Stumme Natur
Geschriebenes
«Die Natur ist uns fremd. Denn sie ist uns nur ein Außen, kein Innen» (S. 36) – so fasst Wilhelm Dilthey 1883 die unüberbrückbare Distanz zwischen Mensch und Natur zusammen. Die Natur spreche nicht, gebe keine Bedeutung vor, keine Intention und Kausalität. Erst durch die menschliche Perspektive, durch unsere Zuschreibungen, Interpretationen und Gefühle «hauchen [wir] dieser fremden Welt einen Schimmer von Leben und Innerlichkeit» (ebd.) ein.
Jede Wissenschaft ist nach Dilthey folglich der «Inbegriff geistiger Tatsachen», (ebd., S. 5), insofern sich unsere Erkenntnis nicht unmittelbar auf die Realität beziehen kann. Forschen sei ein rein geistiger Akt, weil es darum gehe, Dinge in ein System menschlicher Erfahrung einzuordnen.
Auf diese Weltsicht hat die Natur in den letzten Jahrzehnten geantwortet. Also damit ist nicht ‘die Natur’ gemeint und sie hat selbstverständlich nicht im eigentlichen Sinne ‘geantwortet’. Aber eben.
Literatur: Wilhelm Dilthey: Gesammelte Schriften. Einleitung in die Geisteswissenschaften. Versuch einer Grundlegung für das Studium der Gesellschaft und der Geschichte, Bd. I, Stuttgart/Göttingen 1973, S. 5 und S. 36.
Bild: Detail aus Beach at Cabasson (1891–1892) von Henri-Edmond Cross – Quelle.