Von realen Bildern und einer verzerrten Wirklichkeit – Wie wir sehen und sehen lernen

Ein spanischer Unternehmer ist auf Geschäftsreise in einem Erste-Klasse-Wagen im Schnellzug nach Barcelona. Zu seiner Überraschung setzt sich der weltberühmte Künstler Pablo Picasso neben ihn. Er sammelt seinen Mut und spricht den Maestro an: «Señor Picasso, Sie sind ein grossartiger Künstler. Aber eine Frage beschäftigt mich: Weshalb zeichnen sie Menschen auf diese verzerrte Art und Weise und nicht, wie sie in der Realität aussehen?»
Picasso hält einen Moment inne und fragt den Mann: «Was meinen Sie denn, wie Menschen in der Realität aussehen?»
Der Mann greift in seine Tasche und holt aus seiner Brieftasche ein Foto seiner Frau heraus: «Hier. Das ist meine Frau.»
Picasso nimmt das Bild in seine Hand, beobachtet es für eine Weile und sagt grinsend: «Wirklich? Das ist ihre Frau? Sie scheint mir sehr klein und flach zu sein.»1

Eine Fotografie gleicht der Realität nur auf eine sehr, sehr abstrakte Art und Weise. In einem berühmten Experiment wurden die Surma – ein Volk aus dem Süden Äthiopiens – zum ersten Mal mit einer Fotografie konfrontiert. Völlig unerwartet waren diese Menschen nicht in der Lage, das zweidimensionale Bild zu verstehen. Sie betasteten es mit ihren Fingern, sie lauschten den Geräuschen, die das Papier machte, wenn man es zerknitterte und sie rissen kleinere Stücke davon ab und kauten es aufmerksam. Doch die Fotografie blieb ihnen unverständlich.

Seit wir klein sind, werden wir konditioniert, Fotos anzusehen und die winzigen Farbpunkte ihrem ‘realen’ Referenten zuzuweisen. Mit anderen Worten: Wir lernen, Fotos zu interpretieren.

Und weil es ein Akt des Lernens ist, können wir selbst entscheiden, was wir wie sehen möchten. Versuchen wir das Ganze einmal zusammen aus. Sehen wir uns folgende Figur ganz genau an:

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Was wir theoretisch sehen, sind eine Menge farbiger Pixel auf einem Bildschirm.

Allerdings ist unsere Wahrnehmung so programmiert, dass wir die winzigen Farbpunkte automatisch zu Formen und Flächen kombinieren. Anstelle der einzelnen Pixel erkennen wir also einen roten Kreis mit einer Spitze, die in dessen Mitte zeigt.

Jetzt sage ich dir allerdings, dass das, was du siehst, kein roter Kreis mit einer Spitze in die Mitte ist. Was du wirklich vor dir hast, ist ein Abbild von mir. Was du siehst, das bin ich. Verstanden?

Gut, dann versuchen wir, uns zu konditionieren. Noch einmal als Wiederholung: Diese Form ist kein roter Kreis mit einer Spitze, sondern ein Abbild von mir. Der rote Kreis mit der Spitze bin ich.

Also ist die nächste Figur auch kein roter Kreis mit einer anderen Spitze, sondern der rote Kreis mit der anderen Spitze bin ich – auf dem Kopf!

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Super! Wir verstehen uns. Dann gehen wir mit dem Experiment etwas weiter….

Wenn die erste Form ich bin und die zweite Form ich auf dem Kopf bin, dann bin ich auch die nächste Form – einfach im Dunkeln:

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Und das bin ich betrunken:

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Das bin ich aus der Ferne:

5Ich vor dem Spiegel:

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Ich betrachte ein Bild von mir selbst an der Wand:

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Wir gewöhnen uns langsam an mich…

Noch einmal: Ich bin der rote Kreis mit der Spitze.

So, jetzt testen wir, ob du das Prinzip verstanden hast. Du versuchst zu erraten was die folgenden Formen darstellen. In Ordnung? Los geht’s! Das erste Rätsel:

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Korrekt! Das bin ich im Schwimmbad.

Und was stellt die nächste Form dar?

 

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Genau! Das bin ich von der Seite.

Jetzt erhöhen wir den Schwierigkeitsgrad ein wenig. Was soll die folgende Form darstellen?

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Exakt! Das bin ich mit einem neuen Haarschnitt.

Und was kannst du hier erkennen?

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Auch richtig! Das bin nicht ich. Das ist ein roter Kreis.

Worauf ich mit diesem kleinen Experiment hinaus wollte, ist: Wir sehen die Welt nicht, wie sie ist, sondern wie wir sie sehen möchten (und wie wir sie zu sehen gewohnt sind).

Anstelle der Realität, kreieren wir fiktive Abbildungen der Welt. Ein Abbild der Realität ist nicht dasselbe wie die Realität selbst. Und das soll es auch nicht sein. Es handelt sich um eine Abstrahierung. Eine Reduktion. Eine Vereinfachung.

Wir sind pragmatische Kartographen der Realität.

Wie ‚real‘ unsere Karten sind, das spielt gar keine grosse Rolle. Hauptsache sie sind nützlich und wir finden unseren Weg ans Ziel.


Inspiration aus dem wunderbaren Buch von Benjamin und Rosamund Zander, The Art of Possibility