«Experience-Stretching»: Wenn der Standard steigt und das Glück sinkt

«Once we have an experience, we are thereafter unable to see the world as we did before. Our innocence is lost and we cannot go home again.»

Daniel Gilbert führt in «Stumbling on Happiness» den Begriff der «Experience-Stretching Hypothese» ein und erklärt das Prinzip anhand eines hawaiianischen Sonnenuntergangs:
Das Farbenspiel der untergehenden Sonne über dem unendlichen pazifischen Ozean ist ein purer Genuss. Unvergleichlich. Wenn wir aber mit einer dicken kubanischen Zigarre im Mund dem Versinken der Sonne im hawaiianischen Meer zuschauen, sind die darauffolgenden Sonnenuntergänge ohne rauchenden Stumpen weit weniger erfüllend. Wenn wir zusätzlich zur Zigarre ein Glas antiker Rotwein geniessen, während sich die Sonne farbenfroh verabschiedet, so wirkt anschliessend das Naturphänomen des Sonnenuntergangs allein nochmals deutlich unbefriedigender.

Wenn wir unseren Erfahrungsschatz erweitern, sehen wir die Welt in einer neuer Perspektive. Wir können Vergangenes nicht verleumden und können nicht wissen, wie es wäre, wenn wir Bestimmtes nicht erlebt hätten. Unser Erfahrungshintergrund verändert sich und formt unsere Wahrnehmung. Daniel Gilbert schreibt:

«All claims of happiness are claims form someone’s point of view – from the perspective of a single human being whose unique collection of past experiences serves as a context, a lens, a background for her evaluation of her current experience. As much as the scientist might wish for it, there isn’t a view from nowhere. Once we have an experience, we are thereafter unable to see the world as we did before. Our innocence is lost and we cannot go home again. We may remember what we thought or said (though not necessarily), and we may remember what we did (though not necessarily that either), but the likelihood is depressingly slim that we can resurrect our experience and then evaluate it as we would have back then. In some ways, the cigar-smoking, [wine-drinking] we become have no more authority to speak on behalf of the people we used to be than do outside observers.»

Was wir als normal empfinden, verändert sich. Je mehr unser Standard steigt, desto selbstverständlicher scheint Vieles. Je mehr Witze wir gehört haben, desto schwieriger ist es, uns zum Lachen zu bringen. Je mehr Erfahrungen wir gesammelt haben, desto einfacher ist es, im Moment zu sehen, was fehlt, anstatt das zu geniessen, was vorhanden ist.

Auch wenn der Begriff «Experience-Stretching» modern ist, die Thematik ist zeitlos und beschäftigte bereits die Stoiker des alten Roms. Sie erarbeiteten sich praktische Werkzeuge, den Status quo zu hinterfragen und sich am Vorhandenen zu erfreuen. Epiktet schreibt in seinem «Handbüchlein der Moral»:

«Tod und Verbannung und Alles, was als schrecklich erscheint, soll dir täglich vor Augen schweben, am meisten aber der Tod; so wirst du nie wieder an etwas Gemeines denken, noch etwas allzuheftig begehren.»

Durch die Visualisierung des Worst-Case-Szenarios lockert sich die Umklammerung an den momentanen Zustand. Seneca pflegte, einige Tage im Monat auf seinen Luxus zu verzichten und ein Leben in Armut zu praktizieren. So machte er sich resilient gegenüber realen Verlusten und unabhängig von überflüssigem Luxus. Der Worst-Case ist selten so schlimm, wie wir ihn uns ausmalen. Seneca schreibt in seinem 18. Brief an Lucilius:

«Dazwischenschiebe einige Tage, an welchen du, zufrieden mit wenigster und billigster Speise, rohem und schlichtem Kleid, dir sagen magst: „Ist dies, was ich so gefürchtet habe?“ Gerade in dieser Sorglosigkeit bereite die Seele sich auf Beschwerliches und stärke sich wider des Geschickes Härten während seiner Wohltaten. Der Soldat manövriert mitten im Frieden, ohne irgend einen Feind in Sicht wirft er einen Wall auf und ermattet sich durch unnötige Mühe, auf dass hinzureichen nötiger er vermöge; von welchem du nicht willst, dass unmittelbar in der Sache er zurückbebe, den übe vor der Sache.»

Marc Aurel, römischer Kaiser von 161-180, war der mächtigste und wohl einer der reichsten Männer seiner Zeit. Der überzeugte Stoiker übte sich, die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich waren: Grilliertes Fleisch sei nicht mehr als ein totes Tier und edler Wein nicht weniger als alte, vergorene Trauben. Er konzentrierte sich auf die Wirklichkeit und liess sich nicht von Verzierungen blenden. Eine glänzende Fassade sollte nicht vom Wesentlichen ablenken. Seneca schreibt:

«Die Nahrung stille den Hunger, der Trank lösche den Durst, das Kleid bewahre vor Kälte, das Haus sei ein Schutz gegen die Unbilden der Witterung. Ob dieses nun aus Rasenstücken oder buntem Gestein einer fremden Gegend erbaut ist, macht keinen Unterschied: Ihr sollt wissen, dass der Mensch unter einem Strohdach ebenso sicher ist wie unter einem aus Gold.»

Trotz der stetigen Ermahnungen verweigerten sich Stoiker Luxusgütern keinesfalls. Seneca war ein äusserst erfolgreicher Geschäftsmann von grenzenlosem Reichtum. Anspruchslosigkeit fordert der Stoizismus, nicht Selbstqualen. Man soll sich mit dem Nötigsten zufrieden geben, Zusätzliches nicht ablehnen. Reichtum und Luxus sind in Ordnung, so lange wir deren Verlust verkraften könnten:

«Wenn (dem Weisen) Krankheit oder Feind eine Hand abgehauen, wenn ihm ein Unfall ein oder beide Augen ausgeschlagen hat, wird ihn, was ihm übriggeblieben, zufriedenstellen, und er wird trotz seines verkrüppelten und verstümmelten Körpers ebenso heiter sein, wie er es mit dem unversehrten war. Aber wenn er die fehlenden Körperteile auch nicht vermisst, ist ihm ihr Vorhandensein doch lieber»

Denn, wie Seneca schreibt: «Nicht wer zu wenig hat, sondern wer mehr begehrt, ist arm.»

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