Das eigene Glück pflücken

Pause. Wiese absuchen. Ein paar Schritte weiter. Hier? Nein. Etwas weiter vorne? Nein, hier auch nicht. Zur nächsten Wiese. Stehenbleiben. Hier vielleicht?

Mein 7-jähriger Cousin sorgte für ein eher gemächliches Tempo während des Familien-Bergspaziergangs von letzter Woche. Der Grund? Sein Blick schweifte nicht über das atemberaubende Flussbett, sondern war stets fokussiert auf den Boden gerichtet. Seine Augen hüpften suchend von einem Klee zum nächsten, zum nächsten, zum nächsten. Er war sich sicher, irgendwann wird er auf einen vierblättrigen Glücksklee stossen. Das brauchte Zeit. Doch ohne Erfolgserlebnis wurde er von Kleeblatt zu Kleeblatt ungeduldiger und frustrierter. Mit der Absicht, ihn aufzuheitern, pflückte ich (mit etwas Glück) ein vierblättriges Exemplar und gab es ihm im Verborgenen. So könne er erzählen, er habe es selbst gefunden. Mit dem Klee, wie einen Schatz in seinen Handhöhlen bergend, schloss er zur Gruppe auf. Doch anstatt sich über das Geschenk zu freuen, liess es ihn noch entmutigter und verärgerter werden. Der Klee war zwar vierblättrig und gehörte ihm, doch er konnte ihn nicht als seinen eigenen anerkennen. Er murmelte vor sich hin: «Das ist nicht richtig. Den habe ich nicht gefunden. Ich will unbedingt meinen eigenen finden.»

Den darauffolgenden Tag verbrachte er auf der Wiese vor seinem Haus und suchte nach seinem vierblättrigen Glücksklee.

Andere können ihr Glück zwar mit dir teilen, doch sie können es dir nicht schenken. Du musst dein eigenes Glück pflücken, sonst hat es keinen Wert. Nicht jeder stolpert prompt über sein Glück. Man kann sich schnell benachteiligt vorkommen, wenn anderen das Glück vor die Füsse fällt und man nach unzähligen Versuchen immer noch mit leeren Händen dastehst. Doch jeder muss sich bücken, suchen, und das Glück selber aus der Erde zupfen. Wenn du noch nicht fündig wurdest, musst du einfach weitersuchen. Vielleicht blüht dein Glück hier, vielleicht auf der nächsten Wiese.