Roland Barthes’ «absolut bedeutungslose Gliederung»

Geschriebenes

Als ich Roland Barthes’ Variations sur l’écriture (2006) aufschlug und mich durch die Kapitel blätterte, stellte sich rasch ein merkwürdiges Gefühl ein. Dieser Text, der in den frühen Achtzigern für das Instituto accademico de Roma geschrieben wurde, hatte irgendetwas Außergewöhnliches an sich. Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis gab schließlich Aufschluss über meine seltsame Leseerfahrung: die Kapitel folgten keiner Systematik, sondern waren in einer alphabetischen Reihenfolge angeordnet.

Barthes hat damit quasi den roten Faden, den man sich als Leser*in gewohnt ist, zerschnitten und der Länge der Stücke nach sortiert, aufs Papier gedruckt. Diese diametrale Herangehensweise an eine Präsentation seiner Gedanken, ist ein Symptom von Barthes’ Versuch – wie er in Fragmente einer Sprache der Liebe (1977) schreibt – eine “absolut bedeutungslose Gliederung” (S. 21) zu finden. Das zwingt die Lesenden dazu, ganz anders an den Text heranzutreten (und vielleicht in der Bedeutungslosigkeit selbst Bedeutung wiederzufinden).

Dass sich aber Roland Barthes ohne Konsequenzen dem Systemzwang widersetzen konnte, gelang wohl nur so geschmeidig, weil er, nun ja, Roland Barthes hieß. Hätte keine intellektuelle Größe die gewohnte Ordnung über den Haufen geworfen, wären vermutlich nur dumme Blicke geerntet worden.


Bild: Ausschnitt aus “LOCOMOTIVE ET TENDER”der Petites Constructions von Imagerie Pellerin – Quelle.