Narrativ des Anthropozäns

Geschriebenes

«Because of […] anthropogenic emissions of carbon dioxide, global climate may depart significantly from natural behaviour for many millennia to come.» bringt Paul J. Crutzen in seinem wegweisenden Artikel Geology of Mankind die ökologische Problemlage unserer Zeit auf den Punkt. Egal ob wir unser Zeitalter als Anthropozän, Kapitalozän, Chthuluzän oder Ökozän bezeichnen – alle Perspektiven kreisen um ein gemeinsames Narrativ: «[T]he Earth is now moving out of its current geological epoch, called the Holocene and […] human activity is largely responsible for this exit from the Holocene» (Steffen et al. 2011, S. 842.) Dieses Narrativ lässt sich auf vier Aspekte zurückführen.

1. Geologische Wirksamkeit

Der Menschheit wird eine geologische Wirksamkeit zugesprochen. Vergleichbar mit Cyanobakteria oder dem Vulkanismus ist der kumulierte Effekt menschlichen Handelns in der Lage, das dynamische Gleichgewicht des Erdsystems grundsätzlich und nachhaltig zu verändern.

2. Planetarische Perspektive

Zweitens bedingt das Anthropozän eine planetarische Perspektive. Anders als z. B. in Diskursen des Umweltschutzes, die sich auf das Lokale beschränken, impliziert die räumliche Perspektive des Anthropozäns die Herausforderung «of having to think of human agency over multiple and incommensurable scales at once.» (Chakrabarty 2012, S. 1) Die planetarische Wirkmacht menschlicher Aktivität ist gleichzeitig das Resultat individueller Handlungen sowie der (oft unintendierten) Konsequenzen kollektiver Handlungsmuster. Zwischen dem Individuellen und dem Kollektiven, dem Lokalen, dem Regionalen und dem Planetarischen ist jedoch keine bruchlose Skalierung möglich. Der problematische Sprung zwischen diesen Größenordnungen bezeichnet Timothy Clark als ‘Skaleneffekt’:

«At a certain indeterminate threshold, numerous human actions, insignificant in themselves […] come together to form a new, imponderable physical event, altering the basic ecological cycles of the planet.» (Clark 2015, S. 72.)

3. Kollision von Zeitskalen

Neben dem Ineinandergreifen räumlicher Ebenen beschreibt das Anthropozän drittens eine Kollision von Zeitskalen. Indem anthropogene Effekte das Erdsystem für ‘many millenia to come’ verändern, wird menschliche Geschichtsschreibung einer erdgeschichtlichen Tiefenzeit gegenübergestellt (vgl. Horn/Bergthaller 2019, S. 18): Auf der einen Seite konzentriert sich die «hoch aufgelöste Skala der Geschichte menschlicher Kultur» (ebd. S. 196-197) auf die kurzfristigen Zeiträume sozialer, gesellschaftlicher und politischer Rhythmen. Auf der anderen Seite rafft die Erdgeschichte in ihrer «relativen Ereignisarmut» (ebd.) Entwicklungen zusammen, die sich über Millionen von Jahren abspielen. Das Anthropozän als Epoche misst somit menschliche Geschichtsschreibung und Planungskapazitäten an Zeithorizonten, die über den individuellen und kollektiven Erfahrungsraum hinausgehen.

4. Ethische Verantwortung

Schließlich wirft das Anthropozän die Frage nach der ethischen Verantwortung der Menschheit auf. Naturwissenschaftliche Marker einer neuen geochronologischen Epoche sind in der Terminologie Latours von ‘matters of fact’ zu ‘matters of concern’ geworden: (Vgl. Latour 2004, S. 232.) In der Rolle als geologische Kraft sind menschliche Aktivitäten systemisch zu beurteilen. Um die (weitere) Zerstörung der Natur zu vermindern und menschliches Überleben zu sichern, müssen Entscheidungen unter Berücksichtigung der Abhängigkeiten aller Prozesse und Akteurinnen sowie Akteure des Erdsystems getroffen werden. Die räumlichen und zeitlichen Skaleneffekte verlangen dabei nach Denkweisen und Maßnahmen, die Landesgrenzen und Legislaturperioden überwinden.


Literatur:
Chakrabarty, Dipesh: Postcolonial Studies and the Challenge of Climate Change. In: New Literary History, Vol. 43, No. 1 (2012), S. 1–18.
Clark, Timothy: Ecocriticism on the Edge. The Anthropocene as a Threshold Concept. London: Bloomsbury, 2015.
Crutzen, P.J.: The Geology of Mankind. In: Nature, Vol. 415 (6867), 2002, S. 23.
Horn, Eva / Bergthaller, Hannes: Anthropozän zur Einführung. Hamburg: Junius, 2019.
Latour, Bruno: Why Has Critique Run out of Steam? From Matters of Fact to Matters of Concern. In: Critical Inquiry, Vol. 30, No. 2 (2004), S. 225–248.
Steffen, Will et al.: The Anthropocene: Conceptual and Historical Perspectives. In: Philosophical Transactions of the Royal Society A 369 (2011), S. 842.
DOI: 10.1098/rsta.2010.0327


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