Der schmale Grat zwischen Tiefsinn und Schwachsinn

Einen Stift in der mechanischen Hand haltend schreibt der Roboter manifest ein Wort nach dem anderen auf ein weisses Blatt Papier. Die Buchstaben setzen sich zu Wörtern zusammen und diese wiederum zu Sätzen. Satz für Satz entsteht das, wonach die Maschine benannt ist – ein Manifest. Soeben den Schlusspunkt gesetzt, nummeriert und datiert der Roboter sein Werk und beginnt von neuem.

Fasziniert stehe ich vor der Glasscheibe des unermüdlichen Schreiberlings im Gewerbemuseum Winterthur und schaue seiner Arbeit zu. Er spukt ein beschriebenes Papier aus. Einige Minuten später ein neues. Etwas später erneut. Und noch einmal. Und noch einmal. Jedes Manifest ist anders. Jedes ist einzigartig. Ich stecke mir Exemplar Nr. 22225 in den Rucksack, gehe nach Hause und hänge es an die Wand:

MANIFEST Diese Sätze sind Bemerkungen zum Akzent, kein Akzent. Gleichnisse sind technisch reproduzierbar. Komposition ist umfassender als Harmonie, aber Harmonie ist umfassender als Kritik. Wie Logik zu einem Teil Dummheit bestimmt, so bestimmt Dummheit auch Bedeutung. Bedeutung aber ist Logik. So wie der Mensch den Stereotypen nicht begrenzt, so auch das Urbild nicht das Bild. Es gibt zwei Arten von Programmtexten, nämlich die mit Mißverständnissen und die mit Denkschriften. Die Verzweiflung wird gewährleistet. Da3 Projekt Äußerung ist hiermit beendet. Nr. 22225, 25.10.2018

Der Roboter manifest greift bei seiner Arbeit auf einen gegebenen Fundus an Begriffen aus den Themenbereichen Kunst, Philosophie und Technik zurück und kombiniert diese innerhalb einer Satzstruktur auf zufällige Weise, wie die Homepage von robotlab erklärt. So kreiert der Roboter jedes Mal einmalige Thesen, formuliert einzigartige Aussagen und setzt unterschiedliche Schwerpunkte. Nein, das stimmt nicht ganz. Der Roboter kreiert nicht, er formuliert nicht, er setzt nicht. Der Roboter kombiniert zufällig verschiedene Parameter und übersetzt diese in Buchstaben, Worte und Sätze. Er übersetzt nicht einmal. Er führt aus. Blind, taub und dumm.

Seitdem das Manifest bei mir zu Hause hängt, war es oft Gesprächsmittelpunkt. Um eine These zu überprüfen, habe ich jedem, dem das Manifest auffiel, eine kleine Falle gestellt und gesagt, ich hätte den Text geschrieben. Nach einer kurzen Denkpause kam fast immer die gleiche Antwort: „Interessant.“

Und das ist es auch. Diese Komposition an bedeutungsgeladenen Begriffen. Diese überraschenden Gegenüberstellungen. Diese radikalen Folgerungen. Interessant auf jeden Fall. Aber eines ist das Manifest auch: Es ist Schwachsinn.

Und damit lüfte ich das Geheimnis hinter dem Autoren des „interessanten“ Manifests und versuche den Beobachter auf die sinnlosen Zusammenhänge, auf die skurrilen Schlüsse, auf den fehlenden Inhalt aufmerksam zu machen. Verblüffte Gesichter sind die Reaktion auf meine brutale Enthüllung. Aber einzelne spannende Teilstücke seinen schon auszumachen? Und irgendwie habe das Ganze doch schon einen Tiefsinn?

Wenn es nach einem Manifest aussieht, wenn es sich wie ein Manifest liest, wenn es nach einem Manifest schmeckt, sich so anfühlt und wie ein Manifest wirkt, dann muss es doch ein Manifest sein, oder?

Wir lassen uns unheimlich schnell täuschen. Wenn etwas in Form und Erscheinung überzeugt, wenn es fast allen musterhaften Ansprüchen einer bestimmten Ausdrucksform entspricht, dann darf es offenbar in seinem (meiner Meinung nach wichtigsten) Element, der Aussage, etwas schwächeln. Weshalb ist das so?

Form und Erscheinung lassen sich einfach fassen. Ein Layout wirk stimmig oder nicht. Die Farben passen oder nicht. Der Schreibstil wirkt gewohnt oder nicht. Die Grösse ist richtig oder sie ist es nicht. Kurz: Egal, ob bei einem Buch, einem Gemälde, oder einem Manifest – Wir kennen die Gefühle, die eine bestimmte Ausdrucksform beim Betracht auslöst und können diese einordnen.

Bei der Aussage wird das Ganze etwas schwieriger. Wir alle kennen diesem Moment. Wir lesen ein Buch oder stehen vor einem Gemälde und fragen uns: „Was will der Künstler damit eigentlich aussagen?“ Die Aussage lässt sich nicht messen, mit den Fingern spüren, mit den Augen wahrnehmen. Man versteht sie oder nicht. Und wenn wir die Aussage nicht verstehen, wer sagt dann, dass das Produkt ungenügend ist und nicht unsere Verständnisleistung? Wer sagt, dass hinter scheinbar schwachsinnigen Sätzen und Pinselstrichen nicht eine Logik oder ein Tiefsinn verborgen liegt, auf den wir keinen Zugriff haben? Wann handelt es sich um gerechtfertigte Kritik und wann um Ignoranz? Und wenn wir etwas zu verstehen glauben, verstehen wir es dann wirklich? Ich weiss es nicht.

Der Grat zwischen Tiefsinn und Schwachsinn ist sehr schmal. Ich bin der Meinung, man darf zwischendurch den Mut haben und der eigenen Intuition vertrauen. Ich denke, man muss nicht immer den intellektuell korrekten Weg gehen und die eigene Ignoranz priorisieren. Ich denke, es ist in Ordnung, manchmal den „Schwachsinn-Stempel“ auszupacken und auf den Tisch zu schlagen. Wir werden nie alles verstehen, alles fühlen, alles sehen und wahrnehmen. Und das ist in Ordnung so.

Denn ist nicht Kunst, wie Seth Godin meint, etwas zu tun, „was möglicherweise nicht funktioniert“? Kunst ist oft erhaben, oft erleuchtend, oft tiefgründig und voller Sinn und Zweck. Aber Kunst darf auch Schwachsinn sein, voller Ungereimtheiten, voller Fehler, voller Dreck und Oberflächlichkeit.

Es gibt keine Anleitung für Kunst.

Und es gibt auch keine Anleitung für das Verstehen von Kunst.

Wir wissen wie, aber wir wissen nicht wirklich wie.

200 Muskeln sind für das Sprechen verantwortlich. Dazu gehört die Muskulatur im Brustbereich, die einen gleichmässigen und kontrollierten Luftstrom aus der Lunge ermöglicht, bis hin zum beweglichen Muskellappen im Mundraum, der die Luft leitet, teilt, unterbricht oder einschränkt – unserer Zunge.

Irgendwie gelingt es uns, durch ein Zusammenspiel von Flexionen und Extensionen mit dieser Vielzahl an Gewebe nicht nur Geräusche zu erzeugen, sondern gezielt Laute zu produzieren, die von einem Gegenüber verstanden werden können.

Seit Jahrzehnten versuchen Linguisten, diese hochkomplexe Symphonie zu entschlüsseln und die unterschiedlichen Laute, aus denen sich unsere Sprache zusammensetzt, den verschiedenen Artikulationsorganen zuzuordnen.

ipa_kiel_2018_pulmonicc_1200.png
© 2018 IPA (Quelle)

Was hier abgebildet ist, ist das phonetische Alphabet der Konsonanten. Die horizontalen Kategorien bezeichnen die Orte, wo die Laute generiert werden und die vertikalen Kategorien beschreiben die Art, wie der Luftstrom aus der Lunge eingesetzt wird. So ergibt sich für jeden Konsonanten eine individuelle Kombination.

Wenn wir [m] aussprechen, dann erzeugen wir einen konstanten Luftstrom. Das Velum hebt sich, wir pressen die Lippen zusammen (Bilabial) und lassen die Luft durch die Nasenlöcher (Nasal) ausströmen. Sagen wir ein [t], so positionieren wir die Zunge am flachen Stück des harten Gaumens hinter den Zähnen (Alveolar) und lassen die Luft explosionsartig aus dem Mund entweichen, indem wir die Zunge vom Gaumen lösen (Plosiv).

So weit scheint diese Kategorisierung richtig. Doch klemmen wir uns beim Sprechen einen Bleistift zwischen die Zähne, dann geschieht etwas Sonderbares. Auch wenn es nicht mehr möglich ist, die Zähne oder Lippen zu schliessen, die Zunge in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist und ein Teil der Gaumenmuskulatur kontrahiert ist, so funktioniert das Sprechen immer noch ohne grosse Schwierigkeiten. Der Körper ist in der Lage, diese Einschränkung zu kompensieren.

Unser Artikulationsapparat ist derart komplex, dass wir nicht wissen, welche Organe tatsächlich und in welcher Weise für die Lauterzeugung verantwortlich sind. Wir können Messungen durchführen, Beobachtungen festhalten, Theorien formulieren, aber wir wissen nicht. Zumindest nicht wirklich.

Einschränkung als Bereicherung

2009 gründeten 4 Studenten der Universität Stanford das Unternehmen Skybox Imaging. Bereits nach wenigen Jahren Konzeptarbeit, Planung und Entwicklung schwebte der erste Satellit der Ingenieure im Orbit.

Der Satellit kostete zwischen 2 und 5 Millionen US-Dollar. Klingt nach viel Geld. Doch die Perspektive verschiebt sich ein wenig, wenn man sich bewusst wird, dass traditionelle Konkurrenzprodukte oft Hunderte von Millionen kosteten. Ausserdem war der Satellit deutlich kleiner und leichter als beispielsweise die des grossen Bruders NASA.

Was unterscheidet Skybox Imaging von anderen Satellitenherstellern? Welchen kompetitiven Vorteil verschafften sich die unerfahrenen Studenten gegenüber den etablierten Playern der Branche? Was hatten Dan Berkenstock, John Fenwick, Ching-Yu Hu und Julian Mann, was die Konkurrenz nicht hatte? Sie hatten weniger.

Aufgrund mangelnder Ressourcen waren die jungen Ingenieure gezwungen, radikal andere Wege zu gehen. Sie schränkten sich beim Bau der Satelliten auf serienmässig produzierte Einzelteile ein. Alle Baustücke des hochkomplexen Konstruktes mussten beim Fachhändler ab Stange verfügbar sein – sie griffen dabei auf Teile aus der Automobil- und Smartphone-Industrie zurück. Sie gestalteten also nicht die Welt nach ihren Wünschen, sondern passten ihr Produkt den Möglichkeiten an.

Einschränkung kann eine Bereicherung sein. Auch wenn unsere Ideen wohl kaum wie Skybox Imaging für 500 Millionen Dollar von Google aufgekauft werden, so ist es dennoch eine äusserst potente Frage, die – wenn auch nur hypothetisch – wir uns stellen sollten und die unser Vorgehen oder unsere Einstellung garantiert verbessern wird:

Was müsste ich tun, wenn ich _________ nicht zur Verfügung hätte?

db_nasa_cylinder_multiple.jpg
Zeichnung aus der Studie für eine Weltraumkolonie von NASA von 1970.

Dieser Text ist ein Ausschnitt aus dem monatlichen Newsletter von Denkbrocken. Hier kannst Du dich in die Liste eintragen!

Beschuldigen vs. Verantworten

Schuld zuweisen ist einfach.

Vor der modernen Medizin gab es kaum eine schlimmere Krankheit als Syphilis. Als juckende Beule beginnend, frass sich der Erreger unaufhaltsam durch das Gewebe, hin zu den Knochen, bis die offenen Wunden das Skelett freilegten. Ekelerregend, unvorstellbar, grauen- und unendlich schmerzhaft.

Die bösartige Mikrobe hatte ab der Renaissance an verschiedenen Orten ganz unterschiedliche Namen. Die Russen nannten sie die Polnische Krankheit. In Polen wurde sie Deutsche Krankheit genannt. Die Deutschen nannten den Erreger Französische Krankheit, während sie in Frankreich als die Italienische Krankheit bezeichnet wurde. Die Italiener schoben die Schuld zurück und nannten sie wiederum Französische Krankheit.

Es handelte sich in jedem Land um denselben Erreger, dieselben Symptome, dieselbe Krankheit. Aber alle hatten einen unterschiedlichen Sündenbock und nur eines hatte dieser Sündenbock in jedem Land gemeinsam: es war jemand anderes.


Verantwortung übernehmen ist schwierig.

Es klingt schräg, dass Russland Syphilis als Russische Krankheit oder die Deutschen als Deutsche Krankheit bezeichnen würden. So funktionieren wir Menschen nicht. Wenn wir die Schuld jemand anderem zuweisen, dann können wir uns zurücklehnen. Keine weiteren Massnahmen nötig.

Wenn wir aber unseren Arm heben und sagen, wir seien schuld, dann übernehmen wir Verantwortung. Dann akzeptieren wir, dass es unser Problem ist. Dass wir uns um eine Lösung bemühen müssen. Dass wir uns nicht länger ausruhen können sondern in Aktion treten müssen.


db_hokusai_travellers
Katsushika Hokusai (1760 – 1849) – Travellers passing through village

Vgl. Hans Roslings Abschnitt The Foreign Disease in seinem wichtigen Buch Factfulness von 2018.

 

Wohin mit dem Durchschnitt? – Über «Normalität» und Dostojewskijs «Alltagsmenschen»

In den 40er Jahren formte der britische Bildhauer Abram Belskie (1907 – 1988) aus einem Block weissen Alabasters einen Frauenkörper mit dem Namen «Norma». Und Norma war nicht nur irgendein Frauenkörper. «Norma» war der Frauenkörper.

In Zusammenarbeit mit dem Gynäkologen Robert Latou Dickinson (1861 – 1950) wertete Belskie die gewaltige Datenkollektion des Arztes aus. 15’000 Körpermasse wurden zusammengerechnet und der Durchschnitt der Zahlen ergab eine Form – die Formel des Frauenkörpers, die Formel der «Norma». 1Der Name «Norma» beschreibt aber nicht den Durchschnitt als Abstraktion einer Datenmenge, sondern impliziert ein «Normal», ein Original im platonischen Sinne. Die individuellen Frauenkörper waren also nicht natürliche Abweichungen vom Durchschnitt, sondern wurden mit fehlerhaften Kopien eines Originals gleichgesetzt.

Bei der Akquisition der steinernen Frau (und ihrem männlichen Pendant, dem «Normman») organisierte das Cleveland Health Museum einen Wettbewerb, um die lebende «Norma» zu finden. Tausende von Frauen aus Ohio reichten die Masse ihres Hüft-, Brust-, Hals- und Handgelenksumfangs ein. Was das Museum allerdings nicht erwartete, war, dass keine dieser Frauen dem steinernen Durchschnitt entsprach. Nur ein winziger Prozentsatz der Frauen befand sich überhaupt irgendwo in der Nähe der Dimensionen der «Norma». 2

Wenn eine Gruppe von 15’000 Menschen schätzen, wie viele Reiskörner sich in einem bestimmten Glasbehälter befinden, dann ist der Durchschnitt der Schätzungen irgendwo in der Nähe der Wahrheit. Weshalb? Die individuellen Fehler heben sich gegenseitig auf. Wenn wir aber versuchen, aus 15’000 Individuen mithilfe des Durchschnitts ein Original zu rekonstruieren, dann geht die Rechnung nicht auf. Weshalb? Anders als bei der Anzahl Reiskörner im Glas gibt es keine richtige Lösung. Der durchschnittliche Mensch existiert nicht.

Trotzdem sind wir uns einig, dass es Individuen gibt, die sich mehr ähneln als andere und einige, die sich weniger ähneln, als andere. Und nicht nur in Bezug auf die Körpermasse oder das Aussehen, sondern auch im Handeln und bezüglich Charaktereigenschaften.

db_gauss.png

Was wir hier sehen, ist eine Gauss’sche Glockenkurve, eine Normalverteilung. Auf der Vertikalen ist die Anzahl der Individuen anzusiedeln und auf der Horizontalen die Ausprägung eines bestimmten Merkmals; mit einer Zunahme von links nach rechts. Wie Nassim Taleb (oft!) betont, ist diese Kurve in vielen Bereichen falsch und trügerisch. Sie hilft aber dennoch an dieser Stelle meinen Punkt (etwas plakativ) zu unterstützen. Was die Normalverteilung nämlich im Grunde aussagt, ist Folgendes: Einige wenige Individuen befinden sich auf der linken Seite des Spektrums, und wenige andere auf der rechten Seite davon. Aber die grosse Mehrheit befindet sich in der Mitte.

Im Alltag ignorieren wir diese Tatsache aber vollkommen. Wir sprechen über die Minderheiten, die Extreme der Kurve. Aber niemals über die Mehrheit. Die Mitte wird nicht beachtet. Es gibt also eine Asymmetrie von Präsenz und Existenz.

Schauen wir uns mal die unterschiedlichen Bereiche dieser Verteilung etwas genauer an:

db_gauss_links.png

Links, im blau markierten Bereich befinden sich die Kriminellen, die Ganoven, die Betrüger, die Krüppel, die Ausgestossenen, die Kranken, die Dummen und Stumpfen, die Hässlichen, die Einsamen, die Verlorenen, die Verrückten.

db_gauss_rechts.png

Auf der rechten Seite – grün markiert – finden wir die Superstars, die Selbstlosen, die Weltretter, die Kriegshelden, die Athleten, die Schönen, die Ausserordentlichen, die Famosen , die Brillanten und Beliebten, die Genies, die Künstler, die Literaten und Poeten, die Könige und Herrscher unserer Welt.

Diese zwei Randgruppen scheinen unserer Aufmerksamkeit würdig zu sein. Sie sind aussergewöhnlich, erstrebenswert oder abstossend. Sie begeistern oder erschrecken. Sie inspirieren und lenken. Sie regieren und diktieren. Sie zerstören und bauen wieder auf. Sie verletzen und heilen. Aber das Wichtigste: Sie sind.

db_gauss_mitte

Doch was ist mit diesem grau markierten Bereich? Was ist mit der Mehrheit unserer Gesellschaft? Was können mit dieser Mitte des Ganzen anfangen? «Das sind diejenigen,» wie Dostojewskij (1821 – 1881) in Der Idiot schreibt, «die man meist als die ‘üblichen’, als ‘Masse’ bezeichnet und die tatsächlich in jeder Gesellschaft die weitaus überwiegende Mehrheit bilden.» Das «Übliche» sehen wir für selbstverständlich an. Das «Übliche» ist weder Gesprächsstoff, noch wird das «Übliche» jemals ausgesucht oder hervorgehoben.

db_kopfform-min.jpg

Und doch sind sie da und zwar in grosser Zahl. Die «Alltagsmenschen», wie sie Dostojewskij nennt. Sie leben dahin, ohne dass sie jemals etwas aussergewöhnliches leisten. Sie füllen die Kinosäle und kaufen die Bücher, doch sind sie weder die Regisseure bzw. Autoren noch die Protagonisten dieser Filme bzw. Geschichten.

Die «Alltagsmenschen» bewundern oder fürchten die Helden und Bösewichte, sie staunen und wünschen. Sie lachen und schmunzeln, wenn sie in den Hauptpersonen einen Charakterzug ihrer selbst wiedererkennen. Es sind die «Alltagsmenschen», die sich mit der rechten und linken Seite des Spektrums identifizieren, während sie sich selbst in der Mitte tummeln. Und sie können nicht anders. Genauso wie es einfacher ist, mit Wörtern zu sprechen, die man kennt, als mit Wörtern, die einem fremd sind, ist es einfacher, zu erkennen, was man ist, als was man nicht ist. Das verstärkt die Asymmetrie noch weiter. Dostojewskij schreibt:

«Die Schriftsteller bemühen sich in ihren Romanen und Novellen größtenteils, aus der Gesellschaft solche Charaktere herauszugreifen und sie so plastisch und künstlerisch darzustellen, wie sie in der Wirklichkeit nur ganz selten anzutreffen sind, Charaktere, die aber trotzdem fast wirklicher sind als die Wirklichkeit selbst.»

db_haaransatz-min.jpg

Gerade der Schriftsteller befindet sich in einer besonders prekären Situation, wie Dostojewskij betont. Auf der einen Seite ist es das Aussergewöhnliche, das seine Geschichte prägt und vorwärtstreibt. Es ist das Besondere, (wie besonders auch immer,) das den Leser verzaubert und fesselt. Aber auf der anderen Seite ist es die Aufgabe des Schriftstellers, das Leben so einzufangen und zu vermitteln, dass das Leben immer noch Leben bleibt. Und ein Leben ohne «Alltagsmenschen» ist nicht vorstellbar. Dostojewskij fährt fort:

«Indes bleibt immer noch die Frage zu beantworten: was soll der Romanschriftsteller mit den Alltagsmenschen, den ganz ‚gewöhnlichen‘ Leuten, anfangen und wie soll er sie dem Leser vorführen, um sie ihm einigermaßen interessant zu machen? Sie in der Erzählung ganz zu übergehen, ist unmöglich, weil die Alltagsmenschen immer und überall das unumgängliche Bindeglied der Ereignisse des Lebens bilden. Wollte man einen Roman, um Interesse zu erregen, nur mit scharf ausgeprägten Charakteren oder gar nur mit seltsamen, nie dagewesenen Persönlichkeiten anfüllen, so würde man damit gegen die Wahrscheinlichkeit verstoßen und vielleicht sogar uninteressant werden.»

db_augen2-min

Was ist also die Antwort unserers Romanciers zur Frage, wie man mit den «Alltagsmenschen» umgehen sollte? Eine ziemlich makabre. Er meint, man solle sie streben und scheitern lassen. Sie nach den Früchten des Besonderen greifen und von der Leiter fallen lassen. Den Normalen bei der Anstrengung auf dem Laufband zuschauen. Sie rennen und schwitzen lassen, während sie in Wirklichkeit an der Stelle bleiben. Dostojewskij schreibt:

«Unserer Ansicht nach muß sich der Schriftsteller bemühen, auch bei den Alltagsmenschen interessante und lehrreiche Seiten herauszufinden. Wenn zum Beispiel das eigentliche Wesen gewisser Alltagsmenschen gerade in ihrer steten, unveränderlichen Alltäglichkeit besteht oder (was noch besser ist) wenn sie trotz all ihrer außerordentlichen Anstrengungen, um jeden Preis aus dem Geleise des Gewöhnlichen und Herkömmlichen herauszukommen, doch schließlich ihr lebelang unverändert Alltagsmenschen bleiben, dann erhalten solche Personen dadurch sogar einen gewissen eigenartig ausgeprägten Charakter: den einer Alltäglichkeit, die um keinen Preis das, was sie ist, bleiben und um jeden Preis Originalität und Selbständigkeit werden möchte, obwohl sie nicht die geringste Befähigung zur Selbständigkeit besitzt.»

Ich geb es zu. Ich habe seine Worte auf eine einseitige Weise auseinandergezupft. Ich habe seiner Stimme einen Ton Böswilligkeit angehängt, die sie in Wirklichkeit gar nicht besitzt. Und doch spürt man eine Brise Spott, wenn Fjodor Michailowitsch Dostojewskij, einer der renomiertesten Beobachter der menschlichen Natur überhaupt, meint, das Einzige, was den «Alltagsmenschen» interessant mache, sei die Tatsache, dass er eben nicht besonders sei. Dostojewskij teilt sein Mitgefühl mit den «Üblichen», die zwar wollen, aber nicht können:

«In der Tat, es kann nichts Ärgerlicheres geben, als zum Beispiel reich und von anständiger Familie zu sein, ein nettes Äußeres und eine hübsche Bildung sein eigen zu nennen, nicht dumm zu sein, sogar ein gutes Herz zu haben, und gleichzeitig kein Talent, keine Besonderheit, nicht einmal eine Wunderlichkeit, keine einzige eigene Idee zu besitzen, sondern einfach ebenso zu sein ‚wie alle Menschen‘.»

db_ohren-min.jpg

Und was ist mit den«Alltagsmenschen» selbst? Sind sie sich ihrer Position im grossen Ganzen überhaupt bewusst? Und wie gehen sie mit ihrem eigenen Nicht-Sein, Nicht-Können und Nicht-Wirken um? Dostojewskij unterteilt die Klasse der «Üblichen» in zwei Kategorien:

«Solche Leute gibt es auf der Welt eine große Menge und sogar weit mehr, als man zunächst glauben möchte; sie zerfallen wie alle Menschen in zwei Hauptgruppen: zur einen gehören die beschränkten, zur andern die ‚weit klügeren‘. Die ersteren sind glücklicher.»

Ohne unangeheme Fragen zu stellen, erhält man keine unangenehme Antworten. Ohne kritisch in den Spiegel zu schauen, sieht man kein unvollständiges Ebenbild. Ohne zu wissen, was fehlt, hat man alles, was man braucht. Das ist die Wonne der «Beschränkten». Sie plätschern vergnügt im Plastik-Pool, ohne zu wissen, das hinter dem Hügel ein Ozean wartet. Die «Klügeren» hingegen, sie leiden. Denn sie sind sich ihrer Position, wenn auch nur auf subtile Weise, irgendwie bewusst. Dostojewskij erklärt:

«Die Sache ist eben die, daß ein kluger Alltagsmensch, selbst wenn er sich zeitweilig (oder meinetwegen auch sein ganzes Leben) einbildet, ein genialer, origineller Mensch zu sein, doch in seinem Herzen den Wurm des Zweifels bewahrt, wodurch dieser kluge Mensch manchmal schließlich restlos in Verzweiflung gerät; wenn er sich aber auch in sein Schicksal fügt, so hat ihn doch die nach innen gedrängte Eitelkeit schon vollständig vergiftet.»

Die «Klügeren» fühlen sich fehl am Platz. Sie wollen nicht planschen, aber werden trotzdem nass. Sie träumen vom weiten Meer, aber kommen nicht über den Plastikrand des Beckens. Sie versuchen sich zu befreien, aber rutschen immer wieder aus und landen auf ihren Hintern. Dostojewskij schreibt:

Bei seinem leidenschaftlichen Wunsch, sich hervorzutun, war er manchmal zu den sinnlosesten Sprüngen bereit; aber sowie die Ausführung eines solchen sinnlosen Sprunges heranrückte, war unser Held doch immer zu klug, als daß er sich dazu hätte entschließen mögen. (…) Vielleicht hätte er sich bei Gelegenheit sogar zu einer recht gemeinen Handlung bereit gefunden, falls er dadurch etwas von seinen erträumten Zielen hätte erreichen können, aber gerade, wenn es an den entscheidenden Punkt kam, war er jedesmal für die recht gemeine Handlung doch zu ehrlich.

Es ist die Misere des «klugen Alltagsmenschen», dass ihm alles – bis auf den letzten Schritt – gelingt. Es fehlt meist lediglich der letzte entscheidende Stoss, um von der Norm abzuweichen. Er bleibt für immer in dieser Balance. Neigt er sich ein wenig zu sehr nach rechts, kippt er zurück in die Mitte. Wiegt er sich nach links, so schwingt er zurück zur Ausgangslage.

db_gesicht-min.jpg

Was ist also die Moral der Geschichte? Wie sollen wir mit diesem scheinbaren Determinismus Dostojewskijs umgehen? Muss ein«Alltagsmensch» sein Leben lang ein«Alltagsmensch» bleiben? Oder etwas pragmatischer formuliert: Kann ich als «Alltagsmensch» überhaupt Veränderung bewirken und Besonderes vollbringen? Die Antwort ist ein wenig knifflig.

Einerseits sind «Alltagsmenschen», auch wenn sie, wie bereits besprochen, im Alltag kaum Präsenz zeigen, das Mass der Dinge. Sie definieren den Massstab des «Üblichen» und machen Besonderheit überhaupt erst möglich. Denn das Verständnis davon, was normal ist, ist Voraussetzung dafür, um darüber zu sprechen, was es nicht ist. «Alltagsmenschen» dürfen also gewissermassen auf ihre Stellung stolz sein. Nicht, weil sie selbst besonders sind, sondern weil sie es eben genau nicht sind.

Andererseits birgt Dostojewskijs Begriff des «Alltagsmenschen» die Gefahr einer falschen Kategorisierung in sich. Ein «Alltagsmensch» ist per Definition «üblich». «Üblich» sein bedeutet, ein «übliches» Leben zu leben und «übliche» Dinge zu tun. Das Gegenteil von «üblich» ist besonders. Diese zwei Eigenschaften sind nach Dostojewskij kontradiktorisch. Das heisst, jemand ist entweder «üblich» oder besonders, aber nicht beides miteinander oder gar keines davon. Ein «Alltagsmensch» kann also, weil er «üblich» ist, nicht besonders sein. Nicht mal ein wenig. Gar nicht.

Was unterscheidet also die Besonderen von den «Alltagsmenschen». Nicht viel. Nur, dass sie nicht zu 100% «üblich» sind. Sie sind mit einem Prozentsatz Besonderheit auf die Welt gekommen oder haben ihn sich erarbeitet. Was aber sicher ist, sie alle waren nicht immer, sind nicht nicht die ganze Zeit und nicht in allen Belangen besonders.

Besonders zu sein ist eine Einbahnstrasse. Weshalb? Es gibt kein Weg zurück. Bist du es einmal, so bist du es für immer. Oder im Stile der berühmten Zeile aus dem Film Play It to the Bone (1999): Wenn ein Mann 1’000 Mal normal und ein einziges Mal besonders handelt, dann nennen sie ihn keinen «Alltagsmenschen»… dann nennen sie ihn einen Besonderen.

Das ist es vielleicht, was die «Alltagsmenschen» fürchten. Nicht nur, dass sie scheitern könnten und «Alltagsmenschen» bleiben, sondern, dass es ihnen möglicherweise gelingt und sie es nicht mehr sind.

Auch wenn ich mich (mehr oder weniger) elegant um die Definition von «besonders» geschlängelt habe, sollte klar geworden sein, was damit gemeint sein könnte. Wir sind keine «Normas» und keine «Normmen», wir sind Individuen. Wir sind keine fehlerhaften Kopien eines Original, wir sind das Original. Jeder von uns. (Zumindest biologisch.) Was wir aber mit dieser Originalität anfangen, dafür sind wir selber verantwortlich.

db_nase-min
Aus Alphonse Bertillons Tableau synoptic des traits physionomiques, ca. 1909

Vgl. Dahlia S. Cambers: THE LAW OF AVERAGES 1: NORMMAN AND NORMA (cabinetmagazine.org).
Vgl. The Anthropometry of Barbie: Unsettling Ideals of the Feminine Body in Popular Culture. In: Londa Schienbinger, ed., Feminism and the Body (Oxford: Oxford University Press, 2000), pp. 397–428.
Alle Zitate von Dostojewskijs Der Idiot beziehen sich auf die Übersetzung von H. Röhl von 1958. Freier Zugriff via Projekt Gutenberg.