Benjamin Franklin und der Versuch eines Mannes, besser zu werden

«Ungefähr um diese Zeit fasste ich den kühnen und ernsten Vorsatz, nach sittlicher Vollkommenheit zu streben. Ich wünschte leben zu können, ohne irgend einen Fehler zu irgend einer Zeit zu begehen; ich wünschte, alles zu überwinden, wozu entweder natürliche Neigung, Gewohnheit oder Gesellschaft mich veranlassen könnte.»

Wie werde ich zu einem besseren Menschen? Wie springe ich über meine eigenen Barrieren? Wie lösche ich diese Fehler aus meinem Betriebssystem und werde unfehlbar? Wie erreiche ich einen perfekten Charakter? Wie werde ich sittlich vollkommen?

Wir sprechen hier von Fragen, die tief in die menschliche Psyche eingebrannt sind. Fragen, die sich Jahrtausende zurückverfolgen lassen. Fragen, die kulturelle Kontinentalplatten verschoben und Fortschritt prägten. Fragen, so gewöhnlich und alltäglich. Aber Antworten, so ausserordentlich und ungewöhnlich.

Und doch stehe ich hier und halte den Bericht eines grossmütigen Amerikaners in der Hand, der sich dieser Herkulesaufgabe wie kein zweiter in der Menschheitsgeschichte stellte.

«Da ich wusste, oder zu wissen glaubte, was recht und unrecht sei, so sah ich nicht ein, weshalb ich nicht immer das eine sollte tun und das andere lassen können.»

Die alten Griechen, die Urväter der Suche nach dem guten Leben und der persönlichen Weiterentwicklung, würden vor Respekt in die Hände klatschen und vor dem kühnen Macher den Hut (oder Lorbeerkranz) ziehen. Denn dieser Amerikaner besass nicht nur den Absicht, dieses absurde Ziel – einen vollkommenen Charakter zu werden – umsetzen zu wollen, sondern ging dabei so systematisch ans Werk, als würde er einen Kuchen backen.

Wollen wir also einen Blick hinter Benjamin Franklins Rezept zur sittlichen Vollkommenheit werfen. Alle Zitate und Textabschnitte stammen aus Franklins Autobiographie von 1793 (Übersetzung von Karl Müller).

1. Zielformulierung (oder der Kuchen und seine Zutaten)

Ob Schokolade, Marmor, Zitrone oder Apfel – wie ein Kuchen auszusehen hat, ist leicht vorstellbar. Der Name des Kuchens, ergibt sich aus der Hauptzutat des Teigs. Doch wie definiert man «sittliche Vollkommenheit»? Welche Zutaten oder Eigenschaften sind im Teig der sittlichen Vollkommenheit vorhanden? Und welche sind es nicht?

Benjamin Franklin erstellte dazu eine Liste mit Tugenden, die seiner Meinung nach sittliche Vollkommenheit ausmachten und die er zu beherrschen versuchte. Die Zutaten sind zwar subjektiver Natur, jedoch nicht ganz aus der Luft gegriffen. Die Grundsubstanz davon ist das Resultat eines ewigen Diskurses, den der belesene Franklin sehr gut kannte.

Was seine Liste so pragmatisch macht, ist die klare Benennung der einzelnen Tugenden. «Ich nahm mir nun vor,» wie Franklin erklärte, «behufs grösserer Deutlichkeit lieber mehr Namen anzuwenden und weniger Ideen mit jeden zu verknüpfen, als wenige Namen mit vielen Ideen.» Namen geben ist einfach. Verstehen, was diese Namen bedeuten und worin sie bestehen, das ist eine ganz andere Sache. Franklin übersetzte jede Tugend in eine konkrete Handlung und erlaubte sich damit bei der Umsetzung keinen Interpretationsspielraum. Die Tugenden werden somit durch Handlungen messbar.

Franklins Liste setzte sich aus folgenden 13 Elementen zusammen:


1. Mäßigkeit. – Iß nicht bis zum Stumpfsinn, trink nicht bis zur Berauschung.


2. Schweigen. – Sprich nur, was anderen oder dir selbst nützen kann; vermeide unbedeutende Unterhaltung.


3. Ordnung. – Laß jedes Ding seine Stelle haben und jeden Teil deines Geschäfts seine Zeit haben.


4. Entschlossenheit. – Nimm dir vor, durchzuführen, was du mußt; vollführe unfehlbar, was du dir vornimmst.


5. Genügsamkeit. – Mache keine Ausgabe, als um anderen oder dir selbst Gutes zu tun; d. h. vergeude nichts.


6. Fleiß. – Verliere keine Zeit; sei immer mit etwas Nützlichem beschäftigt; entsage aller unnützigen Tätigkeit.


7. Aufrichtigkeit. – Bediene dich keiner schädlichen Täuschung; denke unschuldig und gerecht, und wenn du sprichst, so sprich darnach.


8. Gerechtigkeit. – Schade niemandem, indem du ihm Unrecht tust oder die Wohltaten unterlässest, welche deine Pflicht sind.


9. Mäßigung. – Vermeide Extreme; hüte dich, Beleidigungen so tief zu empfinden, oder so übel aufzunehmen, als sie es nach deinem Dafürhalten verdienen.


10. Reinlichkeit. – Dulde keine Unreinlichkeit am Körper, an Kleidern oder in der Wohnung.


11. Gemütsruhe. – Beunruhige dich nicht über Kleinigkeiten oder über gewöhnliche oder unvermeidliche Unglücks fälle.


12. Keuschheit. – Übe geschlechtlichen Umgang selten, nur um der Gesundheit oder der Nachkommenschaft willen, niemals bis zur Stumpfheit und Schwäche oder zur Schädigung deines eigenen oder fremden Seelenfriedens oder guten Rufes.


13. Demut. – Ahme Jesus und Sokrates nach.


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2. Planung (oder das Vorgehen)

«Wie derjenige, welcher das Unkraut in einem Garten zu beseitigen hat, keinen Versuch macht, alle die schlechten Gewächse auf einmal zu entfernen, was über seine Kraft und die Möglichkeit hinausgehen würde, sondern immer nur an einem der Beete auf einmal arbeitete, und erst nachdem er damit fertig geworden ist, ein zweites in Angriff nimmt, so hoffte ich das ermunternde Vergnügen zu haben, auf meinen Seiten den Fortschritt, den ich in der Tugend machte, […] ermitteln zu können.»

Wenn man mit der linken Hand das Mehl abwägt, rechts die Kuchenform einfettet und gleichzeitig mit dem Schwingbesen im Mund das Eiweiss zu Schnee schlägt, dann muss man nicht verwundert sein, wenn keine der drei Aufgaben gelingt – geschweige denn eine riesige Sauerei verursacht wird.

Anstatt sich in der Vielzahl der Tugenden zu verlieren, richtete Franklin seinen Fokus jeweils nur auf eine einzige. Sobald diese zur Gewohnheit wurde und nur noch eine kleine Menge an Hirnleistung zur Aufrechterhaltung beanspruchte, wendete er sich der nächsten zu:

«Da es meine Absicht war, mir die Gewohnheit aller dieser Tugenden anzueignen, so hielt ich es für angemessen, meine Aufmerksamkeit nicht zu zersplittern, indem ich alles auf einmal versuchte, sondern mein Augenmerk immer nur auf eine von ihnen zu bestimmter Zeit richtete, und dann erst, wenn ich mich zum Herrn über derselben gemacht, zu einer andern fortzuschreiten, und so fort, bis ich alle dreizehn durchgemacht haben würde.»

Franklin brach aber nicht nur die komplexe Aufgabe in konkrete Einzelschritte herunter, sondern machte sich auch um die Reihenfolge dieser Schritte Gedanken. Beim Backen macht es wenig Sinn, die Zutaten in die Kuchenform zu geben, bevor man den Teig vermengt hat. Und genauso erkannte Franklin auf dem Weg zur sittlichen Vollkommenheit Schritte, die in der Lage waren, darauffolgende einfacher zu machen. Es geht also nicht nur um eine konkrete, sondern auch um eine schlaue Einteilung der verfügbaren Ressourcen:

«Da aber die vorherige Erwerbung einiger von diesen Tugenden auch die Erwerbung gewisser anderen erleichtern dürfte, so ordnete ich sie mit dieser Absicht in der Reihenfolge an, wie sie oben stehen.»

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3. Struktur (oder das Mise en Place)

Selbst bei einem Bäcker besteht der Alltag nicht nur aus Backen. Und das Leben nicht nur aus Kuchen. Der beste Bäcker bäckt nicht lange ohne einer nachhaltigen Backrhythmus. Struktur ist hier das Stichwort. Bei einer Aufgabe wie dem Streben nach menschlicher Perfektion, so war Franklin der Meinung, sei ein strukturierter Tagesablauf unabdingbar. Dies war sein täglicher Stundenplan:

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In der täglichen Routine nahm sich Benjamin Franklin neben den Arbeits- und Ruhephasen bewusst Zeit für Planung und Reflektion. Besonders interessant ist dabei die Frage, die sich Franklin jeden Morgen stellte und am darauffolgenden Abend prüfte.

Franklin war der Meinung, dass sich in einen funktionierenden und strukturierten Tagesablauf einfacher neue Gewohnheiten integrieren lassen, als in einen, wo Gutdünken und Spontaneität regiert.

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4. Umsetzung und Dokumentation (oder das „Backen“ selbst)

«Ich machte mich an die Ausführung dieses Planes zur Selbstprüfung und setzte ihn längere Zeit fort.»

Tag für Tag. Woche für Woche. Tugend für Tugend arbeitete Franklin an sich selbst. Alle Fortschritte und Schwierigkeiten hielt er in einem kleinen Büchlein fest. Diese Art der Dokumentation ermöglichte ihm jederzeit einen Einblick in den aktuellen Stand der Dinge und erlaubte es ihm, sich von seinem subjektivem Empfinden im Moment zu distanzieren und den faktischen Prozess zu beobachten.

Für die Normalsterblichen unter uns folgt nun die Möglichkeit des Aufatmens. Ganz so glatt und unproblematisch, wie sich Franklin diese Aufgabe im Voraus skizzierte, verlief es dann doch nicht. Er hält fest:

«Ich fand jedoch bald, dass ich wir eine weit schwierigere Aufgabe gestellt, als ich mit eingebildet hatte. Während ich alle Sorgfalt aufbot, um mich vor dem einen Fehler zu hüten, ward ich häufig von einem andern überrascht; die Gewohnheit gewann die Übermacht über die Unachtsamkeit, und die Neigung war zuweilen stärker als die Vernunft.»

Der Aspekt des Machens brachte ihn teilweise zurück auf den Erdboden. Er fährt fort:

«Zu meiner Überraschung fand ich, dass ich unendlich mehr Fehler besass, als ich mir eingebildet; allein ich hatte die Genugtuung, sie abnehmen zu sehen.»

Franklins Einstellung, Schwierigkeiten nicht als Hindernisse, sondern als normale Symptome eines voranschreitenden Prozesses zu sehen, trieb ihn vorwärts. Er stelle sich dem enormen Ausmass und Anspruch seiner Unternehmung ausdauernd und immer wieder von Neuem. Die «Selbstprüfung» wurde zu einem festen Teil seines Alltages.

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5. The Dip (oder hier wird die Kuchenanalogie langsam problematisch – vielleicht der Moment, wenn man mit knurrendem Magen durch die Backofenscheibe starrt)

Vom Anfänger zum Profi, von der Begeisterung bis zur Beherrschung geschieht in jedem Prozess (mindestens einmal) dasselbe. Seth Godin nennt diese Phase „the dip“. Es ist der Knick in der Kurve, wo die Resultate ausbleiben und die Lernkurve abflacht. Der Moment, in dem das Aufgeben leichter scheint als die Weiterfahrt. „The dip“ ist anstrengend. Er frisst Energie. Und diese Energie ist es nicht in jedem Fall wert.

Aber es ist auch der „dip“, der die Spreu vom Weizen trennt, der das Grossartige vom Guten unterscheidet. Franklin beschreibt in seiner Autobiographie den Blick über die Klippe des Hinschmeissens:

«Meine Verstösse dagegen ärgerten mich so sehr, und ich machte in der Verbesserung meiner Fehler hierin so geringe Fortschritte und hatte solch’ häufige Rückfälle, dass ich beinahe entschlossen war, den Versuch ganz aufzugeben und mich mit einem in der Hinsicht fehlerhaften Charakter zu begnügen, gleich jenem Manne, welcher von seinem Nachbar einen Schmied, eine Axt kaufte und deren ganze Oberfläche so glänzend zu haben verlangte, wie die Schneide. Der Schmied willigte auch ein, sie ihm blank zu schleifen, falls er ihm das Rad drehen wolle, und der Käufer drehte die Kurbel, während der Schmied die breite Fläche der Axt hart und schwer auf das den Schleifstein drückte, was das Drehen desselben sehr ermüdend machte. Der Käufer kam hie und da von der Kurbel her, um zu sehen, wie die Arbeit von statten ging, und wollte endlich seine Axt nehmen, wie sie war, ohne weiteres Schleifen. ‹Nein›, sagte der Schmied, ‹dreht den Schleifstein nur immer weiter; wir werden sie schon nach und nach blank bekommen; vorerst ist sie nur gefleckt.› – ‹Allerdings›, versetzte der Mann; ‹aber ich glaube eine gefleckte Axt gefällt mir doch besser.›»

Immer wieder versuchte eine innere Stimme, die sich als seine «Vernunft» ausgab, Franklin mit attraktiven Ausreden zum Aufgeben zu verführen. Ich kenne diese Stimme. Sie ist eloquent. Sie ist überzeugend. Sie führt einen auf den Weg des geringsten Widerstandes. Und sie hat Recht damit. Aber sie hält einen auch davon ab, die gesteckten Ziele zu erreichen. Benjamin Franklin schreibt:

„Denn so ein Ding, das sich für Vernunft ausgab, versuchte mir hie und da den Gedanken beizubringen, dass eine solch’ gewissenhafte Genauigkeit, wie ich sie von mir selber verlangte, eine Art Ziererei in sittlichen Dingen sein dürfte, die mich, wenn sie bekannt würde, lächerlich machen möchte; dass ein vollkommener Charakter die unbehagliche Folge haben möchte, einen beneidet und gehasst zu machen; und dass ein wohlwollender Mann auch sich selbst einige Fehler gestatten solle, um seine Freunde zu ermutigen.“

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6. Reflektion (oder die lang ersehnte Geschmacksprobe)

Zum Schluss der „Selbstprüfung“ folgt die Passage in Franklins Autobiographie, die mich überhaupt erst zu einer genaueren Auseinandersetzung bewegte. Sie liegt ausgedruckt auf meinem Schreibtisch und inspiriert mich jeden Tag von Neuem. Das Streben nach Perfektion ist ein Prozess. Und auch wenn das Ziel möglicherweise unerreicht bleibt, so ist es doch ein Traum, der es wert ist, geträumt zu werden. Denn bereits der Versuch, die Arbeit in Richtung Perfektion bedeutet Verbesserung. Und das ist es doch schliesslich, wonach wir wirklich streben.

«Wenn ich aber auch im Ganzen niemals zu jener Vollkommenheit gelangte, nach welcher ich mit solchem Ehrgeiz gestrebt hatte, sondern weit hinter derselben zurückblieb, so war ich doch durch mein Streben ein besserer und glücklicherer Mensch, als ich sonst und ohne derartigen versuch gewesen wäre.»

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Aus: Skating with Bror Meyer (1921) via PDR

Eine kurze Geschichte über das Vergessen – TEIL 2

[Teil 1]

Zuhause angekommen realisierte ich: Die Situation im Zug war erst der Anfang eines lückenhaften Dialoges mit meinem Gedächtnis, der erste Dominostein der Demenz.

Es folgten Wochen voller Angstträume und geistigen Harakiris. Ich fantasierte von zerbrochenen Gläsern, von brennenden Häusern und sterbenden Büchern. Ich malte die schrecklichsten Bilder an die Innenseite meines Schädels. Bald nur noch Farben und schliesslich fleckige Gefühle.

Mein Kopf glich keiner Schale mehr. Nicht einmal mehr einem Sieb. Er morphte sich zu einer bodenlosen Pfanne. Zu einem Hula-Hoop-Reifen mit wackeligem Griff. Und selbst die Hand – meine Hand – schien sich langsam von diesem Griff zu lösen. Aus vergessenen Namen wurden Gesichter, aus Gesichtern Geschichten, aus Geschichten mein Leben. Alles stürzte in das Nichts und verschwand.

Ich wollte mir selbst nicht Recht geben. Hielt es für Symptome einer temporären Psychose. Ich glaubt es nicht. Ich konnte es nicht glauben.

Ein objektiver Test meiner Gedächtnisleistung musste her: Ein Mind-Map. Die Karte meiner Gedanken, alle Informationen meines Verstandes vernetzt auf Papier. Gut. So setzte ich mich ins Zentrum eines grossen, weissen Blattes und machte mich an die Arbeit. Zwei Stunden später sah das Blatt so aus:

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Da war es. Der Beweis. Schwarz auf Weiss. Das unantastbare Resultat: Ich konnte mich an nichts erinnern.

Ich lehnte mich zurück und bog mich rückwärts über den Stuhl, hinüber, hinunter, hindurch. Mein Rückgrat bog und bog sich weiter bis mein Kopf in meinem Unterleib verschwand. Der Mensch, meine Hülle, zog sich wie ein pfeifender Luftballon zusammen, bis sich nicht mehr als ein Haufen schlabbriges Gummi auf dem Lehnstuhl befand.

Doch plötzlich blitze etwas in mir – beziehungsweise in dem, was noch von mir übrig war – auf. Es war klein, aber hell. Und es wurde heller und kleiner. (Nein, ich glaube grösser, ich kann mich nicht so genau erinnern.) Dieses Etwas kam, kämpfte sich aus der klebenden Dunkelheit heraus Richtung Oberfläche. Langsam, aber stetig. Es durchbrach Barrieren, zerschmetterte Hindernisse. Es zwängte sich durch meinen Darmtrakt und Magen. Die Speiseröhre hinauf und an meiner Kehle vorbei, durch den Mundraum und zwischen den Zähnen hindurch. Ich konnte mich nicht zurückhalten und schrie laut auf:

„Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.“

[To be continued…]

Meinungen, Multi-Kulti und Massstäbe

“How much do you value life?”
“Sixty-four.”
“Why did you say sixty-four?”
“How are you supposed to measure the value of life?”
“No, I mean why did you say sixty- for and not seventy-three, for instance?”
“If I had said seventy-three you would have asked me the same question.” 1

Mindestens seit der Etablierung des Internets als Diskussionsplattform muss uns klar geworden sein, dass jede Behauptung, egal welcher Art, in Frage gestellt werden kann. Für jedes Thema, jede Feststellung und jede Seite einer jeden Diskussion kann so oder so argumentiert werden.

Ob Politik, Religion oder Ehtik – es gibt keine einheitliche Meinung. Auch die Wissenschaft ist oft nicht mehr als ein Schlachtfeld von Hypothesen, Annahmen und Behauptungen.

Wir sind uns nicht einig, weil wir an unterschiedliche Dinge glauben. Und wir werden uns niemals einig sein, weil wir nicht endgültig beweisen können, wer Recht hat. Bis wir die Welt, das Leben auf der Welt und was es sonst noch alles gibt, nicht zu 100% entschlüsselt haben, bleibt alles eine Annahme, eine Meinung. (Was natürlich nicht bedeutet, dass jede Meinung gleichwertig ist.)

„Scientific knowledge is a body of statements of varying degrees of certainty – some most unsure, some nearly sure, but none absolutely certain.” 2

1791 beschloss ein obskures französisches Wissenschaftskommitee die Einführung einer universellen Längeneinheit. Aus dem zehnmillionsten Teil des Meridianbogens zwischen Nordpol und Äquator war der „Urmeter“ geboren. Dass selbst der moderne Massstab vor nicht allzu langer Zeit willkürlich festgelegt wurde, ist auf kuriose Weise eine sehr befreiende Tatsache.

Weil aber nichts (so wirklich) definitiv ist, können wir uns den Luxus erlauben, unsere Meinungen zu ändern und unser Glaubenssystem so anzupassen, dass es für unsere individuellen Ziele förderlich ist. Wir können an das glauben, was funktioniert. (Zumindest kann es uns niemand ausreden.)

«Die Welt beruht auf Wechsel, das Leben auf Meinung.» – Marcus Aurelius

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Aus Richard Feynmans aussergewöhnlichen Anekdotensammlung Surely You’re Joking M. Feynman. Ausschnitt aus der psychiatrischen Untersuchung des Physikers für den Militärdienst.
Zitat aus Feynmans öffentlicher Rede The Value of Science von 1955. Abgedruck in: What Do You Care What Other People Think?

 

Hier, ein Ei.

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Es ist ein Dinosaurier-Ei. Oder vielleicht nicht. Ich weiss es nicht. Aber ich geb es dir. Du trägst die Verantwortung dafür. Woher kommt es? Ich weiss es nicht. Wie hat es diese lange Zeit überdauert? Ich weiss es nicht. Bist du neugierig? Bist du dir dem Risiko bewusst? Vielleicht schlüpft ein Dinosaurier aus diesem Ei. Vielleicht schlüpft kein Dinosaurier aus diesem Ei. Darf man das Ei ausbrüten? Oder muss man es zerstören? Vielleicht ist es ein friedliches Exemplar. Vielleicht ein menschenfressendes Ungetüm. Ich weiss es nicht.

Hier, das Ei.

Was machst du damit?

Eine kurze Geschichte über das Vergessen – TEIL 1

Ich stand auf dem Peron im Hauptbahnhof Zürich und wartete. Mit dem einfahrenden Zug, lächelte mir von weitem ein bekanntes Gesicht entgegen. Sie stand ungefähr 50 Meter von mir entfernt in der Menschentraube vor der bremsenden Schiebetür. Ich wollte nicht unhöflich sein und steig nach ihr in denselben Wagen ein. Nachdem sich die Menge an uns vorbei gedrückt hatte, hatten wir Raum und Luft, uns richtig zu begrüssen.

Sie war mit mir zur Schule gegangen. Hatte dunkle, grosse Augen, braune Haare und ein hübsches Gesicht. Wir waren nie wirklich eng befreundet gewesen, hatten aber einige gute Momente miteinander geteilt. Es waren ungefähr zwei Jahre vergangen, seitdem wir uns das letzte Mal über den Weg gelaufen sind.

«Fabio, gell?» meinte sie zu mir, nachdem wir uns kurz umarmten. Dieses gell zog sie dabei suggestiv in die Länge. Sie habe in der Zwischenzeit sehr viel erlebt und unzählige neue Leute und Namen kennengelernt. Sie musste etwas nachdenken, aber meinen Namen habe sie sich merken können. Das sagte sie nicht. Das sagte mir dieses gell. Ich weiss nicht, ob sie es so beabsichtigte. Aber ich muss zugeben, meine Interpretation davon wühlte mich innerlich etwas auf. Mehr sogar, dieses gell provozierte mich. Es war ein Ellbogenschlag in die Magengrube meines Egos. Natürlich wusste sie noch, wie ich heisse. Und natürlich kannte sie meinen Namen. Natürlich bin ich Fabio. Was für ein Theater!

Ich liess mir nichts anmerken: Einfach nett nicken und die Begrüssung erwidern. Vergessen wir es. Es ist nie passiert. Jetzt bin ich an der Reihe. Dabei kann nichts schiefgehen. Es sei denn, …

Richtig, mir fiel ihr Name nicht ein.

Ich meinte, den Namen auf der Zunge zu haben. Ich meinte. Aber er wollte mir nicht über die Lippen kommen. Ich hätte einer Blamage ausweichen können und mit einem casual „Hallo“ meine alte Kollegin begrüssen können. Aber dafür war es zu spät. Sie bemerkte mein Zögern. Ich suchte den Namen in jeder verstaubten Ecke und in allen Registern meines Geistes. Warf Aktenstapel um, wischte den Dreck vom Boden auf. Er musste da irgendwo sein. Ich war mir sicher. Aber ich konnte ihn nicht finden. So biss ich mir auf die Zunge und fragte sie nach ihrem Namen.

[to be continued…]

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inspiriert von Alberto Giacometti (1901-1966)

Auf der Suche nach Authentizität – Übers Bloggen, Pixar und ein philosophisches Für-Wahr-Halten

Was toll daran ist, einen Blog zu haben, ist, dass man überall nach Schätzen suchen darf. Es ist wie eine Freikarte zum Spielplatz des Lebens. Einen Schlüssel der Neugier, der jede Tür öffnet. Es ist eine Entschuldigung, blöde Fragen zu stellen. Ein Alibi, Offensichtliches umdrehen zu dürfen.

Auf dieser Schatzsuche spielt es keine Rolle, ob das, was man findet, gross oder klein, alt oder neu, kindisch oder erwachsen ist. Das wichtigste Element dabei ist das Suchen. Ein Suchen, ohne zu wissen, was man findet. Ohne zu wissen, ob man überhaupt etwas findet.

Auf eine ähnliche Art und Weise entstehen Ideen und Geschichten im kreativen und inspirierenden Universum der Pixar-Animationsstudios. Einer meiner Lieblingsfilme ist Ratatouille: Die Geschichte einer kochenden Ratte im kulinarischen Hotspot der neuen Welt, dem pulsierenden und lebendigen Paris. Was Ratatouille so aussergewöhnlich macht, ist neben der verrückten Idee (Man stelle sich einen Elevator-Pitch dazu vor – das Gegenüber würde vermutlich nur mit dem Kopf schütteln) und die präzise Animationsarbeit diese gewisse Authentizität, die der Film vermittelt. (Auch wenn es für den Moment noch schräg klingen mag, bei einem derartigen Film über Authentizität zu sprechen…)

Wenn sich ein Filmteam bei Pixar für eine Geschichte entscheidet, werden die Filmemacher auf Recherche-Trips geschickt. Der Plot, die Umgebung und die Charaktere entstehen also nicht allein in den bunten Ateliers von Pixar in Emeryville, Kalifornien, sondern da draussen in der Welt.

→ Video: Building Paris | Ratatouille | Disney•Pixar

Am Beispiel von Ratatouille bedeutet dies für das Filmteam eine teure Reise nach Paris und noch teurere Abende in den besten Restaurants der französischen Hauptstadt. Ed Catmull, der Direktor von Pixar erklärt den Sinn hinter diesen Recherche-Ausflügen in seinem aussergewöhnlichen Buch Creativity, Inc.:

«Ultimately, what we’re after is authenticity. What feels daunting to the filmmakers when John Lasseter sends them out on such trips (for research) is that they don’t yet know what they are looking for, so they’re not sure what they will gain. But think about it: You’ll never stumble upon the unexpected if you stick only to the familiar.»

Auch wenn der durchschnittliche Zuschauer von Ratatouille vermutlich nie einen Einblick in eine französische Sterne-Küche erhalten oder die Struktur des Kopfsteinpflasters der Pariser Altstadtstrassen unter die Lupe nehmen wird, so spürt man beim Anschauen trotzdem das subtile Gefühl, dass eine Szene, eine Textur oder ein Raum echt sein könnte. Mit anderen Worten: auch wenn man nicht genau weiss wieso, man spürt, dass die Filmemacher von Ratatouille ihre Hausaufgaben gemacht haben. David Hume beschreibt dieses Gefühl des Für-Wahr-Haltens in seiner Untersuchung über den menschlichen Verstand:

«Die Einbildungskraft hat Gewalt über alle Vorstellungen und kann sie auf alle möglichen Weisen verbinden, mischen und abwandeln. Sie kann sich erdichtete Gegenstände mit allen Einzelheiten des Orts und der Zeit vorstellen. Sie kann sie uns gewissermaßen vor Augen führen, in ihren wahren Farben, gerade so wie sie auch hätten da sein können. Aber da es unmöglich ist, dass dies Vermögen der Einbildung je aus sich heraus dem Glauben gleichkommen kann, so besteht ersichtlich der Glaube nicht in der besonderen Natur oder Ordnung der Vorstellungen, sondern in der Art, wie sie vorgestellt werden und wie der Geist sie empfindet.» (5.2 #12)

Was David Hume hier feststellt, ist, dass wir uns zwar alle möglichen Szenarien vorstellen können, es aber dennoch einen feinen Unterschied zwischen blosser Imagination und tatsächlichem Für-Wahr-Halten (Glauben) gibt. Dieses besondere «Gefühl» lässt sich aber weder definieren noch vollständig erklären, wie Hume weiter ausführt:

«Wollten wir eine Definition dieses Gefühls zu geben versuchen, so würden wir vielleicht darin eine sehr schwierige, wenn nicht unmögliche Aufgabe erkennen.»

«Ich gestehe, dass es unmöglich ist, diese Empfindung oder diese Art des Vorstellens völlig zu erklären. […] In der Philosophie können wir nicht weiter gehen als bis zu der Behauptung, dass der Glaube etwas vom Geist Empfundenes ist, was die Vorstellungen der Urteilskraft von den Erdichtungen der Einbildungskraft unterscheidet. Er gibt ihnen mehr Gewicht und Einfluss, lässt sie bedeutsamer scheinen, drückt sie dem Geist auf und macht sie zum herrschenden Prinzip unserer Handlungen.»

«Ich sage also, dass Glaube weiter nichts ist als ein gegenständliches Vorstellungsbild von größerer Lebendigkeit, Lebhaftigkeit, Eindringlichkeit, Festigkeit und Beständigkeit, als sie die Einbildung allein je zu erreichen fähig ist. Diese Mannigfaltigkeit von Ausdrücken, die so unphilosophisch erscheinen mag, soll nur dazu dienen, jenen Akt des Geistes auszudrücken, der Wirklichkeiten, oder was dafür gehalten wird, uns gegenwärtiger macht, als Erdichtungen, ihnen mehr Gewicht im Denken gibt und einen überlegenen Einfluss auf die Affekte und die Einbildungskraft verleiht.»

Diese Empfindung, die unsere Vorstellung begleitet, wenn wir etwas für echt halten, stellt sich nach Hume unwillkürlich ein. Das bedeutet, dass wir sie weder willentlich erzeugen noch vermeiden können. Wir sind also nicht unbedingt in der Lage, zu entscheiden, ob wir der Szene in einem Animationsfilm Glauben schenken oder einen Blogpost für wahr halten. Aber wir spüren es ganz deutlich.

Auf der Gegenseite ist das Beste, was wir tun können, zu suchen, zu erfahren, festzuhalten und zu vermitteln. Denn Authentizität lässt sich nicht fabrizieren. Authentizität ist bemerkbar. Authentizität wirkt. Sie wirkt…

…authentisch?

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Wie ich Newtons erstes Gesetz kennenlernte und mir den Ellbogen brach.

Mit 4 Jahren machte ich meinen ersten und gravierendsten physikalischen Fehler. Die Missachtung von Newtons erstem Gesetz kostete mich viele Tränen, eine lange Abwesenheit vom Sandkasten und erteilte mir eine Lektion fürs Leben.

Auf der Vorderseite ein Orang-Utan, auf der Rückseite ein Portrait, mein Name und ein Datum – so präsentierte ich voller Stolz der blonden Kassiererin beim Eingang des Zoo Zürichs meine neue Jahreskarte, die ich kürzlich auf den Geburtstag bekommen hatte.

Den Zoo liebte ich. Die Tiere fand ich toll. Die Atmosphäre einzigartig. Nur etwas war mir zuwider: Die langen Fusswege zwischen den Gehegen. Die Fische und Pinguine waren gleich beim Eingang. Aber wer möchte schon Pinguine oder Fische sehen?

Mein Lieblingstier war der Oryx, eine afrikanische Antilopenart. Klingt nach einem unspektakulären Lieblingstier von einem kleinen Jungen. Und das war die Antilope vermutlich auch. Aber die Hörner des Oryx! Gerade, lang, gleichmässig. Elegant, spitz und tödlich! Ein Speer, ein Schwert, eine Nadel. Das war spektakulär!

Weil sich aber der Weg vom Eingang bis zum Oryx-Gehege so in die Länge zog, war der Zoo-Besuch jeweils eine grosse Anstrengung für meine kurzen Beine und meinen kurzen Atem. Glücklicherweise war der Zoo Zürich für müde (oder faule) Kinder gewappnet und mit Wagen ausgestattet, auf denen einem die Eltern (oder meist Grosseltern) ziehen konnten. Ein solcher Kinderwagen sah (vor 17 Jahren) ungefähr so aus:wagen-e1533466404426.png

An diesem Tag setzte ich mich – natürlich – nicht in die vorgesehenen Sitzplätze mit Lehne, sondern zuhinterst, zuoberst auf den Rand. So hatte ich alles im Überblick und die Situation unter Kontrolle.
Wagen_mit.pngKorrektur: Ich hatte die Situation unter Kontrolle, bis mein Vater den Griff des Wagens in die Hand nahm und zu ziehen begann. In diesem Moment verwandelte ich mich vom Kleinkind in die Variabel einer physikalischen Gleichung.

Newtons erstes Gesetz: Ein Körper verharrt im Zustand der Ruhe oder der gleichförmig geradlinigen Bewegung, sofern er nicht durch einwirkende Kräfte zur Änderung seines Zustands gezwungen wird.

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Während sich der Wagen unter mir vorwärts bewegte, blieb ich an Ort und Stelle sitzen. Nur sass ich nach einem kurzen Moment nicht mehr auf dem Hartplastik des Wagens, sondern ca. einen Meter über dem harten Asphalt. Aus diesem Meter wurde schnell und schneller weniger.

Aufprallgeschwindigkeit = v(h) = √(2gh) = √(2 x 9.81m/s2 x 1m) = 4.43 m/s = 15.95 km/h

Mit 15.95 km/h prallte mein Ellbogen auf den harten Stein. Nicht sehr schnell, aber schnell genug. Und von da an ging alles nur noch schneller: Ein Schrei. Viele Tränen. Mein Vater reagiert. Ins Auto. Weiter in den Spital. Anmeldung an der Theke. Untersuchung. Diagnose: Fraktur. 6 Wochen Schonung. 6 Wochen Schiene.

Kurz: Keine tolles Erlebnis und keine tollen Perspektiven für einen 4-jährigen.

Rückblickend ist es immer einfacher, einen überzeugenden Narrativ zu kreieren. Zufällige Ereignisse können mit grossem Spielraum gedeutet, interpretiert und übertragen werden. Wie auch immer, solange wir uns dieser Verzerrung bewusst sind, gibt es keinen Grund, nicht darüber zu sprechen. Denn diese Momente bleiben im Gedächtnis und geben Stoff für gute Geschichten.

Was haben also dieser Unfall und Newtons Gesetz mit dem Leben zu tun? Es geht nicht um eine (fragwürdige) Theorie der Sozialen Physik, sondern im übertragbaren Sinne um die bildliche Verwendung des Begriffs Momentum (lat. ‚Bewegung‘, ‚Grund‘, ‚Einfluss‘).

Um uns für diese physikalische Lektion zu wappnen, müssen wir zuerst Newtons zweites Gesetz der Bewegung kennenlernen. Besonders wichtig sind dabei die physikalischen Grössen der Masse und der Beschleunigung. Je grösser die Masse eines Objekts ist, desto grösser ist die Kraft, die benötigt wird, um die geradlinige Bewegung zu verändern. Gleichsam führt auch eine grössere Beschleunigung zu einer grösseren Kraft.

Newtons zweites Gesetz: Die Änderung der Bewegung ist der Einwirkung der bewegenden Kraft proportional und geschieht nach der Richtung derjenigen geraden Linie, nach welcher jene Kraft wirkt.

F (Kraft) = m (Masse) x a (Beschleunigung)

Momentum beschreibt auf physikalischer Ebene den Impuls:

Impuls (Wikipedia): Der Impuls ist eine grundlegende physikalische Größe, die den mechanischen Bewegungszustand eines physikalischen Objekts charakterisiert. Der Impuls eines Körpers ist umso größer, je schneller er sich bewegt und je massereicher er ist. Damit steht der Impuls für das, was in der Umgangssprache unscharf mit „Schwung“ und „Wucht“ bezeichnet wird.

Wenn auf ein Objekt keine Kräfte einwirken, dann behält dieses seinen Gesamtimpuls bei. Das heisst, ein Objekt bewegt sich mit derselben Geschwindigkeit und Richtung fort, bis eine äusserer Einfluss diese Geschwindigkeit oder Richtung verändert.

Zusammenfassend:

  • Ein Objekt bleibt in Ruhe oder in geradliniger Bewegung, wenn keine äussere Kraft darauf einwirkt. (1. Newtonsches Gesetz)
  • Je grösser die Beschleunigung und je grösser die Masse eines Objekts sind, desto grösser ist die Kraft, die notwendig ist, um den Bewegungszustand eines Objekts zu verändern. (2. Newtonsches Gesetz)
  • Je schneller sich ein Objekt bewegt und je grösser die Masse dieses Objekts ist, desto grösser ist dessen Momentum. (Impuls)

Das Erlebnis im Zoo erklärt nicht nur die physikalischen Grundgesetzte der Bewegung, sondern steht sinnbildlich für vieles mehr: Egal ob physikalisch oder psychologisch, ob kulturell oder gesellschaftlich, ob es sich um innovative Ideen oder Gewohnheitsveränderungen handelt, um das Lernen oder Lehren – alle Dinge mit Gewicht/Bedeutung sind träge.

Mein Vater zog den Kinderwagen mit guter Absicht. Er wollte mich in Bewegung versetzen, mich vorwärtsbringen. Er wusste, wo er hinwollte und blickte nach vorne. Er brachte den Wagen zum Rollen, doch ich blieb an Ort und Stelle. Egal wie viel Energie mein Vater in seine Aktion steckte, egal wie motiviert er am Wagen zog, sein Aufwand ging ins Leere und führte sogar zu einer Verletzung.

Wenn man seine Kraft nicht dem Impuls des Objekts anpasst, wessen Bewegungszustand man verändern möchte, dann ist die Aktion entweder vergebens oder richtet möglicherweise sogar noch Schaden an.

Das Umgekehrte wäre nämlich auch möglich gewesen: Hätte mein Vater den rollenden Wagen abrupt zum Stehen gebracht, dann wäre der Wagen zwar zum Stillstand gekommen, ich hätte jedoch meine geradlinige Bewegung fortgesetzt und wäre geradlinig in meinen Vater geprallt. Dann hätte ich mir möglicherweise ebenfalls den Ellbogen gebrochen. Oder mein Vater hätte sich den Ellbogen gebrochen. Oder wir beide hätten uns den Ellbogen gebrochen.

Was hätte ich tun sollen, um den Bruch zu verhindern? Ich hätte mich entweder richtig hinsetzen, mich anschnallen oder meinen Vater darauf hinweisen sollen, dass ich auf dem Rand sitze. Klingt langweilig, aber wenn wir auf Effektivität aus sind, ist dies der „way to go“.

Im Alltag befinde ich mich normalerweise in der Position meines Vaters in der Zoo-Szene: Ich habe den Griff des Wagens in der Hand. Ich ziehe diesen und bin verantwortlich dafür, dass das, was sich auf dem Wagen befindet, in Bewegung versetzt wird. Ich richtig fixiert ist oder den Brems- oder Beschleunigungsvorgang dem Impuls des Objekts anpassen. Je massiger das Objekt auf dem Wagen ist und/oder je schneller es sich bewegt, desto vorsichtiger muss ich mich verhalten.

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Und normalerweise ist es auch eher selten, dass man auf dem metaphorischen Wagen die Möglichkeit hat, etwas anzuschnallen. Vielmehr gleichen Situationen im Alltag einer Kugel auf einem flachen Wagen. Es geht um Feintuning, um Details. Eine falsche Bewegung und die Kugel rollt von der planen Fläche herunter.

Was kann man also tun? Mit viel Sorgfalt und Aufmerksamkeit agieren. Denn Knochen-Brechen ist gar nicht so schwierig. Besonders wenn etwas noch in Kinderschuhen steht…

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