‘Kalokagathia’ oder das Schöne und das Gute

Geschriebenes

1915 veröffentlicht der französische Psychiater Dr. Edgar Bérillon eine Abhandlung über den grässlichen Gestank des deutschen Volks. In seinem Buch La polychrésie de la race allemande mit dem aussagekräftigen Untertitel Das übertriebene Darmleerungsbedürfnis der deutschen Rasse bezichtigt Bérillon den Kriegsfeind, dass er deutlich mehr übelriechende Fäkalmaterie produziere als die französische Durchschnittsperson.

Thersites, der in Homers Ilias das griechische Heer zur Gehorsamsverweigerung auffordert, wird als «krummbeinig, auf einem Fuß hinkend, die Schultern bucklig und zur Brust gebogen, der Kopf spitz und bedeckt mit spärlicher Wolle» (II, 217–19) beschreiben. Mit einem deftigen Schlag des Zepters wird die neidische Kröte von Odysseus an seinen Platz verwiesen.

Und wo man sonst auch in der Geschichte oder Kunst hinschaut, überall lauern böse, unmoralische und unangenehme Gestalten, die (fast) durchwegs ein Merkmal teilen: Sie sind allesamt hässlich oder gar ekelerregend. Die kognitive Verzerrung, welche die alten Griechen und Griechinnen als Kalokagathia (altgr. καλοκἀγαθία) kannten, hat inzwischen die Sozialpsychologie als Halo-Effekt bestätigt: Wir neigen dazu, von uns bekannten Eigenschaften (körperliche Abscheulichkeit) auf unbekannte zu schließen (garstige Geistigkeit).

Was aber in Anwesenheit solcher eindringlicher Feindbilder gerne vergessen geht, ist, dass auch das Umgekehrte gilt: Wir identifizieren das Schöne mit dem Guten, verstehen sympathische Menschen als moralisch und schließen von Sportlichkeit auf Intelligenz. Würden wir also aufhören, nur in unserer unmittelbaren Nähe nach Idealen Ausschau zu halten, wäre das Fremde vielleicht plötzlich nicht mehr so bedrohlich. Versuchen wir doch, eine solche Perspektive einzunehmen: Wir leben in einer Welt schöner Menschen (auch wenn nicht jede und jeder die Löwenstatur eines Achilles besitzt oder einen tadellosen französischen Darmtrakt aufweist).


Bild: Illustration aus dem Dictionnaire infernal (1863) von J.-A.-S. Collin de Plancy – Quelle.