Fiktion als das Fundament menschlicher Zusammenarbeit: Yuval Noah Harari über die Macht erfundener Ordnungen

«Jede menschliche Zusammenarbeit im grossen Stil beruht letztlich auf unserem Glauben an erfundene Ordnungen. Das sind Gefüge von Regeln, die zwar nur in unserer Fantasie existieren, die wir aber für so real und unumstösslich wie die Schwerkraft halten.»

Wir glauben an die gleichen Geschichten und die gleichen erfundenen Ordnungen. Das macht uns in der Tierwelt einzigartig und das ist es, was den Homo Sapiens vom Neandertaler unterscheidet. Neandertaler kooperierten, wenn sie miteinander im Blute verwandt waren. Sapiens hingegen zogen zu fünfzigtausenden in die Kreuzzüge, weil sie den Glauben an das Christentum teilten.

Doch was ist mit erfundenen Ordnungen wirklich gemeint? Yuval Noah Harari beschreibt in «Homo Deus» drei Ebenen der Wirklichkeit. Die subjektive, die objektive und die intersubjektive Realität. Unter der subjektiven Wirklichkeit wird das persönliche, voreingenommene Weltbild verstanden. Es ist allgemein akzeptiert, dass subjektive Wahrnehmungen genauso real sein können wie objektive Erscheinungen. Mit der objektiven Wirklichkeit ist die sachliche, messbare Ebene der Welt gemeint. Die objektive Welt ist unabhängig von subjektiven Empfindungen. Von einer intersubjektiven Realität können sich allerdings die Wenigsten ein konkretes Bild machen. Intersubjektive Phänomene wie Geld, Gott und Nationen «hängen eher von der Kommunikation zwischen vielen Menschen ab als von den Überzeugungen und Gefühlen einzelner Personen». Sie sind ein Konstrukt, das über das Bewusstsein einer einzelnen Person hinausgeht. Die intersubjektive Realität ist Fiktion, die durch den Glauben vieler Individuen zu einer realen Macht wird.

Nehmen wir das Beispiel des Geldes. Auch wenn wir als eine Gesellschaft Geld als echt empfinden, ist Geld nicht real. Eine Münze an sich hat keinen Wert. Auch eine Banknote oder eine Zahl auf dem Konto ist an sich wertlos. Der Wert von Geld entsteht dadurch, dass wir alle an Geld glauben. Wenn, wie Harari erklärt, die Verkäuferin in einer Bäckerei unser Geld nicht entgegennehmen möchte, ist das noch kein Problem. Wir gehen einfach eine Strasse weiter in ein ähnliches Geschäft und tauschen dort unser Geld gegen Realien. Wenn allerdings auch dieses Geschäft und alle im Quartier – ja die ganze Stadt oder das ganze Land – unser Geld nicht mehr möchten, stehen wir mit leeren Händen da. Geld hat keinen realen Wert. Im 17. Jahrhundert in den Niederlanden wurde die Tulpenzwiebel zum Spekulationsobjekt. Der Tulpenzwiebel wurde ein Wert zugeschrieben und durch die geweckte Begierde und den knappen Faktor schossen die Preise durch die Decke. Die Tulpenzwiebel an sich war wertlos, der Gegenwert real. Der Höhepunkt dieser Tulpenmanie dauerte lediglich wenige Monate. Geld, ob Münzen oder Blumenzwiebeln, ist nur eine Geschichte, die wir uns erzählen.

Intersubjektive Phänomene sind erdachte Ordnungen, reine Fiktion. Und doch halten wir sie für unumstösslich. «Wir wollen nicht akzeptieren, dass unser Gott, unsere Nation oder unsere Welt blosse Fiktion sind, denn das sind die Dinge, die unserem Leben Sinn geben», wie Harari feststellt, «Sinn entsteht, wenn viele Menschen zusammen an einem gemeinsamen Geflecht von Geschichten weben.» Wir erschaffen uns «mit Hilfe der Sprache völlig neue Wirklichkeiten». Diese erfundenen Geschichten geben uns gemeinsame Ziele und ermöglichen uns Zusammenarbeit im grossen Stil.

Diese erfundenen Ordnungen stärken und festigen wir durch unsere Aufwände. Seien es wertvolle Güter, die wir den Göttern opferten, Kriegsleichen, die wir für eine ideologische Gesellschaft in Kauf nahmen und nehmen oder Stunden, in denen wir uns für Münzen und Geldnoten abarbeiten. Harari schreibt:

 «Je mehr Opfer wir für eine erfundene Geschichte bringen, desto stärker wird die Geschichte, weil wir diesen Opfern und diesem Leid, das wir verursacht haben, um jeden Preis einen Sinn geben wollen.»

Der Zahn der Zeit lockert das Geflecht unserer Geschichten und macht Platz für neue Ideen, neue Realitäten:

«Über die Jahrzehnte und Jahrhunderte löst sich das Geflecht auf, und an dessen Stelle wird ein neues Geflecht gesponnen. Sich mit Geschichten zu befassen heisst, bei der Entstehung und Auflösung dieser Geflechte zuzusehen und zu erkennen, dass das, was den Menschen in der eigenen Epoche als das Wichtigste im Leben erscheint, für ihre Nachkommen völlig bedeutungslos sein wird.»

Harari vermutet, dass der technologische Fortschritt im Laufe der kommenden Jahre unseren erfundenen Realitäten möglicherweise noch mehr Macht zuschreiben wird:

 «Im 21. Jahrhundert wird die Grenze zwischen Geschichte und Biologie vermutlich unscharf werden, nicht weil wir auf biologische Erklärungen für historische Ereignisse stossen, sondern weil ideologische Fiktionen die DNA-Stränge neu schreiben; weil politische und ökonomische Interessen das Klima verändern; und weil die Geografie von Bergen und Flüssen dem Cyberspace weicht. Wenn menschliche Fiktionen in genetische und elektronische Codes übersetzt werden, wird die intersubjektive Realität die objektive Realität verschlingen und die Biologie wird mit der Geschichte verschmelzen. Im 21. Jahrhundert könnte die Fiktion somit zur wirkungsmächtigsten Kraft auf Erden werden, wirkmächtiger noch als unberechenbare Asteroiden und die natürliche Auslese. Wenn wir unsere Zukunft verstehen wollen, wird es deshalb nicht ausreichen, Genome zu entschlüsseln und über Zahlen zu brüten. Wir müssen die Fiktionen entschlüsseln, die der Welt einen Sinn verleihen.»

Der Mensch als Individuum ist schwach. Als Kollektiv beherrschen wir jede andere Rasse auf diesem Planeten. Wir regieren den Planeten, weil wir glauben können und weil wir erfundenen Ordnungen eine reale Macht zuschreiben können. Wohin wir uns als Gesellschaft entwickeln, wird durch die Storyline der Geschichten, die wir uns erzählen, bestimmt. Deshalb sollten wir uns darauf konzentrieren, die richtigen Geschichten zu schreiben.

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