Wissenschaftliche Standpunkte

Geschriebenes

Wissenschaftliche Tätigkeiten haben immer einen Gegenstand. Damit ist der jeweilige Bereich der Realität gemeint, der erforscht wird – z. B. Lebewesen, Naturgesetze, soziale Phänomene oder kulturelle Artefakte. Was eine Wissenschaft auszeichnet, ist nach Haudricourt nicht allein der Gegenstand, sondern besonders der Standpunkt, aus dem das Forschungsobjekt betrachtet wird:

Nehmen wir zum Beispiel einen Tisch. Er kann unter mathematischen Gesichtspunkten untersucht werden, denn er hat eine Oberfläche, ein Volumen; unter physikalischen Gesichtspunkten kann man sein Gewicht untersuchen, seine Dichte, den Widerstand, den er Druck entgegensetzt; unter chemischen die Möglichkeit seiner Verbrennung durch Feuer oder seiner Auflösung durch Säuren; vom biologischen Standpunkt aus Alter und Art des Baumes, der das Holz geliefert hat; schließlich, vom Standpunkt der Humanwissenschaften aus, den Ursprung und die Funktion des Tisches für die Menschen. (S. 77)

Sobald sich ein Gegenstand aus unterschiedlichen Standpunkten erforschen lässt, stellt sich aber nicht nur die Frage, ob ein Standpunkt «wesentlicher ist als die anderen» (ebd.). Es sollte auch diskutiert werden, wie ein Austausch zwischen verschiedenen Wissenschaften möglich wird. Aber das wäre wiederum ein weiterer Forschungsgegenstand.


Literatur: Haudricourt, André-Georges: Technologie als Humanwissenschaft. In: ZMK Zeitschrift für Medien- und Kulturforschung, Jg. 1 (2010), Nr. 1, S. 77-87. DOI: http://dx.doi.org/10.25969/mediarep/18440.

Bild: New principles of linear perspective, or, The art of designing on a plane, the representations of all sorts of objects : in a more general and simple method than has been hitherto done (1749) von Brook Taylor – Quelle.


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