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‘Betrauerbarkeit’

Judith Butler führt in ihrem Buch Die Macht der Gewaltlosigkeit (2020) eine neue Perspektive ein, wie über den gesellschaftlichen Wert von Dingen nachgedacht werden kann. Ob uns etwas wichtig ist, lässt sich nach Butler daran ablesen, inwiefern sich darüber trauern lässt.

«Betrauerbar sein heißt angesprochen sein auf eine Weise, die mich wissen lässt, dass mein Leben zählt, dass sein Verlust nicht bedeutungslos ist, dass mein Körper als einer behandelt wird, der zu leben und zu gedeihen imstande sein sollte und dessen Prekarität so gering wie nur möglich sein sollte, wofür auch förderliche Bedingungen gegeben sein sollten.»

Hat der mögliche Verlust eines Objekts negative Konsequenzen, spricht dies für eine Wertschätzung. Und diese Wertschätzung – so folgt daraus – zieht eine entsprechende Verantwortung nach sich. Doch an diesem Punkt wird es erst richtig spannend.

Butlers Perspektive zwingt uns dazu, darüber nachzudenken, ob etwa auch «materielle Realitäten den Prozess der Trauer durchlaufen» und wir beispielsweise über Wälder oder Gletscher trauern können. Ob über Bestimmtes zu wenig getrauert wird. Und was es dazu braucht, um über jene Dinge ‘betrauerbar’ zu machen, die heute keiner Träne wert sind.


Bild: Detail aus Crying women (1938) von Mikulas Galanda, Web Umenia – Quelle.

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