Dialogisches Verstehen

Geschriebenes

Ein Text steht nie für sich allein. Er entfaltet seine Bedeutung nicht nur durch das, was (teilweise vielstimmig) in ihm geschrieben steht, sondern auch durch das, was außerhalb von ihm existiert – in anderen Texten, in Diskursen, in kulturellen und historischen Kontexten. Michail Bachtin beschreibt diesen Prozess als ‘dialogisch’:

«Jedes Wort (jedes Zeichen) eines Textes führt über seine Grenzen hinaus. Es ist unzulässig, die Analyse (von Erkenntnis und Verständnis) allein auf den jeweiligen Text zu beschränken. Jedes Verstehen ist das In-Beziehung-Setzen des jeweiligen Textes mit anderen Texten […] Die Etappen dieser dialogischen Bewegung des Verstehens sind: Ausgangspunkt – der vorliegende Text, Bewegung zurück – die vergangenen Kontexte, Bewegung nach vorn – Vorwegnahme (und Beginn) des künftigen Kontextes.» (S. 352-353)

Lesen bedeutet, diesen Dialog aufzunehmen. Verstehen heißt, ihn fortzuführen.


Bild: Detail aus Polycyttaria – Vereins-Strahlinge aus Kunstformen der Natur (1904) by Ernst Haeckel

Literatur: Bachtin, Michail M.: Zur Methodologie der Literaturwissenschaft. In: Ders.: Die Ästhetik des Wortes. Herausgegeben von Rainer Grübel und Sabine Reese. Frankfurt am Main 1979, S. 349-357.


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