Der Bildungsweg eines Freidenkers – Michel de Montaignes aussergewöhnliche Beziehung zum Lernen und Lehren

«Man ist nur in dem Masse wissbegierig,» schreibt Jean-Jacques Rousseau (1712–1778), «wie man unterrichtet ist.» Und dieser Unterricht beginnt nicht erst im Klassenzimmer, sondern mit dem allerersten Atemzug.

Der kleine Michel de Montaigne wird 1533 in eine neureiche Familie im Südwesten von Frankreich hineingeboren. Als ältester Sohn wird er von seinem Vater Pierre Eyquem auserwählt und auf eine ganz besondere Art behandelt und gefördert. Seine Ansprüche und Massnahmen wirken noch heute – 500 Jahre später – äusserst radikal. Stefan Zweig beschreibt in seiner Biographie des französischen Denkers und Lebenskünstlers wie er als Neugeborenes aus dem aristokratischen Milieu entfernt und in die Obhut einer armen Holzfällerfamilie gegeben wird. Dies geschieht, wie Montaigne in den Essais schreibt, um sich der «Einfachheit und Anspruchslosigkeit» zu erziehen. Er soll von Anfang an die Lebensbedingungen des Volkes kennenlernen, um später eine adäquate Hilfe anbieten zu können.

Nach dieser «Festigung des Körpers» wird auf Anweisung von Montaignes Vater und seinen gelehrten Freunden die intellektuelle Grundlage des Kindes gelegt. Um dem 4-Jährigen den Weg in eine gebildete und geistige Zukunft zu ebnen, möchte ihm der Vater das wichtigste Werkzeug dazu möglichst früh mit in die Hand geben. So lässt er einen deutschen Gelehrten einfliegen (oder besser gesagt einkutschen), der kein Wort Französisch spricht, um den jungen Knaben in Latein zu unterrichten. Michel wird von der Familie und dem gesprochenen Französisch isoliert in einem abgelegenen Schloss aufgezogen. Er lernt seine ersten Vokabeln und Sätze in Latein, der Sprache der Bücher und des Wissens. Diese sprachliche Absonderung geht so weit, dass selbst Familienmitgliedern die französische Kommunikation mit dem Jungen verwehrt bleibt. Wenn sie also Michel etwas mitteilen möchten, dann müssen sie sich zuerst vom Lehrer die lateinischen Übersetzungen eintrichtern lassen, um die Reinheit der Sprache des Kindes nicht zu gefährden. Stefan Zweig schreibt:

«Und so entsteht im Schlosse Montaigne die wahrhaft lustspielhafte Situation , dass um eines pädagogischen Experimentes willen ein ganzes Haus mit Eltern und Gesinde um eines Vierjährigen willen Latein lernen muss.»

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So ist Latein die Sprache, in der der junge Montaigne zu reden und denken beginnt. Französisch lernt er erst später. Montaigne hält fest, dass ihm selbst im fortgeschrittenen Erwachsenenalter die lateinische Sprache näher gewesen sei als seine biologische Muttersprache.

Neben den bewussten Einflüssen von aussen versucht der Vater, der den Aufstieg Montaignes in die höchsten Kreise der Gesellschaft vorsieht, auch für das Unterbewusstsein seines Sohnes zu sorgen. Um beispielsweise die empfindlichen Nerven des kleinen Kindes zu schonen, wird der Knabe jeden Morgen sanft durch Musik aus dem Schlafe geweckt.

Die Umgebung, in der der fortschrittliche Geist aufwächst, besteht aus einem Ausweichen von jedem Widerstand, allem Vorgeschriebenen und jeglicher Unannehmlichkeit. Montaignes Erziehung zielt einzig und allein auf die Entwicklung eines eigenen Willens und einer individuellen, einzigartigen Persönlichkeit und Meinung ab.

Entsprechend schwierig fällt dem jungen Selbstdenker der Eintritt ins Collège. Wenn man versucht, ein wildes Tier (oder in diesem Fall einen freien Geist) in Ketten zu legen, zu zähmen und zu dressieren – muss auf beiden Seiten mit grossen Verlusten gerechnet werden.

Auf der einen Seite wird Michel zum Albtraum der Lehrer seiner Schule. Nicht nur wehrt er sich gegen den Lehrplan und die Lehrpraktiken, der belehrte Knabe korrigiert und weist gar seine Lehrer zurecht. Auf der anderen Seite leidet Michel im Gefängnis der Schule und die Zeit im Klassenzimmer wird – nach eigenen Angaben – zur schlimmsten seines Lebens: Die Schule sei nicht nur nutzlos, sie schade der Entwicklung des jungen Menschen. Montaigne schreibt:

«So wie die Pflanzen unter zu viel Feuchtigkeit eingehen oder die Lampen unter zu viel Öl erlöschen, so wird auch unsere geistige Tätigkeit durch ein Übermaß an Studien und Stoff beeinflusst.»

Anstatt seinen Wissensdurst zu stillen, versickert das Quellwasser im Boden. Was dem jungen Montaigne besonders gegen den Strich läuft, ist das Auswendig-Lernen des Schulstoffes. Er schreibt:

«Etwas auswendig wissen bedeutet nicht, dass man etwas weiß, sondern lediglich, dass man etwas im Gedächtnis behalten hat.»

Nach Montaigne sollte, anstelle des Eintrichterns von Informationen, besser Wert auf das Denken und Verstehen gelegt werden:

«Was nützt es uns, dass wir uns den Bauch mit Fleisch füllen, wenn wir es nicht verdauen können, wenn es sich nicht in uns umbildet, uns stärkt und kräftigt?»

Das Klassenzimmer sollte kein steriles, lebensfremdes Laboratorium sein, sondern eine praxisbezogene pragmatische Werkstätte. Hinterfragen und nicht akzeptieren, ausprobieren und nicht annehmen, mäandrieren und nicht kanalisieren:

«Unsere Lehrer sollten nur das beurteilen, was ein Schüler durch das Zeugnis seines Lebens, nicht durch sein bloßes Gedächtnis gewonnen hat. Lasst den jungen Menschen alles, was er liest, prüfen und sieben und ihn nichts bloß auf Treu und Glauben oder Autorität hinnehmen. Gerade die verschiedensten Meinungen sollten ihm vorgelegt werden. Ist er fähig, so wird er seine Wahl treffen, wenn nicht, im Zweifel bleiben. Wer aber nur anderen folgt, der folgt keiner Sache, findet keine Sache, und sucht sogar keine Sache.»

Damit verabschiedet sich Montaigne vom klassisch dogmatischen Bildungsweg und entschiedet sich, seinen eigenen zu gehen. Nämlich fortan selber zu erleben, zu erkennen und zu verstehen. Kurz: «sein eigner Lehrer und Schüler sein».

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