Reden als Denken – Heinrich von Kleist über Sprache und Einsicht

Geschriebenes

«Wenn du etwas wissen willst und es durch Meditation nicht finden kannst, so rate ich dir […], mit dem nächsten Bekannten, der dir aufstösst, darüber zu sprechen», schreibt Heinrich von Kleist 1805-1806. «Es braucht nicht eben ein scharfdenkender Kopf zu sein, auch meine ich es nicht so, als ob du ihn darum befragen solltest: nein! Vielmehr sollst du es ihm selber allererst erzählen.»

Wir lernen von klein auf, erst die Hand zu heben, wenn wir die Antwort kennen. Wir sind es gewohnt, zu zeigen was wir können und zu üben, wozu wir nicht fähig sind. Wenn nun Kleist dazu auffordert, darüber zu sprechen, was wir nicht wissen – dann wirkt das erstmal verkehrt.

Doch was Kleist in Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden ausführt, ist keine Umdrehung der Welt, sondern eine Erweiterung unserer Perspektive, in welcher Konstellation Sprechen Wirkung entfalten kann. Wir können nicht nur das Gedachte aussprechen, sondern durch ein Aussprechen denken und nicht nur unser Verständnis kommunizieren, sondern kommunizieren, um zu verstehen.

Wir kennen dieses Situation: Man spricht und weiss eigentlich gar nicht, worauf man hinauswill. Der Knopf arbeitet. Worte sprudeln aus dem Mund. Und ohne es zu erwarten oder gar zu planen, produziert man Sätze, Sinn und Zusammenhänge, die so vorher nicht existierten. Es passiert. Und so ziemlich von alleine.

Diese Art von Prozess kann man nach Kleist gezielt triggern, indem man den Geist unter Spannung versetzt. Diese Spannung entsteht, wenn man zu Sprechen beginnt, ohne genau zu wissen wovon und wohin. Es braucht bloss einen Startpunkt. Der Rest entsteht fortlaufend:

«Aber weil ich doch irgendeine dunkle Vorahnung habe, die mit dem, was ich suche, von fernher in einiger Verbindung steht, so prägt, wenn ich nur dreist damit Anfang mache, das Gemüt, während die Rede fortschreitet, in der Notwendigkeit, dem Anfang nun auch ein Ende zu finden, jene verworrene Vorstellung zur völligen Deutlichkeit aus, dergestalt, dass die Erkenntnis zu meinem Erstaunen mit der Periode (= komplexes Satzgebilde) fertig ist.»

So gräbt sich die Rede ihre eigene Spur entlang eines Gedankengangs. Sie erhält sich selbst, indem sie unabgeschlossen nach einer Fortsetzung strebt. Dieser Prozess braucht Raum und Zeit. Wo dies knapp wird, kann man beim Sprechen gezielt etwas nachhelfen:


«Ich mische unartikulierte Töne ein, ziehe die Verbindungswörter in die Länge, gebrauche auch wohl eine Apposition, wo sie nicht nötig wäre, und bediene mich anderer, die Rede ausdehnender Kunstgriffe, zur Fabrikation meiner Idee auf der Werkstätte der Vernunft die gehörige Zeit zu gewinnen.»

Das Gegenüber hält die Spannung aufrecht, indem es zuhört, schaut und wartet. Es braucht nichts dabei zu tun, als präsent zu sein:


«Es liegt ein sonderbarer Quell der Begeisterung für denjenigen, der spricht, in einem menschlichen Antlitz, das ihm gegenübersteht; und ein Blick, der uns einen halbausgedrückten Gedanken schon als begriffen ankündigt, schenkt und oft den Ausdruck für die ganze andere Hälfte desselben.»

Die Worte sind somit nicht das Ziel und die Formulierung nicht die Konsequenz, sondern ein Werkzeug, um überhaupt zum Ziel zu gelangen und die Konsequenz zu ermöglichen:


«Die Sprache ist alsdann keine Fessel, etwa wie ein Hemmschuh an dem Rad des Geistes, sondern wie ein zweites mit ihm parallel fortlaufendes Rad an seiner Achse.»

Möchten wir etwas sagen, müssen wir es wissen, können wir darüber reden.

Lasst uns reden und schauen, wohin es führt!


Bilder: Illustrationen aus A system of elocution, with special reference to gesture, to the treatment of stammering, and defective articulation .. (1846) von Andrew Comstock, digital bearbeitet – Quelle.