1 Monat Studium: Was vom Lehrstoff wirklich übrigbleibt…

Ein Studium ist primär zum Lernen da. Ich glaube, da sind wir uns einig. Doch wie kann es dann sein, dass es mir (und vielen anderen) schwerfällt, sich nach Abschluss des Semesters noch an mehr als eine ausgebleichte Version des Prüfungsstoffes zu erinnern?

Was geschieht eigentlich während der ganzen Stunden, die man im Verlaufe des Semesters in Vorlesungssälen und Seminarräumen verbringt? In welche Abgründe verschwinden alle Informationen, von denen man nur so zugeschüttet wird? Bleibt überhaupt irgendetwas hängen? Oder perlt das Gelehrte wie Regentropfen an einer Glasscheibe ab, während man im eigenen Kopf in Gedanken versinkt?

Vor einem Jahr – während meines ersten Semesters an der Uni Zürich – stellte ich mir genau diese Frage und führte ein kleines Experiment durch. Während eines Monats notierte ich nach jeder Vorlesung und jedem Seminar einen Gedanken oder eine Frage in meinem Kalender. Einen einzigen Punkt wollte ich jeweils festhalten und mit aus der Klasse nehmen. Es sollte kein Aufsatz und noch nicht einmal eine inhaltlich zusammenhängende oder gar sinnvolle Ausführung werden. Das Ziel der Übung war einzig und allein, einen Fischerhaken in das Meer an Informationen zu versenken, etwas herauszuziehen und aufzubewahren.

Wenn ich heute auf die Liste meiner Notizen schaue, dann bin ich auf den ersten Blick nicht besonders stolz auf meinen spärlichen Fang. Ehrlich gesagt frage ich mich sogar ein wenig, ob nicht nur das Fischen eine blöde Idee war, sondern ob dieses Meer es überhaupt wert ist, befischt zu werden. Oder in weniger metaphorischer Sprache: Ist dies wirklich alles, was man von einem Germanistik- und Philosophiestudium erwarten kann?

Auf den zweiten Blick verwerfe ich diesen Zweifel aber wieder, weil mich dieses Experiment erstens dazu zwang, den Stoff zu reflektieren und dem Geschehen im Vorlesungssaal zumindest ein klein wenig mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Zweitens ist es spannend, zu beobachten, welche Erinnerungen diese Notizen vom vergangenen Jahr hervorrufen. Und drittens (und wichtigstens): Wenn von hundert Notizen nur eine einzige eine Veränderung bewirkt, dann war es die Übung wert. Wenn auf hundert schlechte Ideen eine gute folgt, bezahlt diese für die Unkosten der vorherigen. Und es bleibt ein Profit übrig. Das ist der Grund, weshalb ich diesen Blog betreibe und das ist auch der Grund, weshalb ich diese Liste teile.

Zwei Goldfische und ein Seefisch (Christiceps argentatus), by Josef Maria Eder and Eduard Valenta, 1896
Zwei Goldfische und ein Seefisch von Josef Maria Eder und Eduard Valenta, Röntgenbild, 1896

Notizen:

1
Dichtung kann nicht lügen. Der Dichter erhebt nicht den Anspruch, sich auf wahre Begebenheiten zu beziehen.

2
Geschriebene Sprache ist primär. Schrift sekundär. Schon immer. Wie würde es aussehen, wenn wir den Spiess umdrehen? Und mehr schreiben als sprechen? Den Kindern vor dem Sprechen das Schreiben lehren? Die Sprache der Schrift anpassen?

3
Im Mittelalter bedeutete Trauer: schreien, klagen, weinen, Blut speien. Trauer musste laut und schmerzhaft sein, weil nur so die Trauer echt war. Denn alles, was die Öffentlichkeit mitbekommt, das war wahr, das war authentisch. Heute fressen wir die Trauer in uns hinein – was in uns geschieht, was persönlich und nicht öffentlich ist, das soll wahr sein. Doch wie sollen die anderen nur davon erfahren?

4
Ist die Besserstellung eines Individuums gerechtfertigt, auch wenn sich die Situation des benachteiligsten Individuums nicht verbessert?

5
Intuitiv (deduktiv) ist das Gegenteil von demonstrativ (induktiv).

6
Der Erzähler ist nicht der Autor. Der Satzduktus ist folglich nicht der Charakter der Schreibmaschine.

7
Jede Fussnote endet mit einen Punkt. Was schon nicht?

8
Im Gespräch mit einem Linguisten niemals das Wort „Wort“ benutzen! Da lauern zu viele Fallen. Wort ist nicht gleich Wort.

9
lützel
; mhd. für „klein, wenig“ macht sich doch noch gut als Beleidigung? Du Lützel!

10
Bei der Expandierung des Stadtstaates zu einem Nationalstaat muss der Verlust der direkten Face-to-Face Gemeinschaft kompensiert werden.
Durch z.B.:
– Kommunikationsgemeinschaft (Sprache, geteilte kulturelle Kodierungen)
– Sicherheitsgemeinschaft

11
DAS GEBRANNTE KIND SCHEUT DAS FEUER!!!

12
Wie kompensieren wir in der interpersonalen Kommunikation den Verlust der Direktheit (Mail, Text, Social Media, etc)?

13
Anscheinend bin ich ein Strukturalist, wenn ich für das Nullmorphem bin.

14
Auslassung ist oft effektiver als Aussprache.

15
Wiederholungen gibt es nicht. Wenn man etwas wiederholt, dann ist das Etwas eben nicht mehr dasselbe, sondern immer auch etwas Anderes.

16
Niemals werden restlos alle Information zu einem Geschehen wiedergegeben. Erzählen ist immer Selektion und Reduktion!

17
Flexion, Derivation oder Kompositum? Irgendwie alles miteinander… Ein bisschen schief, ein bisschen verschoben und zusammengeflickt.

18
Der Heros mach Lärm und Krach. Doch es ist auch der Heros, der anpackt, vorwärts denkt und Probleme löst.

19
Die Einführung eines neuen Begriffs dient nicht unbedingt der Klärung, sondern kann auch zur Verwirrung oder Überforderung beitragen. Definitionen sagen nie etwas über die Wirklichkeit, aber nur über die Begriffe selbst aus. Es gibt also keine falschen oder richtigen Definitionen, sondern nur klarere und weniger klare Definitionen.

20
Alle Erkenntnis beginnt mit Erfahrung.

21
Linguistik ist wirklich derart absolut übermässig abstrakt.

22
Literaturwissenschaft ist eigentlich Medienwissenschaft unter dem Aspekt der Kunst.

23
Mythologie und Realität (Mathematik) sind je nach Kontext gar nicht so unterschiedlich…

24
Singular, Plural, Dual, Trial, Quadral, Paukal, Paral, …

25
Bei Übersetzungen ist selbst die Interpunktion Interpretation.

26
Ist eine Aktion ohne kalkulierbare Konsequenzen gerechtfertigt? (Vgl: Taleb, Der Schwarze Schwan)

27
Woran wir glauben, was wir für recht halten, erfordert möglicherweise nicht unsere Zustimmung und ist deshalb vielleicht nicht frei wählbar.

28
Lyrik ist immer da, wo verdoppelt wird.