Wohin mit dem Durchschnitt? – Über «Normalität» und Dostojewskijs «Alltagsmenschen»

In den 40er Jahren formte der britische Bildhauer Abram Belskie (1907 – 1988) aus einem Block weissen Alabasters einen Frauenkörper mit dem Namen «Norma». Und Norma war nicht nur irgendein Frauenkörper. «Norma» war der Frauenkörper.

In Zusammenarbeit mit dem Gynäkologen Robert Latou Dickinson (1861 – 1950) wertete Belskie die gewaltige Datenkollektion des Arztes aus. 15’000 Körpermasse wurden zusammengerechnet und der Durchschnitt der Zahlen ergab eine Form – die Formel des Frauenkörpers, die Formel der «Norma». 1Der Name «Norma» beschreibt aber nicht den Durchschnitt als Abstraktion einer Datenmenge, sondern impliziert ein «Normal», ein Original im platonischen Sinne. Die individuellen Frauenkörper waren also nicht natürliche Abweichungen vom Durchschnitt, sondern wurden mit fehlerhaften Kopien eines Originals gleichgesetzt.

Bei der Akquisition der steinernen Frau (und ihrem männlichen Pendant, dem «Normman») organisierte das Cleveland Health Museum einen Wettbewerb, um die lebende «Norma» zu finden. Tausende von Frauen aus Ohio reichten die Masse ihres Hüft-, Brust-, Hals- und Handgelenksumfangs ein. Was das Museum allerdings nicht erwartete, war, dass keine dieser Frauen dem steinernen Durchschnitt entsprach. Nur ein winziger Prozentsatz der Frauen befand sich überhaupt irgendwo in der Nähe der Dimensionen der «Norma». 2

Wenn eine Gruppe von 15’000 Menschen schätzen, wie viele Reiskörner sich in einem bestimmten Glasbehälter befinden, dann ist der Durchschnitt der Schätzungen irgendwo in der Nähe der Wahrheit. Weshalb? Die individuellen Fehler heben sich gegenseitig auf. Wenn wir aber versuchen, aus 15’000 Individuen mithilfe des Durchschnitts ein Original zu rekonstruieren, dann geht die Rechnung nicht auf. Weshalb? Anders als bei der Anzahl Reiskörner im Glas gibt es keine richtige Lösung. Der durchschnittliche Mensch existiert nicht.

Trotzdem sind wir uns einig, dass es Individuen gibt, die sich mehr ähneln als andere und einige, die sich weniger ähneln, als andere. Und nicht nur in Bezug auf die Körpermasse oder das Aussehen, sondern auch im Handeln und bezüglich Charaktereigenschaften.

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Was wir hier sehen, ist eine Gauss’sche Glockenkurve, eine Normalverteilung. Auf der Vertikalen ist die Anzahl der Individuen anzusiedeln und auf der Horizontalen die Ausprägung eines bestimmten Merkmals; mit einer Zunahme von links nach rechts. Wie Nassim Taleb (oft!) betont, ist diese Kurve in vielen Bereichen falsch und trügerisch. Sie hilft aber dennoch an dieser Stelle meinen Punkt (etwas plakativ) zu unterstützen. Was die Normalverteilung nämlich im Grunde aussagt, ist Folgendes: Einige wenige Individuen befinden sich auf der linken Seite des Spektrums, und wenige andere auf der rechten Seite davon. Aber die grosse Mehrheit befindet sich in der Mitte.

Im Alltag ignorieren wir diese Tatsache aber vollkommen. Wir sprechen über die Minderheiten, die Extreme der Kurve. Aber niemals über die Mehrheit. Die Mitte wird nicht beachtet. Es gibt also eine Asymmetrie von Präsenz und Existenz.

Schauen wir uns mal die unterschiedlichen Bereiche dieser Verteilung etwas genauer an:

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Links, im blau markierten Bereich befinden sich die Kriminellen, die Ganoven, die Betrüger, die Krüppel, die Ausgestossenen, die Kranken, die Dummen und Stumpfen, die Hässlichen, die Einsamen, die Verlorenen, die Verrückten.

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Auf der rechten Seite – grün markiert – finden wir die Superstars, die Selbstlosen, die Weltretter, die Kriegshelden, die Athleten, die Schönen, die Ausserordentlichen, die Famosen , die Brillanten und Beliebten, die Genies, die Künstler, die Literaten und Poeten, die Könige und Herrscher unserer Welt.

Diese zwei Randgruppen scheinen unserer Aufmerksamkeit würdig zu sein. Sie sind aussergewöhnlich, erstrebenswert oder abstossend. Sie begeistern oder erschrecken. Sie inspirieren und lenken. Sie regieren und diktieren. Sie zerstören und bauen wieder auf. Sie verletzen und heilen. Aber das Wichtigste: Sie sind.

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Doch was ist mit diesem grau markierten Bereich? Was ist mit der Mehrheit unserer Gesellschaft? Was können mit dieser Mitte des Ganzen anfangen? «Das sind diejenigen,» wie Dostojewskij (1821 – 1881) in Der Idiot schreibt, «die man meist als die ‘üblichen’, als ‘Masse’ bezeichnet und die tatsächlich in jeder Gesellschaft die weitaus überwiegende Mehrheit bilden.» Das «Übliche» sehen wir für selbstverständlich an. Das «Übliche» ist weder Gesprächsstoff, noch wird das «Übliche» jemals ausgesucht oder hervorgehoben.

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Und doch sind sie da und zwar in grosser Zahl. Die «Alltagsmenschen», wie sie Dostojewskij nennt. Sie leben dahin, ohne dass sie jemals etwas aussergewöhnliches leisten. Sie füllen die Kinosäle und kaufen die Bücher, doch sind sie weder die Regisseure bzw. Autoren noch die Protagonisten dieser Filme bzw. Geschichten.

Die «Alltagsmenschen» bewundern oder fürchten die Helden und Bösewichte, sie staunen und wünschen. Sie lachen und schmunzeln, wenn sie in den Hauptpersonen einen Charakterzug ihrer selbst wiedererkennen. Es sind die «Alltagsmenschen», die sich mit der rechten und linken Seite des Spektrums identifizieren, während sie sich selbst in der Mitte tummeln. Und sie können nicht anders. Genauso wie es einfacher ist, mit Wörtern zu sprechen, die man kennt, als mit Wörtern, die einem fremd sind, ist es einfacher, zu erkennen, was man ist, als was man nicht ist. Das verstärkt die Asymmetrie noch weiter. Dostojewskij schreibt:

«Die Schriftsteller bemühen sich in ihren Romanen und Novellen größtenteils, aus der Gesellschaft solche Charaktere herauszugreifen und sie so plastisch und künstlerisch darzustellen, wie sie in der Wirklichkeit nur ganz selten anzutreffen sind, Charaktere, die aber trotzdem fast wirklicher sind als die Wirklichkeit selbst.»

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Gerade der Schriftsteller befindet sich in einer besonders prekären Situation, wie Dostojewskij betont. Auf der einen Seite ist es das Aussergewöhnliche, das seine Geschichte prägt und vorwärtstreibt. Es ist das Besondere, (wie besonders auch immer,) das den Leser verzaubert und fesselt. Aber auf der anderen Seite ist es die Aufgabe des Schriftstellers, das Leben so einzufangen und zu vermitteln, dass das Leben immer noch Leben bleibt. Und ein Leben ohne «Alltagsmenschen» ist nicht vorstellbar. Dostojewskij fährt fort:

«Indes bleibt immer noch die Frage zu beantworten: was soll der Romanschriftsteller mit den Alltagsmenschen, den ganz ‚gewöhnlichen‘ Leuten, anfangen und wie soll er sie dem Leser vorführen, um sie ihm einigermaßen interessant zu machen? Sie in der Erzählung ganz zu übergehen, ist unmöglich, weil die Alltagsmenschen immer und überall das unumgängliche Bindeglied der Ereignisse des Lebens bilden. Wollte man einen Roman, um Interesse zu erregen, nur mit scharf ausgeprägten Charakteren oder gar nur mit seltsamen, nie dagewesenen Persönlichkeiten anfüllen, so würde man damit gegen die Wahrscheinlichkeit verstoßen und vielleicht sogar uninteressant werden.»

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Was ist also die Antwort unserers Romanciers zur Frage, wie man mit den «Alltagsmenschen» umgehen sollte? Eine ziemlich makabre. Er meint, man solle sie streben und scheitern lassen. Sie nach den Früchten des Besonderen greifen und von der Leiter fallen lassen. Den Normalen bei der Anstrengung auf dem Laufband zuschauen. Sie rennen und schwitzen lassen, während sie in Wirklichkeit an der Stelle bleiben. Dostojewskij schreibt:

«Unserer Ansicht nach muß sich der Schriftsteller bemühen, auch bei den Alltagsmenschen interessante und lehrreiche Seiten herauszufinden. Wenn zum Beispiel das eigentliche Wesen gewisser Alltagsmenschen gerade in ihrer steten, unveränderlichen Alltäglichkeit besteht oder (was noch besser ist) wenn sie trotz all ihrer außerordentlichen Anstrengungen, um jeden Preis aus dem Geleise des Gewöhnlichen und Herkömmlichen herauszukommen, doch schließlich ihr lebelang unverändert Alltagsmenschen bleiben, dann erhalten solche Personen dadurch sogar einen gewissen eigenartig ausgeprägten Charakter: den einer Alltäglichkeit, die um keinen Preis das, was sie ist, bleiben und um jeden Preis Originalität und Selbständigkeit werden möchte, obwohl sie nicht die geringste Befähigung zur Selbständigkeit besitzt.»

Ich geb es zu. Ich habe seine Worte auf eine einseitige Weise auseinandergezupft. Ich habe seiner Stimme einen Ton Böswilligkeit angehängt, die sie in Wirklichkeit gar nicht besitzt. Und doch spürt man eine Brise Spott, wenn Fjodor Michailowitsch Dostojewskij, einer der renomiertesten Beobachter der menschlichen Natur überhaupt, meint, das Einzige, was den «Alltagsmenschen» interessant mache, sei die Tatsache, dass er eben nicht besonders sei. Dostojewskij teilt sein Mitgefühl mit den «Üblichen», die zwar wollen, aber nicht können:

«In der Tat, es kann nichts Ärgerlicheres geben, als zum Beispiel reich und von anständiger Familie zu sein, ein nettes Äußeres und eine hübsche Bildung sein eigen zu nennen, nicht dumm zu sein, sogar ein gutes Herz zu haben, und gleichzeitig kein Talent, keine Besonderheit, nicht einmal eine Wunderlichkeit, keine einzige eigene Idee zu besitzen, sondern einfach ebenso zu sein ‚wie alle Menschen‘.»

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Und was ist mit den«Alltagsmenschen» selbst? Sind sie sich ihrer Position im grossen Ganzen überhaupt bewusst? Und wie gehen sie mit ihrem eigenen Nicht-Sein, Nicht-Können und Nicht-Wirken um? Dostojewskij unterteilt die Klasse der «Üblichen» in zwei Kategorien:

«Solche Leute gibt es auf der Welt eine große Menge und sogar weit mehr, als man zunächst glauben möchte; sie zerfallen wie alle Menschen in zwei Hauptgruppen: zur einen gehören die beschränkten, zur andern die ‚weit klügeren‘. Die ersteren sind glücklicher.»

Ohne unangeheme Fragen zu stellen, erhält man keine unangenehme Antworten. Ohne kritisch in den Spiegel zu schauen, sieht man kein unvollständiges Ebenbild. Ohne zu wissen, was fehlt, hat man alles, was man braucht. Das ist die Wonne der «Beschränkten». Sie plätschern vergnügt im Plastik-Pool, ohne zu wissen, das hinter dem Hügel ein Ozean wartet. Die «Klügeren» hingegen, sie leiden. Denn sie sind sich ihrer Position, wenn auch nur auf subtile Weise, irgendwie bewusst. Dostojewskij erklärt:

«Die Sache ist eben die, daß ein kluger Alltagsmensch, selbst wenn er sich zeitweilig (oder meinetwegen auch sein ganzes Leben) einbildet, ein genialer, origineller Mensch zu sein, doch in seinem Herzen den Wurm des Zweifels bewahrt, wodurch dieser kluge Mensch manchmal schließlich restlos in Verzweiflung gerät; wenn er sich aber auch in sein Schicksal fügt, so hat ihn doch die nach innen gedrängte Eitelkeit schon vollständig vergiftet.»

Die «Klügeren» fühlen sich fehl am Platz. Sie wollen nicht planschen, aber werden trotzdem nass. Sie träumen vom weiten Meer, aber kommen nicht über den Plastikrand des Beckens. Sie versuchen sich zu befreien, aber rutschen immer wieder aus und landen auf ihren Hintern. Dostojewskij schreibt:

Bei seinem leidenschaftlichen Wunsch, sich hervorzutun, war er manchmal zu den sinnlosesten Sprüngen bereit; aber sowie die Ausführung eines solchen sinnlosen Sprunges heranrückte, war unser Held doch immer zu klug, als daß er sich dazu hätte entschließen mögen. (…) Vielleicht hätte er sich bei Gelegenheit sogar zu einer recht gemeinen Handlung bereit gefunden, falls er dadurch etwas von seinen erträumten Zielen hätte erreichen können, aber gerade, wenn es an den entscheidenden Punkt kam, war er jedesmal für die recht gemeine Handlung doch zu ehrlich.

Es ist die Misere des «klugen Alltagsmenschen», dass ihm alles – bis auf den letzten Schritt – gelingt. Es fehlt meist lediglich der letzte entscheidende Stoss, um von der Norm abzuweichen. Er bleibt für immer in dieser Balance. Neigt er sich ein wenig zu sehr nach rechts, kippt er zurück in die Mitte. Wiegt er sich nach links, so schwingt er zurück zur Ausgangslage.

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Was ist also die Moral der Geschichte? Wie sollen wir mit diesem scheinbaren Determinismus Dostojewskijs umgehen? Muss ein«Alltagsmensch» sein Leben lang ein«Alltagsmensch» bleiben? Oder etwas pragmatischer formuliert: Kann ich als «Alltagsmensch» überhaupt Veränderung bewirken und Besonderes vollbringen? Die Antwort ist ein wenig knifflig.

Einerseits sind «Alltagsmenschen», auch wenn sie, wie bereits besprochen, im Alltag kaum Präsenz zeigen, das Mass der Dinge. Sie definieren den Massstab des «Üblichen» und machen Besonderheit überhaupt erst möglich. Denn das Verständnis davon, was normal ist, ist Voraussetzung dafür, um darüber zu sprechen, was es nicht ist. «Alltagsmenschen» dürfen also gewissermassen auf ihre Stellung stolz sein. Nicht, weil sie selbst besonders sind, sondern weil sie es eben genau nicht sind.

Andererseits birgt Dostojewskijs Begriff des «Alltagsmenschen» die Gefahr einer falschen Kategorisierung in sich. Ein «Alltagsmensch» ist per Definition «üblich». «Üblich» sein bedeutet, ein «übliches» Leben zu leben und «übliche» Dinge zu tun. Das Gegenteil von «üblich» ist besonders. Diese zwei Eigenschaften sind nach Dostojewskij kontradiktorisch. Das heisst, jemand ist entweder «üblich» oder besonders, aber nicht beides miteinander oder gar keines davon. Ein «Alltagsmensch» kann also, weil er «üblich» ist, nicht besonders sein. Nicht mal ein wenig. Gar nicht.

Was unterscheidet also die Besonderen von den «Alltagsmenschen». Nicht viel. Nur, dass sie nicht zu 100% «üblich» sind. Sie sind mit einem Prozentsatz Besonderheit auf die Welt gekommen oder haben ihn sich erarbeitet. Was aber sicher ist, sie alle waren nicht immer, sind nicht nicht die ganze Zeit und nicht in allen Belangen besonders.

Besonders zu sein ist eine Einbahnstrasse. Weshalb? Es gibt kein Weg zurück. Bist du es einmal, so bist du es für immer. Oder im Stile der berühmten Zeile aus dem Film Play It to the Bone (1999): Wenn ein Mann 1’000 Mal normal und ein einziges Mal besonders handelt, dann nennen sie ihn keinen «Alltagsmenschen»… dann nennen sie ihn einen Besonderen.

Das ist es vielleicht, was die «Alltagsmenschen» fürchten. Nicht nur, dass sie scheitern könnten und «Alltagsmenschen» bleiben, sondern, dass es ihnen möglicherweise gelingt und sie es nicht mehr sind.

Auch wenn ich mich (mehr oder weniger) elegant um die Definition von «besonders» geschlängelt habe, sollte klar geworden sein, was damit gemeint sein könnte. Wir sind keine «Normas» und keine «Normmen», wir sind Individuen. Wir sind keine fehlerhaften Kopien eines Original, wir sind das Original. Jeder von uns. (Zumindest biologisch.) Was wir aber mit dieser Originalität anfangen, dafür sind wir selber verantwortlich.

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Aus Alphonse Bertillons Tableau synoptic des traits physionomiques, ca. 1909

Vgl. Dahlia S. Cambers: THE LAW OF AVERAGES 1: NORMMAN AND NORMA (cabinetmagazine.org).
Vgl. The Anthropometry of Barbie: Unsettling Ideals of the Feminine Body in Popular Culture. In: Londa Schienbinger, ed., Feminism and the Body (Oxford: Oxford University Press, 2000), pp. 397–428.
Alle Zitate von Dostojewskijs Der Idiot beziehen sich auf die Übersetzung von H. Röhl von 1958. Freier Zugriff via Projekt Gutenberg.

Benjamin Franklin und der Versuch eines Mannes, besser zu werden

«Ungefähr um diese Zeit fasste ich den kühnen und ernsten Vorsatz, nach sittlicher Vollkommenheit zu streben. Ich wünschte leben zu können, ohne irgend einen Fehler zu irgend einer Zeit zu begehen; ich wünschte, alles zu überwinden, wozu entweder natürliche Neigung, Gewohnheit oder Gesellschaft mich veranlassen könnte.»

Wie werde ich zu einem besseren Menschen? Wie springe ich über meine eigenen Barrieren? Wie lösche ich diese Fehler aus meinem Betriebssystem und werde unfehlbar? Wie erreiche ich einen perfekten Charakter? Wie werde ich sittlich vollkommen?

Wir sprechen hier von Fragen, die tief in die menschliche Psyche eingebrannt sind. Fragen, die sich Jahrtausende zurückverfolgen lassen. Fragen, die kulturelle Kontinentalplatten verschoben und Fortschritt prägten. Fragen, so gewöhnlich und alltäglich. Aber Antworten, so ausserordentlich und ungewöhnlich.

Und doch stehe ich hier und halte den Bericht eines grossmütigen Amerikaners in der Hand, der sich dieser Herkulesaufgabe wie kein zweiter in der Menschheitsgeschichte stellte.

«Da ich wusste, oder zu wissen glaubte, was recht und unrecht sei, so sah ich nicht ein, weshalb ich nicht immer das eine sollte tun und das andere lassen können.»

Die alten Griechen, die Urväter der Suche nach dem guten Leben und der persönlichen Weiterentwicklung, würden vor Respekt in die Hände klatschen und vor dem kühnen Macher den Hut (oder Lorbeerkranz) ziehen. Denn dieser Amerikaner besass nicht nur den Absicht, dieses absurde Ziel – einen vollkommenen Charakter zu werden – umsetzen zu wollen, sondern ging dabei so systematisch ans Werk, als würde er einen Kuchen backen.

Wollen wir also einen Blick hinter Benjamin Franklins Rezept zur sittlichen Vollkommenheit werfen. Alle Zitate und Textabschnitte stammen aus Franklins Autobiographie von 1793 (Übersetzung von Karl Müller).

1. Zielformulierung (oder der Kuchen und seine Zutaten)

Ob Schokolade, Marmor, Zitrone oder Apfel – wie ein Kuchen auszusehen hat, ist leicht vorstellbar. Der Name des Kuchens, ergibt sich aus der Hauptzutat des Teigs. Doch wie definiert man «sittliche Vollkommenheit»? Welche Zutaten oder Eigenschaften sind im Teig der sittlichen Vollkommenheit vorhanden? Und welche sind es nicht?

Benjamin Franklin erstellte dazu eine Liste mit Tugenden, die seiner Meinung nach sittliche Vollkommenheit ausmachten und die er zu beherrschen versuchte. Die Zutaten sind zwar subjektiver Natur, jedoch nicht ganz aus der Luft gegriffen. Die Grundsubstanz davon ist das Resultat eines ewigen Diskurses, den der belesene Franklin sehr gut kannte.

Was seine Liste so pragmatisch macht, ist die klare Benennung der einzelnen Tugenden. «Ich nahm mir nun vor,» wie Franklin erklärte, «behufs grösserer Deutlichkeit lieber mehr Namen anzuwenden und weniger Ideen mit jeden zu verknüpfen, als wenige Namen mit vielen Ideen.» Namen geben ist einfach. Verstehen, was diese Namen bedeuten und worin sie bestehen, das ist eine ganz andere Sache. Franklin übersetzte jede Tugend in eine konkrete Handlung und erlaubte sich damit bei der Umsetzung keinen Interpretationsspielraum. Die Tugenden werden somit durch Handlungen messbar.

Franklins Liste setzte sich aus folgenden 13 Elementen zusammen:


1. Mäßigkeit. – Iß nicht bis zum Stumpfsinn, trink nicht bis zur Berauschung.


2. Schweigen. – Sprich nur, was anderen oder dir selbst nützen kann; vermeide unbedeutende Unterhaltung.


3. Ordnung. – Laß jedes Ding seine Stelle haben und jeden Teil deines Geschäfts seine Zeit haben.


4. Entschlossenheit. – Nimm dir vor, durchzuführen, was du mußt; vollführe unfehlbar, was du dir vornimmst.


5. Genügsamkeit. – Mache keine Ausgabe, als um anderen oder dir selbst Gutes zu tun; d. h. vergeude nichts.


6. Fleiß. – Verliere keine Zeit; sei immer mit etwas Nützlichem beschäftigt; entsage aller unnützigen Tätigkeit.


7. Aufrichtigkeit. – Bediene dich keiner schädlichen Täuschung; denke unschuldig und gerecht, und wenn du sprichst, so sprich darnach.


8. Gerechtigkeit. – Schade niemandem, indem du ihm Unrecht tust oder die Wohltaten unterlässest, welche deine Pflicht sind.


9. Mäßigung. – Vermeide Extreme; hüte dich, Beleidigungen so tief zu empfinden, oder so übel aufzunehmen, als sie es nach deinem Dafürhalten verdienen.


10. Reinlichkeit. – Dulde keine Unreinlichkeit am Körper, an Kleidern oder in der Wohnung.


11. Gemütsruhe. – Beunruhige dich nicht über Kleinigkeiten oder über gewöhnliche oder unvermeidliche Unglücks fälle.


12. Keuschheit. – Übe geschlechtlichen Umgang selten, nur um der Gesundheit oder der Nachkommenschaft willen, niemals bis zur Stumpfheit und Schwäche oder zur Schädigung deines eigenen oder fremden Seelenfriedens oder guten Rufes.


13. Demut. – Ahme Jesus und Sokrates nach.


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2. Planung (oder das Vorgehen)

«Wie derjenige, welcher das Unkraut in einem Garten zu beseitigen hat, keinen Versuch macht, alle die schlechten Gewächse auf einmal zu entfernen, was über seine Kraft und die Möglichkeit hinausgehen würde, sondern immer nur an einem der Beete auf einmal arbeitete, und erst nachdem er damit fertig geworden ist, ein zweites in Angriff nimmt, so hoffte ich das ermunternde Vergnügen zu haben, auf meinen Seiten den Fortschritt, den ich in der Tugend machte, […] ermitteln zu können.»

Wenn man mit der linken Hand das Mehl abwägt, rechts die Kuchenform einfettet und gleichzeitig mit dem Schwingbesen im Mund das Eiweiss zu Schnee schlägt, dann muss man nicht verwundert sein, wenn keine der drei Aufgaben gelingt – geschweige denn eine riesige Sauerei verursacht wird.

Anstatt sich in der Vielzahl der Tugenden zu verlieren, richtete Franklin seinen Fokus jeweils nur auf eine einzige. Sobald diese zur Gewohnheit wurde und nur noch eine kleine Menge an Hirnleistung zur Aufrechterhaltung beanspruchte, wendete er sich der nächsten zu:

«Da es meine Absicht war, mir die Gewohnheit aller dieser Tugenden anzueignen, so hielt ich es für angemessen, meine Aufmerksamkeit nicht zu zersplittern, indem ich alles auf einmal versuchte, sondern mein Augenmerk immer nur auf eine von ihnen zu bestimmter Zeit richtete, und dann erst, wenn ich mich zum Herrn über derselben gemacht, zu einer andern fortzuschreiten, und so fort, bis ich alle dreizehn durchgemacht haben würde.»

Franklin brach aber nicht nur die komplexe Aufgabe in konkrete Einzelschritte herunter, sondern machte sich auch um die Reihenfolge dieser Schritte Gedanken. Beim Backen macht es wenig Sinn, die Zutaten in die Kuchenform zu geben, bevor man den Teig vermengt hat. Und genauso erkannte Franklin auf dem Weg zur sittlichen Vollkommenheit Schritte, die in der Lage waren, darauffolgende einfacher zu machen. Es geht also nicht nur um eine konkrete, sondern auch um eine schlaue Einteilung der verfügbaren Ressourcen:

«Da aber die vorherige Erwerbung einiger von diesen Tugenden auch die Erwerbung gewisser anderen erleichtern dürfte, so ordnete ich sie mit dieser Absicht in der Reihenfolge an, wie sie oben stehen.»

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3. Struktur (oder das Mise en Place)

Selbst bei einem Bäcker besteht der Alltag nicht nur aus Backen. Und das Leben nicht nur aus Kuchen. Der beste Bäcker bäckt nicht lange ohne einer nachhaltigen Backrhythmus. Struktur ist hier das Stichwort. Bei einer Aufgabe wie dem Streben nach menschlicher Perfektion, so war Franklin der Meinung, sei ein strukturierter Tagesablauf unabdingbar. Dies war sein täglicher Stundenplan:

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In der täglichen Routine nahm sich Benjamin Franklin neben den Arbeits- und Ruhephasen bewusst Zeit für Planung und Reflektion. Besonders interessant ist dabei die Frage, die sich Franklin jeden Morgen stellte und am darauffolgenden Abend prüfte.

Franklin war der Meinung, dass sich in einen funktionierenden und strukturierten Tagesablauf einfacher neue Gewohnheiten integrieren lassen, als in einen, wo Gutdünken und Spontaneität regiert.

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4. Umsetzung und Dokumentation (oder das „Backen“ selbst)

«Ich machte mich an die Ausführung dieses Planes zur Selbstprüfung und setzte ihn längere Zeit fort.»

Tag für Tag. Woche für Woche. Tugend für Tugend arbeitete Franklin an sich selbst. Alle Fortschritte und Schwierigkeiten hielt er in einem kleinen Büchlein fest. Diese Art der Dokumentation ermöglichte ihm jederzeit einen Einblick in den aktuellen Stand der Dinge und erlaubte es ihm, sich von seinem subjektivem Empfinden im Moment zu distanzieren und den faktischen Prozess zu beobachten.

Für die Normalsterblichen unter uns folgt nun die Möglichkeit des Aufatmens. Ganz so glatt und unproblematisch, wie sich Franklin diese Aufgabe im Voraus skizzierte, verlief es dann doch nicht. Er hält fest:

«Ich fand jedoch bald, dass ich wir eine weit schwierigere Aufgabe gestellt, als ich mit eingebildet hatte. Während ich alle Sorgfalt aufbot, um mich vor dem einen Fehler zu hüten, ward ich häufig von einem andern überrascht; die Gewohnheit gewann die Übermacht über die Unachtsamkeit, und die Neigung war zuweilen stärker als die Vernunft.»

Der Aspekt des Machens brachte ihn teilweise zurück auf den Erdboden. Er fährt fort:

«Zu meiner Überraschung fand ich, dass ich unendlich mehr Fehler besass, als ich mir eingebildet; allein ich hatte die Genugtuung, sie abnehmen zu sehen.»

Franklins Einstellung, Schwierigkeiten nicht als Hindernisse, sondern als normale Symptome eines voranschreitenden Prozesses zu sehen, trieb ihn vorwärts. Er stelle sich dem enormen Ausmass und Anspruch seiner Unternehmung ausdauernd und immer wieder von Neuem. Die «Selbstprüfung» wurde zu einem festen Teil seines Alltages.

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5. The Dip (oder hier wird die Kuchenanalogie langsam problematisch – vielleicht der Moment, wenn man mit knurrendem Magen durch die Backofenscheibe starrt)

Vom Anfänger zum Profi, von der Begeisterung bis zur Beherrschung geschieht in jedem Prozess (mindestens einmal) dasselbe. Seth Godin nennt diese Phase „the dip“. Es ist der Knick in der Kurve, wo die Resultate ausbleiben und die Lernkurve abflacht. Der Moment, in dem das Aufgeben leichter scheint als die Weiterfahrt. „The dip“ ist anstrengend. Er frisst Energie. Und diese Energie ist es nicht in jedem Fall wert.

Aber es ist auch der „dip“, der die Spreu vom Weizen trennt, der das Grossartige vom Guten unterscheidet. Franklin beschreibt in seiner Autobiographie den Blick über die Klippe des Hinschmeissens:

«Meine Verstösse dagegen ärgerten mich so sehr, und ich machte in der Verbesserung meiner Fehler hierin so geringe Fortschritte und hatte solch’ häufige Rückfälle, dass ich beinahe entschlossen war, den Versuch ganz aufzugeben und mich mit einem in der Hinsicht fehlerhaften Charakter zu begnügen, gleich jenem Manne, welcher von seinem Nachbar einen Schmied, eine Axt kaufte und deren ganze Oberfläche so glänzend zu haben verlangte, wie die Schneide. Der Schmied willigte auch ein, sie ihm blank zu schleifen, falls er ihm das Rad drehen wolle, und der Käufer drehte die Kurbel, während der Schmied die breite Fläche der Axt hart und schwer auf das den Schleifstein drückte, was das Drehen desselben sehr ermüdend machte. Der Käufer kam hie und da von der Kurbel her, um zu sehen, wie die Arbeit von statten ging, und wollte endlich seine Axt nehmen, wie sie war, ohne weiteres Schleifen. ‹Nein›, sagte der Schmied, ‹dreht den Schleifstein nur immer weiter; wir werden sie schon nach und nach blank bekommen; vorerst ist sie nur gefleckt.› – ‹Allerdings›, versetzte der Mann; ‹aber ich glaube eine gefleckte Axt gefällt mir doch besser.›»

Immer wieder versuchte eine innere Stimme, die sich als seine «Vernunft» ausgab, Franklin mit attraktiven Ausreden zum Aufgeben zu verführen. Ich kenne diese Stimme. Sie ist eloquent. Sie ist überzeugend. Sie führt einen auf den Weg des geringsten Widerstandes. Und sie hat Recht damit. Aber sie hält einen auch davon ab, die gesteckten Ziele zu erreichen. Benjamin Franklin schreibt:

„Denn so ein Ding, das sich für Vernunft ausgab, versuchte mir hie und da den Gedanken beizubringen, dass eine solch’ gewissenhafte Genauigkeit, wie ich sie von mir selber verlangte, eine Art Ziererei in sittlichen Dingen sein dürfte, die mich, wenn sie bekannt würde, lächerlich machen möchte; dass ein vollkommener Charakter die unbehagliche Folge haben möchte, einen beneidet und gehasst zu machen; und dass ein wohlwollender Mann auch sich selbst einige Fehler gestatten solle, um seine Freunde zu ermutigen.“

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6. Reflektion (oder die lang ersehnte Geschmacksprobe)

Zum Schluss der „Selbstprüfung“ folgt die Passage in Franklins Autobiographie, die mich überhaupt erst zu einer genaueren Auseinandersetzung bewegte. Sie liegt ausgedruckt auf meinem Schreibtisch und inspiriert mich jeden Tag von Neuem. Das Streben nach Perfektion ist ein Prozess. Und auch wenn das Ziel möglicherweise unerreicht bleibt, so ist es doch ein Traum, der es wert ist, geträumt zu werden. Denn bereits der Versuch, die Arbeit in Richtung Perfektion bedeutet Verbesserung. Und das ist es doch schliesslich, wonach wir wirklich streben.

«Wenn ich aber auch im Ganzen niemals zu jener Vollkommenheit gelangte, nach welcher ich mit solchem Ehrgeiz gestrebt hatte, sondern weit hinter derselben zurückblieb, so war ich doch durch mein Streben ein besserer und glücklicherer Mensch, als ich sonst und ohne derartigen versuch gewesen wäre.»

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Aus: Skating with Bror Meyer (1921) via PDR

Eine kurze Geschichte über das Vergessen – TEIL 2

[Teil 1]

Zuhause angekommen realisierte ich: Die Situation im Zug war erst der Anfang eines lückenhaften Dialoges mit meinem Gedächtnis, der erste Dominostein der Demenz.

Es folgten Wochen voller Angstträume und geistigen Harakiris. Ich fantasierte von zerbrochenen Gläsern, von brennenden Häusern und sterbenden Büchern. Ich malte die schrecklichsten Bilder an die Innenseite meines Schädels. Bald nur noch Farben und schliesslich fleckige Gefühle.

Mein Kopf glich keiner Schale mehr. Nicht einmal mehr einem Sieb. Er morphte sich zu einer bodenlosen Pfanne. Zu einem Hula-Hoop-Reifen mit wackeligem Griff. Und selbst die Hand – meine Hand – schien sich langsam von diesem Griff zu lösen. Aus vergessenen Namen wurden Gesichter, aus Gesichtern Geschichten, aus Geschichten mein Leben. Alles stürzte in das Nichts und verschwand.

Ich wollte mir selbst nicht Recht geben. Hielt es für Symptome einer temporären Psychose. Ich glaubt es nicht. Ich konnte es nicht glauben.

Ein objektiver Test meiner Gedächtnisleistung musste her: Ein Mind-Map. Die Karte meiner Gedanken, alle Informationen meines Verstandes vernetzt auf Papier. Gut. So setzte ich mich ins Zentrum eines grossen, weissen Blattes und machte mich an die Arbeit. Zwei Stunden später sah das Blatt so aus:

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Da war es. Der Beweis. Schwarz auf Weiss. Das unantastbare Resultat: Ich konnte mich an nichts erinnern.

Ich lehnte mich zurück und bog mich rückwärts über den Stuhl, hinüber, hinunter, hindurch. Mein Rückgrat bog und bog sich weiter bis mein Kopf in meinem Unterleib verschwand. Der Mensch, meine Hülle, zog sich wie ein pfeifender Luftballon zusammen, bis sich nicht mehr als ein Haufen schlabbriges Gummi auf dem Lehnstuhl befand.

Doch plötzlich blitze etwas in mir – beziehungsweise in dem, was noch von mir übrig war – auf. Es war klein, aber hell. Und es wurde heller und kleiner. (Nein, ich glaube grösser, ich kann mich nicht so genau erinnern.) Dieses Etwas kam, kämpfte sich aus der klebenden Dunkelheit heraus Richtung Oberfläche. Langsam, aber stetig. Es durchbrach Barrieren, zerschmetterte Hindernisse. Es zwängte sich durch meinen Darmtrakt und Magen. Die Speiseröhre hinauf und an meiner Kehle vorbei, durch den Mundraum und zwischen den Zähnen hindurch. Ich konnte mich nicht zurückhalten und schrie laut auf:

„Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.“

[To be continued…]

Meinungen, Multi-Kulti und Massstäbe

“How much do you value life?”
“Sixty-four.”
“Why did you say sixty-four?”
“How are you supposed to measure the value of life?”
“No, I mean why did you say sixty- for and not seventy-three, for instance?”
“If I had said seventy-three you would have asked me the same question.” 1

Mindestens seit der Etablierung des Internets als Diskussionsplattform muss uns klar geworden sein, dass jede Behauptung, egal welcher Art, in Frage gestellt werden kann. Für jedes Thema, jede Feststellung und jede Seite einer jeden Diskussion kann so oder so argumentiert werden.

Ob Politik, Religion oder Ehtik – es gibt keine einheitliche Meinung. Auch die Wissenschaft ist oft nicht mehr als ein Schlachtfeld von Hypothesen, Annahmen und Behauptungen.

Wir sind uns nicht einig, weil wir an unterschiedliche Dinge glauben. Und wir werden uns niemals einig sein, weil wir nicht endgültig beweisen können, wer Recht hat. Bis wir die Welt, das Leben auf der Welt und was es sonst noch alles gibt, nicht zu 100% entschlüsselt haben, bleibt alles eine Annahme, eine Meinung. (Was natürlich nicht bedeutet, dass jede Meinung gleichwertig ist.)

„Scientific knowledge is a body of statements of varying degrees of certainty – some most unsure, some nearly sure, but none absolutely certain.” 2

1791 beschloss ein obskures französisches Wissenschaftskommitee die Einführung einer universellen Längeneinheit. Aus dem zehnmillionsten Teil des Meridianbogens zwischen Nordpol und Äquator war der „Urmeter“ geboren. Dass selbst der moderne Massstab vor nicht allzu langer Zeit willkürlich festgelegt wurde, ist auf kuriose Weise eine sehr befreiende Tatsache.

Weil aber nichts (so wirklich) definitiv ist, können wir uns den Luxus erlauben, unsere Meinungen zu ändern und unser Glaubenssystem so anzupassen, dass es für unsere individuellen Ziele förderlich ist. Wir können an das glauben, was funktioniert. (Zumindest kann es uns niemand ausreden.)

«Die Welt beruht auf Wechsel, das Leben auf Meinung.» – Marcus Aurelius

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Aus Richard Feynmans aussergewöhnlichen Anekdotensammlung Surely You’re Joking M. Feynman. Ausschnitt aus der psychiatrischen Untersuchung des Physikers für den Militärdienst.
Zitat aus Feynmans öffentlicher Rede The Value of Science von 1955. Abgedruck in: What Do You Care What Other People Think?