Gewohnheitssache

Zitternd sass ich am Steuer. Welches der drei Pedale war schon wieder die Kupplung? Wann genau muss ich auf das Gas drücken? Und was ist, wenn ich – mit beiden Füssen auf Kupplung und Gas – nicht mehr bremsen kann und das Auto in einen Baum fahre? Oder vielleicht rennt ein Kind über die Strasse?

Ich kann mich gut an meine ersten Fahrstunden erinnern: Totale Überforderung. Man steigt zwar «nur» in ein Auto ein, aber gleichzeitig in eine komplett neue Umgebung mit eigenen Regeln, Handgriffen und Verhaltensweisen. Das Lernen funktioniert nicht «step by step», sondern alles aufs Mal.

Und doch setze ich mich heute ins Auto und fahre einfach los. Alles, was mich vor einigen Jahren noch ins Schwitzen gebracht hat, das funktioniert heute ohne nachzudenken. Beim Autofahren muss man zuerst lernen, wie man fährt, bevor man sich darauf konzentrieren kann, wohin man fährt.

Ähnlich ist es beim Schreiben. Seit einer Weile schreibe ich jeden Tag. Ich kümmere mich nicht darum, ob das Geschriebene gut ist, ob es jemandem gefällt oder ob ich es verarbeiten kann. Es geht mir darum, die Hand über das Blatt Papier zu bewegen, mit den Fingern auf die Tasten zu drücken. Mein Ziel ist es, das Schreiben zu einer Gewohnheit zu machen. Indem ich jeden Tag schreibe, hoffe ich, dass ich irgendwann meine Energie nicht mehr dafür aufwenden muss, dass ich schreibe, sondern darauf lenken kann, was ich schreibe.

Wenn die Methode zur Gewohnheit wird, dann ist der Kopf frei für das Ziel, die Richtung, den Inhalt.

db_meditation.jpg


Anmerkungen:

Für eine vertieferte Auseinandersetzung zum Thema «Gewohnheit» empfehle ich Charles Duhiggs sehr lesbares Buch The Power of Habit (auch in Deutsch verfügbar) oder den etwas anspruchsvolleren Artikel Habits, Rituals, and the Evaluative Brain von Ann M. Graybiel aus dem Annual Review of Neuroscience von 2008.

Die Möglichkeit im leeren Raum

Literatur fasziniert nicht durch Worte, sondern durch das, was zwischen den Zeilen geschieht.

Ein Film berührt nicht durch seine Frames, sondern die Übergänge zwischen den Bildern.

Ein grossartiger Koch schmeckt nicht nur was ist, sondern was fehlt.

Ein Schachzug ermöglichen nicht die Figuren, sondern die freien Felder.

Wir kümmern uns oft um das, was ist und nicht um das, was fehlt. Wir sehen die Handlung und nicht die Untätigkeit. Wir spüren das Scheinbare und ignorieren das Unwahrscheinliche.

Aber das grösste Potential liegt im leeren Raum. Wenn wir unser Augenmerk auf das richten, was nicht da ist, eröffnen sich neue Wege. In den Zwischenräumen entsteht Innovation. Das Fehlen führt zu Veränderung. Die Möglichkeit liegt in der Leere.

db_double_exposure.jpg
Nedre Slottsgate in Oslo, Norwegen, 1882 (Quelle)

Gleiche Information, unterschiedliche Handlung

Fast alle Informationen sind zu fast jeder Zeit fast jeder Person zugänglich. Doch interessanterweise stellen wir mit den Informationen, die wir lesen, hören, fühlen und schmecken ganz unterschiedliche Dinge an.

Ein Beispiel dafür, wie ein Set an Informationen zu komplett unterschiedlichen Handlungen führen kann, ist der Aktienmarkt. Im Internet sind Geschäftsberichte von Unternehmen, Ad-hoc-Mitteilungen, Kursentwicklungen und Prognosen zu Trends in Echtzeit jedem Investor und jedem Trader öffentlich und kostenfrei zugänglich. Es gibt keine Insider-Informationen, an die nur ausgewählte oder besonders begabte Händler herankommen. Es gib keinen Wissensvorsprung bestimmter Individuen gegenüber allen anderen, die am Markt teilnehmen. Alle Entscheidung basieren auf den gleichen transparenten Zahlen und Fakten.1

Wenn also jemand eine Aktie kauft oder verkauft, dann geschieht das aufgrund von Information, die ihn vermuten lassen, dass sich die eine oder andere Handlung in Zukunft auszahlen wird. Wenn Person A eine Aktie kauft, dann hofft sie, dass ihr Anteil mit der Zeit an Wert gewinnen wird. Person B hingegen, die sich für den Verkauf einer Aktie entscheidet, glaubt, dass deren Kurs in Zukunft sinken wird. (Dies unter der Voraussetzung, dass niemand absichtlich Geld verlieren möchte.)

Stellen wir uns nun vor, dass der Kurs der Facebook Aktie unerwartet um 5% einstürzt. An diesem Tag ist es möglich, dass an der Börse in Reaktion auf den Kursabsturz 300’000 Anteile verkauft werden. Aktien können allerdings nicht einfach verkauft werden. Eine Transaktion findet nur dann statt, wenn sich ein Käufer und ein Verkäufer finden. In anderen Worten: Die 300’000 verkauften Aktien werden von jemand anderem gekauft.2

Beide Seiten der Transaktion, die Käufer und Verkäufer der 300’000 Aktien, hatten Zugang zu den gleichen Informationen. Nur führten diese Informationen bei der einen Partei dazu, dass sie glaubten, sie müssen die Facebook Aktien in ihrem Besitz loswerden. Die andere Partei sah im Gegenzug im Kursabsturz die Chance, durch die Preisreduktion richtig viel Geld zu verdienen.

Es gilt zu bemerken, dass auf beiden Seiten des Handels sehr intelligente und clevere Leute stehen. (Natürlich sind auch sehr dumme Leute in beiden Seiten der Transaktion involviert.) Beide Seiten glauben daran, das Richtige zu tun. Sie wissen dasselbe, sie sehen dasselbe. Aber die Informationen werden komplett gegensätzlich interpretiert.

Und so ist es nicht nur an der Börse…


Anmerkungen:

1 Nein das stimmt nicht ganz. Exklusive Informationen gibt es natürlich schon, das nennt sich dann dann Insiderhandel und ist strafbar und – soweit ich das beurteilen kann – nicht wirklich empfehlenswert.

Die Inspiration für diesen Artikel verdanke ich Tim Ferriss‘ interessanten Interview mit Peter Mallouk.

«I want to thank me.»

Am 19. November 2018 ehrte das Hollywood Chamber of Commerce den Rapper Snoop Dogg mit dem 2’651. Stern auf dem Walk of Fame in Hollywood. In seinem gewohnt lässigen Stil trat die Hip-Hop-Legende für seine Dankesrede ans Mikrofon. Nachdem er alle Formalitäten hinter sich gebracht hatte, bedankte er sich zum Schluss bei derjenigen Person, die am meisten für seinen Erfolg verantwortlich war:

„I want to thank me. I want to thank me for believing in me. I want to thank me for doing all this hard work. I want to thank me for having no days off. I want to thank me for never quitting. I want to thank me for always being a giver, and trying to give more than I receive. I want to thank me for trying to do more right than wrong. I want to thank me for just being me at all times […]“

Ich denke, dass es wichtig ist, sich ab und zu daran zu erinnern, wer wirklich die Verantwortung in unserem Leben trägt. Wer uns dahin gebracht hat, wo wir jetzt sind. Und wer uns auch in Zukunft immer zur Seite stehen wird.

Wir dürfen uns zwischendurch auch einmal selbst Danke sagen. 

Johann Heinrich Tischbein – Narziss, ca. 1770 (Quelle)


Dieser Text ist ein Ausschnitt aus dem monatlichen Newsletter von Denkbrocken. Hier kannst Du dich in die Liste eintragen!

Anton Ego oder Pixars grossartige Hommage an das Künstlerindividuum

Auf der einen Seite der Kunst steht der Künstler. Er ist es, der etwas wagt und sich exponiert. Es ist der Künstler, der etwas Neues ausprobiert. Etwas, für das es keine Anleitung gibt. Etwas, das möglicherweise nicht funktioniert. Es ist der Künstler, der leidet und kämpft. Es ist der Künstler, der die Arbeit macht. Es ist der Künstler, der einen Wert generiert. Es ist der Künstler, der Diskussionen lanciert und die Kultur verändert.

Auf der anderen Seite der Kunst steht die Rezeption: Die Aufnahme und Verarbeitung der Werke. Menschen, die sehen, lesen, hören, schmecken. Menschen, die etwas fühlen oder nicht. Menschen, die sich verändern lassen oder nicht. Menschen, welche die Kunst wertschätzen oder nicht.

db_kunst.gif

Und dann gibt es noch eine kleine „Splittergruppe“, die sich in einer absonderlichen Position zwischen den beiden Polen befindet: die Kritiker. Kritiker nehmen die Kunst, die an sich neutral in die Welt gesetzt wird und drücken ihr einen Stempel auf. Sie bewerten die Arbeit des Künstlers, ohne ihre eigene Haut auf Spiel zu setzen. Die Kritiker haben den Künstler an der Angel. Sie sind die Torwächter der Gesellschaft und bestimmen, was die Masse erreicht und was nicht. Sie leiten und lenken die Meinungen.

db_kunstkritik.gif

Nein, das machen sie nicht. Sie haben keine tatsächliche Macht über den Künstler. Sie haben keine wirkliche Gewalt über die Meinungen der Masse. Der Künstler hat die Möglichkeit, die Menschen, die er mit seiner Arbeit verändern möchte, direkt zu erreichen. Und die Konsumenten haben keinen Grund, sich nicht selbst auszusuchen, was sie sehen möchten und was ihnen gefällt. Ignoriert man die Kritiker, so verlieren sie einen Einfluss und seine Bedeutung.

Allerdings möchte jeder Künstler wissen, ob das, was er tut, auch funktioniert. Und er seine Arbeit nicht nur in die Menge wirft, ohne eine Reaktion auszulösen. Es ist aufwändig, sich direkt mit dem Publikum zu verbinden und deren Wünsche und Rückmeldungen herauszukitzeln. Einfacher ist es, nur einer einzigen Person gefallen zu müssen, einer Person mit einer eindeutigen Meinung, einem Ruf, einer Reichweite: Dem Kritiker.

Ebenso ist es für den Konsumenten anspruchsvoller, sich Kunst selbst auszusuchen und eine eigene Meinung zu bilden sowie zu entscheiden, was seiner beschränkten Aufmerksamkeit wert ist, als sich auf eine bewährte und geschulte Meinung zu verlassen: Die Meinung des Kritikers.

Die wohl grossartigste Selbstreflexion zur Rolle des Kritikers in der Popkultur findet sich in Pixars Ratatouille, der Geschichte einer kochenden Ratte im kulinarischen Hotspot der neuen Welt, dem pulsierenden und lebendigen Paris. Die Rede ist – natürlich  – vom berüchtigten Restaurantkritiker Anton Ego.

Entgegen der Erwartungen eines Feinschmeckers, eines Gourmets, die wir mit einem Restaurantkritiker assoziieren, nimmt Anton Egos Beziehung zum Essen beinahe masochistische Züge an, die seinem Spitznamen «The Grim Eater» gerecht werden.

«I don’t like food. I love it. If I don’t love it, I don’t swallow.»

Bereits aus seinem Namen lässt sich Egos Persönlichkeit ablesen. Der Vorname Anton bezeichnet seine Position als Gegenspieler (gr. anti-) aller Gastronomen. Wie sich vermuten lässt, hat seine Kritik keinen konstruktiven Charakter. Seine Ziel ist nicht Empowerment, sondern Qualität. Qualität, die er von seinen hohen Standards abzuleiten glaubt. Zudem impliziert der Anfangsbuchstabe A eine Art vorbestimmte hierarchische Überlegenheit, die durch seinen Nachnamen noch verstärkt wird. Ego steht für seinen überhöhten Selbstwert, seine Vorstellung einer egozentrischen Welt, die nicht nach physikalischen Gesetzen, sondern nach seinen Anordnungen und Meinungen funktioniert. Seine destruktive Einstellung widerspiegelt sich auch in seinem Umfeld und seinem Auftreten:

Als Ego in der Zeitung über das erneute Aufblühen eines Restaurants erfährt, welchem er vor einiger Zeit in seiner schriftlichen Kritik den Untergang prophezeite, ist er höchst verwundert und entsetzt. Denn bisher wurde noch nie sein Urteil gegenüber eines Restaurants in Frage gestellt. Dass seine Meinung keine endgültige sei oder er diese gar zu revidieren habe, steht für Ego ausser Frage.

«That was my last word. The last word.»

Und doch begeistert dieses eine Restaurant mit dem Namen Gusteau’s trotz seiner negativen Kritik die Gäste und schlägt Wellen durch die Gastronomieszene. So ist Ego bereit, dem Restaurant eine zweite Chance zu geben. Nein, eine neue Chance zu geben, passt nicht zu Ego. Vielmehr möchte er seine Meinung mit einem wiederholten Besuch bestätigen.

Am darauffolgenden Abend löst Ego durch sein Auftauchen im Gusteau’s eine grosse Hektik in der Küche aus. Der aufgeregte, junge Küchenchef nimmt die Bestellung des Kritikers entgegen. Ego wünscht sich etwas «Perspektive». Weil der Knabe mit dieser Bitte nicht wirklich viel anfangen kann, kommt ihm Ego etwas entgegen und wird expliziter:

«You provide the food, I’ll provide the perspective.»

Als aber Ego ein wenig später einen Teller aufgetischt bekommt und die erste Gabel – ja, Ratatouille – in seinem Mund landet, geschieht etwas Aussergewöhnliches.

db_anton_ego

Der erste Bissen, der Geschmack, das Gefühl, die Kompostion schicken ihn zurück in seine Kindheit. Das Essen weckt in ihm Erinnerungen an seine Mutter. Die für ihn das gleiche Gericht gekocht hat. Das Gericht steht für viel mehr als seine blossen Zutaten. Es ist ein ganzheitliches Erlebnis, ein Ausdruck von Liebe, Zusammensein und Freude. Es demonstriert Ego auf die ehrlichste und direkteste Art und Weise, welche Bedeutung dem Essen zukommt. Und gleichzeitig stellt dieser eine Teller Ratatouille seine gesamte Weltansicht auf den Kopf. Die aromatische Faust ins Gesicht weckt ihn aus seiner Starre auf, schüttelt seine Glieder und seinen Glauben durch und… dies fühlt sich gut an!

Was dann folgt, ist eine der eindrücklichsten und prägendsten Szenen, die ich jemals in einem Film gesehen habe. Eigentlich ist es nicht die Szene, sondern der Text. Der Film endet mit der wunderbar geschrieben Kritik von Anton Ego, die am darauffolgenden Tag in der Zeitung erscheint. Es ist weniger eine geschmackliche Rekapitulation als eine Selbstreflexion über die Rolle des Kritikers im Verhältnis zum Künstler:

«In many ways, the work of a critic is easy. We risk very little yet enjoy a position over those who offer up their work and their selves to our judgment. We thrive on negative criticism, which is fun to write and to read. But the bitter truth we critics must face, is that in the grand scheme of things, the average piece of junk is probably more meaningful than our criticism designating it so. But there are times when a critic truly risks something, and that is in the discovery and defense of the new. The world is often unkind to new talent, new creations, the new needs friends. Last night, I experienced something new, an extraordinary meal from a singularly unexpected source. To say that both the meal and its maker have challenged my preconceptions about fine cooking is a gross understatement. They have rocked me to my core. (…) »

Und damit auch keinesfalls nur ein kleines Staubkorn dieser Goldgrube übersehen oder überlesen wird, hier noch die deutsche Übersetzung:

«Die Arbeit des Kritikers ist in vieler Hinsicht eine leichte. Wir riskieren sehr wenig und erfreuen uns dennoch einer Überlegenheit gegenüber jenen, die ihr Werk und sich selbst unserem Urteil überantworten. Am dankbarsten sind negative Kritiken, da sie amüsant zu schreiben und auch zu lesen sind. Aber wir Kritiker müssen uns der bitteren Wahrheit stellen, dass, im Grossen und Ganzen betrachtet, das gewöhnliche Durchschnittsprodukt wohl immer noch bedeutungsvoller ist als unsere Kritik, die es als solches bezeichnet. Doch es gibt auch Zeiten, da ein Kritiker tatsächlich etwas riskiert – wenn es um die Entdeckung und Verteidigung von Neuem geht. Die Welt reagiert oft ungnädig auf neue Talente, neue Kreationen. Das Neue braucht Freunde. Gestern Abend habe ich etwas Neues erlebt, ein ganz aussergewöhnliches Mahl aus einer vollkommen unerwarteten Quelle. Zu sagen, dass sowohl das Mahl als auch sein Schöpfer mein Verständnis von der hohen Kunst des Kochens herausgefordert haben, ist eine gewaltige Untertreibung. Sie haben mich in meinen Grundfesten erschüttert. (…) »

Heute ist es nicht mehr der Fall, dass die Meinung eines einzelnen renommierten Kritikers über den Erfolg oder Misserfolgs eines Künstlers entschiedet. Vielmehr sind wir alle zu Kritikern geworden. Noch nie war es einfacher, auf Amazon seine Meinung zum gelesenen Buch zu teilen oder auf TripAdvisor die Pasta des Italieners mit Sternen zu bewerten. Wir haben allen die Erlaubnis erteilt, alle dazu eingeladen, sich an der Diskussion zu beteiligen. Und diese Einladung haben viele angenommen. Umso wichtiger wird es, sich immer wieder daran zu erinnern, dass hinter dem Werk, das wir bewerten, immer ein Mensch steht. Wir entscheiden mit unserer Kritik, welche Kultur wir prägen möchten. Möchten wir in einer Welt leben, wo das Künstlerindividuum von der öffentlichen Meinung unterstützt und gefördert wird? Oder möchten wir ein Umfeld erschaffen, wo Haters und Trolls dem Künstler den Schlaf rauben? Wir müssen uns bewusst sein, dass wir kritisieren und was unsere Kritik bewirken kann.

db_kunstkritik_alt.gif

Anmerkungen:

1. Link zur Schlusszene von Ratatouille in Deutsch / Englisch.

2. Die Bilder und das GIF von Anton Ego entstammen dem Film Ratatouille. Alle Rechte gehören der Pixar Animation Studios. Die schematischen Animationen sind Kreationen meinerseits.

3. Zum Weiterdenken:
«The critic, the mimic and the comic all have one thing in common: they’re not doing the work.» – Seth Godin
«A critic is someone who never actually goes to the battle, yet who afterwards comes out shooting the wounded.» – Tyne Daly

Ich/Du/Wir/Ihr

Das Ich, das Du, das Wir und das Ihr können als Regler in einem vernetzten, komplexen System angesehen werden.

Verändere ich einen Wert, so hat dies einen Einfluss auf die anderen Werte innerhalb des Systems.

Verschiebe ich den Wir-Regler, dann färbt das auf den Ihr-Wert ab.

Drehe ich am Du, dann verändert sich das Ich.

Minimiere ich das Ihr, dann wirkt das unweigerlich auf das Du und das Ich ein.

Eine Veränderung im Ich-Wert, zieht Konsequenzen in Bezug auf alle anderen Werte nach sich. 

Mit jedem Eingriff in das System müssen wir uns also bewusst sein, dass wir nicht nur einen, sondern alle Werte beeinflussen.

Die Frage, die sich stellt, ist, wie wir das Wir maximieren, ohne dass das Ihr darunter leiden muss. Wie wir den Du-Wert verbessern, ohne dass der Ich-Wert durch den Boden sinkt. Wie wir das System als Ganzes, d.h. alle Werte zusammen zum Positiven hin verändern?

STRIKE!

Der wichtigste Faktor beim Bowling ist, wie weit die Pins voneinander entfernt sind.

Klar, Können spielt eine zentrale Rolle. Wenn die Kugel, bevor sie die Pins erreicht, in der Rinne landet, wird man kaum ein Spiel gewinnen geschweige denn Spass haben (wie das bei mir oft der Fall war).

Die beste Stelle, um möglichst viele Pins abzuräumen ist nicht ganz mittig, sondern ein bisschen daneben. Profis geben der Kugel gar eine seitliche Rotation, um den Winkel des Einschlags zu optimieren. Präzision, Technik und Routine erhöhen die Wahrscheinlichkeit auf einen Strike (das Abräumen aller Pins im ersten Wurf), garantiert ihn aber nicht.

Das ist es, was Bowling für viele Spieler attraktiv macht: Die Möglichkeit, durch Training die Erfolgschancen zu erhöhen und gleichzeitig der Nervenkitzel, dass man doch nicht zu 100% kontrollieren kann, was passiert, wenn die Kugel in die Pins prallt.

db_bowling_normal

Würden die Pins nur ein klein wenig näher beieinander stehen, dann wäre jeder Wurf – vorausgesetzt er landet nicht in der Rinne – ein Strike.

db_bowling_eng

Würden die Pins ein klein wenig weiter auseinander positioniert werden, dann wäre ein Strike beinahe unmöglich.

db_bowling_weit

Dies sieht zwar nicht nach einem grossen Unterschied aus, aber es mach den Unterschied zwischen einem Spiel, für das es sich lohnt, besser zu werden und einem sinnlosen Ballerspiel.

Die Tatsache, dass es nicht auf den einzelnen Pin, sondern auf die Verknüpfung zwischen den Pins ankommt, lässt sich als Analogie auf weit mehr als nur Bowling beziehe: Wie der einzelne Pin bemalt ist, welche Form er hat, wie schwer er ist und aus welchem Material er gefertigt wurde mag auf den ersten Blick als relevant erschienen. Doch für das gesamte System (in diesem Fall das Spiel) ist es entscheidender, wie der Pin in seinem Umfeld positioniert wird, wie der Pin mit den anderen Pins interagiert, und welchen Einfluss die Pins aufeinander ausüben.