Eine Entschuldigung für das eigene Tun – Karl Popper und der Zweck von Philosophie

Geschriebenes

«Heutzutage ist es durchaus nötig, sich zu entschuldigen, wenn man sich mit Philosophie in irgendeiner Form beschäftigt», bemerkt Karl Popper (1902-1994) in Objektive Erkenntnis von 1973. «Vielleicht mit Ausnahme einiger Marxisten scheinen die Fachphilosophen die Verbindung mit der Wirklichkeit verloren zu haben […]. Nach meiner Auffassung ist der größte Skandal der Philosophie, dass, während um uns herum die Natur – und nicht nur sie – zugrunde geht, die Philosophen weiter darüber reden – manchmal gescheit, manchmal nicht – ob diese Welt existiert.»

Ich lese diesen Abschnitt und zucke unkontrolliert zusammen. Vielleicht fühle ich mich ertappt, weil ich kürzlich in einem Seminar ein Semester lang darüber diskutiert habe, inwiefern man von den eigenen Sinneseindrücken auf die Existenz einer Außenwelt schließen kann. Und die Reaktion mag daran liegen, dass gerade eben meinem Standpunkt als Philosophie- und Literaturstudent der Boden unter den Füßen entzogen wurde.

Im zweiten Atemzug wirbelt die Erschütterung eine Menge tiefliegender Zweifel auf und gibt den Anstoß, um über die Relevanz des eigenen Tuns nachzudenken: Hat mein Denken einen Bezug zur Realität? Ist es gerechtfertigt, wie ich meine Zeit einsetze? Worin besteht die Wirkung meiner Handlungen? Und was hat eigentlich Sir Popper zu seiner Verteidigung zu sagen?

«Welche Entschuldigung habe ich? Folgende. Wir haben alle unsere Philosophien, ob wir dessen gewahr werden oder nicht, und die taugen nicht viel. Aber ihre Auswirkun­gen auf unser Handeln und unser Leben sind oft verheerend. Deshalb ist der Versuch notwendig, unsere Philosophien durch Kritik zu verbessern. Das ist meine einzige Entschuldigung dafür, dass es überhaupt noch Philosophie gibt.»

Damit bleibt eigentlich nur noch eine Frage unbeantwortet: Was ist meine Entschuldigung?


Bild: Illustration aus The Eccentric Mirror: Reflecting a Faithful and Interesting Delineation of Male and Female Characters, Ancient and Modern, Collected and re-collected, from the most authentic sources (1807) von G.H. Wilson, London – Quelle.