Vorratsgläser

Geschriebenes

In der Küche steht auf einem Regal über dem Esstisch eine Reihe Vorratsgläser. Der Klassiker von Ikea in verschiedenen Größen. Nichts Besonderes also. Der Inhalt überrascht genauso wenig: Reis, Haferflocken, Linsen, Kaffeebohnen, Kichererbsen, Cashewkerne, Bulgur, geschrotete Leinsamen, Datteln, Cornflakes. Lebensmittel, die ungekühlt eine Weile haltbar sind. Von den 10 Dosen, die auf dem Multiplex Platz finden, wird mindestens die Hälfte regelmässig geöffnet. Sie lassen sich zudem im Nebeneinander noch einigermasßen gut präsentieren. Jetzt stell dir aber vor, das Regal verlängere sich über die Küche hinaus. Anstelle von 10 Gläsern wäre die ganze Wohnung voller Regale mit Vorratsdosen. Noch besser: Eine ganze Lagerhalle. Unendliche Gänge. Glas an Glas. Wie würdest du sie befüllen? Der Anfang ist leicht. Neben die feinen kommen grobe Haferflocken, Dinkelflocken, Hirse- und andere Flocken. Eine Kaffeesorte? Dafür ist viel zu viel Platz. Verschiedene Bohnen und Mischungen in unterschiedlicher Röstgraden, sauber sortiert und beschriftet, nebeneinander aufgestellt. Doch irgendwann stösst du an erste Grenzen. Es gibt nur so viele Lebensmittel, die sich in Gläser aufbewahren lassen und überhaupt: auch der persönliche Geschmack lässt sich nicht endlos strapazieren. Mehr Reserve kommt auch nicht in Frage. Die Transparenz der Behälter erlaubt keine identische Befüllung. Also beginnst du erste Experimente. Das Glas lässt sich immerhin luftdicht schließen. Du legst Gurken und Chinakohl in Essig ein. Du machst Marmelade und Sugo. Olivenöl mit Chilischoten aus dem Garten, geriebenem Ingwer, Zitrone, Thymian. Und dann merkst du, dass du deine Perspektive weiter öffnen musst. Aufbewahrungsdosen sind ja zum Aufbewahren wie auch zum Präsentieren da. Also kommt zwischen Nahrhaftes ein Glas voller Trockenblumen. Sieht gut aus. Ein Glas Klemmbausteine. Schwarzer Sand. Wattepads, Stifte. Stimmt! Die Dosen lassen sich auch funktionalisieren. Du stellst ein Erste-Hilfe-Glas zusammen. Ein Badeset aus Sonnencreme, Mikrofasertuch und Schwimmhose. Irgendwo wolltest du doch deine einzelnen Socken lagern. Ins Glas damit. Quittungen und Rechnungen. Geknüllt für die Ästhetik. Doch langsam geht dir der Inhalt aus. Du widmest dich dem Gefäß. Du stellst neben die Gläser eine Plastikflache. Tauschst eine Dose mit einem kleinen Aquarium aus. Du legst ein Paar Schuhe ins Regal. Als Provokation. Und dann bist du ganz mutig: Du füllst eine Dose mit nichts, du lässt sie leer stehen. Und dann – wenn du alles ausprobiert hast – ist es vermutlich an der Zeit, die abgelaufenen Lebensmittel zu ersetzen.

(PS: Das ist der 1489. Denkbrocken. Und womit ich den nächsten füllen soll – kannst du mir weiterhelfen?)

Bild: [Man in Bottle] (ca. 1888) von John C. Higgins, The MET Museum – Quelle.


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