Wohin mit dem Durchschnitt? – Über «Normalität» und Dostojewskijs «Alltagsmenschen»

In den 40er Jahren formte der britische Bildhauer Abram Belskie (1907 – 1988) aus einem Block weissen Alabasters einen Frauenkörper mit dem Namen «Norma». Und Norma war nicht nur irgendein Frauenkörper. «Norma» war der Frauenkörper.

In Zusammenarbeit mit dem Gynäkologen Robert Latou Dickinson (1861 – 1950) wertete Belskie die gewaltige Datenkollektion des Arztes aus. 15’000 Körpermasse wurden zusammengerechnet und der Durchschnitt der Zahlen ergab eine Form – die Formel des Frauenkörpers, die Formel der «Norma». 1Der Name «Norma» beschreibt aber nicht den Durchschnitt als Abstraktion einer Datenmenge, sondern impliziert ein «Normal», ein Original im platonischen Sinne. Die individuellen Frauenkörper waren also nicht natürliche Abweichungen vom Durchschnitt, sondern wurden mit fehlerhaften Kopien eines Originals gleichgesetzt.

Bei der Akquisition der steinernen Frau (und ihrem männlichen Pendant, dem «Normman») organisierte das Cleveland Health Museum einen Wettbewerb, um die lebende «Norma» zu finden. Tausende von Frauen aus Ohio reichten die Masse ihres Hüft-, Brust-, Hals- und Handgelenksumfangs ein. Was das Museum allerdings nicht erwartete, war, dass keine dieser Frauen dem steinernen Durchschnitt entsprach. Nur ein winziger Prozentsatz der Frauen befand sich überhaupt irgendwo in der Nähe der Dimensionen der «Norma». 2

Wenn eine Gruppe von 15’000 Menschen schätzen, wie viele Reiskörner sich in einem bestimmten Glasbehälter befinden, dann ist der Durchschnitt der Schätzungen irgendwo in der Nähe der Wahrheit. Weshalb? Die individuellen Fehler heben sich gegenseitig auf. Wenn wir aber versuchen, aus 15’000 Individuen mithilfe des Durchschnitts ein Original zu rekonstruieren, dann geht die Rechnung nicht auf. Weshalb? Anders als bei der Anzahl Reiskörner im Glas gibt es keine richtige Lösung. Der durchschnittliche Mensch existiert nicht.

Trotzdem sind wir uns einig, dass es Individuen gibt, die sich mehr ähneln als andere und einige, die sich weniger ähneln, als andere. Und nicht nur in Bezug auf die Körpermasse oder das Aussehen, sondern auch im Handeln und bezüglich Charaktereigenschaften.

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Was wir hier sehen, ist eine Gauss’sche Glockenkurve, eine Normalverteilung. Auf der Vertikalen ist die Anzahl der Individuen anzusiedeln und auf der Horizontalen die Ausprägung eines bestimmten Merkmals; mit einer Zunahme von links nach rechts. Wie Nassim Taleb (oft!) betont, ist diese Kurve in vielen Bereichen falsch und trügerisch. Sie hilft aber dennoch an dieser Stelle meinen Punkt (etwas plakativ) zu unterstützen. Was die Normalverteilung nämlich im Grunde aussagt, ist Folgendes: Einige wenige Individuen befinden sich auf der linken Seite des Spektrums, und wenige andere auf der rechten Seite davon. Aber die grosse Mehrheit befindet sich in der Mitte.

Im Alltag ignorieren wir diese Tatsache aber vollkommen. Wir sprechen über die Minderheiten, die Extreme der Kurve. Aber niemals über die Mehrheit. Die Mitte wird nicht beachtet. Es gibt also eine Asymmetrie von Präsenz und Existenz.

Schauen wir uns mal die unterschiedlichen Bereiche dieser Verteilung etwas genauer an:

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Links, im blau markierten Bereich befinden sich die Kriminellen, die Ganoven, die Betrüger, die Krüppel, die Ausgestossenen, die Kranken, die Dummen und Stumpfen, die Hässlichen, die Einsamen, die Verlorenen, die Verrückten.

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Auf der rechten Seite – grün markiert – finden wir die Superstars, die Selbstlosen, die Weltretter, die Kriegshelden, die Athleten, die Schönen, die Ausserordentlichen, die Famosen , die Brillanten und Beliebten, die Genies, die Künstler, die Literaten und Poeten, die Könige und Herrscher unserer Welt.

Diese zwei Randgruppen scheinen unserer Aufmerksamkeit würdig zu sein. Sie sind aussergewöhnlich, erstrebenswert oder abstossend. Sie begeistern oder erschrecken. Sie inspirieren und lenken. Sie regieren und diktieren. Sie zerstören und bauen wieder auf. Sie verletzen und heilen. Aber das Wichtigste: Sie sind.

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Doch was ist mit diesem grau markierten Bereich? Was ist mit der Mehrheit unserer Gesellschaft? Was können mit dieser Mitte des Ganzen anfangen? «Das sind diejenigen,» wie Dostojewskij (1821 – 1881) in Der Idiot schreibt, «die man meist als die ‘üblichen’, als ‘Masse’ bezeichnet und die tatsächlich in jeder Gesellschaft die weitaus überwiegende Mehrheit bilden.» Das «Übliche» sehen wir für selbstverständlich an. Das «Übliche» ist weder Gesprächsstoff, noch wird das «Übliche» jemals ausgesucht oder hervorgehoben.

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Und doch sind sie da und zwar in grosser Zahl. Die «Alltagsmenschen», wie sie Dostojewskij nennt. Sie leben dahin, ohne dass sie jemals etwas aussergewöhnliches leisten. Sie füllen die Kinosäle und kaufen die Bücher, doch sind sie weder die Regisseure bzw. Autoren noch die Protagonisten dieser Filme bzw. Geschichten.

Die «Alltagsmenschen» bewundern oder fürchten die Helden und Bösewichte, sie staunen und wünschen. Sie lachen und schmunzeln, wenn sie in den Hauptpersonen einen Charakterzug ihrer selbst wiedererkennen. Es sind die «Alltagsmenschen», die sich mit der rechten und linken Seite des Spektrums identifizieren, während sie sich selbst in der Mitte tummeln. Und sie können nicht anders. Genauso wie es einfacher ist, mit Wörtern zu sprechen, die man kennt, als mit Wörtern, die einem fremd sind, ist es einfacher, zu erkennen, was man ist, als was man nicht ist. Das verstärkt die Asymmetrie noch weiter. Dostojewskij schreibt:

«Die Schriftsteller bemühen sich in ihren Romanen und Novellen größtenteils, aus der Gesellschaft solche Charaktere herauszugreifen und sie so plastisch und künstlerisch darzustellen, wie sie in der Wirklichkeit nur ganz selten anzutreffen sind, Charaktere, die aber trotzdem fast wirklicher sind als die Wirklichkeit selbst.»

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Gerade der Schriftsteller befindet sich in einer besonders prekären Situation, wie Dostojewskij betont. Auf der einen Seite ist es das Aussergewöhnliche, das seine Geschichte prägt und vorwärtstreibt. Es ist das Besondere, (wie besonders auch immer,) das den Leser verzaubert und fesselt. Aber auf der anderen Seite ist es die Aufgabe des Schriftstellers, das Leben so einzufangen und zu vermitteln, dass das Leben immer noch Leben bleibt. Und ein Leben ohne «Alltagsmenschen» ist nicht vorstellbar. Dostojewskij fährt fort:

«Indes bleibt immer noch die Frage zu beantworten: was soll der Romanschriftsteller mit den Alltagsmenschen, den ganz ‚gewöhnlichen‘ Leuten, anfangen und wie soll er sie dem Leser vorführen, um sie ihm einigermaßen interessant zu machen? Sie in der Erzählung ganz zu übergehen, ist unmöglich, weil die Alltagsmenschen immer und überall das unumgängliche Bindeglied der Ereignisse des Lebens bilden. Wollte man einen Roman, um Interesse zu erregen, nur mit scharf ausgeprägten Charakteren oder gar nur mit seltsamen, nie dagewesenen Persönlichkeiten anfüllen, so würde man damit gegen die Wahrscheinlichkeit verstoßen und vielleicht sogar uninteressant werden.»

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Was ist also die Antwort unserers Romanciers zur Frage, wie man mit den «Alltagsmenschen» umgehen sollte? Eine ziemlich makabre. Er meint, man solle sie streben und scheitern lassen. Sie nach den Früchten des Besonderen greifen und von der Leiter fallen lassen. Den Normalen bei der Anstrengung auf dem Laufband zuschauen. Sie rennen und schwitzen lassen, während sie in Wirklichkeit an der Stelle bleiben. Dostojewskij schreibt:

«Unserer Ansicht nach muß sich der Schriftsteller bemühen, auch bei den Alltagsmenschen interessante und lehrreiche Seiten herauszufinden. Wenn zum Beispiel das eigentliche Wesen gewisser Alltagsmenschen gerade in ihrer steten, unveränderlichen Alltäglichkeit besteht oder (was noch besser ist) wenn sie trotz all ihrer außerordentlichen Anstrengungen, um jeden Preis aus dem Geleise des Gewöhnlichen und Herkömmlichen herauszukommen, doch schließlich ihr lebelang unverändert Alltagsmenschen bleiben, dann erhalten solche Personen dadurch sogar einen gewissen eigenartig ausgeprägten Charakter: den einer Alltäglichkeit, die um keinen Preis das, was sie ist, bleiben und um jeden Preis Originalität und Selbständigkeit werden möchte, obwohl sie nicht die geringste Befähigung zur Selbständigkeit besitzt.»

Ich geb es zu. Ich habe seine Worte auf eine einseitige Weise auseinandergezupft. Ich habe seiner Stimme einen Ton Böswilligkeit angehängt, die sie in Wirklichkeit gar nicht besitzt. Und doch spürt man eine Brise Spott, wenn Fjodor Michailowitsch Dostojewskij, einer der renomiertesten Beobachter der menschlichen Natur überhaupt, meint, das Einzige, was den «Alltagsmenschen» interessant mache, sei die Tatsache, dass er eben nicht besonders sei. Dostojewskij teilt sein Mitgefühl mit den «Üblichen», die zwar wollen, aber nicht können:

«In der Tat, es kann nichts Ärgerlicheres geben, als zum Beispiel reich und von anständiger Familie zu sein, ein nettes Äußeres und eine hübsche Bildung sein eigen zu nennen, nicht dumm zu sein, sogar ein gutes Herz zu haben, und gleichzeitig kein Talent, keine Besonderheit, nicht einmal eine Wunderlichkeit, keine einzige eigene Idee zu besitzen, sondern einfach ebenso zu sein ‚wie alle Menschen‘.»

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Und was ist mit den«Alltagsmenschen» selbst? Sind sie sich ihrer Position im grossen Ganzen überhaupt bewusst? Und wie gehen sie mit ihrem eigenen Nicht-Sein, Nicht-Können und Nicht-Wirken um? Dostojewskij unterteilt die Klasse der «Üblichen» in zwei Kategorien:

«Solche Leute gibt es auf der Welt eine große Menge und sogar weit mehr, als man zunächst glauben möchte; sie zerfallen wie alle Menschen in zwei Hauptgruppen: zur einen gehören die beschränkten, zur andern die ‚weit klügeren‘. Die ersteren sind glücklicher.»

Ohne unangeheme Fragen zu stellen, erhält man keine unangenehme Antworten. Ohne kritisch in den Spiegel zu schauen, sieht man kein unvollständiges Ebenbild. Ohne zu wissen, was fehlt, hat man alles, was man braucht. Das ist die Wonne der «Beschränkten». Sie plätschern vergnügt im Plastik-Pool, ohne zu wissen, das hinter dem Hügel ein Ozean wartet. Die «Klügeren» hingegen, sie leiden. Denn sie sind sich ihrer Position, wenn auch nur auf subtile Weise, irgendwie bewusst. Dostojewskij erklärt:

«Die Sache ist eben die, daß ein kluger Alltagsmensch, selbst wenn er sich zeitweilig (oder meinetwegen auch sein ganzes Leben) einbildet, ein genialer, origineller Mensch zu sein, doch in seinem Herzen den Wurm des Zweifels bewahrt, wodurch dieser kluge Mensch manchmal schließlich restlos in Verzweiflung gerät; wenn er sich aber auch in sein Schicksal fügt, so hat ihn doch die nach innen gedrängte Eitelkeit schon vollständig vergiftet.»

Die «Klügeren» fühlen sich fehl am Platz. Sie wollen nicht planschen, aber werden trotzdem nass. Sie träumen vom weiten Meer, aber kommen nicht über den Plastikrand des Beckens. Sie versuchen sich zu befreien, aber rutschen immer wieder aus und landen auf ihren Hintern. Dostojewskij schreibt:

Bei seinem leidenschaftlichen Wunsch, sich hervorzutun, war er manchmal zu den sinnlosesten Sprüngen bereit; aber sowie die Ausführung eines solchen sinnlosen Sprunges heranrückte, war unser Held doch immer zu klug, als daß er sich dazu hätte entschließen mögen. (…) Vielleicht hätte er sich bei Gelegenheit sogar zu einer recht gemeinen Handlung bereit gefunden, falls er dadurch etwas von seinen erträumten Zielen hätte erreichen können, aber gerade, wenn es an den entscheidenden Punkt kam, war er jedesmal für die recht gemeine Handlung doch zu ehrlich.

Es ist die Misere des «klugen Alltagsmenschen», dass ihm alles – bis auf den letzten Schritt – gelingt. Es fehlt meist lediglich der letzte entscheidende Stoss, um von der Norm abzuweichen. Er bleibt für immer in dieser Balance. Neigt er sich ein wenig zu sehr nach rechts, kippt er zurück in die Mitte. Wiegt er sich nach links, so schwingt er zurück zur Ausgangslage.

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Was ist also die Moral der Geschichte? Wie sollen wir mit diesem scheinbaren Determinismus Dostojewskijs umgehen? Muss ein«Alltagsmensch» sein Leben lang ein«Alltagsmensch» bleiben? Oder etwas pragmatischer formuliert: Kann ich als «Alltagsmensch» überhaupt Veränderung bewirken und Besonderes vollbringen? Die Antwort ist ein wenig knifflig.

Einerseits sind «Alltagsmenschen», auch wenn sie, wie bereits besprochen, im Alltag kaum Präsenz zeigen, das Mass der Dinge. Sie definieren den Massstab des «Üblichen» und machen Besonderheit überhaupt erst möglich. Denn das Verständnis davon, was normal ist, ist Voraussetzung dafür, um darüber zu sprechen, was es nicht ist. «Alltagsmenschen» dürfen also gewissermassen auf ihre Stellung stolz sein. Nicht, weil sie selbst besonders sind, sondern weil sie es eben genau nicht sind.

Andererseits birgt Dostojewskijs Begriff des «Alltagsmenschen» die Gefahr einer falschen Kategorisierung in sich. Ein «Alltagsmensch» ist per Definition «üblich». «Üblich» sein bedeutet, ein «übliches» Leben zu leben und «übliche» Dinge zu tun. Das Gegenteil von «üblich» ist besonders. Diese zwei Eigenschaften sind nach Dostojewskij kontradiktorisch. Das heisst, jemand ist entweder «üblich» oder besonders, aber nicht beides miteinander oder gar keines davon. Ein «Alltagsmensch» kann also, weil er «üblich» ist, nicht besonders sein. Nicht mal ein wenig. Gar nicht.

Was unterscheidet also die Besonderen von den «Alltagsmenschen». Nicht viel. Nur, dass sie nicht zu 100% «üblich» sind. Sie sind mit einem Prozentsatz Besonderheit auf die Welt gekommen oder haben ihn sich erarbeitet. Was aber sicher ist, sie alle waren nicht immer, sind nicht nicht die ganze Zeit und nicht in allen Belangen besonders.

Besonders zu sein ist eine Einbahnstrasse. Weshalb? Es gibt kein Weg zurück. Bist du es einmal, so bist du es für immer. Oder im Stile der berühmten Zeile aus dem Film Play It to the Bone (1999): Wenn ein Mann 1’000 Mal normal und ein einziges Mal besonders handelt, dann nennen sie ihn keinen «Alltagsmenschen»… dann nennen sie ihn einen Besonderen.

Das ist es vielleicht, was die «Alltagsmenschen» fürchten. Nicht nur, dass sie scheitern könnten und «Alltagsmenschen» bleiben, sondern, dass es ihnen möglicherweise gelingt und sie es nicht mehr sind.

Auch wenn ich mich (mehr oder weniger) elegant um die Definition von «besonders» geschlängelt habe, sollte klar geworden sein, was damit gemeint sein könnte. Wir sind keine «Normas» und keine «Normmen», wir sind Individuen. Wir sind keine fehlerhaften Kopien eines Original, wir sind das Original. Jeder von uns. (Zumindest biologisch.) Was wir aber mit dieser Originalität anfangen, dafür sind wir selber verantwortlich.

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Aus Alphonse Bertillons Tableau synoptic des traits physionomiques, ca. 1909

Vgl. Dahlia S. Cambers: THE LAW OF AVERAGES 1: NORMMAN AND NORMA (cabinetmagazine.org).
Vgl. The Anthropometry of Barbie: Unsettling Ideals of the Feminine Body in Popular Culture. In: Londa Schienbinger, ed., Feminism and the Body (Oxford: Oxford University Press, 2000), pp. 397–428.
Alle Zitate von Dostojewskijs Der Idiot beziehen sich auf die Übersetzung von H. Röhl von 1958. Freier Zugriff via Projekt Gutenberg.