Ich war einmal an einer Lesung…

Man bittet keinen Sternekoch, vor Publikum sein eigenes Essen zu verkosten. Man bittet keinen Tennisspieler, vor Zuschauern sein gespieltes Match am Fernseher anzuschauen. Man bittet keinen Maler, vor Menschen mit dem Finger den Linien auf seinem Gemälde nachzufahren. Nein – man bittet sie, zu kochen, zu spielen und zu malen.

Aber einen Autor setzt man auf einen Stuhl in die Mitte eines gefüllten Raumes. Dann gibt man ihm sein eigenes Buch in die Hand und bittet ihn, daraus vorzulesen. Dann beginnt der Autor mit seiner (meist durchschnittlichen) Lesestimme, die Worte und Sätze so zu rezitieren, wie sie jeder Anwesende im Buch selbst nachlesen kann und vermutlich wird.

Um fair zu sein, es wäre absurd, einen Autor zu bitten, ihm beim Schreiben zuzusehen. Zum einen wäre es sterbenslangweilig und zum anderen würde dieser mit einigen Augenpaaren, die über seine Schulter aufs Papier oder den Bildschirm schauen, vermutlich nichts Substantielles mehr zustande bringen.

Doch ist es zu viel verlangt, bei einer Lesung auf einen Mehrwert zu hoffen? Etwas zu sehen, zu hören, zu spüren, was man nicht selbst im Buch nachlesen kann? Die Person hinter der Geschichte kennenzulernen. Die Schmerzen nachzuvollziehen, die das Buch forderten. Oder die Begeisterung bzw. Erleichterung über die Fertigstellung wahrzunehmen. Zu wissen, wie es ist, die eigenen Gedanken in Papierform im Buchgeschäft liegen zu sehen. Es braucht nicht viel. Nur etwas mehr als ein Vorlesen.

Mit der Nase auf der Leinwand oder der Stirn an der Fensterscheibe

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Sie stösst mit dem Kopf gegen das Glas. Sie setzt sich hin und versucht es bald darauf von neuem. Mit aller Kraft schlägt sie mit den Flügeln und bemüht sich, das transparente Hindernis zu durchdringen. Doch immer und immer wieder prallt sie gegen die unsichtbare Wand.

Wir kennen die Fliege an der Fensterscheibe, die unermüdlich und ununterbrochen gegen das Glas fliegt. Wir können zwar versuchen, der Fliege das Fenster zu öffnen, doch sie wird kaum einen halben Meter zurückfliegen, die Situation beurteilen und sich neu orientieren. Nein,  sie fliegt weiterhin beharrlich gegen die Scheibe.

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Sie tunkt den Pinsel in die Farbe, hebt ihn an und malt eine Linie auf die Leinwand. Dann dreht sie sich um, bewegt sich weg und weiter weg vom Gemälde, und beurteilt aus der Ferne die Wirkung der Linie auf die Gesamtkomposition. Dann nimmt sie schnelle Schritte zurück an den Arbeitsplatz, malt den nächsten Farbklecks und stürmt erneut auf die andere Seite des Raumes, wo der Effekt des Pinselstrichs ersichtlich wird.

Wir kennen auch die Malerin, die sich ständig von ihrer Leinwand entfernt, um den Arbeitsprozess aus unterschiedlichen Distanzen zu beurteilen. Und wir können uns vermutlich an eigene Zeichenversuche erinnern: Auf dem Schreibtisch sieht das Gekritzel jeweils noch ziemlich passabel aus. Wenn wir aber die Zeichnung an die Wand hängen und einige Schritte zurücktreten, so scheinen sich die Proportionen zu verschieben, die Farben zu verändern und was auf dem Tisch noch einem Gesicht ähnelte verwandelt sich mit zunehmender Entfernung in eine unförmige Kartoffel.

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Im Alltag ist es einfach, die Fliege an der Fensterscheibe zu spielen, den Kopf immer wieder in die Wand zu schlagen und sich zu wundern, weshalb man nicht vorwärts kommt. Es ist verlockend, sich in Details zu verlieren und an Feinheiten herumzuschrauben, die, sobald wir vom Schreibtisch aufstehen, für das Auge nicht mehr wahrnehmbar sind. Es macht Spass, mit den Atomen zu spielen, ohne zu wissen, welches Molekül sie zusammensetzen, welche Funktion dieses Molekül im Organismus übernimmt und welcher Art der Organismus überhaupt angehört.

Auf der anderen Seite ist es mühsam, immer wieder einige Schritte zurückzugehen und die eigene Arbeit aus der Distanz zu betrachten. Es ist unangenehm, sich die Frage zu stellen, was nicht funktioniert und was verändert werden sollte. Es schmerzt, die eigene Arbeit zu kritisieren, zu verwerfen oder von Neuem zu beginnen.

Doch wenn wir den Anspruch haben, besser zu werden, sollten wir nicht die Fliege, sondern die Malerin imitieren: Denn viele Probleme sehen wir nicht mit der Nase auf der Leinwand oder der Stirn an der Fensterscheibe.

Wenn wir aber ein paar Schritte zurücktreten, so fällt uns plötzlich ein falscher Pinselstrich auf. Oder gar ein offenes Fenster?

Platons Olivenbaum oder die Überreste der Geschichte

Vor 2’400 Jahren unterrichtete Platon seine Schüler im Schatten eines riesigen Olivenbaumes in der Allee der berühmten Akadḗmeia in Athen. Viele Jahre später, als Platons Schüler und dessen Nachkommen schon lange das Zeitliche gesegnet hatten und von den historischen Gebäuden nur noch archäologische Reststücke übrig waren, wuchs und gedieh derselbe Olivenbaum noch immer…

Bis 1976 ein schwerer Bus in den Baum prallte und den Stamm zerstörte. Das obere Bruchstück des Stammes wurde in ein Museum transferiert, während der untere Teil an Ort und Stelle verblieb…

Bis 2013 die Überreste von Platons Olivenbaum über Nacht spurlos verschwanden. Offenbar hatte jemand die 3’000 Jahre alten Wurzeln zu Feuerholz verarbeitet und mitgenommen.

Was haben wir falsch gemacht? Wie hätten wir das physische Erbe Platons beschützen können? Wir hätten den Olivenbaum mit Schutzfolie umwickeln und einen Zaun rundherum aufstellen sollen. Vorzugsweise einen elektrischen, damit auch wirklich jeder vom Baum fernblieb…

Bis der Baum womöglich von einem Blitz getroffen worden und niedergebrannt wäre. Oder der Stamm von Holzwürmern zerfressen worden und nur noch eine durchlöcherte Leiche des Olivenbaumes stehen geblieben wäre…

Oder auch nicht.

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1. Dieser Text ist ein Ausschnitt aus dem monatlichen Newsletter von Denkbrocken. Hier kannst du dich in die Liste eintragen.
2. Inspiration aus Episode 15 des aussergewöhnlichen Podcasts von Seth Godin, Akimbo.

Der schmale Grat zwischen Tiefsinn und Schwachsinn

Einen Stift in der mechanischen Hand haltend schreibt der Roboter manifest ein Wort nach dem anderen auf ein weisses Blatt Papier. Die Buchstaben setzen sich zu Wörtern zusammen und diese wiederum zu Sätzen. Satz für Satz entsteht das, wonach die Maschine benannt ist – ein Manifest. Soeben den Schlusspunkt gesetzt, nummeriert und datiert der Roboter sein Werk und beginnt von neuem.

Fasziniert stehe ich vor der Glasscheibe des unermüdlichen Schreiberlings im Gewerbemuseum Winterthur und schaue seiner Arbeit zu. Er spukt ein beschriebenes Papier aus. Einige Minuten später ein neues. Etwas später erneut. Und noch einmal. Und noch einmal. Jedes Manifest ist anders. Jedes ist einzigartig. Ich stecke mir Exemplar Nr. 22225 in den Rucksack, gehe nach Hause und hänge es an die Wand:

MANIFEST Diese Sätze sind Bemerkungen zum Akzent, kein Akzent. Gleichnisse sind technisch reproduzierbar. Komposition ist umfassender als Harmonie, aber Harmonie ist umfassender als Kritik. Wie Logik zu einem Teil Dummheit bestimmt, so bestimmt Dummheit auch Bedeutung. Bedeutung aber ist Logik. So wie der Mensch den Stereotypen nicht begrenzt, so auch das Urbild nicht das Bild. Es gibt zwei Arten von Programmtexten, nämlich die mit Mißverständnissen und die mit Denkschriften. Die Verzweiflung wird gewährleistet. Da3 Projekt Äußerung ist hiermit beendet. Nr. 22225, 25.10.2018

Der Roboter manifest greift bei seiner Arbeit auf einen gegebenen Fundus an Begriffen aus den Themenbereichen Kunst, Philosophie und Technik zurück und kombiniert diese innerhalb einer Satzstruktur auf zufällige Weise, wie die Homepage von robotlab erklärt. So kreiert der Roboter jedes Mal einmalige Thesen, formuliert einzigartige Aussagen und setzt unterschiedliche Schwerpunkte. Nein, das stimmt nicht ganz. Der Roboter kreiert nicht, er formuliert nicht, er setzt nicht. Der Roboter kombiniert zufällig verschiedene Parameter und übersetzt diese in Buchstaben, Worte und Sätze. Er übersetzt nicht einmal. Er führt aus. Blind, taub und dumm.

Seitdem das Manifest bei mir zu Hause hängt, war es oft Gesprächsmittelpunkt. Um eine These zu überprüfen, habe ich jedem, dem das Manifest auffiel, eine kleine Falle gestellt und gesagt, ich hätte den Text geschrieben. Nach einer kurzen Denkpause kam fast immer die gleiche Antwort: „Interessant.“

Und das ist es auch. Diese Komposition an bedeutungsgeladenen Begriffen. Diese überraschenden Gegenüberstellungen. Diese radikalen Folgerungen. Interessant auf jeden Fall. Aber eines ist das Manifest auch: Es ist Schwachsinn.

Und damit lüfte ich das Geheimnis hinter dem Autoren des „interessanten“ Manifests und versuche den Beobachter auf die sinnlosen Zusammenhänge, auf die skurrilen Schlüsse, auf den fehlenden Inhalt aufmerksam zu machen. Verblüffte Gesichter sind die Reaktion auf meine brutale Enthüllung. Aber einzelne spannende Teilstücke seinen schon auszumachen? Und irgendwie habe das Ganze doch schon einen Tiefsinn?

Wenn es nach einem Manifest aussieht, wenn es sich wie ein Manifest liest, wenn es nach einem Manifest schmeckt, sich so anfühlt und wie ein Manifest wirkt, dann muss es doch ein Manifest sein, oder?

Wir lassen uns unheimlich schnell täuschen. Wenn etwas in Form und Erscheinung überzeugt, wenn es fast allen musterhaften Ansprüchen einer bestimmten Ausdrucksform entspricht, dann darf es offenbar in seinem (meiner Meinung nach wichtigsten) Element, der Aussage, etwas schwächeln. Weshalb ist das so?

Form und Erscheinung lassen sich einfach fassen. Ein Layout wirk stimmig oder nicht. Die Farben passen oder nicht. Der Schreibstil wirkt gewohnt oder nicht. Die Grösse ist richtig oder sie ist es nicht. Kurz: Egal, ob bei einem Buch, einem Gemälde, oder einem Manifest – Wir kennen die Gefühle, die eine bestimmte Ausdrucksform beim Betracht auslöst und können diese einordnen.

Bei der Aussage wird das Ganze etwas schwieriger. Wir alle kennen diesem Moment. Wir lesen ein Buch oder stehen vor einem Gemälde und fragen uns: „Was will der Künstler damit eigentlich aussagen?“ Die Aussage lässt sich nicht messen, mit den Fingern spüren, mit den Augen wahrnehmen. Man versteht sie oder nicht. Und wenn wir die Aussage nicht verstehen, wer sagt dann, dass das Produkt ungenügend ist und nicht unsere Verständnisleistung? Wer sagt, dass hinter scheinbar schwachsinnigen Sätzen und Pinselstrichen nicht eine Logik oder ein Tiefsinn verborgen liegt, auf den wir keinen Zugriff haben? Wann handelt es sich um gerechtfertigte Kritik und wann um Ignoranz? Und wenn wir etwas zu verstehen glauben, verstehen wir es dann wirklich? Ich weiss es nicht.

Der Grat zwischen Tiefsinn und Schwachsinn ist sehr schmal. Ich bin der Meinung, man darf zwischendurch den Mut haben und der eigenen Intuition vertrauen. Ich denke, man muss nicht immer den intellektuell korrekten Weg gehen und die eigene Ignoranz priorisieren. Ich denke, es ist in Ordnung, manchmal den „Schwachsinn-Stempel“ auszupacken und auf den Tisch zu schlagen. Wir werden nie alles verstehen, alles fühlen, alles sehen und wahrnehmen. Und das ist in Ordnung so.

Denn ist nicht Kunst, wie Seth Godin meint, etwas zu tun, „was möglicherweise nicht funktioniert“? Kunst ist oft erhaben, oft erleuchtend, oft tiefgründig und voller Sinn und Zweck. Aber Kunst darf auch Schwachsinn sein, voller Ungereimtheiten, voller Fehler, voller Dreck und Oberflächlichkeit.

Es gibt keine Anleitung für Kunst.

Und es gibt auch keine Anleitung für das Verstehen von Kunst.

Wir wissen wie, aber wir wissen nicht wirklich wie.

200 Muskeln sind für das Sprechen verantwortlich. Dazu gehört die Muskulatur im Brustbereich, die einen gleichmässigen und kontrollierten Luftstrom aus der Lunge ermöglicht, bis hin zum beweglichen Muskellappen im Mundraum, der die Luft leitet, teilt, unterbricht oder einschränkt – unserer Zunge.

Irgendwie gelingt es uns, durch ein Zusammenspiel von Flexionen und Extensionen mit dieser Vielzahl an Gewebe nicht nur Geräusche zu erzeugen, sondern gezielt Laute zu produzieren, die von einem Gegenüber verstanden werden können.

Seit Jahrzehnten versuchen Linguisten, diese hochkomplexe Symphonie zu entschlüsseln und die unterschiedlichen Laute, aus denen sich unsere Sprache zusammensetzt, den verschiedenen Artikulationsorganen zuzuordnen.

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© 2018 IPA (Quelle)

Was hier abgebildet ist, ist das phonetische Alphabet der Konsonanten. Die horizontalen Kategorien bezeichnen die Orte, wo die Laute generiert werden und die vertikalen Kategorien beschreiben die Art, wie der Luftstrom aus der Lunge eingesetzt wird. So ergibt sich für jeden Konsonanten eine individuelle Kombination.

Wenn wir [m] aussprechen, dann erzeugen wir einen konstanten Luftstrom. Das Velum hebt sich, wir pressen die Lippen zusammen (Bilabial) und lassen die Luft durch die Nasenlöcher (Nasal) ausströmen. Sagen wir ein [t], so positionieren wir die Zunge am flachen Stück des harten Gaumens hinter den Zähnen (Alveolar) und lassen die Luft explosionsartig aus dem Mund entweichen, indem wir die Zunge vom Gaumen lösen (Plosiv).

So weit scheint diese Kategorisierung richtig. Doch klemmen wir uns beim Sprechen einen Bleistift zwischen die Zähne, dann geschieht etwas Sonderbares. Auch wenn es nicht mehr möglich ist, die Zähne oder Lippen zu schliessen, die Zunge in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist und ein Teil der Gaumenmuskulatur kontrahiert ist, so funktioniert das Sprechen immer noch ohne grosse Schwierigkeiten. Der Körper ist in der Lage, diese Einschränkung zu kompensieren.

Unser Artikulationsapparat ist derart komplex, dass wir nicht wissen, welche Organe tatsächlich und in welcher Weise für die Lauterzeugung verantwortlich sind. Wir können Messungen durchführen, Beobachtungen festhalten, Theorien formulieren, aber wir wissen nicht. Zumindest nicht wirklich.

Einschränkung als Bereicherung

2009 gründeten 4 Studenten der Universität Stanford das Unternehmen Skybox Imaging. Bereits nach wenigen Jahren Konzeptarbeit, Planung und Entwicklung schwebte der erste Satellit der Ingenieure im Orbit.

Der Satellit kostete zwischen 2 und 5 Millionen US-Dollar. Klingt nach viel Geld. Doch die Perspektive verschiebt sich ein wenig, wenn man sich bewusst wird, dass traditionelle Konkurrenzprodukte oft Hunderte von Millionen kosteten. Ausserdem war der Satellit deutlich kleiner und leichter als beispielsweise die des grossen Bruders NASA.

Was unterscheidet Skybox Imaging von anderen Satellitenherstellern? Welchen kompetitiven Vorteil verschafften sich die unerfahrenen Studenten gegenüber den etablierten Playern der Branche? Was hatten Dan Berkenstock, John Fenwick, Ching-Yu Hu und Julian Mann, was die Konkurrenz nicht hatte? Sie hatten weniger.

Aufgrund mangelnder Ressourcen waren die jungen Ingenieure gezwungen, radikal andere Wege zu gehen. Sie schränkten sich beim Bau der Satelliten auf serienmässig produzierte Einzelteile ein. Alle Baustücke des hochkomplexen Konstruktes mussten beim Fachhändler ab Stange verfügbar sein – sie griffen dabei auf Teile aus der Automobil- und Smartphone-Industrie zurück. Sie gestalteten also nicht die Welt nach ihren Wünschen, sondern passten ihr Produkt den Möglichkeiten an.

Einschränkung kann eine Bereicherung sein. Auch wenn unsere Ideen wohl kaum wie Skybox Imaging für 500 Millionen Dollar von Google aufgekauft werden, so ist es dennoch eine äusserst potente Frage, die – wenn auch nur hypothetisch – wir uns stellen sollten und die unser Vorgehen oder unsere Einstellung garantiert verbessern wird:

Was müsste ich tun, wenn ich _________ nicht zur Verfügung hätte?

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Zeichnung aus der Studie für eine Weltraumkolonie von NASA von 1970.


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