Beschuldigen vs. Verantworten

Schuld zuweisen ist einfach.

Vor der modernen Medizin gab es kaum eine schlimmere Krankheit als Syphilis. Als juckende Beule beginnend, frass sich der Erreger unaufhaltsam durch das Gewebe, hin zu den Knochen, bis die offenen Wunden das Skelett freilegten. Ekelerregend, unvorstellbar, grauen- und unendlich schmerzhaft.

Die bösartige Mikrobe hatte ab der Renaissance an verschiedenen Orten ganz unterschiedliche Namen. Die Russen nannten sie die Polnische Krankheit. In Polen wurde sie Deutsche Krankheit genannt. Die Deutschen nannten den Erreger Französische Krankheit, während sie in Frankreich als die Italienische Krankheit bezeichnet wurde. Die Italiener schoben die Schuld zurück und nannten sie wiederum Französische Krankheit.

Es handelte sich in jedem Land um denselben Erreger, dieselben Symptome, dieselbe Krankheit. Aber alle hatten einen unterschiedlichen Sündenbock und nur eines hatte dieser Sündenbock in jedem Land gemeinsam: es war jemand anderes.


Verantwortung übernehmen ist schwierig.

Es klingt schräg, dass Russland Syphilis als Russische Krankheit oder die Deutschen als Deutsche Krankheit bezeichnen würden. So funktionieren wir Menschen nicht. Wenn wir die Schuld jemand anderem zuweisen, dann können wir uns zurücklehnen. Keine weiteren Massnahmen nötig.

Wenn wir aber unseren Arm heben und sagen, wir seien schuld, dann übernehmen wir Verantwortung. Dann akzeptieren wir, dass es unser Problem ist. Dass wir uns um eine Lösung bemühen müssen. Dass wir uns nicht länger ausruhen können sondern in Aktion treten müssen.


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Katsushika Hokusai (1760 – 1849) – Travellers passing through village

Vgl. Hans Roslings Abschnitt The Foreign Disease in seinem wichtigen Buch Factfulness von 2018.