Ich habe Abfall an die Wand gehängt – ist das jetzt Kunst?

Geschriebenes

Zwei Meter zehn auf eins siebzig. Festes, ungestrichenes Papier mit Kartonkern; hundertachtzig Gramm pro Quadratmeter. Reduzierter Farbauftrag. Organischer Duktus. Illusorische Tiefendimension in der Fläche. Motiv der Grenzüberschreitung und des Spannungsfeldes – sowohl in der Materialität sowie der Aussage. Zusammenspiel von Flüssigem und Festem, von Statik und Bewegung. Der Fluchtpunkt liegt in einer verwaschenen Diagonale ohne definierte Richtung. Das Auge verliert sich in der verschwommenen Kontrastierung des abstrakten Chiaroscuros.

Staunende Blicke. Offene Münder. Gezückte Handys. Aufgeschlagene Notizblöcke. Ein mehrstimmiges Raunen geht durch die Menge, die sich bereits sechs Monate im Voraus Plätze für die Vernissage reservierte…

… Sorry, das war ein bisschen übertrieben. Es gab keine Vernissage. Und auch in der Reaktion der Besucher wurde vielleicht ein klein wenig Drama dazugedichtet. Doch was ist schon Kunst ohne Trara und Exzentrik! Und zumindest bei diesem Punkt waren sich alle einig, die das Bild gesehen haben, das seit zwei Monaten in meinem Zimmer hängt. Es ist Kunst.

Und schon wieder muss ich mich korrigieren. Es waren sich fast alle einig. Alle ausser mir. Denn als einziger wusste ich, um was es sich tatsächlich handelt: Was in meinem Zimmer hängt, ist keine Kunst. Es ist Abfall.

Interessanterweise war die Reaktion auf mein Geständnis nicht negativ. Im Gegenteil. Es sei trotzdem Kunst. Es sei Abfall-Kunst. Oder Kunst aus Abfall. Oder es sehe zumindest so aus.

Unzufrieden oder nicht ganz einverstanden mit diesem Fazit, habe ich das Ganze etwas genauer unter die Lupe genommen. Ich habe mich mit fünf Perspektiven auseinandergesetzt, die mir dabei helfen sollen, meine Frage zu beantworten: Was ist das Bild an der Wand nun wirklich? Ist es Kunst? Oder ist es doch nur Abfall?


1. Die Story

Jedes Kunstwerk hat eine Story. Es erzählt etwas über den Künstler oder über das Abgebildete. Vielleicht sagt es etwas über den Zeitgeist aus. Und vielleicht zeigt es eine Geschichte aus der Vergangenheit. Vielleicht thematisiert es das Material. Vielleicht offenbart das Kunstwerk etwas über sich selbst. Oder vielleicht verweigert es bewusst eine Geschichte (was wiederum auch eine Geschichte ist.) In diesem Fall ist die Story des Bildes in erster Linie die Geschichte seiner Entstehung.

Noch vor wenigen Monaten lag es auf kaltem Steinboden und wurde mit Füssen getreten. Es hatte eine klare Aufgabe, eine spezifische Bestimmung. Es sorgte für Ruhe, für Einheitlichkeit, für Ordnung. Es lag da und war weiss. Das heisst, es war weiss, bis sich die Katastrophe ereignete.

Eines Nachts grollte der tiefschwarze Himmel aus den Schlündern mehrstöckiger Wolkenberge über einer Zürcher Gemeinde… Nein, ich werde schon wieder zu dramatisch. Belassen wir es bei einem einfachen Bericht: Es regnete. Es regnete stark. Es regnete so stark, dass die Abflüsse das Wasser nicht mehr schlucken konnten und ein Wasserschwall einen Kellerboden überflutete. Dabei handelte es sich um denselben Boden, auf dem zufälligerweise auch das erwähnte weisse Papier lag. Das Wasser kroch den Fasern entlang und penetrierte das Material mit seiner staub- und dreckgetränkten Nässe.

Einige Wochen nach der Überschwemmung befand ich mich in diesem Keller – dem Fotostudio meines Kollegen –, als die Konsequenz des Wasserschadens ersichtlich wurde. Der Hintergrundkarton des Studios (,das Papier, das den Fotos einen uniformen Hintergrund ermöglicht und das Motiv im Weiss oder Schwarz schweben lässt,) war im Eimer. Durch das Wasser hat sich der Karton gewellt und war verschmutzt. Also nahm ich die Schere in die Hand und schnitt den durchtränkten Teil des Papiers ab. Dann hob ich das weisse Papier an und wollte mich um den darunterliegenden schwarzen Hintergrund kümmern, der ebenfalls durch das Wasser verunstaltet wurde.

Zwischendrin, dort wo sich die verschiedenfarbigen Papiere berührten, hat durch die Feuchtigkeit das dunkle auf das helle Papier abgefärbt und das flüssige Muster darauf gezeichnet, das man auf dem Bild erkennen kann.

Die Story des Bildes ist also eine des Zufalls, der Natur, des Unglücks und der Überraschung. Durch den Wasserschaden verlor das Papier seinen ursprünglichen Zweck und gewann einen neuen: Es wurde zu Kunst. Oder doch nur zu Abfall? Noch bin ich unschlüssig…


2. Der Ausschnitt

Nachdem ich das Papier eingerollt ins Auto getragen und nach Hause transportiert hatte, stand ich mit einer riesigen Rolle in meinem Wohnzimmer. Offensichtlich konnte ich das Papier in dieser Form nicht gebrauchen. Also holte ich mir Skalpell, Massstab und Winkel und schnitt aus dem Papier jenes rechteckige Format aus, das jetzt an meiner Zimmerwand hängt.

Durch das Zurechtschneiden bestimmte ich zwei Dinge: was man sehen sollte und was nicht. Indem ich rechtwinklige, parallele Ränder ausschnitt, entschied ich mich dafür, nicht die abgerissene, natürlich gewellte Begrenzung des Papiers stehen zu lassen. Indem ich den staubigen Schuhsohlenabdruck ausserhalb des Formats liess, entschied ich mich dafür, den Fokus auf das Wassermuster zu legen. Indem ich die Wasserlinie in die Diagonale setzte, entschied ich mich für einen entscheidenden kompositorischen Aspekt des Bildes.

Kein Kunstwerk kann alles zeigen, alles sagen, alles reflektieren. Kunst hat immer mit Selektion zu tun. Der Künstler wählt etwas aus, dass er mit seinem Werk behandeln möchte. Und gleichzeitig behandelt er damit auch eine Menge nicht.

In diesem Fall war das Ausschneiden des Papiers – so denke ich – Teil eines künstlerischen Prozesses.


3. Die Umwertung

Ich gehe nicht ins Museum, um mir Farbe, Leinwand, Bronze, Gips oder Papier anzuschauen. Kunst ist immer ein wenig mehr als das, aus dem sie besteht – sie transzendiert das Materielle.

Kunst eröffnet eine neue Möglichkeit des Wahrnehmens. So kann es sein, dass ein Urinal zum Fountain wird, Farbpigmente sich zu Mona Lisa zusammensetzen oder aus einem Marmorblock David entsteht. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich wie bei Duchamps Readymade um ein kunstgeschichtliches Statement oder wie bei Michelangelos Skultpur um eine handwerkliches Meisterwerk handelt. Im künstlerischen Prozess findet eine Umwertung statt: Aus etwas Bestehendem wird etwas Neues.

Eine solche Umwertung kann auch stattfinden, indem man ein Papier nimmt, das auf dem Boden liegt und es an die Wand hängt. Die Umpositionierung von der Horizontalen (Boden) zur Vertikalen (Wand) macht aus dem Papier, auf dem man herumtritt, etwas, das man sich ansieht. Die Veränderung der Perspektive erlaubt die Transformation bzw. die Umwertung seiner Materialität:

  • Der Hintergrundkarton wird zum Bild.
  • Die Flecken werden zum Muster.
  • Der Kontrast wird zur Tiefe.
  • Das Getrocknete wird zu Liquidem.
  • Die Linien werden zu Grenzen.
  • Die Unebenheiten werden zu Natürlichkeit.
  • Das Statische wird zu Bewegtem.
  • Das Zusammenspiel wird zu Wasser.

…und der Abfall wird zum Kunstwerk?


4. Die Signatur

Ich bin nicht für den Wasserschaden verantwortlich. Ich habe auch nicht für das Papier bezahlt. Ich habe es im Auto meines Freundes nach Hause gefahren und mit einem Cutter ausgeschnitten, der nicht mir gehört. Ich konnte das Bild nur mit Hilfe an meine Wand hängen. Und was heisst schon meine Wand?! Die ist auch nicht mir.

Und doch habe ich in der unteren rechten Rechten Ecke das Papier mit meiner Unterschrift versehen. Ich habe das nicht gemacht, weil ich damit die Leistung der anderen und die Zufälle, die mitgespielt haben, relativieren möchte. Ich wollte damit auch nicht unbedingt meine Urheberschaft beweisen. Ich dachte einfach, es gehört sich so.

Bis zur frühen Neuzeit war es für einen Künstler nicht selbstverständlich, seine Arbeit mit dem eigenen Namen zu unterschreiben. Das war nicht der Fall, weil es sich bei den Werken meist um Auftragsarbeiten handelte. Autorschaft von Kunst ist ein moderneres Phänomen. Sie bezeichnet u.a. ein Aneignungsverhältnis, es weist auf eine kreative Quelle des Werks hin und es stellt das Werk in den Kontext weiterer Arbeiten eines Künstlers oder seiner Zeitgeschichte.

Indem ich also das Bild unterschrieb, mischte ich mich in diesen künstlerischen Diskurs ein. Mit meiner Signatur übernahm ich Verantwortung und stellte eine Beziehung des Werkes zu mir her und von mir zur Kunst an sich.

Kann man Abfall signieren? Oder machte ich das Bild durch meine Unterschrift automatisch zu einem Kunstwerk?


5. Das Ganze

Vielleicht ist es dem aufmerksamen Lesenden aufgefallen, dass ich mich die ganze Zeit um eine Definition von «Kunst» oder «Künstler» gedrückt habe. Ich habe verschiedene Aspekte aufgezählt, die man in Beziehung zu diesen zwei Begriffen setzen könnte. Alles andere ist Stoff für eine vertieftere und fundiertere Auseinandersetzung.

Und vielleicht hat man gemerkt, dass keine wertenden Gesichtspunkte besprochen wurden. Ob das Werk ästhetischen, qualitativen oder stilistischen Massstäben genügt, möchte ich auch jemand anderen beurteilen lassen.

Was sich aber gezeigt hat, ist, dass sich die Frage, ob es sich beim Bild um Kunst oder Abfall handelt, aus verschiedenen Richtungen angegangen werden kann. Egal, ob man das Bild als ein Medium betrachtet, dass eine Geschichte transportiert. Egal, ob das Bild das Fragmentarische des künstlerischen Schaffens reflektiert. Egal, ob das Bild eine neue Art des Wahrnehmens ermöglicht. Egal, ob man das Bild als Produkt eines Individuums betrachtet. Und egal, ob man das alles daneben findet – es gehört irgendwie alles zum Ganzen dazu.

Das Ganze ist das dynamische Zusammenspiel von Material, Kreativität, Wahrnehmen und Denken. Es stösst sich ab und zieht sich gleichzeitig an, dreht sich im Kreis und lässt einen verändert zurück.

Alles in Allem glaube ich, hat das Bild eine künstlerische Wirkung, weil es etwas in Gang gesetzt hat. Ich kann zwar mit einzelnen Aspekten nicht einverstanden sein und weiss, dass der grösste Teil für diese kurze Auseinandersetzung aussen vor gelassen wurde. Aber eine Auseinandersetzung ist geschehen.

Und wenn auch nur das Bild stellvertretend für etwas Anderes, Besseres, Schöneres und Echteres stehen würde. Auch wenn möglicherweise die Rückseite des Bildes oder etwas ganz anderes eine ähnliche Reaktion ausgelöst hätte, so glaube ich doch langsam, dass dieses eine Bild mit allem, was es ist, nicht nur Abfall, sondern auch ein klein wenig Kunst ist.

(Zumindest für mich.)