Wie ich Newtons erstes Gesetz kennenlernte und mir den Ellbogen brach.

Mit 4 Jahren machte ich meinen ersten und gravierendsten physikalischen Fehler. Die Missachtung von Newtons erstem Gesetz kostete mich viele Tränen, eine lange Abwesenheit vom Sandkasten und erteilte mir eine Lektion fürs Leben.

Auf der Vorderseite ein Orang-Utan, auf der Rückseite ein Portrait, mein Name und ein Datum – so präsentierte ich voller Stolz der blonden Kassiererin beim Eingang des Zoo Zürichs meine neue Jahreskarte, die ich kürzlich auf den Geburtstag bekommen hatte.

Den Zoo liebte ich. Die Tiere fand ich toll. Die Atmosphäre einzigartig. Nur etwas war mir zuwider: Die langen Fusswege zwischen den Gehegen. Die Fische und Pinguine waren gleich beim Eingang. Aber wer möchte schon Pinguine oder Fische sehen?

Mein Lieblingstier war der Oryx, eine afrikanische Antilopenart. Klingt nach einem unspektakulären Lieblingstier von einem kleinen Jungen. Und das war die Antilope vermutlich auch. Aber die Hörner des Oryx! Gerade, lang, gleichmässig. Elegant, spitz und tödlich! Ein Speer, ein Schwert, eine Nadel. Das war spektakulär!

Weil sich aber der Weg vom Eingang bis zum Oryx-Gehege so in die Länge zog, war der Zoo-Besuch jeweils eine grosse Anstrengung für meine kurzen Beine und meinen kurzen Atem. Glücklicherweise war der Zoo Zürich für müde (oder faule) Kinder gewappnet und mit Wagen ausgestattet, auf denen einem die Eltern (oder meist Grosseltern) ziehen konnten. Ein solcher Kinderwagen sah (vor 17 Jahren) ungefähr so aus:wagen-e1533466404426.png

An diesem Tag setzte ich mich – natürlich – nicht in die vorgesehenen Sitzplätze mit Lehne, sondern zuhinterst, zuoberst auf den Rand. So hatte ich alles im Überblick und die Situation unter Kontrolle.
Wagen_mit.pngKorrektur: Ich hatte die Situation unter Kontrolle, bis mein Vater den Griff des Wagens in die Hand nahm und zu ziehen begann. In diesem Moment verwandelte ich mich vom Kleinkind in die Variabel einer physikalischen Gleichung.

Newtons erstes Gesetz: Ein Körper verharrt im Zustand der Ruhe oder der gleichförmig geradlinigen Bewegung, sofern er nicht durch einwirkende Kräfte zur Änderung seines Zustands gezwungen wird.

wagen_ellenbogen.gif

Während sich der Wagen unter mir vorwärts bewegte, blieb ich an Ort und Stelle sitzen. Nur sass ich nach einem kurzen Moment nicht mehr auf dem Hartplastik des Wagens, sondern ca. einen Meter über dem harten Asphalt. Aus diesem Meter wurde schnell und schneller weniger.

Aufprallgeschwindigkeit = v(h) = √(2gh) = √(2 x 9.81m/s2 x 1m) = 4.43 m/s = 15.95 km/h

Mit 15.95 km/h prallte mein Ellbogen auf den harten Stein. Nicht sehr schnell, aber schnell genug. Und von da an ging alles nur noch schneller: Ein Schrei. Viele Tränen. Mein Vater reagiert. Ins Auto. Weiter in den Spital. Anmeldung an der Theke. Untersuchung. Diagnose: Fraktur. 6 Wochen Schonung. 6 Wochen Schiene.

Kurz: Keine tolles Erlebnis und keine tollen Perspektiven für einen 4-jährigen.

Rückblickend ist es immer einfacher, einen überzeugenden Narrativ zu kreieren. Zufällige Ereignisse können mit grossem Spielraum gedeutet, interpretiert und übertragen werden. Wie auch immer, solange wir uns dieser Verzerrung bewusst sind, gibt es keinen Grund, nicht darüber zu sprechen. Denn diese Momente bleiben im Gedächtnis und geben Stoff für gute Geschichten.

Was haben also dieser Unfall und Newtons Gesetz mit dem Leben zu tun? Es geht nicht um eine (fragwürdige) Theorie der Sozialen Physik, sondern im übertragbaren Sinne um die bildliche Verwendung des Begriffs Momentum (lat. ‚Bewegung‘, ‚Grund‘, ‚Einfluss‘).

Um uns für diese physikalische Lektion zu wappnen, müssen wir zuerst Newtons zweites Gesetz der Bewegung kennenlernen. Besonders wichtig sind dabei die physikalischen Grössen der Masse und der Beschleunigung. Je grösser die Masse eines Objekts ist, desto grösser ist die Kraft, die benötigt wird, um die geradlinige Bewegung zu verändern. Gleichsam führt auch eine grössere Beschleunigung zu einer grösseren Kraft.

Newtons zweites Gesetz: Die Änderung der Bewegung ist der Einwirkung der bewegenden Kraft proportional und geschieht nach der Richtung derjenigen geraden Linie, nach welcher jene Kraft wirkt.

F (Kraft) = m (Masse) x a (Beschleunigung)

Momentum beschreibt auf physikalischer Ebene den Impuls:

Impuls (Wikipedia): Der Impuls ist eine grundlegende physikalische Größe, die den mechanischen Bewegungszustand eines physikalischen Objekts charakterisiert. Der Impuls eines Körpers ist umso größer, je schneller er sich bewegt und je massereicher er ist. Damit steht der Impuls für das, was in der Umgangssprache unscharf mit „Schwung“ und „Wucht“ bezeichnet wird.

Wenn auf ein Objekt keine Kräfte einwirken, dann behält dieses seinen Gesamtimpuls bei. Das heisst, ein Objekt bewegt sich mit derselben Geschwindigkeit und Richtung fort, bis eine äusserer Einfluss diese Geschwindigkeit oder Richtung verändert.

Zusammenfassend:

  • Ein Objekt bleibt in Ruhe oder in geradliniger Bewegung, wenn keine äussere Kraft darauf einwirkt. (1. Newtonsches Gesetz)
  • Je grösser die Beschleunigung und je grösser die Masse eines Objekts sind, desto grösser ist die Kraft, die notwendig ist, um den Bewegungszustand eines Objekts zu verändern. (2. Newtonsches Gesetz)
  • Je schneller sich ein Objekt bewegt und je grösser die Masse dieses Objekts ist, desto grösser ist dessen Momentum. (Impuls)

Das Erlebnis im Zoo erklärt nicht nur die physikalischen Grundgesetzte der Bewegung, sondern steht sinnbildlich für vieles mehr: Egal ob physikalisch oder psychologisch, ob kulturell oder gesellschaftlich, ob es sich um innovative Ideen oder Gewohnheitsveränderungen handelt, um das Lernen oder Lehren – alle Dinge mit Gewicht/Bedeutung sind träge.

Mein Vater zog den Kinderwagen mit guter Absicht. Er wollte mich in Bewegung versetzen, mich vorwärtsbringen. Er wusste, wo er hinwollte und blickte nach vorne. Er brachte den Wagen zum Rollen, doch ich blieb an Ort und Stelle. Egal wie viel Energie mein Vater in seine Aktion steckte, egal wie motiviert er am Wagen zog, sein Aufwand ging ins Leere und führte sogar zu einer Verletzung.

Wenn man seine Kraft nicht dem Impuls des Objekts anpasst, wessen Bewegungszustand man verändern möchte, dann ist die Aktion entweder vergebens oder richtet möglicherweise sogar noch Schaden an.

Das Umgekehrte wäre nämlich auch möglich gewesen: Hätte mein Vater den rollenden Wagen abrupt zum Stehen gebracht, dann wäre der Wagen zwar zum Stillstand gekommen, ich hätte jedoch meine geradlinige Bewegung fortgesetzt und wäre geradlinig in meinen Vater geprallt. Dann hätte ich mir möglicherweise ebenfalls den Ellbogen gebrochen. Oder mein Vater hätte sich den Ellbogen gebrochen. Oder wir beide hätten uns den Ellbogen gebrochen.

Was hätte ich tun sollen, um den Bruch zu verhindern? Ich hätte mich entweder richtig hinsetzen, mich anschnallen oder meinen Vater darauf hinweisen sollen, dass ich auf dem Rand sitze. Klingt langweilig, aber wenn wir auf Effektivität aus sind, ist dies der „way to go“.

Im Alltag befinde ich mich normalerweise in der Position meines Vaters in der Zoo-Szene: Ich habe den Griff des Wagens in der Hand. Ich ziehe diesen und bin verantwortlich dafür, dass das, was sich auf dem Wagen befindet, in Bewegung versetzt wird. Ich richtig fixiert ist oder den Brems- oder Beschleunigungsvorgang dem Impuls des Objekts anpassen. Je massiger das Objekt auf dem Wagen ist und/oder je schneller es sich bewegt, desto vorsichtiger muss ich mich verhalten.

wagen_kugel

Und normalerweise ist es auch eher selten, dass man auf dem metaphorischen Wagen die Möglichkeit hat, etwas anzuschnallen. Vielmehr gleichen Situationen im Alltag einer Kugel auf einem flachen Wagen. Es geht um Feintuning, um Details. Eine falsche Bewegung und die Kugel rollt von der planen Fläche herunter.

Was kann man also tun? Mit viel Sorgfalt und Aufmerksamkeit agieren. Denn Knochen-Brechen ist gar nicht so schwierig. Besonders wenn etwas noch in Kinderschuhen steht…

wagen_kugel_aufmerksam

 

Aufstehen, Hinsetzen, Arbeiten – Was wir von Isaac Asimov lernen können

„Alles Menschenwerk, so es die gewöhnlichen Grenzen an Größe oder Vollendung überschreitet, hat etwas Erschreckendes an sich“, schreibt Clemens Brentano (1778 – 1842). Ab und zu lohnt es sich aber, einen Blick hinter diese erschreckende Fassade zu werfen und die Entstehung dieser Grösse oder Vollendung zu rekonstruieren (oder es zumindest zu versuchen).

Der russisch-amerikanische Science-Fiction- und Sachbuch-Autor Isaac Asimov (1920-1992) verfasste im Verlauf seiner Karriere über 500 Bücher sowie Hunderte von Kurzgeschichten und Essays. Lasst diese Zahlen bitte ein bisschen wirken…

Neben seiner Schriftstellerei holte sich der jüdische Secondo mit 28 Jahren den Doktortitel und arbeitete als Dozent für Biochemie an der Universität Boston. Erst mit 38 Jahren machte er das Schreiben zu seinem Hauptberuf. Aber wie um alles in der Welt gelang es ihm, diese Unmengen an Schriftstücke zu veröffentlichen?!

1. Disziplin
Isaac Asimov stand jeden Morgen um 6:00 Uhr auf, setzte sich hin und arbeitete. Ob er Lust dazu hatte oder nicht, ob er sich gut fühlte oder nicht, ob sich auf dem Papier eine Geschichte ergab oder nicht, ob ihm das Geschriebene gefiel oder nicht. Er tippte. Und das jeden Tag. Ein New York Times Artikel von 1992 beschriebt seine bedingungslose Arbeitsroutine:

His usual routine was to awake at 6 A.M., sit down at the typewriter by 7:30 and work until 10 P.M.

In „In Memory Yet Green,“ the first volume of his autobiography, published in 1979, he explained how he became a compulsive writer. His Russian-born father owned a succession of candy stores in Brooklyn that were open from 6 A.M. to 1 A.M. seven days a week. Young Isaac got up at 6 o’clock every morning to deliver papers and rushed home from school to help out in the store every afternoon. If he was even a few minutes late, his father yelled at him for being a folyack, Yiddish for sluggard. Even more than 50 years later, he wrote: „It is a point of pride with me that though I have an alarm clock, I never set it, but get up at 6 A.M. anyway. I am still showing my father I’m not a folyack.“

2. Fokus
Asimov machte das Schreiben zu seiner einzigen Priorität. Und für diese Priorität setzte er alles ein, was er hatte. Das Schreiben war sein Baby. Und niemand durfte seinem Baby zu nahe kommen. Asimov meinte in einem Interview: „I do all my own typing, my own research, answer my own mail. I don’t even have a literary agent. This way there are no arguments, no instructions, no misunderstandings. I work every day. Sunday is my best day: no mail, no telephones. Writing is my only interest. Even speaking is an interruption.“

3. Einfachheit
Asimovs Schreibstil war weder opulent noch pompös, noch bunt, noch besonders aufregend, sondern einfach, funktional und geradlinig. Dekoration war für ihn Zeitverschwendung. „Isaac says that he loves to fly into space and span the galaxies“, wie der Editor Ben Bova feststellte. „But only in his imagination.“

4. Resilienz
Die einfache Schreibweise, das Vermeiden von komplexen Ausführungen, das Fehlen von intellektueller Selbstdarstellung stiessen in weiten Kreisen auf Abneigung. Aber Asimov kümmerte sich nicht um kritische Stimmen. Er arbeitete. 1980 schrieb James Gönn über I, Robot:

“Except for two stories [of Asimov]—”Liar!” and “Evidence”—they are not stories in which character plays a significant part. Virtually all plot develops in conversation with little if any action. Nor is there a great deal of local color or description of any kind. The dialogue is, at best, functional and the style is, at best, transparent… The robot stories and, as a matter of fact, almost all Asimov fiction—play themselves on a relatively bare stage.”

5. Leidenschaft
„I have been fortunate to be born with a restless and efficient brain, with a capacity for clear thought and an ability to put that thought into words,“ kommentierte einst Asimov sein Talent. „None of this is to my credit. I am the beneficiary of a lucky break in the genetic sweepstakes.“ Aber Asimov liebte seine Arbeit, er liebte das Schrieben.

„Writing is more fun than ever. The longer I write, the easier it gets.“

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Tableau I, Piet Mondriaan, 1921

“You just get up early in the morning, you work really hard, you learn something every day, you put one foot in front of the other“, wie Charlie Munger pragmatisch formulierte, „and if you live long enough, eventually you will get what you deserve.” Das ist alles. Mehr braucht es nicht. Mehr gibt es nicht. Alles, was wir tun können, ist die Zeit einzusetzen, die wir haben. Das Resultat liegt ausserhalb unserer Reichweite.

Über Handshakes, Netzwerke und exponentielle Möglichkeiten

Begrüssen sich 2 Personen, so findet ein Händedruck statt.

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Bei 3 Personen werden 3-mal Hände geschüttelt.

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Findet eine Begrüssung unter 4 Personen statt, so lassen sich insgesamt nicht 4, sondern 6 Händedrücke zählen.

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Begrüssen sich 5 Personen, so werden 10-mal Hände geschüttelt.

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Bei 6 Personen sind es bereits 15 Handshakes.

6S

Und schon mit 7 Personen wird das Ganze etwas mühsam zu zeichnen, denn wenn jeder jedem die Hand gibt, finden insgesamt 21 Begrüssungen statt. Bei 10 Personen sind es 45, bei 20 Personen 190 und bei 50 Personen bereits 1225 Händedrücke.

Stellen wir uns vor, es handle sich bei dieser „Handshake-Orgie“ um ein Management-Treffen eines internationales Konzerns. Dieses Unternehmen besitzt je eine Niederlassung in 50 unterschiedlichen Ländern auf der ganzen Welt. Die Konzernleitung plant im Anlass einer sich anbahnenden strukturellen Veränderung der Firma eine kollaborative Standortbestimmung, Problemdiskussion und Lösungsfindung. Dafür lädt der CEO jeweils einen Abgeordneten aus jedem vertretenen Land für eine 3-tägige Retraite ein. Die Reisekosten sowie alle Ausgaben für Unterkunft, Verpflegung, Unterhaltungsprogramm, Verbrauchsmaterialen und Kompensation der Arbeitsstunden belaufen sich auf durchschnittlich 7’000.- pro Person. Das bedeutet mit 350’000.- eine rechte Stange Geld für ein Unternehmen, dessen nahe Zukunft nicht gerade rosig aussieht. Die Geschäftsleitung überlegt sich also, das Treffen zu verkleinern und nur jeweils 1 Vertreter der 10 umsatzstärksten Filialen einzuladen. Die Kosten für das Treffen würden sich damit um ca. 80% reduzieren.

Aus der Analyse von vorjährigen Management-Treffen ergibt sich aber, dass jede Begegnung zwischen zwei Teilnehmern und der damit verbundene Informations- und Gedankenaustausch dem Unternehmen einen durchschnittlichen mittelfristigen Nutzen von 1’000.- – zusätzlich zur normalen Umsatzsteigerung – generiert. Berücksichtigt man also neben den Kosten, die für jeden Teilnehmer anfallen, den finanziellen Nutzen der möglichen Verbindungen, so ergibt sich folgendes:

Tabelle_Netzwerk.png

Unter dem Strich wäre die Reduktion der Teilnehmer zwar eine Einsparung bei den Kosten des Events selbst, aber gleichzeitig ein Verlust, wenn man den Nutzen der Begegnungen miteinberechnet. In diesem Fall ist nämlich nicht der Preis der Teilnehmer, sondern der Nutzen des Netzwerks und dessen Verbindungen entscheidend. Je grösser das Netzwerk, desto höher ist sein Wert.

Natürlich klingt dieses Beispiel mit physischen Interaktionen zwischen Personen etwas schräg. Eine 50-köpfige Gruppe wird sich kaum so organisieren, dass jeder mit jedem in einen fruchtbaren Austausch tritt. Wendet man allerdings dasselbe Prinzip nicht auf tatsächliche, sondern nur auf mögliche Verbindungen an, wirkt das Ganze schon etwas stimmiger. Und stellt man sich Computer oder Telefone anstelle von Managern an, ergibt sich allmählich einen Sinn.

Wollte man zwischen 1877 und 1964 in den Vereinigten Staaten oder in Kanada einen Telefonanschluss installieren, so gab es im Grunde nur eine vernünftige Möglichkeit: das Bell-System. Weshalb? Nicht unbedingt weil das Bell-System die beste Technologie nutzte oder der tollste Brand war. Auch nicht wegen der Kontroverse, ob Alexander Graham Bell – nach welchem das System benannt wurde – das Telefon nun erfunden hatte oder nicht. Nein, man entschied sich für das Bell-System, weil jeder andere das Bell-System nutzte.

Ich würde nicht die Mühe auf mich nehmen und einen E-Mail Account installieren, wenn ich damit nur meiner Mutter schreiben könnte. Der Service macht erst dann Sinn, wenn ich damit Zugang zu einem Netzwerk von vielen Nutzern erhalte. Der Account wird mit jeder weiteren Person, die ich damit erreichen kann, wertvoller.

Bob Metcalfe (*1946), der Erfinder des Ethernets (= privates, lokales Netzwerk zwischen Computern), war zwar nicht der Erste, der den Netzwerkeffekt erkannte und vermarktete, aber der Erste, der das Prinzip in einem einfachen Diagramm darstellen konnte:

Metcalfesches Gesetz.png

Metcalfesches Gesetz: Der Wert eines Kommunikationsnetzwerkes ist proportional zu der Anzahl der damit verbundenen Nutzern im Quadrat (n2)

PayPal belohnte Ende der 90er Jahre jeden neuen Kunden mit 10 US-Dollar. 10 weitere Dollar erhielten sie für jeden Freund, dem sie den Service von PayPal schmackhaft machen konnten. Leute dafür zu bezahlen, deine Kunden zu sein, kann natürlich auf lange Sicht nicht nachhaltig sein. Diese aggressive und kostenintensive Akquisition bescherte PayPal aber innerhalb von kurzer Zeit ein enorm rasches Nutzerwachstum. Und weil PayPal bei jeder Transaktion einen kleinen Betrag abzieht, profitiert das Unternehmen von einem grösseren Netzwerk, sprich, von mehr Transaktionen innerhalb dieses Netzwerks. Der mittelfristige Verlust, durch die enorme Investition in die Erhöhung der Nutzerzahl nahm PayPal also in Kauf, um langfristig Gewinne aus dem grösseren Netzwerk zu ziehen.

„Mr. Watson, come here. I want you“, sagte Alexander Graham Bell 1915 in die Sprechmuschel seines Telefons in New York. 5’500 Kilometer entfernt, antwortete ihm sein Assistent Dr. Watson in San Francisco: „It will take me five days to get there now!“ Das erste transkontinentale Telefongespräch war zwar nur symbolischer Natur war, doch markierte einen wichtigen Meilenstein der modernen Kommunikationskultur: eine Telefonleitung, aber unzählige Empfänger. Eine Plattform, aber unzählige Verwendungszwecke. Ein Netzwerk, aber unzählige Verknüpfungen. Eine Idee, aber unzählige Möglichkeiten.

Ich verabschiede mich mit einem Händedruck.

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The Spritit of Communication – das Firmensymbol von AT&T seit 1914 und Titelsymbol aller Telefonbücher des Bell-Systems.

1 Monat Studium: Was vom Lehrstoff wirklich übrigbleibt…

Ein Studium ist primär zum Lernen da. Ich glaube, da sind wir uns einig. Doch wie kann es dann sein, dass es mir (und vielen anderen) schwerfällt, sich nach Abschluss des Semesters noch an mehr als eine ausgebleichte Version des Prüfungsstoffes zu erinnern?

Was geschieht eigentlich während der ganzen Stunden, die man im Verlaufe des Semesters in Vorlesungssälen und Seminarräumen verbringt? In welche Abgründe verschwinden alle Informationen, von denen man nur so zugeschüttet wird? Bleibt überhaupt irgendetwas hängen? Oder perlt das Gelehrte wie Regentropfen an einer Glasscheibe ab, während man im eigenen Kopf in Gedanken versinkt?

Vor einem Jahr – während meines ersten Semesters an der Uni Zürich – stellte ich mir genau diese Frage und führte ein kleines Experiment durch. Während eines Monats notierte ich nach jeder Vorlesung und jedem Seminar einen Gedanken oder eine Frage in meinem Kalender. Einen einzigen Punkt wollte ich jeweils festhalten und mit aus der Klasse nehmen. Es sollte kein Aufsatz und noch nicht einmal eine inhaltlich zusammenhängende oder gar sinnvolle Ausführung werden. Das Ziel der Übung war einzig und allein, einen Fischerhaken in das Meer an Informationen zu versenken, etwas herauszuziehen und aufzubewahren.

Wenn ich heute auf die Liste meiner Notizen schaue, dann bin ich auf den ersten Blick nicht besonders stolz auf meinen spärlichen Fang. Ehrlich gesagt frage ich mich sogar ein wenig, ob nicht nur das Fischen eine blöde Idee war, sondern ob dieses Meer es überhaupt wert ist, befischt zu werden. Oder in weniger metaphorischer Sprache: Ist dies wirklich alles, was man von einem Germanistik- und Philosophiestudium erwarten kann?

Auf den zweiten Blick verwerfe ich diesen Zweifel aber wieder, weil mich dieses Experiment erstens dazu zwang, den Stoff zu reflektieren und dem Geschehen im Vorlesungssaal zumindest ein klein wenig mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Zweitens ist es spannend, zu beobachten, welche Erinnerungen diese Notizen vom vergangenen Jahr hervorrufen. Und drittens (und wichtigstens): Wenn von hundert Notizen nur eine einzige eine Veränderung bewirkt, dann war es die Übung wert. Wenn auf hundert schlechte Ideen eine gute folgt, bezahlt diese für die Unkosten der vorherigen. Und es bleibt ein Profit übrig. Das ist der Grund, weshalb ich diesen Blog betreibe und das ist auch der Grund, weshalb ich diese Liste teile.

Zwei Goldfische und ein Seefisch (Christiceps argentatus), by Josef Maria Eder and Eduard Valenta, 1896
Zwei Goldfische und ein Seefisch von Josef Maria Eder und Eduard Valenta, Röntgenbild, 1896

Notizen:

1
Dichtung kann nicht lügen. Der Dichter erhebt nicht den Anspruch, sich auf wahre Begebenheiten zu beziehen.

2
Geschriebene Sprache ist primär. Schrift sekundär. Schon immer. Wie würde es aussehen, wenn wir den Spiess umdrehen? Und mehr schreiben als sprechen? Den Kindern vor dem Sprechen das Schreiben lehren? Die Sprache der Schrift anpassen?

3
Im Mittelalter bedeutete Trauer: schreien, klagen, weinen, Blut speien. Trauer musste laut und schmerzhaft sein, weil nur so die Trauer echt war. Denn alles, was die Öffentlichkeit mitbekommt, das war wahr, das war authentisch. Heute fressen wir die Trauer in uns hinein – was in uns geschieht, was persönlich und nicht öffentlich ist, das soll wahr sein. Doch wie sollen die anderen nur davon erfahren?

4
Ist die Besserstellung eines Individuums gerechtfertigt, auch wenn sich die Situation des benachteiligsten Individuums nicht verbessert?

5
Intuitiv (deduktiv) ist das Gegenteil von demonstrativ (induktiv).

6
Der Erzähler ist nicht der Autor. Der Satzduktus ist folglich nicht der Charakter der Schreibmaschine.

7
Jede Fussnote endet mit einen Punkt. Was schon nicht?

8
Im Gespräch mit einem Linguisten niemals das Wort „Wort“ benutzen! Da lauern zu viele Fallen. Wort ist nicht gleich Wort.

9
lützel
; mhd. für „klein, wenig“ macht sich doch noch gut als Beleidigung? Du Lützel!

10
Bei der Expandierung des Stadtstaates zu einem Nationalstaat muss der Verlust der direkten Face-to-Face Gemeinschaft kompensiert werden.
Durch z.B.:
– Kommunikationsgemeinschaft (Sprache, geteilte kulturelle Kodierungen)
– Sicherheitsgemeinschaft

11
DAS GEBRANNTE KIND SCHEUT DAS FEUER!!!

12
Wie kompensieren wir in der interpersonalen Kommunikation den Verlust der Direktheit (Mail, Text, Social Media, etc)?

13
Anscheinend bin ich ein Strukturalist, wenn ich für das Nullmorphem bin.

14
Auslassung ist oft effektiver als Aussprache.

15
Wiederholungen gibt es nicht. Wenn man etwas wiederholt, dann ist das Etwas eben nicht mehr dasselbe, sondern immer auch etwas Anderes.

16
Niemals werden restlos alle Information zu einem Geschehen wiedergegeben. Erzählen ist immer Selektion und Reduktion!

17
Flexion, Derivation oder Kompositum? Irgendwie alles miteinander… Ein bisschen schief, ein bisschen verschoben und zusammengeflickt.

18
Der Heros mach Lärm und Krach. Doch es ist auch der Heros, der anpackt, vorwärts denkt und Probleme löst.

19
Die Einführung eines neuen Begriffs dient nicht unbedingt der Klärung, sondern kann auch zur Verwirrung oder Überforderung beitragen. Definitionen sagen nie etwas über die Wirklichkeit, aber nur über die Begriffe selbst aus. Es gibt also keine falschen oder richtigen Definitionen, sondern nur klarere und weniger klare Definitionen.

20
Alle Erkenntnis beginnt mit Erfahrung.

21
Linguistik ist wirklich derart absolut übermässig abstrakt.

22
Literaturwissenschaft ist eigentlich Medienwissenschaft unter dem Aspekt der Kunst.

23
Mythologie und Realität (Mathematik) sind je nach Kontext gar nicht so unterschiedlich…

24
Singular, Plural, Dual, Trial, Quadral, Paukal, Paral, …

25
Bei Übersetzungen ist selbst die Interpunktion Interpretation.

26
Ist eine Aktion ohne kalkulierbare Konsequenzen gerechtfertigt? (Vgl: Taleb, Der Schwarze Schwan)

27
Woran wir glauben, was wir für recht halten, erfordert möglicherweise nicht unsere Zustimmung und ist deshalb vielleicht nicht frei wählbar.

28
Lyrik ist immer da, wo verdoppelt wird.

Die letzte verschlossene Tür der Wissenschaft – David Hume über den Bereich des Unmöglichen

Die Stringtheorie versucht den Ursprung des Universums mithilfe von vibrierenden, eindimensionalen Teilchen – sogenannten „Strings“ – zu erklären. Alle Physiker, die die Implikationen dieser Theorie zu verstehen glauben, lassen sich vermutlich an einer Hand abzählen. (Mir ist selbst der Wikipedia-Artikel zu anspruchsvoll.) Und auch falls du zu dieser Minderheit zählen würdest, wäre dies neben der intellektuellen Stimulation nicht besonders viel wert. Denn es lassen sich nicht wirklich Experimente durchführen, um die Stringtheorie zu überprüfen.

Mehr als zwei Drittel unseres Universums besteht aus dunkler Materie, von der wir nicht wissen, wie sie sich verhält, woraus sie besteht, und was sie eigentlich genau ist. Ein Gehirn besitzt ungefähr 90’000’000’000 (90 Milliarden) Nervenzellen und ca. 100’000’000’000’000 (100 Billionen) Synapsen. Und selbst in einem Liter Wasser sind 33’000’000’000’000’000’000’000’000 (33 Quadrillionen) Atome vorhanden. Dass wir nicht verstehen, wie diese Teilchen tatsächlich miteinander interagieren, ist vielleicht nicht nur eine Frage von Rechenleistung.

Ob Antworten auf offene Fragen nur schwierig zu finden sind, oder ob sie nicht gefunden werden, weil es sich um unerklärliche Mysterien handelt, ist kaum zu unterscheiden. Genau dieser Unterschied sei jedoch elementar, wie Peter Thiel in Zero to One erklärt: „You can achieve difficult things, but you can’t achieve the impossible.“

Für den schottischen Philosophen David Hume (1711 – 1776) ist die letzte Ursache von jeglichem Geschehen in der Natur ein solches Mysterium. Es liege ausserhalb unserer Reichweite, die Kausalitäten und Wechselwirkungen von solch komplexen Systemen zu verstehen. Selbst wenn die Wissenschaft Fortschritte macht, entstehen aus Antworten neue Fragen. Und aus Wissen neue Möglichkeiten. Aber der Horizont bleibt in der Ferne. Hume schreibt in Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand:

«Daher kommt es, dass kein vorsichtiger und bescheidener Philosoph es je unternommen hat, die letzte Ursache von irgend einem Naturvorgang anzugeben oder die Wirksamkeit der Kräfte bestimmt darzulegen, welche in der Welt irgend eine Wirkung herbei führt. […] Die letzten Kräfte und Prinzipien sind der menschlichen Wissbegierde und Forschung gänzlich verschlossen. Elastizität, Schwere, Zusammenhang der Teile, Mitteilung der Bewegung durch Stoß sind vielleicht die letzten Ursachen und Prinzipien, die man in der Natur entdecken kann, und man muss sich glücklich schätzen, wenn durch sorgfältige Untersuchung und Überlegung die besonderen Erscheinungen sich bis auf diese allgemeinen Prinzipien oder bis nahe zu ihnen zurückführen lassen.

Die vollkommenste Philosophie der Natur schiebt nur unsere Unwissenheit ein Wenig weiter zurück, und ebenso dient vielleicht die vollkommenste Metaphysik und Moralphilosophie nur dazu, größere Stücke von unserer Unwissenheit bloß zu legen.

So ist menschliche Schwäche und Blindheit das Ergebnis aller Philosophie; bei jeder Wendung treffen wir auf sie, trotz aller Versuche, sie zu beseitigen oder zu umgehen.» 

Phenakistiskop 1833

Die Karte und der Weg

Ich zeichne eine Karte und den Weg,
eine Enge und das Meer.

Ich male Wolken an den Himmel,
stelle Möbel in die Zimmer.

Ich schreibe Wörter auf das Blatt
und forme Bilder aus dem Satz.

Ich ziehe Klänge aus den Saiten,
seh den Horizont sich weiten.

Ich drücke Farbe aus den Träumen,
bestreich die Blätter an den Bäumen.

Ich schneide Löcher in das Ganze
und füll die Leere wieder auf.

Ich spür das Regelmass des Zufalls
und die Fälligkeit der Regel
auch.

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Zeichnung einer totalen Sonnenfinsternis aus: The Trouvelot Astronomical Drawings, 1882

Der Sprung ins Absurde oder Kierkegaards Salto Mortale

Im Italienischen gibt es den Ausdruck salto mortale. Übersetzt: Der tödliche Sprung. Der Sprung ins Leere. Salto mortale bezeichnet dieses Gefühl, bevor wir eine Entscheidung treffen. Bevor wir uns voll und ganz auf etwas einlassen.1

Die Freiheit gleiche dem Leben am Abgrund einer Klippe. Und «die Angst ist der Schwindel [dieser] Freiheit», schreibt der dänische Philosoph Kierkegaard. Vergeblich suche man nach festem Halt in der Weite. Das sei die Gefahr, welche die Freiheit mit sich bringt. Angst macht einem nicht zwingend das Fallen, sondern das Springen. Es ist die Angst, sich selbst in das Ungewisse hinunterzustürzen.2

Zu springen, ohne die Landung zu sehen.

Abzuheben, ohne zu wissen, ob einem die Flügel tragen.

Sich fallen zu lassen, ohne sicher zu sein, dass man aufgefangen wird.

Ob es funktionieren wird? Wir wissen es nicht…

Kierkegaards Antwort auf diese Unsicherheit ist der «leap of faith». Der Sprung ins Absurde, in den Abyss, der die Vernunft weder erklären noch rechtfertigen kann. Darauf zu vertrauen, dass auf den Flug eine Landung folgt. Und in erster Linie: mutig zu sein und den entscheidenden Schritt zu machen.

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Inspiration von Seth Godins herausragenden Podcast Akimbo
Mehr zu Kierkegaard als Wegbereiter des Existenzialismus in Sarah Bakewells Das Café der Existenzialisten