Wider dem Krampf – Robert Walsers zweistufiges Schreibsystem
Geschriebenes
«Ich darf Sie versichern […] dass ich mit der Feder einen wahren Zusammenbruch meiner Hand erlebte», berichtet Robert Walser in einem Brief vom Juni 1927, «eine Art Krampf, aus dessen Klammern ich mich auf dem Bleistiftweg mühsam, langsam befreite.»
Als Bewältigungsstrategie seiner «körperliche[n] und zugleich seelische[n]» Schreibkrise legte sich Walser ein zweistufiges Schreibverfahren zurecht: Im einem sogenannten ‘Bleistiftsystem’ entstehen in einem ersten Schritt dichterische Entwürfe, die in einem zweiten Schritt im ‘bureauhaften Abschreibesystem’ mit der Feder zu Textvorlagen aufbereitet werden.
In dieser doppelten Schreibszene kommen nicht nur unterschiedliche Techniken zur Anwendung, sondern auch differenzierte (und gleichzeitig verquickte) Poetiken zur Anwendung. Das private Spiel mit dem Bleistift dient Walser dazu, seine «Schriftstellerlust» zu entfachen. Nimmt Walser den Bleistift in die Hand, legt er jeglichen Publikationsdruck ab und ist frei, «zu bleistifteln, zu zeichnelen, zu gfätterlen». Erst mit dem Wechsel des Schreibinstruments wechselt sich der Anspruch. Mit der Feder kommen die Professionalität und Ernsthaftigkeit seiner Tätigkeit ins Spiel. Mit Tinte werden seine lustvollen Spielereien in verwertbare Entwürfe für eine Öffentlichkeit übersetzt.
Mit diesem zweistufigen Schreibverfahren hat Walser zwischen 1924 und 1933 derart riesige Textmengen produziert, dass allen anderen – besonders in Walsers unleserlicher Kleinstschrift – wahrscheinlich Kopf und Hände gekrampft hätten.
Quelle: Walser, Robert: Brief an Max Rychner, 20. Juni 1927. In: Walser, Robert: Briefe. Hg. von Peter Stocker und Bernhard Echte. In: Ders.: Werke. Berner Ausgabe (Bd. 2). Hg. von Lucas Marco Gisi, Reto Sorg, Peter Stocker und Peter Utz. Berlin 2018, S. 298–300.
Bild: Trapeze, Flying Jump, from the Gymnastic Exercises series (N77), 1887, Duke brand cigarettes, MET Museum – Quelle.