Auf der Suche nach Authentizität – Übers Bloggen, Pixar und ein philosophisches Für-Wahr-Halten

Was toll daran ist, einen Blog zu haben, ist, dass man überall nach Schätzen suchen darf. Es ist wie eine Freikarte zum Spielplatz des Lebens. Einen Schlüssel der Neugier, der jede Tür öffnet. Es ist eine Entschuldigung, blöde Fragen zu stellen. Ein Alibi, Offensichtliches umdrehen zu dürfen.

Auf dieser Schatzsuche spielt es keine Rolle, ob das, was man findet, gross oder klein, alt oder neu, kindisch oder erwachsen ist. Das wichtigste Element dabei ist das Suchen. Ein Suchen, ohne zu wissen, was man findet. Ohne zu wissen, ob man überhaupt etwas findet.

Auf eine ähnliche Art und Weise entstehen Ideen und Geschichten im kreativen und inspirierenden Universum der Pixar-Animationsstudios. Einer meiner Lieblingsfilme ist Ratatouille: Die Geschichte einer kochenden Ratte im kulinarischen Hotspot der neuen Welt, dem pulsierenden und lebendigen Paris. Was Ratatouille so aussergewöhnlich macht, ist neben der verrückten Idee (Man stelle sich einen Elevator-Pitch dazu vor – das Gegenüber würde vermutlich nur mit dem Kopf schütteln) und die präzise Animationsarbeit diese gewisse Authentizität, die der Film vermittelt. (Auch wenn es für den Moment noch schräg klingen mag, bei einem derartigen Film über Authentizität zu sprechen…)

Wenn sich ein Filmteam bei Pixar für eine Geschichte entscheidet, werden die Filmemacher auf Recherche-Trips geschickt. Der Plot, die Umgebung und die Charaktere entstehen also nicht allein in den bunten Ateliers von Pixar in Emeryville, Kalifornien, sondern da draussen in der Welt.

→ Video: Building Paris | Ratatouille | Disney•Pixar

Am Beispiel von Ratatouille bedeutet dies für das Filmteam eine teure Reise nach Paris und noch teurere Abende in den besten Restaurants der französischen Hauptstadt. Ed Catmull, der Direktor von Pixar erklärt den Sinn hinter diesen Recherche-Ausflügen in seinem aussergewöhnlichen Buch Creativity, Inc.:

«Ultimately, what we’re after is authenticity. What feels daunting to the filmmakers when John Lasseter sends them out on such trips (for research) is that they don’t yet know what they are looking for, so they’re not sure what they will gain. But think about it: You’ll never stumble upon the unexpected if you stick only to the familiar.»

Auch wenn der durchschnittliche Zuschauer von Ratatouille vermutlich nie einen Einblick in eine französische Sterne-Küche erhalten oder die Struktur des Kopfsteinpflasters der Pariser Altstadtstrassen unter die Lupe nehmen wird, so spürt man beim Anschauen trotzdem das subtile Gefühl, dass eine Szene, eine Textur oder ein Raum echt sein könnte. Mit anderen Worten: auch wenn man nicht genau weiss wieso, man spürt, dass die Filmemacher von Ratatouille ihre Hausaufgaben gemacht haben. David Hume beschreibt dieses Gefühl des Für-Wahr-Haltens in seiner Untersuchung über den menschlichen Verstand:

«Die Einbildungskraft hat Gewalt über alle Vorstellungen und kann sie auf alle möglichen Weisen verbinden, mischen und abwandeln. Sie kann sich erdichtete Gegenstände mit allen Einzelheiten des Orts und der Zeit vorstellen. Sie kann sie uns gewissermaßen vor Augen führen, in ihren wahren Farben, gerade so wie sie auch hätten da sein können. Aber da es unmöglich ist, dass dies Vermögen der Einbildung je aus sich heraus dem Glauben gleichkommen kann, so besteht ersichtlich der Glaube nicht in der besonderen Natur oder Ordnung der Vorstellungen, sondern in der Art, wie sie vorgestellt werden und wie der Geist sie empfindet.» (5.2 #12)

Was David Hume hier feststellt, ist, dass wir uns zwar alle möglichen Szenarien vorstellen können, es aber dennoch einen feinen Unterschied zwischen blosser Imagination und tatsächlichem Für-Wahr-Halten (Glauben) gibt. Dieses besondere «Gefühl» lässt sich aber weder definieren noch vollständig erklären, wie Hume weiter ausführt:

«Wollten wir eine Definition dieses Gefühls zu geben versuchen, so würden wir vielleicht darin eine sehr schwierige, wenn nicht unmögliche Aufgabe erkennen.»

«Ich gestehe, dass es unmöglich ist, diese Empfindung oder diese Art des Vorstellens völlig zu erklären. […] In der Philosophie können wir nicht weiter gehen als bis zu der Behauptung, dass der Glaube etwas vom Geist Empfundenes ist, was die Vorstellungen der Urteilskraft von den Erdichtungen der Einbildungskraft unterscheidet. Er gibt ihnen mehr Gewicht und Einfluss, lässt sie bedeutsamer scheinen, drückt sie dem Geist auf und macht sie zum herrschenden Prinzip unserer Handlungen.»

«Ich sage also, dass Glaube weiter nichts ist als ein gegenständliches Vorstellungsbild von größerer Lebendigkeit, Lebhaftigkeit, Eindringlichkeit, Festigkeit und Beständigkeit, als sie die Einbildung allein je zu erreichen fähig ist. Diese Mannigfaltigkeit von Ausdrücken, die so unphilosophisch erscheinen mag, soll nur dazu dienen, jenen Akt des Geistes auszudrücken, der Wirklichkeiten, oder was dafür gehalten wird, uns gegenwärtiger macht, als Erdichtungen, ihnen mehr Gewicht im Denken gibt und einen überlegenen Einfluss auf die Affekte und die Einbildungskraft verleiht.»

Diese Empfindung, die unsere Vorstellung begleitet, wenn wir etwas für echt halten, stellt sich nach Hume unwillkürlich ein. Das bedeutet, dass wir sie weder willentlich erzeugen noch vermeiden können. Wir sind also nicht unbedingt in der Lage, zu entscheiden, ob wir der Szene in einem Animationsfilm Glauben schenken oder einen Blogpost für wahr halten. Aber wir spüren es ganz deutlich.

Auf der Gegenseite ist das Beste, was wir tun können, zu suchen, zu erfahren, festzuhalten und zu vermitteln. Denn Authentizität lässt sich nicht fabrizieren. Authentizität ist bemerkbar. Authentizität wirkt. Sie wirkt…

…authentisch?

db_hinter_papier.png