Über Handshakes, Netzwerke und exponentielle Möglichkeiten

Begrüssen sich 2 Personen, so findet ein Händedruck statt.

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Bei 3 Personen werden 3-mal Hände geschüttelt.

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Findet eine Begrüssung unter 4 Personen statt, so lassen sich insgesamt nicht 4, sondern 6 Händedrücke zählen.

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Begrüssen sich 5 Personen, so werden 10-mal Hände geschüttelt.

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Bei 6 Personen sind es bereits 15 Handshakes.

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Und schon mit 7 Personen wird das Ganze etwas mühsam zu zeichnen, denn wenn jeder jedem die Hand gibt, finden insgesamt 21 Begrüssungen statt. Bei 10 Personen sind es 45, bei 20 Personen 190 und bei 50 Personen bereits 1225 Händedrücke.

Stellen wir uns vor, es handle sich bei dieser „Handshake-Orgie“ um ein Management-Treffen eines internationales Konzerns. Dieses Unternehmen besitzt je eine Niederlassung in 50 unterschiedlichen Ländern auf der ganzen Welt. Die Konzernleitung plant im Anlass einer sich anbahnenden strukturellen Veränderung der Firma eine kollaborative Standortbestimmung, Problemdiskussion und Lösungsfindung. Dafür lädt der CEO jeweils einen Abgeordneten aus jedem vertretenen Land für eine 3-tägige Retraite ein. Die Reisekosten sowie alle Ausgaben für Unterkunft, Verpflegung, Unterhaltungsprogramm, Verbrauchsmaterialen und Kompensation der Arbeitsstunden belaufen sich auf durchschnittlich 7’000.- pro Person. Das bedeutet mit 350’000.- eine rechte Stange Geld für ein Unternehmen, dessen nahe Zukunft nicht gerade rosig aussieht. Die Geschäftsleitung überlegt sich also, das Treffen zu verkleinern und nur jeweils 1 Vertreter der 10 umsatzstärksten Filialen einzuladen. Die Kosten für das Treffen würden sich damit um ca. 80% reduzieren.

Aus der Analyse von vorjährigen Management-Treffen ergibt sich aber, dass jede Begegnung zwischen zwei Teilnehmern und der damit verbundene Informations- und Gedankenaustausch dem Unternehmen einen durchschnittlichen mittelfristigen Nutzen von 1’000.- – zusätzlich zur normalen Umsatzsteigerung – generiert. Berücksichtigt man also neben den Kosten, die für jeden Teilnehmer anfallen, den finanziellen Nutzen der möglichen Verbindungen, so ergibt sich folgendes:

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Unter dem Strich wäre die Reduktion der Teilnehmer zwar eine Einsparung bei den Kosten des Events selbst, aber gleichzeitig ein Verlust, wenn man den Nutzen der Begegnungen miteinberechnet. In diesem Fall ist nämlich nicht der Preis der Teilnehmer, sondern der Nutzen des Netzwerks und dessen Verbindungen entscheidend. Je grösser das Netzwerk, desto höher ist sein Wert.

Natürlich klingt dieses Beispiel mit physischen Interaktionen zwischen Personen etwas schräg. Eine 50-köpfige Gruppe wird sich kaum so organisieren, dass jeder mit jedem in einen fruchtbaren Austausch tritt. Wendet man allerdings dasselbe Prinzip nicht auf tatsächliche, sondern nur auf mögliche Verbindungen an, wirkt das Ganze schon etwas stimmiger. Und stellt man sich Computer oder Telefone anstelle von Managern an, ergibt sich allmählich einen Sinn.

Wollte man zwischen 1877 und 1964 in den Vereinigten Staaten oder in Kanada einen Telefonanschluss installieren, so gab es im Grunde nur eine vernünftige Möglichkeit: das Bell-System. Weshalb? Nicht unbedingt weil das Bell-System die beste Technologie nutzte oder der tollste Brand war. Auch nicht wegen der Kontroverse, ob Alexander Graham Bell – nach welchem das System benannt wurde – das Telefon nun erfunden hatte oder nicht. Nein, man entschied sich für das Bell-System, weil jeder andere das Bell-System nutzte.

Ich würde nicht die Mühe auf mich nehmen und einen E-Mail Account installieren, wenn ich damit nur meiner Mutter schreiben könnte. Der Service macht erst dann Sinn, wenn ich damit Zugang zu einem Netzwerk von vielen Nutzern erhalte. Der Account wird mit jeder weiteren Person, die ich damit erreichen kann, wertvoller.

Bob Metcalfe (*1946), der Erfinder des Ethernets (= privates, lokales Netzwerk zwischen Computern), war zwar nicht der Erste, der den Netzwerkeffekt erkannte und vermarktete, aber der Erste, der das Prinzip in einem einfachen Diagramm darstellen konnte:

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Metcalfesches Gesetz: Der Wert eines Kommunikationsnetzwerkes ist proportional zu der Anzahl der damit verbundenen Nutzern im Quadrat (n2)

PayPal belohnte Ende der 90er Jahre jeden neuen Kunden mit 10 US-Dollar. 10 weitere Dollar erhielten sie für jeden Freund, dem sie den Service von PayPal schmackhaft machen konnten. Leute dafür zu bezahlen, deine Kunden zu sein, kann natürlich auf lange Sicht nicht nachhaltig sein. Diese aggressive und kostenintensive Akquisition bescherte PayPal aber innerhalb von kurzer Zeit ein enorm rasches Nutzerwachstum. Und weil PayPal bei jeder Transaktion einen kleinen Betrag abzieht, profitiert das Unternehmen von einem grösseren Netzwerk, sprich, von mehr Transaktionen innerhalb dieses Netzwerks. Der mittelfristige Verlust, durch die enorme Investition in die Erhöhung der Nutzerzahl nahm PayPal also in Kauf, um langfristig Gewinne aus dem grösseren Netzwerk zu ziehen.

„Mr. Watson, come here. I want you“, sagte Alexander Graham Bell 1915 in die Sprechmuschel seines Telefons in New York. 5’500 Kilometer entfernt, antwortete ihm sein Assistent Dr. Watson in San Francisco: „It will take me five days to get there now!“ Das erste transkontinentale Telefongespräch war zwar nur symbolischer Natur war, doch markierte einen wichtigen Meilenstein der modernen Kommunikationskultur: eine Telefonleitung, aber unzählige Empfänger. Eine Plattform, aber unzählige Verwendungszwecke. Ein Netzwerk, aber unzählige Verknüpfungen. Eine Idee, aber unzählige Möglichkeiten.

Ich verabschiede mich mit einem Händedruck.

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The Spritit of Communication – das Firmensymbol von AT&T seit 1914 und Titelsymbol aller Telefonbücher des Bell-Systems.

1 Monat Studium: Was vom Lehrstoff wirklich übrigbleibt…

Ein Studium ist primär zum Lernen da. Ich glaube, da sind wir uns einig. Doch wie kann es dann sein, dass es mir (und vielen anderen) schwerfällt, sich nach Abschluss des Semesters noch an mehr als eine ausgebleichte Version des Prüfungsstoffes zu erinnern?

Was geschieht eigentlich während der ganzen Stunden, die man im Verlaufe des Semesters in Vorlesungssälen und Seminarräumen verbringt? In welche Abgründe verschwinden alle Informationen, von denen man nur so zugeschüttet wird? Bleibt überhaupt irgendetwas hängen? Oder perlt das Gelehrte wie Regentropfen an einer Glasscheibe ab, während man im eigenen Kopf in Gedanken versinkt?

Vor einem Jahr – während meines ersten Semesters an der Uni Zürich – stellte ich mir genau diese Frage und führte ein kleines Experiment durch. Während eines Monats notierte ich nach jeder Vorlesung und jedem Seminar einen Gedanken oder eine Frage in meinem Kalender. Einen einzigen Punkt wollte ich jeweils festhalten und mit aus der Klasse nehmen. Es sollte kein Aufsatz und noch nicht einmal eine inhaltlich zusammenhängende oder gar sinnvolle Ausführung werden. Das Ziel der Übung war einzig und allein, einen Fischerhaken in das Meer an Informationen zu versenken, etwas herauszuziehen und aufzubewahren.

Wenn ich heute auf die Liste meiner Notizen schaue, dann bin ich auf den ersten Blick nicht besonders stolz auf meinen spärlichen Fang. Ehrlich gesagt frage ich mich sogar ein wenig, ob nicht nur das Fischen eine blöde Idee war, sondern ob dieses Meer es überhaupt wert ist, befischt zu werden. Oder in weniger metaphorischer Sprache: Ist dies wirklich alles, was man von einem Germanistik- und Philosophiestudium erwarten kann?

Auf den zweiten Blick verwerfe ich diesen Zweifel aber wieder, weil mich dieses Experiment erstens dazu zwang, den Stoff zu reflektieren und dem Geschehen im Vorlesungssaal zumindest ein klein wenig mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Zweitens ist es spannend, zu beobachten, welche Erinnerungen diese Notizen vom vergangenen Jahr hervorrufen. Und drittens (und wichtigstens): Wenn von hundert Notizen nur eine einzige eine Veränderung bewirkt, dann war es die Übung wert. Wenn auf hundert schlechte Ideen eine gute folgt, bezahlt diese für die Unkosten der vorherigen. Und es bleibt ein Profit übrig. Das ist der Grund, weshalb ich diesen Blog betreibe und das ist auch der Grund, weshalb ich diese Liste teile.

Zwei Goldfische und ein Seefisch (Christiceps argentatus), by Josef Maria Eder and Eduard Valenta, 1896
Zwei Goldfische und ein Seefisch von Josef Maria Eder und Eduard Valenta, Röntgenbild, 1896

Notizen:

1
Dichtung kann nicht lügen. Der Dichter erhebt nicht den Anspruch, sich auf wahre Begebenheiten zu beziehen.

2
Geschriebene Sprache ist primär. Schrift sekundär. Schon immer. Wie würde es aussehen, wenn wir den Spiess umdrehen? Und mehr schreiben als sprechen? Den Kindern vor dem Sprechen das Schreiben lehren? Die Sprache der Schrift anpassen?

3
Im Mittelalter bedeutete Trauer: schreien, klagen, weinen, Blut speien. Trauer musste laut und schmerzhaft sein, weil nur so die Trauer echt war. Denn alles, was die Öffentlichkeit mitbekommt, das war wahr, das war authentisch. Heute fressen wir die Trauer in uns hinein – was in uns geschieht, was persönlich und nicht öffentlich ist, das soll wahr sein. Doch wie sollen die anderen nur davon erfahren?

4
Ist die Besserstellung eines Individuums gerechtfertigt, auch wenn sich die Situation des benachteiligsten Individuums nicht verbessert?

5
Intuitiv (deduktiv) ist das Gegenteil von demonstrativ (induktiv).

6
Der Erzähler ist nicht der Autor. Der Satzduktus ist folglich nicht der Charakter der Schreibmaschine.

7
Jede Fussnote endet mit einen Punkt. Was schon nicht?

8
Im Gespräch mit einem Linguisten niemals das Wort „Wort“ benutzen! Da lauern zu viele Fallen. Wort ist nicht gleich Wort.

9
lützel
; mhd. für „klein, wenig“ macht sich doch noch gut als Beleidigung? Du Lützel!

10
Bei der Expandierung des Stadtstaates zu einem Nationalstaat muss der Verlust der direkten Face-to-Face Gemeinschaft kompensiert werden.
Durch z.B.:
– Kommunikationsgemeinschaft (Sprache, geteilte kulturelle Kodierungen)
– Sicherheitsgemeinschaft

11
DAS GEBRANNTE KIND SCHEUT DAS FEUER!!!

12
Wie kompensieren wir in der interpersonalen Kommunikation den Verlust der Direktheit (Mail, Text, Social Media, etc)?

13
Anscheinend bin ich ein Strukturalist, wenn ich für das Nullmorphem bin.

14
Auslassung ist oft effektiver als Aussprache.

15
Wiederholungen gibt es nicht. Wenn man etwas wiederholt, dann ist das Etwas eben nicht mehr dasselbe, sondern immer auch etwas Anderes.

16
Niemals werden restlos alle Information zu einem Geschehen wiedergegeben. Erzählen ist immer Selektion und Reduktion!

17
Flexion, Derivation oder Kompositum? Irgendwie alles miteinander… Ein bisschen schief, ein bisschen verschoben und zusammengeflickt.

18
Der Heros mach Lärm und Krach. Doch es ist auch der Heros, der anpackt, vorwärts denkt und Probleme löst.

19
Die Einführung eines neuen Begriffs dient nicht unbedingt der Klärung, sondern kann auch zur Verwirrung oder Überforderung beitragen. Definitionen sagen nie etwas über die Wirklichkeit, aber nur über die Begriffe selbst aus. Es gibt also keine falschen oder richtigen Definitionen, sondern nur klarere und weniger klare Definitionen.

20
Alle Erkenntnis beginnt mit Erfahrung.

21
Linguistik ist wirklich derart absolut übermässig abstrakt.

22
Literaturwissenschaft ist eigentlich Medienwissenschaft unter dem Aspekt der Kunst.

23
Mythologie und Realität (Mathematik) sind je nach Kontext gar nicht so unterschiedlich…

24
Singular, Plural, Dual, Trial, Quadral, Paukal, Paral, …

25
Bei Übersetzungen ist selbst die Interpunktion Interpretation.

26
Ist eine Aktion ohne kalkulierbare Konsequenzen gerechtfertigt? (Vgl: Taleb, Der Schwarze Schwan)

27
Woran wir glauben, was wir für recht halten, erfordert möglicherweise nicht unsere Zustimmung und ist deshalb vielleicht nicht frei wählbar.

28
Lyrik ist immer da, wo verdoppelt wird.

Die letzte verschlossene Tür der Wissenschaft – David Hume über den Bereich des Unmöglichen

Die Stringtheorie versucht den Ursprung des Universums mithilfe von vibrierenden, eindimensionalen Teilchen – sogenannten „Strings“ – zu erklären. Alle Physiker, die die Implikationen dieser Theorie zu verstehen glauben, lassen sich vermutlich an einer Hand abzählen. (Mir ist selbst der Wikipedia-Artikel zu anspruchsvoll.) Und auch falls du zu dieser Minderheit zählen würdest, wäre dies neben der intellektuellen Stimulation nicht besonders viel wert. Denn es lassen sich nicht wirklich Experimente durchführen, um die Stringtheorie zu überprüfen.

Mehr als zwei Drittel unseres Universums besteht aus dunkler Materie, von der wir nicht wissen, wie sie sich verhält, woraus sie besteht, und was sie eigentlich genau ist. Ein Gehirn besitzt ungefähr 90’000’000’000 (90 Milliarden) Nervenzellen und ca. 100’000’000’000’000 (100 Billionen) Synapsen. Und selbst in einem Liter Wasser sind 33’000’000’000’000’000’000’000’000 (33 Quadrillionen) Atome vorhanden. Dass wir nicht verstehen, wie diese Teilchen tatsächlich miteinander interagieren, ist vielleicht nicht nur eine Frage von Rechenleistung.

Ob Antworten auf offene Fragen nur schwierig zu finden sind, oder ob sie nicht gefunden werden, weil es sich um unerklärliche Mysterien handelt, ist kaum zu unterscheiden. Genau dieser Unterschied sei jedoch elementar, wie Peter Thiel in Zero to One erklärt: „You can achieve difficult things, but you can’t achieve the impossible.“

Für den schottischen Philosophen David Hume (1711 – 1776) ist die letzte Ursache von jeglichem Geschehen in der Natur ein solches Mysterium. Es liege ausserhalb unserer Reichweite, die Kausalitäten und Wechselwirkungen von solch komplexen Systemen zu verstehen. Selbst wenn die Wissenschaft Fortschritte macht, entstehen aus Antworten neue Fragen. Und aus Wissen neue Möglichkeiten. Aber der Horizont bleibt in der Ferne. Hume schreibt in Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand:

«Daher kommt es, dass kein vorsichtiger und bescheidener Philosoph es je unternommen hat, die letzte Ursache von irgend einem Naturvorgang anzugeben oder die Wirksamkeit der Kräfte bestimmt darzulegen, welche in der Welt irgend eine Wirkung herbei führt. […] Die letzten Kräfte und Prinzipien sind der menschlichen Wissbegierde und Forschung gänzlich verschlossen. Elastizität, Schwere, Zusammenhang der Teile, Mitteilung der Bewegung durch Stoß sind vielleicht die letzten Ursachen und Prinzipien, die man in der Natur entdecken kann, und man muss sich glücklich schätzen, wenn durch sorgfältige Untersuchung und Überlegung die besonderen Erscheinungen sich bis auf diese allgemeinen Prinzipien oder bis nahe zu ihnen zurückführen lassen.

Die vollkommenste Philosophie der Natur schiebt nur unsere Unwissenheit ein Wenig weiter zurück, und ebenso dient vielleicht die vollkommenste Metaphysik und Moralphilosophie nur dazu, größere Stücke von unserer Unwissenheit bloß zu legen.

So ist menschliche Schwäche und Blindheit das Ergebnis aller Philosophie; bei jeder Wendung treffen wir auf sie, trotz aller Versuche, sie zu beseitigen oder zu umgehen.» 

Phenakistiskop 1833

Die Karte und der Weg

Ich zeichne eine Karte und den Weg,
eine Enge und das Meer.

Ich male Wolken an den Himmel,
stelle Möbel in die Zimmer.

Ich schreibe Wörter auf das Blatt
und forme Bilder aus dem Satz.

Ich ziehe Klänge aus den Saiten,
seh den Horizont sich weiten.

Ich drücke Farbe aus den Träumen,
bestreich die Blätter an den Bäumen.

Ich schneide Löcher in das Ganze
und füll die Leere wieder auf.

Ich spür das Regelmass des Zufalls
und die Fälligkeit der Regel
auch.

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Zeichnung einer totalen Sonnenfinsternis aus: The Trouvelot Astronomical Drawings, 1882

Der Sprung ins Absurde oder Kierkegaards Salto Mortale

Im Italienischen gibt es den Ausdruck salto mortale. Übersetzt: Der tödliche Sprung. Der Sprung ins Leere. Salto mortale bezeichnet dieses Gefühl, bevor wir eine Entscheidung treffen. Bevor wir uns voll und ganz auf etwas einlassen.1

Die Freiheit gleiche dem Leben am Abgrund einer Klippe. Und «die Angst ist der Schwindel [dieser] Freiheit», schreibt der dänische Philosoph Kierkegaard. Vergeblich suche man nach festem Halt in der Weite. Das sei die Gefahr, welche die Freiheit mit sich bringt. Angst macht einem nicht zwingend das Fallen, sondern das Springen. Es ist die Angst, sich selbst in das Ungewisse hinunterzustürzen.2

Zu springen, ohne die Landung zu sehen.

Abzuheben, ohne zu wissen, ob einem die Flügel tragen.

Sich fallen zu lassen, ohne sicher zu sein, dass man aufgefangen wird.

Ob es funktionieren wird? Wir wissen es nicht…

Kierkegaards Antwort auf diese Unsicherheit ist der «leap of faith». Der Sprung ins Absurde, in den Abyss, der die Vernunft weder erklären noch rechtfertigen kann. Darauf zu vertrauen, dass auf den Flug eine Landung folgt. Und in erster Linie: mutig zu sein und den entscheidenden Schritt zu machen.

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Inspiration von Seth Godins herausragenden Podcast Akimbo
Mehr zu Kierkegaard als Wegbereiter des Existenzialismus in Sarah Bakewells Das Café der Existenzialisten