Anton Ego oder Pixars grossartige Hommage an das Künstlerindividuum

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Auf der einen Seite der Kunst steht der Künstler. Er ist es, der etwas wagt und sich exponiert. Es ist der Künstler, der etwas Neues ausprobiert. Etwas, für das es keine Anleitung gibt. Etwas, das möglicherweise nicht funktioniert. Es ist der Künstler, der leidet und kämpft. Es ist der Künstler, der die Arbeit macht. Es ist der Künstler, der einen Wert generiert. Es ist der Künstler, der Diskussionen lanciert und die Kultur verändert.

Auf der anderen Seite der Kunst steht die Rezeption: Die Aufnahme und Verarbeitung der Werke. Menschen, die sehen, lesen, hören, schmecken. Menschen, die etwas fühlen oder nicht. Menschen, die sich verändern lassen oder nicht. Menschen, welche die Kunst wertschätzen oder nicht.

Und dann gibt es noch eine kleine „Splittergruppe”, die sich in einer absonderlichen Position zwischen den beiden Polen befindet: die Kritiker. Kritiker nehmen die Kunst, die an sich neutral in die Welt gesetzt wird und drücken ihr einen Stempel auf. Sie bewerten die Arbeit des Künstlers, ohne ihre eigene Haut auf Spiel zu setzen. Die Kritiker haben den Künstler an der Angel. Sie sind die Torwächter der Gesellschaft und bestimmen, was die Masse erreicht und was nicht. Sie leiten und lenken die Meinungen.

Nein, das machen sie nicht. Sie haben keine tatsächliche Macht über den Künstler. Sie haben keine wirkliche Gewalt über die Meinungen der Masse. Der Künstler hat die Möglichkeit, die Menschen, die er mit seiner Arbeit verändern möchte, direkt zu erreichen. Und die Konsumenten haben keinen Grund, sich nicht selbst auszusuchen, was sie sehen möchten und was ihnen gefällt. Ignoriert man die Kritiker, so verlieren sie einen Einfluss und seine Bedeutung.

Allerdings möchte jeder Künstler wissen, ob das, was er tut, auch funktioniert. Und er seine Arbeit nicht nur in die Menge wirft, ohne eine Reaktion auszulösen. Es ist aufwändig, sich direkt mit dem Publikum zu verbinden und deren Wünsche und Rückmeldungen herauszukitzeln. Einfacher ist es, nur einer einzigen Person gefallen zu müssen, einer Person mit einer eindeutigen Meinung, einem Ruf, einer Reichweite: Dem Kritiker.

Ebenso ist es für den Konsumenten anspruchsvoller, sich Kunst selbst auszusuchen und eine eigene Meinung zu bilden sowie zu entscheiden, was seiner beschränkten Aufmerksamkeit wert ist, als sich auf eine bewährte und geschulte Meinung zu verlassen: Die Meinung des Kritikers.

Die wohl grossartigste Selbstreflexion zur Rolle des Kritikers in der Popkultur findet sich in Pixars Ratatouille, der Geschichte einer kochenden Ratte im kulinarischen Hotspot der neuen Welt, dem pulsierenden und lebendigen Paris. Die Rede ist – natürlich  – vom berüchtigten Restaurantkritiker Anton Ego.

Screenshot: Anton Ego im Fernsehen mit seinem Spitznamen «The Grim Eater»

Entgegen der Erwartungen eines Feinschmeckers, eines Gourmets, die wir mit einem Restaurantkritiker assoziieren, nimmt Anton Egos Beziehung zum Essen beinahe masochistische Züge an, die seinem Spitznamen «The Grim Eater» gerecht werden.

«I don’t like food. I love it. If I don’t love it, I don’t swallow.»

Bereits aus seinem Namen lässt sich Egos Persönlichkeit ablesen. Der Vorname Anton bezeichnet seine Position als Gegenspieler (gr. anti-) aller Gastronomen. Wie sich vermuten lässt, hat seine Kritik keinen konstruktiven Charakter. Seine Ziel ist nicht Empowerment, sondern Qualität. Qualität, die er von seinen hohen Standards abzuleiten glaubt. Zudem impliziert der Anfangsbuchstabe A eine Art vorbestimmte hierarchische Überlegenheit, die durch seinen Nachnamen noch verstärkt wird. Ego steht für seinen überhöhten Selbstwert, seine Vorstellung einer egozentrischen Welt, die nicht nach physikalischen Gesetzen, sondern nach seinen Anordnungen und Meinungen funktioniert. Seine destruktive Einstellung widerspiegelt sich auch in seinem Umfeld und seinem Auftreten:

Als Ego in der Zeitung über das erneute Aufblühen eines Restaurants erfährt, welchem er vor einiger Zeit in seiner schriftlichen Kritik den Untergang prophezeite, ist er höchst verwundert und entsetzt. Denn bisher wurde noch nie sein Urteil gegenüber eines Restaurants in Frage gestellt. Dass seine Meinung keine endgültige sei oder er diese gar zu revidieren habe, steht für Ego ausser Frage.

«That was my last word. The last word.»

Und doch begeistert dieses eine Restaurant mit dem Namen «Gusteau’s» trotz seiner negativen Kritik die Gäste und schlägt Wellen durch die Gastronomieszene. So ist Ego bereit, dem Restaurant eine zweite Chance zu geben. Nein, eine neue Chance zu geben, passt nicht zu Ego. Vielmehr möchte er seine Meinung mit einem wiederholten Besuch bestätigen.

Am darauffolgenden Abend löst Ego durch sein Auftauchen im Gusteau’s eine grosse Hektik in der Küche aus. Der aufgeregte, junge Küchenchef nimmt die Bestellung des Kritikers entgegen. Ego wünscht sich etwas «Perspektive». Weil der Knabe mit dieser Bitte nicht wirklich viel anfangen kann, kommt ihm Ego etwas entgegen und wird expliziter:

«You provide the food, I’ll provide the perspective.»

Als aber Ego ein wenig später einen Teller aufgetischt bekommt und die erste Gabel – ja, Ratatouille – in seinem Mund landet, geschieht etwas Aussergewöhnliches.

GIF: Anton Ego nimmt eine Gabel des Ratatouilles und wird in seine Kindheit zurückversetzt.

Der erste Bissen, der Geschmack, das Gefühl, die Kompostion schicken ihn zurück in seine Kindheit. Das Essen weckt in ihm Erinnerungen an seine Mutter. Die für ihn das gleiche Gericht gekocht hat. Das Gericht steht für viel mehr als seine blossen Zutaten. Es ist ein ganzheitliches Erlebnis, ein Ausdruck von Liebe, Zusammensein und Freude. Es demonstriert Ego auf die ehrlichste und direkteste Art und Weise, welche Bedeutung dem Essen zukommt. Und gleichzeitig stellt dieser eine Teller Ratatouille seine gesamte Weltansicht auf den Kopf. Die aromatische Faust ins Gesicht weckt ihn aus seiner Starre auf, schüttelt seine Glieder und seinen Glauben durch und… dies fühlt sich gut an!

Was dann folgt, ist eine der eindrücklichsten und prägendsten Szenen, die ich jemals in einem Film gesehen habe. Eigentlich ist es nicht die Szene, sondern der Text. Der Film endet mit der wunderbar geschrieben Kritik von Anton Ego, die am darauffolgenden Tag in der Zeitung erscheint. Es ist weniger eine geschmackliche Rekapitulation als eine Selbstreflexion über die Rolle des Kritikers im Verhältnis zum Künstler:

«In many ways, the work of a critic is easy. We risk very little yet enjoy a position over those who offer up their work and their selves to our judgment. We thrive on negative criticism, which is fun to write and to read. But the bitter truth we critics must face, is that in the grand scheme of things, the average piece of junk is probably more meaningful than our criticism designating it so. But there are times when a critic truly risks something, and that is in the discovery and defense of the new. The world is often unkind to new talent, new creations, the new needs friends. Last night, I experienced something new, an extraordinary meal from a singularly unexpected source. To say that both the meal and its maker have challenged my preconceptions about fine cooking is a gross understatement. They have rocked me to my core. (…) »

Und damit auch keinesfalls nur ein kleines Staubkorn dieser Goldgrube übersehen oder überlesen wird, hier noch die deutsche Übersetzung:

«Die Arbeit des Kritikers ist in vieler Hinsicht eine leichte. Wir riskieren sehr wenig und erfreuen uns dennoch einer Überlegenheit gegenüber jenen, die ihr Werk und sich selbst unserem Urteil überantworten. Am dankbarsten sind negative Kritiken, da sie amüsant zu schreiben und auch zu lesen sind. Aber wir Kritiker müssen uns der bitteren Wahrheit stellen, dass, im Grossen und Ganzen betrachtet, das gewöhnliche Durchschnittsprodukt wohl immer noch bedeutungsvoller ist als unsere Kritik, die es als solches bezeichnet. Doch es gibt auch Zeiten, da ein Kritiker tatsächlich etwas riskiert – wenn es um die Entdeckung und Verteidigung von Neuem geht. Die Welt reagiert oft ungnädig auf neue Talente, neue Kreationen. Das Neue braucht Freunde. Gestern Abend habe ich etwas Neues erlebt, ein ganz aussergewöhnliches Mahl aus einer vollkommen unerwarteten Quelle. Zu sagen, dass sowohl das Mahl als auch sein Schöpfer mein Verständnis von der hohen Kunst des Kochens herausgefordert haben, ist eine gewaltige Untertreibung. Sie haben mich in meinen Grundfesten erschüttert. (…) »

Heute ist es nicht mehr der Fall, dass die Meinung eines einzelnen renommierten Kritikers über den Erfolg oder Misserfolgs eines Künstlers entschiedet. Vielmehr sind wir alle zu Kritikern geworden. Noch nie war es einfacher, auf Amazon seine Meinung zum gelesenen Buch zu teilen oder auf TripAdvisor die Pasta des Italieners mit Sternen zu bewerten. Wir haben allen die Erlaubnis erteilt, alle dazu eingeladen, sich an der Diskussion zu beteiligen. Und diese Einladung haben viele angenommen. Umso wichtiger wird es, sich immer wieder daran zu erinnern, dass hinter dem Werk, das wir bewerten, immer ein Mensch steht. Wir entscheiden mit unserer Kritik, welche Kultur wir prägen möchten. Möchten wir in einer Welt leben, wo das Künstlerindividuum von der öffentlichen Meinung unterstützt und gefördert wird? Oder möchten wir ein Umfeld erschaffen, wo Haters und Trolls dem Künstler den Schlaf rauben? Wir müssen uns bewusst sein, dass wir kritisieren und was unsere Kritik bewirken kann.


Anmerkungen:
1. Link zur Schlusszene von Ratatouille in Deutsch / Englisch.
2. Die Bilder und das GIF von Anton Ego entstammen dem Film Ratatouille. Alle Rechte gehören der Pixar Animation Studios. Die schematischen Animationen sind Kreationen meinerseits.
3. Zum Weiterdenken:
«The critic, the mimic and the comic all have one thing in common: they’re not doing the work.» – Seth Godin
«A critic is someone who never actually goes to the battle, yet who afterwards comes out shooting the wounded.» – Tyne Daly