Platons Olivenbaum oder die Überreste der Geschichte

Vor 2’400 Jahren unterrichtete Platon seine Schüler im Schatten eines riesigen Olivenbaumes in der Allee der berühmten Akadḗmeia in Athen. Viele Jahre später, als Platons Schüler und dessen Nachkommen schon lange das Zeitliche gesegnet hatten und von den historischen Gebäuden nur noch archäologische Reststücke übrig waren, wuchs und gedieh derselbe Olivenbaum noch immer…

Bis 1976 ein schwerer Bus in den Baum prallte und den Stamm zerstörte. Das obere Bruchstück des Stammes wurde in ein Museum transferiert, während der untere Teil an Ort und Stelle verblieb…

Bis 2013 die Überreste von Platons Olivenbaum über Nacht spurlos verschwanden. Offenbar hatte jemand die 3’000 Jahre alten Wurzeln zu Feuerholz verarbeitet und mitgenommen.

Was haben wir falsch gemacht? Wie hätten wir das physische Erbe Platons beschützen können? Wir hätten den Olivenbaum mit Schutzfolie umwickeln und einen Zaun rundherum aufstellen sollen. Vorzugsweise einen elektrischen, damit auch wirklich jeder vom Baum fernblieb…

Bis der Baum womöglich von einem Blitz getroffen worden und niedergebrannt wäre. Oder der Stamm von Holzwürmern zerfressen worden und nur noch eine durchlöcherte Leiche des Olivenbaumes stehen geblieben wäre…

Oder auch nicht.

db_olivenbaum.jpg


1. Dieser Text ist ein Ausschnitt aus dem monatlichen Newsletter von Denkbrocken. Hier kannst du dich in die Liste eintragen.
2. Inspiration aus Episode 15 des aussergewöhnlichen Podcasts von Seth Godin, Akimbo.

Der schmale Grat zwischen Tiefsinn und Schwachsinn

Einen Stift in der mechanischen Hand haltend schreibt der Roboter manifest ein Wort nach dem anderen auf ein weisses Blatt Papier. Die Buchstaben setzen sich zu Wörtern zusammen und diese wiederum zu Sätzen. Satz für Satz entsteht das, wonach die Maschine benannt ist – ein Manifest. Soeben den Schlusspunkt gesetzt, nummeriert und datiert der Roboter sein Werk und beginnt von neuem.

Fasziniert stehe ich vor der Glasscheibe des unermüdlichen Schreiberlings im Gewerbemuseum Winterthur und schaue seiner Arbeit zu. Er spukt ein beschriebenes Papier aus. Einige Minuten später ein neues. Etwas später erneut. Und noch einmal. Und noch einmal. Jedes Manifest ist anders. Jedes ist einzigartig. Ich stecke mir Exemplar Nr. 22225 in den Rucksack, gehe nach Hause und hänge es an die Wand:

MANIFEST Diese Sätze sind Bemerkungen zum Akzent, kein Akzent. Gleichnisse sind technisch reproduzierbar. Komposition ist umfassender als Harmonie, aber Harmonie ist umfassender als Kritik. Wie Logik zu einem Teil Dummheit bestimmt, so bestimmt Dummheit auch Bedeutung. Bedeutung aber ist Logik. So wie der Mensch den Stereotypen nicht begrenzt, so auch das Urbild nicht das Bild. Es gibt zwei Arten von Programmtexten, nämlich die mit Mißverständnissen und die mit Denkschriften. Die Verzweiflung wird gewährleistet. Da3 Projekt Äußerung ist hiermit beendet. Nr. 22225, 25.10.2018

Der Roboter manifest greift bei seiner Arbeit auf einen gegebenen Fundus an Begriffen aus den Themenbereichen Kunst, Philosophie und Technik zurück und kombiniert diese innerhalb einer Satzstruktur auf zufällige Weise, wie die Homepage von robotlab erklärt. So kreiert der Roboter jedes Mal einmalige Thesen, formuliert einzigartige Aussagen und setzt unterschiedliche Schwerpunkte. Nein, das stimmt nicht ganz. Der Roboter kreiert nicht, er formuliert nicht, er setzt nicht. Der Roboter kombiniert zufällig verschiedene Parameter und übersetzt diese in Buchstaben, Worte und Sätze. Er übersetzt nicht einmal. Er führt aus. Blind, taub und dumm.

Seitdem das Manifest bei mir zu Hause hängt, war es oft Gesprächsmittelpunkt. Um eine These zu überprüfen, habe ich jedem, dem das Manifest auffiel, eine kleine Falle gestellt und gesagt, ich hätte den Text geschrieben. Nach einer kurzen Denkpause kam fast immer die gleiche Antwort: „Interessant.“

Und das ist es auch. Diese Komposition an bedeutungsgeladenen Begriffen. Diese überraschenden Gegenüberstellungen. Diese radikalen Folgerungen. Interessant auf jeden Fall. Aber eines ist das Manifest auch: Es ist Schwachsinn.

Und damit lüfte ich das Geheimnis hinter dem Autoren des „interessanten“ Manifests und versuche den Beobachter auf die sinnlosen Zusammenhänge, auf die skurrilen Schlüsse, auf den fehlenden Inhalt aufmerksam zu machen. Verblüffte Gesichter sind die Reaktion auf meine brutale Enthüllung. Aber einzelne spannende Teilstücke seinen schon auszumachen? Und irgendwie habe das Ganze doch schon einen Tiefsinn?

Wenn es nach einem Manifest aussieht, wenn es sich wie ein Manifest liest, wenn es nach einem Manifest schmeckt, sich so anfühlt und wie ein Manifest wirkt, dann muss es doch ein Manifest sein, oder?

Wir lassen uns unheimlich schnell täuschen. Wenn etwas in Form und Erscheinung überzeugt, wenn es fast allen musterhaften Ansprüchen einer bestimmten Ausdrucksform entspricht, dann darf es offenbar in seinem (meiner Meinung nach wichtigsten) Element, der Aussage, etwas schwächeln. Weshalb ist das so?

Form und Erscheinung lassen sich einfach fassen. Ein Layout wirk stimmig oder nicht. Die Farben passen oder nicht. Der Schreibstil wirkt gewohnt oder nicht. Die Grösse ist richtig oder sie ist es nicht. Kurz: Egal, ob bei einem Buch, einem Gemälde, oder einem Manifest – Wir kennen die Gefühle, die eine bestimmte Ausdrucksform beim Betracht auslöst und können diese einordnen.

Bei der Aussage wird das Ganze etwas schwieriger. Wir alle kennen diesem Moment. Wir lesen ein Buch oder stehen vor einem Gemälde und fragen uns: „Was will der Künstler damit eigentlich aussagen?“ Die Aussage lässt sich nicht messen, mit den Fingern spüren, mit den Augen wahrnehmen. Man versteht sie oder nicht. Und wenn wir die Aussage nicht verstehen, wer sagt dann, dass das Produkt ungenügend ist und nicht unsere Verständnisleistung? Wer sagt, dass hinter scheinbar schwachsinnigen Sätzen und Pinselstrichen nicht eine Logik oder ein Tiefsinn verborgen liegt, auf den wir keinen Zugriff haben? Wann handelt es sich um gerechtfertigte Kritik und wann um Ignoranz? Und wenn wir etwas zu verstehen glauben, verstehen wir es dann wirklich? Ich weiss es nicht.

Der Grat zwischen Tiefsinn und Schwachsinn ist sehr schmal. Ich bin der Meinung, man darf zwischendurch den Mut haben und der eigenen Intuition vertrauen. Ich denke, man muss nicht immer den intellektuell korrekten Weg gehen und die eigene Ignoranz priorisieren. Ich denke, es ist in Ordnung, manchmal den „Schwachsinn-Stempel“ auszupacken und auf den Tisch zu schlagen. Wir werden nie alles verstehen, alles fühlen, alles sehen und wahrnehmen. Und das ist in Ordnung so.

Denn ist nicht Kunst, wie Seth Godin meint, etwas zu tun, „was möglicherweise nicht funktioniert“? Kunst ist oft erhaben, oft erleuchtend, oft tiefgründig und voller Sinn und Zweck. Aber Kunst darf auch Schwachsinn sein, voller Ungereimtheiten, voller Fehler, voller Dreck und Oberflächlichkeit.

Es gibt keine Anleitung für Kunst.

Und es gibt auch keine Anleitung für das Verstehen von Kunst.