Nach oben!

Als Ferdinand Graf von Zeppelin im Jahr 1900 im ersten Luftschiff abhob. Als das Motorflugzeug der Gebrüder Wright 1908 zum ersten Mal den Boden verliess. Als US-Präsident Herbert Hoover 1931 mit dem höchsten Gebäude der Welt – dem Empire State Building in New York – den Zugang zu den Wolken eröffnete. Als Edmund Hillary und Tenzing Norgay 1953 als erste Menschen auf der Spitze des Mount Everests den Himmel küssten. Und als Juri Gagarin 1961 zum ersten Mal die Atmosphäre durchquerte.

Der Blick nach oben scheint in der Natur des Menschen zu liegen. Wir möchten uns von dem, was uns festhält, loslösen, die Schwerkraft bezwingen und die Vertikale erobern. 

Wo das Schwere an Leichtigkeit gewinnt und Naturgesetze überwunden werden, da eröffnen sich neue Perspektiven. Daher rührt unsere Faszination für das Hoverboard aus Zurück in die Zukunft, deshalb laden die schwebenden Hallelujah-Berge aus Avatar zum Träumen ein und darum macht uns der Anzug von Iron Man aus dem Marvel-Universum Lust auf mehr. 

In welche Höhen treibt es dich? Und was hält dich am Boden?

Der Graf Zeppelin 1930 über der St. Paul’s Cathedral in London (Quelle)


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Plötzliches Coming-of-Age: Mein 50-Cent-Moment

Die Kindheit ist eine Entdeckungsperiode. Ein Haufen Neugierde und Weltlust gepaart mit dem Trieb, alles umdrehen, kennenlernen und hinterfragen zu wollen. Doch dieses Verlangen nach Neuem birgt auch Gefahren.

Das Kind soll tappen, spielen, glauben. Aber allein in seinem Kinderzimmer. Es soll entdecken, erfahren und lernen. Aber begrenzt auf das inszenierte Kinderuniversum. Wenn man aber genügend Dinge sieht, anfässt oder wendet, stösst man früher oder später auf etwas, das Eltern, Medien und Institutionen mit Sorgfalt vor der süssen Unschuld der Kindheit zu verbergen hofften.

Der Kontrast zwischen Kindheit und Erwachsenendasein, zwischen Spiel und Realität, zwischen Zensur und Wahrheit mag zu einem gewissen Grad bildungstechnisch Sinn machen. Doch jede Unterscheidung verschiedener Sphären innerhalb desselben Systems eröffnet eine Schwierigkeit: Sie schafft Grenzen. Das Kind überschreitet ins Erwachsenenleben aber selten (oder erst zu spät) in einem kontrollierten Umfeld in Form eines begleiteten rite de passage, sondern plötzlich, unverhofft und persönlich.

Irgendwann erhascht das Kind einen Blick über den Rand seines Plastiktellers. Irgendwann wird das Kind dazu gezwungen, mit Erschrecken, Ekel oder Ehrfurcht in die Höhe bzw. den Abyss der Erwachsenenwelt zu schauen. Irgendwann wird dem Kind die entblösste Wirklichkeit ins Auge fallen, die ihm mit solcher Vorsicht vorenthalten wurde. Und die rosarote Brille zerbricht auf seiner Nase.

Es handelt sich um einen Moment, den man nicht mehr aus dem Gedächtnis verbannen kann. Einen Moment, der die Perspektive auf die Realität drastisch und unumkehrbar verändert. Einen Moment monumentaler Zerstörung der kindlichen Harmonie und Idylle – den Biss in den Apfel im Paradies. Und gleichzeitig ein Moment der Erkenntnis, der Eröffnung eines neuen Zeitalters mit neuen Möglichkeiten und Perspektiven, aber auch ganz viel Schmerz, Leid und nackter Ehrlichkeit.

Ich bezeichne ihn als 50-Cent-Moment. Weshalb? Nun, weil es in meinem Fall etwas mit Musik zu tun hatte. Und richtig, etwas mit 50 Cent.

Es war 2005. Ich befand mich am Ende der ersten Primarschulklasse und wünschte mir auf den Geburtstag eine Stereoanlage. Genau, so ein Ding mit CD-Schlitz, Radioantenne, ultraschwerem Netzteil und zwei Lautsprechern. Zu behaupten, dass ich ein Musikfreak war, ist vielleicht noch ein wenig untertrieben. Ich kannte unsere gesamte CD-Bibliothek auswendig – von Queen über Tina Turner bis zu den Beatles. Ich verpasste an keinem Sonntag, mir die Top-50-Charts der Schweizer Hitparade auf DRS3 anzuhören. Im Musik-Quiz hätte ich vermutlich jeden ausgestochen. Auch hatte ich kürzlich mit Gitarren-Unterricht begonnen. Eine eigene Musikanlage war somit der logische nächste Schritt in meinem emanzipierten Musikstudium.

Mein Götti (schweiz. für Patenonkel) hatte mir zu meinem Geburtstagsfest eine CD mitgebracht, um die neue Anlage gebührend einzuweihen. Mit einem Schmunzeln auf den Lippen, das ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu deuten wusste, gingen wir in mein Zimmer und er schob die CD ins Gerät hinein. Dann erst gab er mir die Hülle in die Hand. Mein Kiefer fiel herunter. Er spulte zu Track No. 7 vor und drückte den Play-Button. Ein kaltheisser Schauer fuhr mir durch den Körper.

Ich weiss nicht mehr, was es genau war. War es das Cover von The Massacre mit einem dunkelhäutigen, muskulös verschwitzen Mannes mit diamantbesetztem Schmuck auf der Brust, die Kontruren übermalt mit blutartigem Farbauftrag und schmuddeligen Ornamenten im Hintergrund, das mich erschütterte? Oder waren es der drückende Bass von Candy Shop (Youtube|Spotify|Lyrics), der schleppende Rhythmus, die überhebliche Stimmlage von 50 Cent oder das stöhnenden Timbre von Olivia, die mich aufschreckten? Vermutlich alles zusammen. Eins war ich mir aber sicher: So etwas hatte ich noch nie erlebt.

Ich verstand kein Wort Englisch. Hatte kein Vokabular, um die implizite und explizite Erotik des Stücks zu verstehen und zu benennen. Ich wusste nicht, wie lyrische und auditive Andeutungen und Metaphern funktionieren. Hatte kein Wissen über die Hip-Hop-Kultur. Aber ich fühlte etwas.

Ich lächelte verschmitzt. Drehte mich leicht ab. Versteckte mich. Ich fühlte eine leichte Scham, diese Erfahrung zu machen. Die Musik, diese CD, das Ganze, es war, es war, wie soll ich sagen…

… unanständig!

Und doch war es bloss ein Stück Musik. Bloss ein Bild auf einer CD-Hülle. Und gleichzeitig so viel mehr.

Wenn ich daran zurückdenke, muss ich lachen, aber in jenem Augenblick öffnete mir dieser 50-Cent-Moment die Augen: Er schleuderte mich auf die andere Seite meines vorgehaltenen Spiegels, riss mir gewaltsam die Windeln vom Leib. Er zeigte mir, was ich noch nicht wusste, kannte, glaubte. Er zeigte mir die andere Art.

Heute ist Candy Shop vermutlich eines der meistgespielten Stücke in meiner Itunes-Bibliothek, zusammen mit vielen weiteren aus dem «Gangsta-Rap»-Genre. Und die Verbindung zu diesem Stück, dieser Musik spüre, wird mich vermutlich noch (m)ein Leben lang begleiten.

Dass ich auf auf diese abrupte Art und Weise erwachsen wurde, verdanke ich nicht nur meinem Götti und meinem Geburtstagswunsch, sondern auch – und vor allem – einer Menge Zufall. Denn wären es nicht Musik und nicht 50-Cent gewesen, so früher oder später garantiert irgendetwas anderes.

Was war dein 50-Cent-Moment?


Bilder:
1. Flammarions Holzstich aus dem Kapitel ‘La forme du ciel’ im Werk L’Atmosphère des Astronomen Camille Flammarion, Paris 1888.
2. Print mit dem Titel Monster Soup commonly called Thames Water vom britischen Künstler Wiliam Heath, ca. 1828.

Die Welt spricht zwei Sprachen: eine wissenschaftliche und eine lyrische

«Im Herzen der Sprache – Sprache, die wir für ein integriertes Ganzes hielten, für eine Art grenzenlosen Ozean – haben wir zwei Bereiche mit entgegengesetzten Merkmalen entdeckt», hält Pius Servien in seinem Aufsatz Science et poésie fest und präzisiert. «Wir haben ihnen einen Namen gegeben: die erste, die Sprache der Wissenschaft, die zweite, die lyrische Sprache.»

Formel und Kunstwerk, Rechnung und Gedicht, Beweis und Prosa, Ableitung und Metapher, Axiom und Grammatik, Umformung und Rhetorik. Die Sprache ist ein Werkzeug, um Strukturen und Inhalte zu organisieren und erfahrbar zu machen. Dies kann auf zwei grundsätzlich verschiedene Arten geschehen, wie Servien an der Unterscheidung zwischen wissenschaftlicher und lyrischer Sprache demonstriert.

Worauf Servien hinauswill, ist allerdings nicht die Unterscheidung zwischen Wissenschaft und Lyrik beziehungsweise zwischen Poesie und Forschung an sich. (Wobei dies natürlich auch ein interessanter Untersuchungsbereich darstellen würde…) «Lyrische Sprache» und «Sprache der Wissenschaft» sind lediglich Labels für gegensätzliche Ausdrucksarten. Es sind Bezeichnungen für zwei Sprachpole, die sich nicht zusammenfassen und nicht aufeinander reduzieren lassen. Zwei Untersuchungsfelder, keines besser als das andere. Sondern – in Serviens Worten formuliert – «zwei Bereiche der Konzentration von extremer Schönheit».

Doch worin liegt nun der Kontrast zwischen der lyrischen und der wissenschaftlichen Sprache? Worin besteht ihre Wesensdifferenz? Gilles Deleuze greift in der Einleitung zu seinem Werk Differenz und Wiederholung die Zweiteilung Serviens auf und führt zwei Begriffe ein, um den Unterschied zu erklären: Allgemeinheit und Wiederholung.

Allgemeinheit – das Prinzip der wissenschaftlichen Sprache

5+3=8. Genauso gilt: 2*4=8. Oder: 16/2=8. Oder: 23=8. Es spielt keine Rolle, welcher Term auf der linken Seite des Gleichheitszeichens steht. Die Aussage bleibt dieselbe. Diese Gleichungen sind äquivalent.

Das ist das Besondere an der Mathematik, der reinsten Form der wissenschaftlichen Sprache: Sie wird beherrscht durch das Gleichheitszeichen. Es können Elemente ausgetauscht oder ersetzt werden, ohne dass sich der Ausdruck verändert. Es können Zahlen und Variablen verschoben und umgestellt werden, ohne dass syntaktische Probleme auftreten.

Allerdings kann kein Term durch einen beliebige Alternative ausgewechselt werden. Und die Elemente einer Gleichung können auch nicht willkürlich umhergeschoben werden. Es gibt Regeln. Regeln, die eine Allgemeinheit, eine Allgemeingültigkeit der wissenschaftlichen Sprache ermöglichen. Deleuze identifiziert zwei Ordnungen innerhalb dieser Allgemeinheit. Er schreibt:

«Die Allgemeinheit macht zwei große Ordnungen geltend, die qualitative Ordnung der Ähnlichkeiten und die quantitative Ordnung der Äquivalenzen. Zyklen und Gleichheiten sind deren Symbole. In jedem Fall aber bringt die Allgemeinheit einen Gesichtspunkt zum Ausdruck, demgemäß ein Term gegen einen anderen ausgetauscht oder durch einen anderen Term ersetzt werden kann.» (S. 15)

Bild: Kalligraphieschriften im ägyptischen Stil aus Draughtsmans Alphabet von Hermann Esser (1845–1908). Quelle: https://www.rawpixel.com/image/378061/free-illustration-image-vintage-alphabets-ancient

Wiederholung – die Grundlage der lyrischen Sprache

Wenn man im OpenThesaurus nach dem Synonym von Gefühl sucht, so wird einem u.a. Emotion, Empfindung, Regung oder Ahnung vorgeschlagen. Kann man nun in einem Satz Gefühl durch einen der oben aufgeführten Begriffe ersetzen? Das kann man durchaus. Allerdings verändert man damit die Aussage des Satzes. Die Semantik von Gefühl ist nicht identisch mit der Bedeutung von Emotion. Die Wörter sind zwar sinnverwandt aber nicht äquivalent.

Und es geht noch einige Schritte weiter. Gefühl ist nämlich – je nach Kontext (Satz, Flexionsform, zeitgeschichtliche Epoche, Sprecher, Modalität, usw.) – nicht einmal zwingend identisch mit Gefühl selbst.

Im Gegensatz zur mathematischen Sprache gibt es bei der lyrischen keine Allgemeinheit: Es können weder Begriffe ersetzt noch verschoben werden, ohne dass sich ihre Bedeutung verändert. Aussagen in lyrischer Sprache sind einzigartig – oder im Wortlaut von Deleuze «singulär». Die Wiederholung sei eine Verhaltensweise der lyrischen Sprache, um mit ihrer Unersetzbarkeit umzugehen. Deleuze erklärt:

«Als Verhaltensweise und als Gesichtspunkt betrifft die Wiederholung eine untauschbare, unersetzbare Singularität. Die Spiegelungen, Echos, Doppelgänger, Seelen gehören nicht zum Bereich der Ähnlichkeit oder der Äquivalenz; und so wenig echte Zwillinge einander ersetzen können, so wenig kann man seine Seele tauschen.» (S. 15)

Wiederholungen im eigentlichen Sinne gibt es nicht. Wenn man etwas wiederholt, so ist dieses Etwas nicht mehr dasselbe, sondern immer auch etwas Anderes. Die Wiederholung selbst ist etwas Zusätzliches. Durch Wiederholung kann man sich aber an etwas Vorhergehendes erinnern und somit – auf paradoxe Weise – das «Unwiederbringliche wiederholen».

Bild: Kalligraphieschriften im ägyptischen Stil aus Draughtsmans Alphabet von Hermann Esser (1845–1908). 
Quelle: https://www.rawpixel.com/image/378061/free-illustration-image-vintage-alphabets-ancient


Die Unterscheidung zwischen wissenschaftlicher und lyrischer Sprache und damit zwischen den Prinzipien der Allgemeinheit und der Wiederholung bietet einem die wunderbare Möglichkeit, das eigene Vokabular im Nachdenken über Sprache zu vergrössern. Ob man die Gegenüberstellung aber sinnvoll und plausibel findet oder nicht, darf jeder für sich selber entscheiden. : )

Schön klingen tut es aber auf jeden Fall:

«Man stellt also die Allgemeinheit als Allgemeinheit des Besonderen der Wiederholung als Universalität des Singulären gegenüber. Man wiederholt ein Kunstwerk als begrifflose Singularität, und nicht zufällig muß ein Gedicht auswendig [par cœur] gelernt werden. Der Kopf ist das Organ der Tauschakte, das Herz [cœur] aber das in die Wiederholung verliebte Organ.» (S. 16)

Bild: Grab von Amon-ei-hem-djom, gravierte Inschrift an der Tür des Hypogäums von Jean François Champollion (1790–1832).
Quelle: https://www.rawpixel.com/image/421367/free-illustration-image-hieroglyph-amon-ei-hem-djom-ancient

Quellen:
Deleuze, Gilles: Differenz und Wiederholung, 3. Aufl., München 2007, S. 15-16 (Hervorhebungen im Original)
Servien, Pius: Science et poésie. In: Revue Philosophique de la France Et de l’Etranger 137 (3). 1947, S. 47 – 64. (Frei übersetzt aus dem Französischen.)
Bilder: Zahlen und Buchstaben, Hieroglyphen

3 unterschiedliche Arten, um (richtig?) mit Zitaten umzugehen

Gib es zu. Du hast es auch schon getan. Ich bin nicht der Einzige.

Ich spreche von Zitaten. Sei es, um eine Postkarte aufzupimpen, einen Vortrag zu würzen, ein Gespräch zu intellektualisieren, einen Blog-Beitrag aufzufrischen. Es geht aber nicht um Zitate, die wir uns in einem Klassiker anstreichen und in unser Notizbüchlein übertragen. Ich meine auch nicht Zitate, die uns vom letzten Tarantino-Film im Gedächtnis geblieben sind. Ich spiele auf die andere Art von Zitaten an. Genau, solche Zitate, wie wir sie auf aphorismen.de oder goodreads.com finden. Ja, auch diejenigen, die wir als Captions unterhalb der Bilder unserer Instagram-Freunde finden. Ich denke an jene Zitate ohne Kontext. Mündlich oder schriftlich. Nackter Text mit Anführungs- und Schlusszeichen. Und vielleicht einer Quelle – wenn’s gut kommt.

Darf man das? Darf man einen Textausschnitt aus seinem Kontext reissen? Darf man ein Zitat verwenden, ohne die Argumentation des Urhebers gelesen, reflektiert oder gar verstanden zu haben? Darf man zitieren, nur weil es cool, spannend, inspirierend oder kontrovers klingt?

Ich habe mich dazu der Philosophiegeschichte zugewendet, einer akademischen Disziplin, die sich den ganzen Tag damit beschäftigt, alte Texte, schlaue Texte, pragmatische sowie auch unverständliche Texte auseinanderzunehmen, zu segmentieren und weiterzuverwenden. Zumindest Philosophinnen und Philosophen müssten also einen klaren Massstab haben, wie man mit Zitaten umgehen sollte oder darf. Mindestens diese müssten sich einig sein, oder?

Das sind sie aber nicht. Kein bisschen. Im Gegenteil. Es fühlt sich an wie Politik. Es gibt ein Links, ein Rechts und eine Mitte. Es gibt verschiedene Lager, die sich streiten, widersprechen, relativieren. Ein Konsens scheint schon vom System her unmöglich, weil die verschiedenen Positionen ganz unterschiedliche Absichten verfolgen. Im Folgenden möchte ich drei (plausible) Positionen erläutern bzw. drei verschiedene Arten aufzeigen, wie in den Geisteswissenschaften mit Zitaten umgegangen werden kann.


1. Die historische Herangehensweise

Jede Art von Text entsteht in einem komplexen Netzwerk aus gesellschaftlichen Einflüssen und kulturellen Strömungen. Das Gesagte ist immer zu einem Teil ein Symptom des Zeitgeistes. Ob man will oder nicht.

Die historische Herangehensweise macht den zeitgenössischen Kontext zu ihrem Fokus. Es geht darum, den Text unter Berücksichtigung der historischen Umstände zu lesen und alle bekannten Aspekte des Kontextes in die Interpretation miteinzubeziehen. Ob der Text einen plausiblen und wichtigen Inhalt transportiert, ist dabei nicht relevant – ein Text ist primär ein Stück Zeitgeschichte.


2. Der rationale Umgang

«Was sagt ein Text und wie sagt er es? Dies steht im Zentrum des rationalen Umganges mit Zitaten. Dazu wird ein Text zergliedert und analysiert und die Argumente werden rekonstruiert. Mit einer rationalen Perspektive versucht man so, möglichst plausible Überlegungen und eine möglichst kohärente Position des Autors aus dem Text zu extrahieren.

Das Ziel ist es – einfach gesagt – herauszufinden, was der Autor mit seinem Text tatsächlich ausdrücken wollte. Und – wie bestimmt bekannt – ist das oft keinesfalls einfach.


3. Der appropriationist-approach

Aus Mangel an einem adäquaten deutschen Begriff muss ich hier auf den schicken englischen Ausdruck Appropriationism zurückgreifen. Appropriation Art ist eine künstlerische Ausdrucksform, bei der bewusst und öffentlich die Kunst eines anderen kopiert und weiterverwendet wird. Der Akt der Aneignung des Vorhandenen wird dabei als Kunst verstanden, weshalb es sich auch nicht um ein Plagiat handelt. Ähnlich funktioniert es beim appropriationist-approach im Bezug aufs Zitieren. Es geht um die Instrumentalisierung eines historischen Textes für aktuelle Zwecke.

Bei dieser Herangehensweise liegt die Absicht nicht darin, herauszufinden, was der Autor tatsächlich gesagt hat. Vielleicht ist dies nämlich gar nicht möglich. Vielmehr liegt der Fokus darin, den Text für die Gegenwart fruchtbar zu machen. Es sollen ihm Thesen und Argumente zugeschrieben werden, die für heutige Debatten relevant sind. Zitate sollen dazu dienen, den eigenen Standpunkt, die eigene Meinung zu unterstützen oder zu reflektieren. Pragmatik steht im Vordergrund.


Welche der drei Umgangsweisen ist die beste? Keine und jede. Alle haben ihre Berechtigung. Und jede Art hat ihre Problemzonen. Jede der drei Herangehensweisen kann sowohl verteidigt als auch auch kritisiert werden. Aber darum geht es vermutlich gar nicht. Wenn wir miteinander ein sinnvolles und sinnstiftendes Gespräch haben möchten und auf gegenseitiges Verständnis abzielen, so ist es – wie immer – wichtig zu wissen, welche Perspektiven es gibt. Genauso ist es auch beim Umgang mit Zitaten. Es gibt keine richtige oder falsche Variante. Es gibt verschiedene.

Trotzdem sieht man sich vermutlich zum einen oder anderen Umgang etwas mehr hingezogen. Ich gehöre am ehesten zum rationalen Lager. Und Du?


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Die Antithetik des Frühlings

Frühling –! Es spriesst das Efeu. Die Elstern krächzen ihre Melodie. Und die Fruchtfliegen vermehren sich wie Fruchtfliegen. Das ist Frühling –! Heuschnupfen und Glücksgefühle. Dunkelrote Sonnenuntergänge und unerfüllte Liebeslust. Antithetik des Frühlings –! Es verdreht einem Kopf. Man jongliert mit Gegensätzen, vergleicht Unvergleichliches, übt Druck und Luft und Kraft und Mangel aus und legt die Widersprüchlichkeiten bloss wie die Problemzonen in Freibad. Romantizynismus –! Das soll, nein, darf so sein. Den Gefühlen freien Lauf lassen und den Gemütszustand in der Natur spiegeln lassen. So haben das schon die Grossen gemacht. Frühling –! Nur bin ich kein Grosser. Ich bin ein Samenkorn, das man mit Optimismus in die Erde steckt. Anstatt zu keimen, verschimmle ich aus Protest. Ob das nun Gärtner, Käfer und Ökosystem verärgert, ist mir egal. Harmonie –! Ich bin draussen.

Ein Einwohner aus dem Dorf Kayaye, der im Rahmen der Kongcorong-Zeremonie von Kopf bis Fuß in Äste und Blätter gekleidet ist. Aus Major William Grays Bericht über seine Expedition nach Afrika. (Via PDR)

«Hier, das habe ich geschrieben.»

Das hört sich im ersten Moment ziemlich egoistisch an. Und vermutlich ist es das auch ein klein wenig. Doch vor allem ist es unglaublich beängstigend.

«Hier, das habe ich gestaltet, aufgenommen, konzipiert, gezeichnet, etc.» Mit einer solchen Äusserung übernehme ich Verantwortung für meine Arbeit, für ihre Fehler und Konsequenzen. In diesem Moment öffne ich mich für Kritik. Das ist, was ich gemacht habe. Das ist, wozu ich zu diesem Zeitpunkt fähig bin. Ich habe keine Ausreden. Ich kann mich nicht verstecken. Ich bin schuld daran. Niemand anderes. Und ich stehe dazu.

Doch es ist genauso wichtig wie beängstigend. «Hier, das habe ich gemacht», ist der einzige Weg zu: «Hier, ich habe etwas Besseres gemacht.»

Danke, dass ich diesen Artikel nutzen kann, um dir etwas zu zeigen, was ich gemacht habe. Es ist vielleicht nicht grossartig, vielleicht nicht einmal gut. Aber es ist von mir.


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