu treten.

All dies wird dir während dieser 10 Tage weggenommen. Alles. Man hat keine Ablenkung. Nichts, um sich zu verstecken. Keine Möglichkeit wegzurennen. Was auch immer mit dir und deinem Körper geschehen mag, es geschieht. Welcher Gedanke auch aufkommen mag, er kommt. Egal was du in deinem Leben gesehen hast, du siehst es erneut. Immer und immer wieder. Innerhalb deines eigenen geschlossenen Systems. Du kannst nichts teilen.

Stille + Zeit + Einsamkeit = ???

Zusammenfassend haben wir 3 Variablen in unserer Gleichung kennengelernt:

Stille: Die Unfähigkeit, sich auszudrücken.
Zeit: Die Unfähigkeit, es hinter sich zu bringen.
Einsamkeit: Die Unfähigkeit, sich vor sich selbst zu verstecken.

Was geschieht also, wenn wir diese 3 Dinge addieren? Chaos? Erleuchtung? Folter? Spass?

Vorab: Der 10-tägige Vipassanakurs war eine schmerzhafte Erfahrung für Körper, Geist und Willen. Es war verdammt schwierig. Doch ich habe einiges gelernt. Und das möchte ich hier festhalten.

Was folgt, erscheint vermutlich trivial, offensichtlich oder bekannt. Ich möchte keinen Anspruch auf Originalität erheben, sondern lediglich aufführen, was mich diese persönliche Erfahrung lehrte. Und Lernen meint in diesem Fall nicht unbedingt neu erfahren, sondern wiederentdecken, erinnert werden und besonders wichtig – am eigenen Körper erleben!

  1. Ablenkung geht unter die Oberfläche

Wenn ich Primarschüler auf dem Nachhauseweg an ihren Smartphones herumspielen sehe, dann stelle ich mir manchmal die Zeit vor, als die grösste Ablenkung von den Hausaufgaben noch Bücher waren.

Um beim Schreiben vorwärts zu kommen, musste ich mir heute über die App Freedom für 2 Stunden meinen Internet-Zugang kappen. Die Versuchung unerträglich. Überall online. Überall vernetzt. Überall erreichbar. Reagieren wird zur Routine, proaktives Agieren dafür immer schwieriger. Schuld ist das Äussere.

Was wäre also ein besseres Testfeld für diese Hypothese als ein Vipassana-Kurs, wo einem der Zugang zu diesem Äusseren gänzlich verwehrt bleibt. Ohne äussere Ablenkung sollte man sich also mühelos konzentrieren können. Falsch, Ablenkung geht unter die Oberfläche.

Das Problem daran ist, dass wir uns dessen nicht bewusst sind. Denn wir können es nicht wahrnehmen. Erst wenn die Lautstärke des Äusseren runtergeschraubt wird, dann wird das Innere hörbar. Und nicht nur hörbar, sondern laut und lauter und lauterer.

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Was normalerweise von einem Hintergrundrauschen übertönt wird, das zeigt sich in voller Pracht. Der Nebel verschwindet und dein Geist entblösst sich in all seiner Perversion: nackt, ehrlich, unbarmherzig. Oder in anderen Worten: unkonzentriert, flüchtig, abgelenkt.

Ein Mitmeditierender teilte mir am Ende des Kurses mit, wie seine Fantasie die wunderbarsten Kunstwerke in die Innenseite seines Schädels malte. Oh, wenn er doch nur wüsste, wie er dies aufs Papier bringen könnte. Es wären Meisterwerke. Garantiert! «Ich denke, das ist die Qual eines jeden Künstlers», meinte ich. «Zwischen Vorstellung und Realität fehlt nun mal die Komponente der Umsetzung. Und dieser Akt des Verbildlichens des Imaginären ist der Knackpunkt.» «Ja, mag sein.» antwortete er. «Aber eigentlich habe ich überhaupt nichts mit Kunst am Hut. Ich bin Koch.»

Ablenkung hat einen spannenden Pinselstrich.

  1. Entscheidungen sind vom Kontext abhängig

Normalerweise kann ich mich kaum dazu überwinden, meinen Schreibtisch aufzuräumen. Wie kommt es dann, dass wenn ich eine Arbeit schreiben muss, mir das Aufräumen auf einmal viel leichter fällt? Die Antwort liegt in der Alternative.

Wenn ich die Wahl habe, zwischen Aufräumen und nicht Aufräumen, dann entscheide ich mich natürlich für das letztere. Wenn ich aber die Wahl habe zwischen Aufräumen und dem Schreiben einer schwierigen Arbeit, dann ist das Aufräumen zweifellos meine erste Wahl. Aufräumen ist zwar unangenehm, doch die Alternative ist viel unangenehmer.

Das können wir zu unserem Vorteil nutzen. Unser Hirn findet sich leicht mit dem einfacheren Weg ab. Wenn wir also den Kontext so formen, dass entweder keine oder eine viel unangenehmere und schwieriger Alternative existiert, so ist die Wahrscheinlichkeit viel höher, unser Hirn dazu zu bewegen, das zu tun, was nötig ist.

Der strenge Stundenplan des Meditationskurses war nur machbar, weil die Umgebung passte. Die Regeln erlaubten keine einfache Alternative: Ablenkung war nicht möglich. Die einzige Alternative zum Mitmachen war nicht mitzumachen. Und nicht mitzumachen war keine Option, denn Stunden um Stunden zu sitzen und nicht zu meditieren war schwieriger als zu meditieren. Weshalb? Ich habe es versucht – es war schlicht zu langweilig.

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  1. Langeweile ist eine Illusion

 Klingt das nicht nach einem Widerspruch?

Langeweile (Duden): als unangenehm, lästig empfundenes Gefühl des Nicht-ausgefüllt-Seins, der Eintönigkeit, Ödheit, das aus Mangel an Abwechslung, Anregung, Unterhaltung, an interessanter, reizvoller Beschäftigung entsteht (Quelle)

Bei Vipassana lernt man zu beobachten. Blosses Hinschauen und Wahrnehmen. Mit dem Ziel, Gleichmut zu entwickeln, fällt auch die unterhaltsame Achterbahnfahrt des Wertens und Beurteilens weg. Vipassana scheint also die Definition von Langeweile voll und ganz zu erfüllen.

Das Ergebnis ist allerdings etwas kontraintuitiv. Je gleichmütiger man wird, desto spannender ist das Erlebnis. Je genauer man hinschaut und je weniger man von persönlichen Gefühlen davongetragen wird, desto mehr und desto detaillierter wird das Gesehene.Focus.gifWährend der Meditation kann es langweilig werden. Sehr sogar. Aber es ist nicht das stundenlange Beobachten des eigenen Atems oder der Körperempfindungen, das langweilig ist, sondern das Nicht-Beobachten. Erst wenn man sich weigert, wahrzunehmen, absichtlich abschweift, auf die Uhr blickt und wartet, dann kommt Langeweile auf.

Damit kann ich bestätigen, was Sam Harris in Waking Up erklärt: «One of the first things one learns in practicing meditation is that nothing is intrinsically boring — indeed, boredom is simply a lack of attention.»

  1. Manchmal ist mehr mehr

Schwimmen lernt man nicht, wenn man mit den Füssen im seichten Wasser plätschert. Du musst mit dem gesamten Körper eintauchen.

Du hast schon lange nicht mehr gelesen? Dann lies ein ganzes Buch an einem Tag.

Du möchtest schreiben, aber schaffst nicht mehr als einen Paragraphen pro Tag? Dann setz dich an den Computer und bleib dort, bis fünf Seiten voll sind.

Du kannst keine 10 Minuten stillsitzen? Dann sitze still für 10 Stunden.

Du kannst keine Stunde auf dein Smartphone verzichten? Dann sperre es weg für 10 Tage.

Dein Körper wird sich dagegen wehren. Aber wenn du es machst, wird er sich möglicherweise fügen. Vielleicht sind diese imaginären Grenzen gar keine Hindernisse. Versuch es!

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  1. Man sollte vielleicht zuerst unter dem eigenen Bett aufräumen

Der Alltag ist oft chaotisch. Es bleiben Dinge liegen. Es kann nicht jederzeit aufgeräumt werden. Kein Problem, du weichst der Unordnung aus.

Zwischendurch schlägst du vielleicht deinen Zehen am Herumliegenden an und schreist auf. Doch etwas später ist der Schmerz bereits wieder vergessen.

Mit der Zeit sammeln sich allerdings mehr und mehr Dinge auf dem Boden an. Das Staubsaugen wird immer schwieriger. Plötzlich die Nachricht: Besuch kommt. Wohin also mit dem ganzen Zeug?

Die Zeit ist zu knapp um aufzuräumen, also schiebst du alles, was stört, unters Bett. Der Boden ist wieder frei und der Staub der sich angesammelt hat schnell entfernt. Erledigt und sauber. Ausser Sichtweite, ausser Besorgnis.

Es fühlt sich gut an, ohne grossen Aufwand die Dinge unters Bett zu wischen. Für die Prüfung lernen? Lieber mal unters Bett wischen. Ein unangenehmes Gespräch steht an? Besser weg damit und das Gesprächsthema wechseln. Nur leider verschwinden die Dinge nicht wirklich. Sie sind nur nicht mehr sichtbar.

Irgendwann wird es unter dem Bett ziemlich eng. Mit ein klein bisschen Gewalt geht aber noch etwas mehr darunter. Und noch etwas mehr. Und noch ein kleines bisschen… Bis dir im Schlaf etwas Spitzes in die Seite sticht. Du wälzt dich hin und her, doch überall sind harte Kanten und scharfe Ecken. Du kannst nicht mehr schlafen.

Du bist müde und gereizt, wütend und sauer. Der Apfel ist zu mehlig. Das Wasser zu kohlensäurehaltig. Die Kollegin zu nett. Die Sonne zu hell. Der Blog-Post zu lang.

Doch möglicherweise sind es nicht die anderen. Und möglicherweise bist auch nicht du schuld. Sondern einzig und allein, das, was sich über die Zeit unter deinem Bett angestaut hat. Zeit aufzuräumen!

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  1. Erfahrung transzendiert intellektuelles Verstehen

«Nur ein Idiot glaubt, aus eigenen Fehlern zu lernen», schreibt Otto von Bismarck, einer der gelehrtesten und genialsten Strategen des 19. Jahrhunderts. «Ich bevorzuge, aus Fehlern anderer zu lernen, um eigene Fehler von vorneherein zu vermeiden.»

Wieso durch die gleichen Leiden wie andere gehen? Wieso den Umweg machen, den man hätte vermeiden können? Die Fehler anderer sind dazu da, um daraus zu lernen.

Jedoch kann nicht alles besprochen, beschrieben und erklärt werden. Ein Kind kann nicht laufen lernen, indem es Bücher studiert. Es muss sich aufrappeln, hochziehen und es versuchen. Es fällt um und versucht es nochmals.

Der Wert des Machens wird kaum irgendwo besser erklärt, als in einer der Geschichten des verstorbenen Vipassana Lehrers und Pioniers S. N. Goenka:
(Transkript)

Kurz: Verstehen reicht oft, machen immer.

  1. Immerhin gibt es einen guten Blog-Post

Das soll keine Selbstprofilierung werden! Auch wenn ich natürlich hoffe, dass dieser Post auf Gefallen stösst, ist es nicht der Kern der Lektion. Was ich damit meine: Man kann wirklich nichts verlieren.

Worauf ich hier anspiele, ist die wissenschaftliche Methode. Es geht darum, Entscheidungen als Experimente zu sehen. Bei einem wissenschaftlichen Versuch wird im Voraus eine Hypothese aufgestellt. Das Experiment wird durchgeführt, die Resultate ausgewertet und reflektiert. Ob sich die Hypothese bestätigt oder nicht, spielt keine Rolle. Der tatsächliche Outcome ist egal. Wichtig ist die neu dazu gewonnene Information.Aufbauen.gif

Ob also eine Entscheidung positive oder negative Konsequenzen nach sich zieht, ist langfristig irrelevant. Ob der Vipassana-Kurs ein erfreuliches oder schreckliches Erlebnis wird, ist nicht von Belangen, solange das Ergebnis richtig interpretiert und weiterverwendet wird.

Voraussetzung dafür ist:

  1. Der ernsthafte Versuch

Der Morgen von Tag 2:
Nach dem Frühstück liege ich mit weit geöffneten Augen auf meinem Bett. Ich fühle mich unwohl. Bin ausgelaugt. Habe schlecht geschlafen. Der Körper schmerzt. Der Kopf brummt. Keine Möglichkeit, dass ich das so noch weiter durchhalte. Nicht nochmals den ganzen Tag. Und garantiert keine weiteren 8 Tage. Ich muss hier weg! Soll ich flüchten? Mich krank stellen? Oder einen Notfall vortäuschen?

Der Morgen von Tag 3:
Nach dem Frühstück liege ich mit weit geöffneten Augen auf meinem Bett. Ich fühle mich unwohl. Bin ausgelaugt. Habe schlecht geschlafen. Der Körper schmerzt. Der Kopf brummt. Keine Möglichkeit, dass ich das so noch weiter durchhalte. Nicht nochmals den ganzen Tag. Und garantiert keine weiteren 7 Tage. Ich muss hier weg! Soll ich flüchten? Mich krank stellen? Oder einen Notfall vortäuschen?

Der Morgen von Tag 4-7:
Nach dem Frühstück liege ich mit weit geöffneten Augen auf meinem Bett. Ich fühle mich unwohl. Bin ausgelaugt. Habe schlecht geschlafen. Der Körper schmerzt. Der Kopf brummt. Keine Möglichkeit, dass ich das so noch weiter durchhalte. Nicht nochmals den ganzen Tag. Und garantiert keine weiteren Tage. Ich muss hier weg! Soll ich flüchten? Mich krank stellen? Oder einen Notfall vortäuschen?

Der Morgen von Tag 8:
Nach dem Frühstück liege ich mit weit geöffneten Augen auf meinem Bett. Ich fühle mich unwohl. Bin ausgelaugt. Habe schlecht geschlafen. Der Körper schmerzt. Der Kopf brummt. Aber ich bin immer noch hier? Wie?

Tage können unendlich lang sein. Besonders im Vipassana-Kurs. Aber irgendwie sind sie trotzdem vorübergegangen.

Wenn ich auf meine Uhr schaue, dann sehe ich nicht, wie sich Tage bewegen. Aber etwas bewegt sich! Der Sekundenzeiger dreht sich langsam im Kreis. Sekunde für Sekunde. Mit jeder Sekunde, die ich auf die Uhr schaue, ist eine weitere Sekunde vergangen.

Das ist eigentlich ziemlich unheimlich. Dies bedeutet nämlich auch, dass wir mit jedem gelebten Tag, einen Tag weniger zu leben haben. Einen Tag näher am Tod sind. Wer sich das Ganze noch etwas brutaler vor Augen führen möchte, dem kann ich die App Mortality für Google Chrome empfehlen. Jedes Mal, wenn du einen neuen Tab im Browser öffnest, zeigt dir Mortality auf, wie viel Zeit dir noch bleibt und wieviel davon bereits vergangen ist.

So habe ich aber auch den Vipassana Kurs überstanden. Anstelle von Tagen sind Sekunden vergangen. Diese Sekunden addieren sich zu Minuten und zu Stunden. Und schliesslich zu Tagen. Je kleiner die Zeitintervalle, desto sichtbarer der Fortschritt.

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Was dieses Verstreichen der Zeit aber auch umso deutlicher macht, ist, dass wir die begrenzte Zeit besser nutzen sollten. Die grösste Verschwendung dieser endlichen Ressource ist, wenn wir das, was wir damit machen, nicht ernsthaft machen.

Das Stichwort hier ist Commitment. Wenn, dann richtig.

  1. Funktionalität schlägt Urverständnis

Vipassana basiert auf einer theoretischen Grundlage, die meiner Meinung nach an manchen Stellen Lücken und Unklarheiten aufweist. Spielt aber absolut keine Rolle.

Wenn du Krafttraining betreibst, mit dem Ziel Muskeln aufzubauen, dann musst du nicht zwingend verstehen, welche Prozesse innerhalb der Zellen vor sich gehen. Wenn der Bizeps grösser wird, kann dir egal sein, welche biochemischen Reaktionen im Körper ablaufen.

Kennst du die Funktion, so ist ein Grundwissen zwar hilfreich, aber nicht notwendig. Die basalen Prozesse zu kennen, ist erstrebenswert, aber keine Voraussetzung.

– Es ist nicht nötig zu verstehen, wie ein Computer funktioniert, um auf Youtube ein Video anzuschauen.

– Du musst kein Neurowissenschaftler sein, um richtig zu denken. (Ansonsten wäre es auch ziemlich anspruchsvoll, überhaupt erst Neurowissenschaftler zu werden.)

– Du kannst dir in der Bäckerei ein Brot kaufen, ohne zu wissen, wie man bäckt.

– Du kannst das Brot bezahlen, ohne einen Abschluss in Betriebswirtschaft zu haben.

–  Du kannst du in Bitcoin investieren, ohne zu verstehen, was Kryptowährungen genau sind.

– Und genauso kannst du die Vorzüge der Meditation geniessen, ohne verstehen zu müssen, weshalb du fühlst, was du fühlst.

Es ist völlig in Ordnung, etwas zu tun, ohne Genaues darüber zu wissen. So sind wir programmiert: Wir machen, bevor wir verstehen. Wir machen, um zu verstehen.

  1. Es gibt einen Raum zwischen Stimulus und Reaktion

Während ich auf meine Tastatur tippe, bilden sich Buchstaben, Wörter und Sätze innerhalb einer elektronischen Textzeile. Der Druck meines Fingers auf eine Taste (Stimulus) setzt einen Prozess in Gang: Durch die Leiter des Computer-Chips werden Informationen transportiert, übersetzt und visuell als Buchstabe auf dem Bildschirm dargestellt (Reaktion). Der Stimulus und die Reaktion sind miteinander verbunden. Wenn der Computer nicht defekt ist, dann erscheint auf jeden Fall der Buchstabe A auf dem Bildschirm, wenn ich auf die Taste A drücke.

In der Logik wird dieser Prozess als modus ponens bezeichnet. Ein Ereignis B folgt aus einem Ereignis A. Das Ereignis A findet also nicht statt, ohne dass auch das Ereignis B stattfindet. Dieser Schluss hat folgende Struktur:

Wenn A, dann B
A
Also B

Unser Beispiel würde also so aussehen:

Wenn ich auf die Taste A drücke, dann erscheint ein Buchstabe A im Word-Dokument.
Ich drücke die Taste A.
Also erschient der Buchstabe A im Word-Dokument.

Im Alltag sehen wir Verhaltensmuster, die scheinbar nach dem gleichen Muster funktionieren:

– Wenn ich nichts gegessen habe, dann bin ich gereizt.
– Wenn der Zug Verspätung hat, dann werde ich ungeduldig.
– Wenn ich einen Freund anlüge, dann fühle ich mich schlecht.
– Wenn ich einen Feind anlüge, dann fühle ich mich besser.
– Wenn mich jemand beleidigt, dann schlage ich ihm ins Gesicht.
– Usw.

Diese Beispiele sehen zwar von der Struktur gleich aus, sind jedoch logisch nicht gültig. Das heisst, wenn das Ereignis A stattfindet, dann findet nicht zwingend Ereignis B statt. Die Reaktion B auf den Stimulus A ist gewohnheitsbedingt.

Anders wie in einem Computer findet der Prozess dieser Beispiele nicht innerhalb eines geschlossenen Gehäuses statt und die Informationen werden nicht über Drähte und Platinen verarbeitet, sondern innerhalb unseres Geistes. Mit etwas Übung und Geduld (und viel Meditation) wird dieser Raum zwischen Input und Output innerhalb des Geistes wahrnehmbar. Wenn wir also aufmerksam auf Stimuli achten, dann sind wir in der Lage, die Reaktion zu beeinflussen.

  1. Fortschritt ist ein Prozess

Sich 10 Tage aus dem Alltag zurückzuziehen ist eine lange Zeit. Sich 10 Tage mit sich selber zu beschäftigen ist eine noch viel längere Zeit. Und doch ist man am Ende dieser 10 Tage kein neuer Mensch. Man ist vielleicht ein winziges Schrittchen weiter. Aber fast nichts. Frustrierend, oder?

«Anything worthwhile takes a long time», betont die Schriftstellerin und Designerin Debbie Millman. Vipassana – wie fast alles im Leben – ist ein Pfad. Diesen Pfad zu Ende zu gehen dauert möglicherweise ein Leben lang. Im buddhistischen Glauben aufgrund der Wiedergeburt vermutlich sogar mehrere Leben…

Ich versuche weiter und mache den nächsten Schritt. Vermutlich nicht mit Vipassana, aber mit etwas anderem ganz bestimmt.

Und du? 


«Bhavatu sabba mangalam» – S.N. Goenka
Übersetzt: Mögen alle Wesen glücklich sein.

 

 

Paul Graham über die Gefahr von kuratierten Entdeckungen

Die grössten Entdeckungen in den Annalen der Menschheitsgeschichte, die Geniestreiche der ausserordentlichsten Geister, die diesen Planeten betreten habe, sie haben eines gemeinsam: Sie veränderten die Art, wie wir denken und leben.

Ihre revolutionäre Fassade verschleiert jedoch einen zentralen Aspekt von Entdeckungen: Alles Menschengemachte war einmal ein Gedanke. Selbst das, was unumkehrbar scheint, was wir für selbstverständlich halten, worauf wir niemals verzichten möchten, war zu Beginn nicht mehr als das Ergebnis von einigen feuernden Neuronen.

Der einfachste Schluss folgt oft aus den kompliziertesten Prämissen. Ein Athlet investiert hunderte von Stunden an Training, damit eine Bewegung nach aussen mühelos wirken kann. Genauso arbeiten die grössten Wissenschaftler daran, über die Schranken des Schwierigen hinweg das Simple zu sehen – und zugänglich zu machen.

Common Sense hat seinen Ursprung selten im Common Sense selbst. Rückblickend kann ein offensichtlicher Pfad erkannt werden. Nach vorne gerichtet sieht das Ganze etwas anders aus. Ob ein Gedanke genial oder verrückt, einzigartig oder eigenartig ist, kann kaum unterschieden werden. Die Grenzen sind verschwommen, undurchsichtig, multidimensional.

Eine geniale Entdeckung entstammt möglicherweise einer verrückten Quelle. Und in derselben Weise mag ein Gedanke, der heute verrückt wirkt, in einigen Jahren nur noch Verrückten verrückt erscheinen.

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Paul Graham, The Risk of Discovery

Because biographies of famous scientists tend to edit out their mistakes, we underestimate the degree of risk they were willing to take. And because anything a famous scientist did that wasn’t a mistake has probably now become the conventional wisdom, those choices don’t seem risky either.

Biographies of Newton, for example, understandably focus more on physics than alchemy or theology. The impression we get is that his unerring judgment led him straight to truths no one else had noticed. How to explain all the time he spent on alchemy and theology?  Well, smart people are often kind of crazy.

But maybe there is a simpler explanation. Maybe the smartness and the craziness were not as separate as we think. Physics seems to us a promising thing to work on, and alchemy and theology obvious wastes of time. But that’s because we know how things turned out. In Newton’s day the three problems seemed roughly equally promising. No one knew yet what the payoff would be for inventing what we now call physics; if they had, more people would have been working on it. And alchemy and theology were still then in the category Marc Andreessen would describe as „huge, if true.“

Newton made three bets. One of them worked. But they were all risky.

«Geistige Buchhaltung» – Ein pragmatisches Plädoyer für Ehrlichkeit

db_Kapla_Turm.jpgStell dir vor, du baust einen Kapla-Turm.

Jedes Hölzchen steht dabei für eine Lüge: Wenn du einen Geschäftskollegen für seine Arbeit lobst, während du dich über ihn hinter seinem Rücken beim Chef beschwerst, eine Ausrede erfindest, weshalb du leider doch nicht an der Familienfeier mit dabei sein kannst oder die Schuld für deine schlechte Leistung beim Tennis-Match auf die miserable Bespannung schiebst. Mit jeder weiteren Lüge, die du erzählst, nimmst du ein Hölzchen aus dem Karton und positionierst es auf dem vorherigen. Mit jeder weiteren Person, die du in dein Lügengeflecht einbindest wächst so dein Turm in die Höhe.

Zu Beginn ist das Stapeln kinderleicht. Der Turm ist stabil und übersichtlich. Doch ab einer gewissen Höhe beginnt er dann, sich ein klein wenig zu bewegen. Etwas zu wackeln. Etwas zu schaukeln. Jedes weitere Hölzchen wird zu einer grösseren Herausforderung. Aus dem simplen Stapeln wird ein Balanceakt, eine Zitterpartie. Jedes Hölzchen muss so positioniert werden, dass das wacklige Konstrukt nicht zusammenbricht. Eine falsche Bewegung mit dem Ellenbogen, ein Freund, der ein Stück herauszieht oder einfach ein unpräzis gelegtes Hölzchen… Und der gesamte Turm bricht in sich zusammen. Was bleibt? Ein Scheiterhaufen. Und eine Menge aufzuräumen.

Was ist die Alternative? Gar nicht erst zu lügen. Gar nicht erst einen Turm zu bauen. Wenn du keine Hölzchen stapelst, kann auch nichts zusammenbrechen. Wenn du keinen Turm baust, musst du auch auf keinen Acht geben.

Fernab von allen ethischen und moralischen Argumenten gibt es also einen konkreten pragmatischen Grund, nicht zu lügen. Sam Harris nennt diesen in seiner Abhandlung über das Lügen «Geistige Buchhaltung»:

«One of the greatest problems for the liar is that he must keep track of his lies. (…) Lies beget other lies. Unlike statements of fact, which require no further work on our part, lies must be continually protected from collisions with reality. When you tell the truth, you have nothing to keep track of. The world itself becomes your memory, and if questions arise, you can always point others back to it. You can even reconsider certain facts and honestly change your views. And you can openly discuss your confusion, conflicts, and doubts with all comers. In this way, a commitment to the truth is naturally purifying of error.

But the liar must remember what he said, and to whom, and must take care to maintain his falsehoods in the future. This can require an extraordinary amount of work — all of which comes at the expense of authentic communication and free attention. The liar must weigh each new disclosure, whatever the source, to see whether it might damage the facade that he has built. And all these stresses accrue, whether or not anyone discovers that he has been lying.

Tell enough lies, however, and the effort required to keep your audience in the dark quickly becomes unsustainable. While you might be spared a direct accusation of dishonesty, many people will conclude, for reasons that they might be unable to pinpoint, that they cannot trust you. You will begin to seem like someone who is always dancing around the facts — because you most certainly are.»