Eine kurze Geschichte über das Vergessen – TEIL 2

[Teil 1]

Zuhause angekommen realisierte ich: Die Situation im Zug war erst der Anfang eines lückenhaften Dialoges mit meinem Gedächtnis, der erste Dominostein der Demenz.

Es folgten Wochen voller Angstträume und geistigen Harakiris. Ich fantasierte von zerbrochenen Gläsern, von brennenden Häusern und sterbenden Büchern. Ich malte die schrecklichsten Bilder an die Innenseite meines Schädels. Bald nur noch Farben und schliesslich fleckige Gefühle.

Mein Kopf glich keiner Schale mehr. Nicht einmal mehr einem Sieb. Er morphte sich zu einer bodenlosen Pfanne. Zu einem Hula-Hoop-Reifen mit wackeligem Griff. Und selbst die Hand – meine Hand – schien sich langsam von diesem Griff zu lösen. Aus vergessenen Namen wurden Gesichter, aus Gesichtern Geschichten, aus Geschichten mein Leben. Alles stürzte in das Nichts und verschwand.

Ich wollte mir selbst nicht Recht geben. Hielt es für Symptome einer temporären Psychose. Ich glaubt es nicht. Ich konnte es nicht glauben.

Ein objektiver Test meiner Gedächtnisleistung musste her: Ein Mind-Map. Die Karte meiner Gedanken, alle Informationen meines Verstandes vernetzt auf Papier. Gut. So setzte ich mich ins Zentrum eines grossen, weissen Blattes und machte mich an die Arbeit. Zwei Stunden später sah das Blatt so aus:

db_mindmap.png

Da war es. Der Beweis. Schwarz auf Weiss. Das unantastbare Resultat: Ich konnte mich an nichts erinnern.

Ich lehnte mich zurück und bog mich rückwärts über den Stuhl, hinüber, hinunter, hindurch. Mein Rückgrat bog und bog sich weiter bis mein Kopf in meinem Unterleib verschwand. Der Mensch, meine Hülle, zog sich wie ein pfeifender Luftballon zusammen, bis sich nicht mehr als ein Haufen schlabbriges Gummi auf dem Lehnstuhl befand.

Doch plötzlich blitze etwas in mir – beziehungsweise in dem, was noch von mir übrig war – auf. Es war klein, aber hell. Und es wurde heller und kleiner. (Nein, ich glaube grösser, ich kann mich nicht so genau erinnern.) Dieses Etwas kam, kämpfte sich aus der klebenden Dunkelheit heraus Richtung Oberfläche. Langsam, aber stetig. Es durchbrach Barrieren, zerschmetterte Hindernisse. Es zwängte sich durch meinen Darmtrakt und Magen. Die Speiseröhre hinauf und an meiner Kehle vorbei, durch den Mundraum und zwischen den Zähnen hindurch. Ich konnte mich nicht zurückhalten und schrie laut auf:

„Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.“

[To be continued…]