Zwei Zugänge

Geschriebenes

Eine Möglichkeit, an eine tiefere Erkenntnis zu gelangen, ist, zu untersuchen, was der Fall ist. Das kollektive Verhalten lässt Trends und Moden erkennen, die gemeinsamen Werte und Normen konstituieren eine Moral.

Die Alternative ist, sich an Fällen zu orientieren. Der Kranke liefert Hinweise für eine Medizin, der Wahnsinnige ermöglicht eine Psychiatrie, das Kind schafft die Grundlage für eine Pädagogik.

Kein Zugang ist besser als der andere. Doch in der Regel ist der eine besser als der andere. In Ausnahmefällen hingegen nicht.


„In der ganzen Geschichte des Menschen ist kein Kapitel unterrichtender für Herz und Geist als die Annalen seiner Verirrungen. Bei jedem großen Verbrecher war eine verhältnismäßig große Kraft in Bewegung. Wenn sich das geheime Spiel der Begehrungskraft bei dem matteren Licht gewöhnlicher Affekte versteckt, so wird es im Zustand gewaltsamer Leidenschaft desto hervorspringender, kolossalischer, lauter; der feinere Menschenforscher […] wird manche Erfahrung aus diesem Gebiete in seine Seelenlehre herübertragen und für das sittliche Leben verarbeiten […] Stünde einmal, wie für die übrigen Reiche der Natur, auch für das Menschengeschlecht ein Linnäus auf, welcher nach Trieben und Neigungen klassifizierte […]“

Friedrich Schiller, Der Verbrecher aus verlorener Ehre. Eine wahre Geschichte (1786/1792)

Bild: Exocoetus Volitan von Charles Dessalines D’ Orbigny (1806-1876) – Quelle.