Motivation durch Empathie: das Gerichtsverfahren der Bemba

Berichten zufolge hat das Volk der Bemba oder BaBemba aus Sambia ein aussergewöhnliches Ritual, mit Fehlverhalten umzugehen, wie Leonard Zunin in «Contact: The First Four Minutes» beschreibt. Wenn ein Stammesmitglied ein Verbrechen oder selbstsüchtiges Unrecht begeht, versammelt sich das gesamte Dorf und bildet einen Kreis um den Übeltäter. Dann spricht jeder einzelne Dorfbewohner zum Straftäter – beginnend mit dem oder der Jüngsten, einer nach dem anderen. Jedes Mitglied erinnert den Angeklagten an die positiven Dinge, die der Gesetzwidrige in seinem Leben vollbracht hat. Jedes Ereignis und Erlebnis wird ehrlich und detailliert nacherzählt. Sarkasmus und Lügen sind verboten. Diese Prozedur dauert oft mehrere Tage. Mit der Zeit sammeln sich alle positiven Eigenschaften, guten Taten, Stärken und Gefälligkeiten des Übeltäters. Es stellt sich die Frage, wie eine Person mit so vielen positiven Qualitäten zu einer so asozialen Tat fähig sein kann. Am Ende des Rituals wird der Straftäter mit einem Fest wieder im Stamm willkommen geheissen. Die Rückfallquote ist minimal.

Ein jeder handelt zum Zeitpunkt einer Straftat nach seinen momentanen Überzeugungen und den aktuellen Umständen. Es ist möglich, dass der Gesetzwidrige zum Zeitpunkt seiner Straftat, sich seiner Untaten nicht, oder nur verzerrt bewusst war. Empathie ist lösungsorientierter als Kritik. Seneca meinte: «Achte den Leidenden heilig.». Der Straftäter ist in vielen Situationen nur ein Leidender. Anstatt ihn zu bestrafen, wäre manchmal ein moralischer Anschubser gewinnversprechender.