Neil Gaimans langweiliger Ratschlag an Schriftsteller

Woher kommen die Ideen für einen Roman, eine Erzählung, einen Artikel? Wie füllen sich die Seiten, formen sich die Charaktere und bilden sich die Dialoge aus? Und wie entstehen solch aussergewöhnliche Werke wie Neil Gaimans The Sandman, Good Omens oder The Graveyard Book? In einem Interview mit Seth Meyers spricht der britische Schriftsteller über die Quelle seines literarischen Schaffens: Langeweile.

«[…] I think it’s about where ideas come from, they come from day dreaming, from drifting, that moment when you’re just sitting there… The trouble with these days is that it’s really hard to get bored. I have 2.4 million people on Twitter who will entertain me at any moment… it’s really hard to get bored.

Welche Lösung schlägt Gaiman vor?

I’m much better at putting my phone away, going for boring walks, actually trying to find the space to get bored in. That’s what I’ve started saying to people who say ‘I want to be a writer,” I say ‘great, get bored.’»

Wir baden in einem Überfluss an Unterhaltung. Wenn einem nicht die Familie oder Freunde mit der metaphorischen Wasserpistole nass spritzen, so findet sich doch mindestens ein unbeantwortetes Mail in der Inbox. Wenn nicht, stehen einem jederzeit – und nur einen einzigen Klick entfernt – einige Jahrhunderte an Youtube-Videos, ein Ozean an Tweets und Memes, eine Weltbibliothek an Artikeln und Informationen zur Verfügung.

Um sich aus diesem Pool an Aufregung, Ablenkung und Dopamin zu ziehen, hat Gaiman eine simple aber geniale Regel erfunden. Im Podcast mit Tim Ferriss führt er aus:

« […] Yeah, ’cause I would go down to my lovely little gazebo at the bottom of the garden, sit down, and I’m absolutely allowed not to do anything. I’m allowed to sit at my desk, I’m allowed to stare out at the world, I’m allowed to do anything I like, as long as it isn’t anything. Not allowed to do a crossword, not allowed to read a book, not allowed to phone a friend, not allowed to make a clay model of something. All I’m allowed to do is absolutely nothing, or write.

What I love about that is I’m giving myself permission to write or not write, but writing is actually more interesting than doing nothing after a while. You sit there and you’ve been staring out the window now for five minutes, and it kind of loses its charm. You’re going, ‘Well, actually, let’s all write something.’ […] I think it’s really just a solid rule for writers. You don’t have to write. You have permission to not write, but you don’t have permission to do anything else.»

Die Antwort ist nicht immer mehr, sondern oft weniger. Das Potential liegt meist nicht im Vollem, sondern im Leeren. Die Kreativität entfaltet sich selten schnell und fast immer langsam.

Wir sind dafür verantwortlich, dass wir uns ein Umfeld schaffen, wo uns Luft zum Atmen und Raum zum Nachdenken, Kreieren und Schreiben bleibt.

Danke Neil.

Vintage Illustration eines schreibenden Mannes, veröffentlicht im Jahre 1821 von Hiram Cox Original aus der öffentlichen Bibliothek von New York. URL: https://www.rawpixel.com/image/323089/vintage-illustration-name-looto-serre-published-1821-hiram-cox-original-new-york-public-library

Vintage Illustration „A Looto Serre“, veröffentlicht im Jahre 1821 von Hiram Cox Original aus der öffentlichen Bibliothek von New York. (Via Rawpixel)

Quellen:
1. Late Night with Seth Meyers, 23.6.2016.
2. The Tim Ferriss Show Ep. 366, 28.03.2019.

Immer das Gleiche

Einige Gespräche drehen sich jedes Mal um das gleiche Thema. Egal wo man startet, man landet am selben Ort wie letztes Mal. Und vorletztes Mal. Es geht immer um das Gleiche.

Vielleicht sind aber nicht die anderen schuld. Vielleicht bist du es, der ihnen nicht genügend anderen Gesprächsstoff gibt?

GIF: Untitled, by Colin Raff (via PDR)
Inspiration: Seth’s Blog

Das Sinnieren

Am Schreibtisch. Auf dem Sessel. Unter dem Lindenbaum.

Mit dem Deckel auf dem Stift. Mit Tinte. Mit geschlossenen Augen. Mit offenen.

Über Sinn und Unsinn. Über Fragen und Antworten.

Im Geist. In der Erinnerung. In der Luft. In der Zukunft.

Form und Farbe, Ort und Art, Was und Warum sind unterschiedlich.

Aber Sinnieren funktioniert nur mit Ruhe. Nur mit Konzentration. Nur mit Zeit. Alles Faktoren, die im lauten, abgelenkten Alltag gerne ertrinken. Findet Sinnieren nicht bewusst statt, so findet es gar nicht statt. Es muss kultiviert werden.

Für mich ist es der Morgen, wenn der Geist frisch, die Luft kühl und die Synapsen aufgeladen sind. Für andere ist es die späte Nacht, wenn ausser dem Singen der Sterne nur leises Schnarchen den Denkprozess rhythmisiert.

So öffnen wir die Tür für mehr Momente wie jetzt, wo alles andere ausser dem Jetzt aus dem Blickfeld verschwindet und das Feuerwerk der Sinne im ganzen Körper glitzert und knistert.

Zeichnung des franbzösischen Grafikers und Malers Odilon Redon von 1893. Das Werk "Light" zeigt zwei diskutierende Menschen vor dem Kopf eines grübelnden Mannes.

Odilon Redon, Light, 1893


Anmerkungen:

1. Etymologie von „sinnieren“ aus dem digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache:
sinnen Vb. ‘nachdenken, grübeln, seine Gedanken planend auf etw. richten’, ahd. sinnan ‘gehen, reisen, wandern, streben, verlangen’ (9. Jh.), mhd. sinnen‘gehen, reisen, wahrnehmen, merken, verstehen, seine Gedanken oder Begierden auf etw. richten’, mnd. sinnen ‘erstreben, denken, nachsinnen’, (Quelle)

2. Die Freedom-App hilft, sich zumindest von den digitalen Verlockungen und Fesseln für eine bestimmte Zeit loszulösen und die Aufmerksamkeit den eigenen Gedanken anstatt dem Wirrwarr im Internet zu richten.

Ein Korb voller Äpfel – Descartes und der Skeptizismus

«Nehmen wir an, [eine Person] hätte einen Korb voller Äpfel und wollte, weil darin einige Äpfel faul waren, die faulen herausnehmen, um die Ausbreitung der Fäulnis zu verhindern. Wie würde sie vorgehen?» Diese Frage stellt René Descartes (1596-1650) als Antwort auf die Kritik an seinem kollektiven Zweifel in den Meditationen.

Kollektiv? Ja. Radikal? Auf jeden Fall. Da muss man seinen Kritikern recht geben. Descartes nahm sich in seinem bekanntesten Werk nämlich nichts weniger zum Ziel, als alles – und wirklich alles – Bekannte zu hinterfragen. Sein Werkzeug war eine gewaltige Abrissbirne, die weder die älteste oder stabilste, noch die schönste Mauer stehen lassen sollte. Alles musste weg, um vom Fundament auf eine stabile und unerschütterliche Weltansicht aufzubauen.

«Ich will also alles beseitigen, was auch nur den Schein eines Zweifels zulässt, (…) ich will vorwärts dringen, bis ich etwas Gewisses erkenne, sollte es auch nur die Gewissheit sein, dass es nichts Gewisses gibt.» (S. 77)

Die eigenen Überzeugungen, Meinungen und Perspektiven verhalten sich dabei wie ein Korb voller Äpfel. Es ist durchaus möglich, dass im Korb der eine oder andere Apfel faul ist. Doch wen kümmert das? Es spielt doch keine Rolle, wenn einige Faule in einer Menge Gesunden mit dabei sind? Oder? Doch, das tut es, wie Descartes erklärt. Denn Fäulnis ist wie eine ansteckende Krankheit. Werden die kranken Äpfel nicht entfernt, so «infizieren» sie alle gesunden Äpfel um sich herum.

Auch Überzeugungen können nicht isoliert voneinander betrachtet werden. Jede Meinung ist ein Knotenpunkt in einem komplexen Netzwerk. Wird eine Unwahrheit irrtümlicherweise als Wahrheit behandelt, wie im Beispiel Descartes der Glauben an die Zuverlässigkeit der eigenen Sinne oder das Vertrauen auf antike Autoritäten, so droht sich die Falschheit auf andere Überzeugungen innerhalb des Systems auszudehnen.

Nur leider kann man nicht einfach seine Hand in den Korb voller Äpfel stecken und die faulen hinausziehen. Wird auch nur ein einziger, verwesender Apfel vergessen, so war die ganze Arbeit umsonst. Es bleibt also nur eine Möglichkeit, um sich sicher zu gehen: Den ganzen Korb auszuleeren und jeden einzelnen Apfel zu inspizieren, die faulen auszusortieren und die gesunden sorgfältig wieder in den Korb zu legen. Pingelig und gründlich.

Der Moment des Umkippens ist beängstigend. Man muss dazu bereit sein, die Fäulnis der liebgewonnensten Meinungen zu akzeptieren. Man muss sich darauf einlassen, die Tatsachen mit dem Verstand und nicht mit den Gefühlen zu beurteilen. Und man muss damit rechnen, dass unter der Oberfläche möglicherweise mehr faul ist, als man es gerne hätte.

Jeden einzelnen Apfel umzudrehen ist schmerzhaft, anstrengend und zeitintensiv. Doch wenn es wirklich wichtig ist, dann lohnt es sich…

…vielleicht?

Gif: Sich drehende Äpfel (https://valsangiacomo.files.wordpress.com/2019/04/db_apfel.gif)

Vollständiges Zitat der Apfel-Analogie:

«Suppose [a person] had a basket full of apples and, being worried that some of the apples were rotten, wanted to take out the rotten ones to prevent the rot spreading. How would he proceed? Would he not begin by tipping the whole lot out of the basket? And would not the next step be to cast his eye over each apple in turn, and pick up and put back in the basket only those he saw to be sound, leaving the others? In just the same way, those who have never philosophized correctly have various opinions in their minds which they have begun to store up since childhood, and which they therefore have reason to believe may in many cases be false. They then attempt to separate the false beliefs from the others, so as to prevent their contaminating the rest and making the whole lot uncertain. Now the best way they can accomplish this is to reject all their beliefs together in one go, as if they were all uncertain and false. They can then go over each belief in turn and re-adopt only those which they recognize to be true and indubitable.» (Replies 7, AT 7:481, CSM 2:324)

Quellen:

Betz, Gregor (2011). Descartes‘ „Meditationen über die Grundlagen der Philosophie“: ein systematischer Kommentar. Stuttgart: Reclam.

Descartes, René (1986). Meditationes de prima philosophia: lateinisch/deutsch (Herausgegeben und übersetzt von Gerhart Schmidt). Stuttgart: Reclam.

Newman, Lex, „Descartes’ Epistemology“, The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Spring 2019 Edition), Edward N. Zalta (ed.), URL = <https://plato.stanford.edu/archives/spr2019/entries/descartes-epistemology/> (abgerufen am 21.4.2019).

Southwell, Gareth (2008). A Beginner’s Guide to Descartes’s Meditations. Malden, Mass.: Blackwell Publishing.

Krise (altgr. κρίσις)

Not. Elend. Misere. Depression. Tragik.

Das sind alles moderne Bedeutungsaspekte des Begriffs Krise. Sie markieren eine Phase der Ausweglosgkeit. Ein Ausharren im Negativen. Das breite Tal zwischen Höhepunkten.

Traditionell gesehen hat Krise allerdings eine leicht andere Färbung und bedeutet vor allem eines: Ein Entscheidungsmoment.

Eine medizinische Krise ist der Wendepunkt in einem Krankheitsverlauf, wo sich die Krankheit verstärkt, umschlägt oder nachlässt.

Eine politische Krise löst entweder Kriege, Revolutionen und Rebellionen aus oder führt zu Verhandlungen mit strukturellen Veränderungen.

Eine Wirtschaftskrise ist der Wendepunkt nach einer einschneidenden Depression, wo eine neue Konjunkturphase beginnt.

Eine rechtliche Krise ist eine aussergewöhnliche Situation, die Konsequenzen von unbekanntem Ausmass nach sich zieht.

Eine Krise im klassischen Drama bezeichnet die Peripetie (altgr. περιπέτεια) im dritten Akt des Stücks, den entscheidenden Wendepunkt der Handlung bzw. das Umschlagen des Glücks/Unglücks im Schicksal eines Charakters.

Eine Krise kann in einem Entzug sämtlicher Handlungsmöglichkeiten kulminieren. Aber eine Krise ist nie von Dauer. Denn es passiert immer etwas. Es muss etwas passieren. Sonst ist es keine Krise.

Eine Krise – im ursprünglichen Sinne – ist also kein Treibsand.

Eine Krise ist ein Katalysator.

"On January 28, 1986, the Space Shuttle Challenger and her seven-member crew were lost when a ruptured O-ring in the right Solid Rocket Booster caused an explosion soon after launch. This photograph, taken a few seconds after the accident, shows the Space Shuttle Main Engines and Solid Rocket Booster exhaust plumes entwined around a ball of gas from the External Tank. Because shuttle launches had become almost routine after fifty successful missions, those watching the shuttle launch in person and on television found the sight of the explosion especially shocking and difficult to believe until NASA confirmed the accident."

Anmerkungen:

Quellen:
1. Wikipedia-Artikel zur Krise
2. „Die Krise bei den Krankheiten ist, wenn sich die Krankheiten verstärken, nachlassen, in eine andere Krankheit umschlagen oder aufhören.“ Corpus Hippocraticum, De affectionibus 8.
3. Schössler, F. (2017). Einführung in die Dramenanalyse (2. Auflage). Stuttgart: J.B. Metzler, S. 22.

Bild:
Fotografie der explodierten Haupttriebwerke des Space Shuttle Challengers am 28. Januar 1986. (Quelle)