Benjamin Franklin und der Versuch eines Mannes, besser zu werden

«Ungefähr um diese Zeit fasste ich den kühnen und ernsten Vorsatz, nach sittlicher Vollkommenheit zu streben. Ich wünschte leben zu können, ohne irgend einen Fehler zu irgend einer Zeit zu begehen; ich wünschte, alles zu überwinden, wozu entweder natürliche Neigung, Gewohnheit oder Gesellschaft mich veranlassen könnte.»

Wie werde ich zu einem besseren Menschen? Wie springe ich über meine eigenen Barrieren? Wie lösche ich diese Fehler aus meinem Betriebssystem und werde unfehlbar? Wie erreiche ich einen perfekten Charakter? Wie werde ich sittlich vollkommen?

Wir sprechen hier von Fragen, die tief in die menschliche Psyche eingebrannt sind. Fragen, die sich Jahrtausende zurückverfolgen lassen. Fragen, die kulturelle Kontinentalplatten verschoben und Fortschritt prägten. Fragen, so gewöhnlich und alltäglich. Aber Antworten, so ausserordentlich und ungewöhnlich.

Und doch stehe ich hier und halte den Bericht eines grossmütigen Amerikaners in der Hand, der sich dieser Herkulesaufgabe wie kein zweiter in der Menschheitsgeschichte stellte.

«Da ich wusste, oder zu wissen glaubte, was recht und unrecht sei, so sah ich nicht ein, weshalb ich nicht immer das eine sollte tun und das andere lassen können.»

Die alten Griechen, die Urväter der Suche nach dem guten Leben und der persönlichen Weiterentwicklung, würden vor Respekt in die Hände klatschen und vor dem kühnen Macher den Hut (oder Lorbeerkranz) ziehen. Denn dieser Amerikaner besass nicht nur den Absicht, dieses absurde Ziel – einen vollkommenen Charakter zu werden – umsetzen zu wollen, sondern ging dabei so systematisch ans Werk, als würde er einen Kuchen backen.

Wollen wir also einen Blick hinter Benjamin Franklins Rezept zur sittlichen Vollkommenheit werfen. Alle Zitate und Textabschnitte stammen aus Franklins Autobiographie von 1793 (Übersetzung von Karl Müller).

1. Zielformulierung (oder der Kuchen und seine Zutaten)

Ob Schokolade, Marmor, Zitrone oder Apfel – wie ein Kuchen auszusehen hat, ist leicht vorstellbar. Der Name des Kuchens, ergibt sich aus der Hauptzutat des Teigs. Doch wie definiert man «sittliche Vollkommenheit»? Welche Zutaten oder Eigenschaften sind im Teig der sittlichen Vollkommenheit vorhanden? Und welche sind es nicht?

Benjamin Franklin erstellte dazu eine Liste mit Tugenden, die seiner Meinung nach sittliche Vollkommenheit ausmachten und die er zu beherrschen versuchte. Die Zutaten sind zwar subjektiver Natur, jedoch nicht ganz aus der Luft gegriffen. Die Grundsubstanz davon ist das Resultat eines ewigen Diskurses, den der belesene Franklin sehr gut kannte.

Was seine Liste so pragmatisch macht, ist die klare Benennung der einzelnen Tugenden. «Ich nahm mir nun vor,» wie Franklin erklärte, «behufs grösserer Deutlichkeit lieber mehr Namen anzuwenden und weniger Ideen mit jeden zu verknüpfen, als wenige Namen mit vielen Ideen.» Namen geben ist einfach. Verstehen, was diese Namen bedeuten und worin sie bestehen, das ist eine ganz andere Sache. Franklin übersetzte jede Tugend in eine konkrete Handlung und erlaubte sich damit bei der Umsetzung keinen Interpretationsspielraum. Die Tugenden werden somit durch Handlungen messbar.

Franklins Liste setzte sich aus folgenden 13 Elementen zusammen:


1. Mäßigkeit. – Iß nicht bis zum Stumpfsinn, trink nicht bis zur Berauschung.


2. Schweigen. – Sprich nur, was anderen oder dir selbst nützen kann; vermeide unbedeutende Unterhaltung.


3. Ordnung. – Laß jedes Ding seine Stelle haben und jeden Teil deines Geschäfts seine Zeit haben.


4. Entschlossenheit. – Nimm dir vor, durchzuführen, was du mußt; vollführe unfehlbar, was du dir vornimmst.


5. Genügsamkeit. – Mache keine Ausgabe, als um anderen oder dir selbst Gutes zu tun; d. h. vergeude nichts.


6. Fleiß. – Verliere keine Zeit; sei immer mit etwas Nützlichem beschäftigt; entsage aller unnützigen Tätigkeit.


7. Aufrichtigkeit. – Bediene dich keiner schädlichen Täuschung; denke unschuldig und gerecht, und wenn du sprichst, so sprich darnach.


8. Gerechtigkeit. – Schade niemandem, indem du ihm Unrecht tust oder die Wohltaten unterlässest, welche deine Pflicht sind.


9. Mäßigung. – Vermeide Extreme; hüte dich, Beleidigungen so tief zu empfinden, oder so übel aufzunehmen, als sie es nach deinem Dafürhalten verdienen.


10. Reinlichkeit. – Dulde keine Unreinlichkeit am Körper, an Kleidern oder in der Wohnung.


11. Gemütsruhe. – Beunruhige dich nicht über Kleinigkeiten oder über gewöhnliche oder unvermeidliche Unglücks fälle.


12. Keuschheit. – Übe geschlechtlichen Umgang selten, nur um der Gesundheit oder der Nachkommenschaft willen, niemals bis zur Stumpfheit und Schwäche oder zur Schädigung deines eigenen oder fremden Seelenfriedens oder guten Rufes.


13. Demut. – Ahme Jesus und Sokrates nach.


db_skating1.jpg

2. Planung (oder das Vorgehen)

«Wie derjenige, welcher das Unkraut in einem Garten zu beseitigen hat, keinen Versuch macht, alle die schlechten Gewächse auf einmal zu entfernen, was über seine Kraft und die Möglichkeit hinausgehen würde, sondern immer nur an einem der Beete auf einmal arbeitete, und erst nachdem er damit fertig geworden ist, ein zweites in Angriff nimmt, so hoffte ich das ermunternde Vergnügen zu haben, auf meinen Seiten den Fortschritt, den ich in der Tugend machte, […] ermitteln zu können.»

Wenn man mit der linken Hand das Mehl abwägt, rechts die Kuchenform einfettet und gleichzeitig mit dem Schwingbesen im Mund das Eiweiss zu Schnee schlägt, dann muss man nicht verwundert sein, wenn keine der drei Aufgaben gelingt – geschweige denn eine riesige Sauerei verursacht wird.

Anstatt sich in der Vielzahl der Tugenden zu verlieren, richtete Franklin seinen Fokus jeweils nur auf eine einzige. Sobald diese zur Gewohnheit wurde und nur noch eine kleine Menge an Hirnleistung zur Aufrechterhaltung beanspruchte, wendete er sich der nächsten zu:

«Da es meine Absicht war, mir die Gewohnheit aller dieser Tugenden anzueignen, so hielt ich es für angemessen, meine Aufmerksamkeit nicht zu zersplittern, indem ich alles auf einmal versuchte, sondern mein Augenmerk immer nur auf eine von ihnen zu bestimmter Zeit richtete, und dann erst, wenn ich mich zum Herrn über derselben gemacht, zu einer andern fortzuschreiten, und so fort, bis ich alle dreizehn durchgemacht haben würde.»

Franklin brach aber nicht nur die komplexe Aufgabe in konkrete Einzelschritte herunter, sondern machte sich auch um die Reihenfolge dieser Schritte Gedanken. Beim Backen macht es wenig Sinn, die Zutaten in die Kuchenform zu geben, bevor man den Teig vermengt hat. Und genauso erkannte Franklin auf dem Weg zur sittlichen Vollkommenheit Schritte, die in der Lage waren, darauffolgende einfacher zu machen. Es geht also nicht nur um eine konkrete, sondern auch um eine schlaue Einteilung der verfügbaren Ressourcen:

«Da aber die vorherige Erwerbung einiger von diesen Tugenden auch die Erwerbung gewisser anderen erleichtern dürfte, so ordnete ich sie mit dieser Absicht in der Reihenfolge an, wie sie oben stehen.»

db_skating2.jpg

3. Struktur (oder das Mise en Place)

Selbst bei einem Bäcker besteht der Alltag nicht nur aus Backen. Und das Leben nicht nur aus Kuchen. Der beste Bäcker bäckt nicht lange ohne einer nachhaltigen Backrhythmus. Struktur ist hier das Stichwort. Bei einer Aufgabe wie dem Streben nach menschlicher Perfektion, so war Franklin der Meinung, sei ein strukturierter Tagesablauf unabdingbar. Dies war sein täglicher Stundenplan:

db_Franklin_Tagesplan.png

In der täglichen Routine nahm sich Benjamin Franklin neben den Arbeits- und Ruhephasen bewusst Zeit für Planung und Reflektion. Besonders interessant ist dabei die Frage, die sich Franklin jeden Morgen stellte und am darauffolgenden Abend prüfte.

Franklin war der Meinung, dass sich in einen funktionierenden und strukturierten Tagesablauf einfacher neue Gewohnheiten integrieren lassen, als in einen, wo Gutdünken und Spontaneität regiert.

db_skating3.jpg

4. Umsetzung und Dokumentation (oder das „Backen“ selbst)

«Ich machte mich an die Ausführung dieses Planes zur Selbstprüfung und setzte ihn längere Zeit fort.»

Tag für Tag. Woche für Woche. Tugend für Tugend arbeitete Franklin an sich selbst. Alle Fortschritte und Schwierigkeiten hielt er in einem kleinen Büchlein fest. Diese Art der Dokumentation ermöglichte ihm jederzeit einen Einblick in den aktuellen Stand der Dinge und erlaubte es ihm, sich von seinem subjektivem Empfinden im Moment zu distanzieren und den faktischen Prozess zu beobachten.

Für die Normalsterblichen unter uns folgt nun die Möglichkeit des Aufatmens. Ganz so glatt und unproblematisch, wie sich Franklin diese Aufgabe im Voraus skizzierte, verlief es dann doch nicht. Er hält fest:

«Ich fand jedoch bald, dass ich wir eine weit schwierigere Aufgabe gestellt, als ich mit eingebildet hatte. Während ich alle Sorgfalt aufbot, um mich vor dem einen Fehler zu hüten, ward ich häufig von einem andern überrascht; die Gewohnheit gewann die Übermacht über die Unachtsamkeit, und die Neigung war zuweilen stärker als die Vernunft.»

Der Aspekt des Machens brachte ihn teilweise zurück auf den Erdboden. Er fährt fort:

«Zu meiner Überraschung fand ich, dass ich unendlich mehr Fehler besass, als ich mir eingebildet; allein ich hatte die Genugtuung, sie abnehmen zu sehen.»

Franklins Einstellung, Schwierigkeiten nicht als Hindernisse, sondern als normale Symptome eines voranschreitenden Prozesses zu sehen, trieb ihn vorwärts. Er stelle sich dem enormen Ausmass und Anspruch seiner Unternehmung ausdauernd und immer wieder von Neuem. Die «Selbstprüfung» wurde zu einem festen Teil seines Alltages.

db_skating4.jpg

5. The Dip (oder hier wird die Kuchenanalogie langsam problematisch – vielleicht der Moment, wenn man mit knurrendem Magen durch die Backofenscheibe starrt)

Vom Anfänger zum Profi, von der Begeisterung bis zur Beherrschung geschieht in jedem Prozess (mindestens einmal) dasselbe. Seth Godin nennt diese Phase „the dip“. Es ist der Knick in der Kurve, wo die Resultate ausbleiben und die Lernkurve abflacht. Der Moment, in dem das Aufgeben leichter scheint als die Weiterfahrt. „The dip“ ist anstrengend. Er frisst Energie. Und diese Energie ist es nicht in jedem Fall wert.

Aber es ist auch der „dip“, der die Spreu vom Weizen trennt, der das Grossartige vom Guten unterscheidet. Franklin beschreibt in seiner Autobiographie den Blick über die Klippe des Hinschmeissens:

«Meine Verstösse dagegen ärgerten mich so sehr, und ich machte in der Verbesserung meiner Fehler hierin so geringe Fortschritte und hatte solch’ häufige Rückfälle, dass ich beinahe entschlossen war, den Versuch ganz aufzugeben und mich mit einem in der Hinsicht fehlerhaften Charakter zu begnügen, gleich jenem Manne, welcher von seinem Nachbar einen Schmied, eine Axt kaufte und deren ganze Oberfläche so glänzend zu haben verlangte, wie die Schneide. Der Schmied willigte auch ein, sie ihm blank zu schleifen, falls er ihm das Rad drehen wolle, und der Käufer drehte die Kurbel, während der Schmied die breite Fläche der Axt hart und schwer auf das den Schleifstein drückte, was das Drehen desselben sehr ermüdend machte. Der Käufer kam hie und da von der Kurbel her, um zu sehen, wie die Arbeit von statten ging, und wollte endlich seine Axt nehmen, wie sie war, ohne weiteres Schleifen. ‹Nein›, sagte der Schmied, ‹dreht den Schleifstein nur immer weiter; wir werden sie schon nach und nach blank bekommen; vorerst ist sie nur gefleckt.› – ‹Allerdings›, versetzte der Mann; ‹aber ich glaube eine gefleckte Axt gefällt mir doch besser.›»

Immer wieder versuchte eine innere Stimme, die sich als seine «Vernunft» ausgab, Franklin mit attraktiven Ausreden zum Aufgeben zu verführen. Ich kenne diese Stimme. Sie ist eloquent. Sie ist überzeugend. Sie führt einen auf den Weg des geringsten Widerstandes. Und sie hat Recht damit. Aber sie hält einen auch davon ab, die gesteckten Ziele zu erreichen. Benjamin Franklin schreibt:

„Denn so ein Ding, das sich für Vernunft ausgab, versuchte mir hie und da den Gedanken beizubringen, dass eine solch’ gewissenhafte Genauigkeit, wie ich sie von mir selber verlangte, eine Art Ziererei in sittlichen Dingen sein dürfte, die mich, wenn sie bekannt würde, lächerlich machen möchte; dass ein vollkommener Charakter die unbehagliche Folge haben möchte, einen beneidet und gehasst zu machen; und dass ein wohlwollender Mann auch sich selbst einige Fehler gestatten solle, um seine Freunde zu ermutigen.“

db_skating5.jpg

6. Reflektion (oder die lang ersehnte Geschmacksprobe)

Zum Schluss der „Selbstprüfung“ folgt die Passage in Franklins Autobiographie, die mich überhaupt erst zu einer genaueren Auseinandersetzung bewegte. Sie liegt ausgedruckt auf meinem Schreibtisch und inspiriert mich jeden Tag von Neuem. Das Streben nach Perfektion ist ein Prozess. Und auch wenn das Ziel möglicherweise unerreicht bleibt, so ist es doch ein Traum, der es wert ist, geträumt zu werden. Denn bereits der Versuch, die Arbeit in Richtung Perfektion bedeutet Verbesserung. Und das ist es doch schliesslich, wonach wir wirklich streben.

«Wenn ich aber auch im Ganzen niemals zu jener Vollkommenheit gelangte, nach welcher ich mit solchem Ehrgeiz gestrebt hatte, sondern weit hinter derselben zurückblieb, so war ich doch durch mein Streben ein besserer und glücklicherer Mensch, als ich sonst und ohne derartigen versuch gewesen wäre.»

db_skating.jpg
Aus: Skating with Bror Meyer (1921) via PDR

Eine kurze Geschichte über das Vergessen – TEIL 2

[Teil 1]

Zuhause angekommen realisierte ich: Die Situation im Zug war erst der Anfang eines lückenhaften Dialoges mit meinem Gedächtnis, der erste Dominostein der Demenz.

Es folgten Wochen voller Angstträume und geistigen Harakiris. Ich fantasierte von zerbrochenen Gläsern, von brennenden Häusern und sterbenden Büchern. Ich malte die schrecklichsten Bilder an die Innenseite meines Schädels. Bald nur noch Farben und schliesslich fleckige Gefühle.

Mein Kopf glich keiner Schale mehr. Nicht einmal mehr einem Sieb. Er morphte sich zu einer bodenlosen Pfanne. Zu einem Hula-Hoop-Reifen mit wackeligem Griff. Und selbst die Hand – meine Hand – schien sich langsam von diesem Griff zu lösen. Aus vergessenen Namen wurden Gesichter, aus Gesichtern Geschichten, aus Geschichten mein Leben. Alles stürzte in das Nichts und verschwand.

Ich wollte mir selbst nicht Recht geben. Hielt es für Symptome einer temporären Psychose. Ich glaubt es nicht. Ich konnte es nicht glauben.

Ein objektiver Test meiner Gedächtnisleistung musste her: Ein Mind-Map. Die Karte meiner Gedanken, alle Informationen meines Verstandes vernetzt auf Papier. Gut. So setzte ich mich ins Zentrum eines grossen, weissen Blattes und machte mich an die Arbeit. Zwei Stunden später sah das Blatt so aus:

db_mindmap.png

Da war es. Der Beweis. Schwarz auf Weiss. Das unantastbare Resultat: Ich konnte mich an nichts erinnern.

Ich lehnte mich zurück und bog mich rückwärts über den Stuhl, hinüber, hinunter, hindurch. Mein Rückgrat bog und bog sich weiter bis mein Kopf in meinem Unterleib verschwand. Der Mensch, meine Hülle, zog sich wie ein pfeifender Luftballon zusammen, bis sich nicht mehr als ein Haufen schlabbriges Gummi auf dem Lehnstuhl befand.

Doch plötzlich blitze etwas in mir – beziehungsweise in dem, was noch von mir übrig war – auf. Es war klein, aber hell. Und es wurde heller und kleiner. (Nein, ich glaube grösser, ich kann mich nicht so genau erinnern.) Dieses Etwas kam, kämpfte sich aus der klebenden Dunkelheit heraus Richtung Oberfläche. Langsam, aber stetig. Es durchbrach Barrieren, zerschmetterte Hindernisse. Es zwängte sich durch meinen Darmtrakt und Magen. Die Speiseröhre hinauf und an meiner Kehle vorbei, durch den Mundraum und zwischen den Zähnen hindurch. Ich konnte mich nicht zurückhalten und schrie laut auf:

„Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.“

[To be continued…]

Meinungen, Multi-Kulti und Massstäbe

“How much do you value life?”
“Sixty-four.”
“Why did you say sixty-four?”
“How are you supposed to measure the value of life?”
“No, I mean why did you say sixty- for and not seventy-three, for instance?”
“If I had said seventy-three you would have asked me the same question.” 1

Mindestens seit der Etablierung des Internets als Diskussionsplattform muss uns klar geworden sein, dass jede Behauptung, egal welcher Art, in Frage gestellt werden kann. Für jedes Thema, jede Feststellung und jede Seite einer jeden Diskussion kann so oder so argumentiert werden.

Ob Politik, Religion oder Ehtik – es gibt keine einheitliche Meinung. Auch die Wissenschaft ist oft nicht mehr als ein Schlachtfeld von Hypothesen, Annahmen und Behauptungen.

Wir sind uns nicht einig, weil wir an unterschiedliche Dinge glauben. Und wir werden uns niemals einig sein, weil wir nicht endgültig beweisen können, wer Recht hat. Bis wir die Welt, das Leben auf der Welt und was es sonst noch alles gibt, nicht zu 100% entschlüsselt haben, bleibt alles eine Annahme, eine Meinung. (Was natürlich nicht bedeutet, dass jede Meinung gleichwertig ist.)

„Scientific knowledge is a body of statements of varying degrees of certainty – some most unsure, some nearly sure, but none absolutely certain.” 2

1791 beschloss ein obskures französisches Wissenschaftskommitee die Einführung einer universellen Längeneinheit. Aus dem zehnmillionsten Teil des Meridianbogens zwischen Nordpol und Äquator war der „Urmeter“ geboren. Dass selbst der moderne Massstab vor nicht allzu langer Zeit willkürlich festgelegt wurde, ist auf kuriose Weise eine sehr befreiende Tatsache.

Weil aber nichts (so wirklich) definitiv ist, können wir uns den Luxus erlauben, unsere Meinungen zu ändern und unser Glaubenssystem so anzupassen, dass es für unsere individuellen Ziele förderlich ist. Wir können an das glauben, was funktioniert. (Zumindest kann es uns niemand ausreden.)

«Die Welt beruht auf Wechsel, das Leben auf Meinung.» – Marcus Aurelius

24144418457_451b169334_h.jpg


Aus Richard Feynmans aussergewöhnlichen Anekdotensammlung Surely You’re Joking M. Feynman. Ausschnitt aus der psychiatrischen Untersuchung des Physikers für den Militärdienst.
Zitat aus Feynmans öffentlicher Rede The Value of Science von 1955. Abgedruck in: What Do You Care What Other People Think?