Ludwig Fleck und der Nutzen von populärem Wissen

Geschriebenes

Um wissenschaftliches Wissen zu vermitteln, muss es in irgendeiner Form – durch Worte, Bilder oder Grafiken – dargestellt werden. Jedes dieser Kommunikationsmittel bedeutet eine Übersetzung, die sich zwangsläufig vom ursprünglichen Fachwissen entfernt. Für den Wissenschaftstheoretiker Ludwig Fleck ist diese Distanzierung aber nicht ein Verlust, sondern vielmehr eine Notwendigkeit mit erkenntnistheoretischer Bedeutung. So schreibt er in Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache von 1935:

«Wie immer man auch einen bestimmten Fall beschreiben mag, stets ist Beschreibung Vereinfachung, mit apodiktischen und anschaulichen Elementen durchtränkt: durch jede Mitteilung, ja durch jede Benennung wird ein Wissen exoterischer, populärer. Man müßte sonst an jedes Wort eine Fußnote mit Einschränkungen und Explikationen anschließen, ja eigentlich an jedes Wort dieser Fußnoten eine zweite Wortpyramide, deren Gipfel es bildete, und so fort, woraus ein Gebilde entstünde, das sich nur in einem Raume von sehr vielen Dimensionen darstellen ließe. So ein Wissen – ein erschöpfendes Fachwissen – ist vollkommen unanschaulich und für jeden praktischen Fall unzweckmäßig. Wohlverstanden: der ganze Pyramidenbau führt nicht zu allgemeineren, sich wiederholenden Elementen, die den Bau grundsätzlich vereinfachten, wenn sie getrennt beschrieben wären. Man befindet sich immer in derselben Begriffsge- schichte, immer gleich weit von „fundamentalen Begriffen“ entfernt, deren eventuelle Konstruktion – eine Erkenntnisarbeit für sich – dieselben Schwierigkeiten aufweist. Gewißheit, Einfachheit, Anschaulichkeit entstehen erst im populären Wissen […]“ (S. 151-152)

Nach Fleck wäre es nicht bloß ein unendliches Unterfangen, Fachwissen in seiner ganzen Komplexität darzustellen, sondern auch ‘unzweckmäßig’. Ein Wissen brauchbar zu machen, bedeute im Gegenteil, die Umstände und Voraussetzungen wissenschaftlicher Tatsachen bewusst auszublenden. Populäres Wissen übernimmt somit eine eigenständige Funktion, Wirklichkeit zu strukturieren und erfahrbar zu machen.


Literatur: Fleck, Ludwik: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv. Hg. von Lothar Schäfer und Thomas Schnelle. Frankfurt a. M. 1980.


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