Zwischen Kriminalroman und Science-Fiction – Deleuzes Anspruch an eine philosophische Methodik

«Ein philosophisches Buch muss einesteils eine ganz besondere Sorte von Kriminalroman sein, anderenteils eine Art science fiction», schreibt Gilles Deleuze (1925-1995) im Vorwort zu seinem unverständlichen aber gleichfalls faszinierenden Werk Differenz und Wiederholung.

Was macht die Philosophie für uns interessant? Weshalb üben die grossen philosophischen DenkerInnen und Gedanken eine solche Faszination auf uns aus?

Unabhängig vom Inhalt gelingt es den entscheidenden Werke der Philosophiegeschichte, scheinbar unzugängliche, abstrakte oder oft mystisch wirkende Themenbereiche durch strukturiertes Denken zu veranschaulichen, zu formulieren und allgemein nachvollziehbar zu machen. In einem Land aus amorphen Gegenständen – etwas metaphorischer gesprochen –, wo die Blätter tagsüber ihre Farbe wechseln und man nicht weiss, wo oben und unten, wo Norden und wo Süden ist, schafft es die Philosophie im dynamischen Wirrwarr einen Kompass zu finden, eine Landkarte zu zeichnen und das Terrain abzustecken. Es sind diese Momente, wo man sich fragt, wie es überhaupt möglich ist, ein solch verstricktes Konstrukt auf der Schädeldecke zu balancieren und in Sprache zu übersetzen, in denen man sich kurz zurücklehnen und einmal durchatmen muss, bevor einem ein unkontrolliertes «Wow!» über die Lippen rutscht. «Das ist Philosophie.»

Gilles Deleuze hat dieses Gefühl als Anspruch an eine philosophische Methodik in Form eines Zusammenspiels von zwei literarischen Genres formuliert: Ein philosophisches Werk kann, soll, muss gleichzeitig ein wenig Krimi und science fiction sein.

1. Kriminalroman

Zum einen hat ein philosophisches Werk nach Deleuze einen detektivischen Anspruch. Durch Nacherzählung der Philosophiegeschichte mithilfe «eine[r] Art Zeitlupe, Erstarrung oder Stillstand des Textes» aber auch durch Veränderungen von Denkprozessen und Herangehensweisen sollen Geheimnisse gelüftet, Begriffe geklärt und Subtexte freigelegt werden. Der Philosoph übernimmt eine aufklärerische Rolle und bringt für seine Leserschaft Licht ins Dunkle:

«Mit Kriminalroman meinen wir, dass sich die Begriffe mit einem gewis­sen Aktionsradius einschalten müssen, um einen lokalen Sachverhalt zu lösen. Sie verändern sich selbst mit den […]»

2. Science-Fiction

Zum anderen soll die Philosophie aber nicht nur alte Steine umkehren, sondern sich an neue Ausdrucksweisen versuchen, fremdartige Gegenden und Themen erkunden und den status quo herausfordern. Deleuze propagiert eine Reorientierung der Philosophie hin zum Unbekannten und Unbegreiflichen. Damit die Philosophie gegenwärtig bleibt, soll sie immer auch ein wenig Zukunft sein:

«Wie lässt sich anders schreiben als darüber, worüber man nicht oder nur ungenügend Bescheid weiss? Gerade darüber glaubt man unbedingt et­was zu sagen zu haben. Man schreibt nur auf dem vordersten Posten seines eige­nen Wissens, auf jener äußersten Spitze, die unser Wissen von unserem Nichtwis­sen trennt und das eine ins andere übergehen lässt. Nur auf diese Weise wird man zum Schreiben getrieben.»


Quelle: Deleuze, Gilles: Differenz und Wiederholung, 3. Aufl., München: Fink 2007, S. 13-14 (Hervorhebungen im Original)