Zwei Zugänge zu Fiktionen

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1. So, als ob jeder davon wüsste

Es ist ein Tick unserer Zeit. Früher oder später (aber irgendwann) führt jedes Gespräch und jede Diskussion zum selben Thema: Harry Potter. Harry Potter als Metapher, Harry Potter als Meme, Harry Potter als Erklärung, Harry Potter als Erinnerung, Harry Potter als Emotion.

Ich persönlich habe weder eines der Bücher von J. K. Rowling gelesen noch ein Film der Reihe gesehen. Es stört mich nicht, dass ich nicht über Harry Potter diskutieren kann. Es stört mich allerdings, dass ich mich nicht an Gesprächen über Harry Potter beteiligen kann. Was mir fehlt, ist nicht das Wissen über die Charaktere, über die Storyline oder das Potter-Universum. Was mir fehlt, ist ein Stück Kultur.

Fiktionen ermöglichen Diskurse. Von thematischen Foren im Internet, zu Fanprofilen auf Instagram bis hin zu politischen Debatten oder ganzen akademischen Disziplinen. Es geht dabei um Fiktionen in einem kulturellen Kontext: sozial, gesellschaftlich, zeitgeschichtlich.

Fiktionen erschaffen Gemeinschaften, Rituale, Praktiken und Ideologien. Fiktionen generieren Insider und Outsider, Glauben und Verleumdung. Fiktionen verbünden, schliessen aus, zerstören und bauen auf.

Ich kann in einem Gespräch auf Memento referieren, kenne die erste Regel des Fight Clubs, weiss von der Heldenreise Frodos durch Mittelerde, verstehe, weshalb man John Travolta und Hamburger im selben Satz verwendet und kann Don Corleone aus Coppolas Meisterwerk zitieren. Was mir das bringt? Es bereichert Gespräche und ermöglicht Anknüpfungspunkte. Es macht mein Leben interessanter und lässt mich in der Mannigfaltigkeit der Gesellschaft Mensch sein. Und das ist doch eine ganze Menge!

Serien wie Game of Thrones, Mad Men oder Soprans wären nur halb so gut, wenn man sie nicht mit seinen Freunden interpretieren könnte. Goethes Die Leiden des jungen Werthers, Homers Odyssee oder Shakespeares Hamlet hätten nur einen halb so grossen Einfluss auf die Geschichte gehabt, wären sie nicht in derartigem Ausmass rezipiert worden. Und weder Marvel noch Disney würden Geld verdienen, wenn ihre Filme nicht zum Gesprächsmittelpunkt ganzer Fangemeinschaften geworden wären.

Bild: NASA, The First Space Shuttle External Tank, 1977
URL: https://www.flickr.com/photos/nasacommons/16315973888

2. So, als ob niemand davon wüsste

Der zweite Zugang ist die etwas intimere Variante: alleine auf dem Bett, in Kissen liegend, den Laptop auf dem Schoss. Oder auf der sprichwörtlichen einsamen Insel im Lieblingsbuch lesend. Mit offenen Augen, offenen Ohren und offenem Herzen. Ohne jemanden in der Nähe zu haben, um über das Gesehene, Gehörte und Erlebte zu sprechen. Man ist für sich allein und macht’s für sich allein.

Ein solcher Umgang mit Fiktion ist manchmal direkter als ein Schlag ins Gesicht oder geeigneter für Tränen als ein Taschentuch. Diese Herangehensweise an Fiktionen hat das Potential, das eigene Weltbild zu hinterfragen, die persönliche Perspektive aufzurütteln, Ungereimtheiten freizulegen und das nackte Ich ins Licht zu rücken.

Auch in diesem Fall ermöglicht Fiktion ein Gespräch. Nicht aber mit anderen, sondern mit sich selbst. Im Fokus steht der emotionale Gehalt des Werks, der Trigger für innere Monologe, persönliche Reflexion und Interpretation. Exaktheit und Korrektheit der Anschauungen sind irrelevant. Das Einzige was zählt, ist die Wirkung des Werks.

Diese Wirkung ist potent. Sie kann einen formen, verändern, weiterbringen. Aber sie ist auch gefährlich. Denn man weiss nie genau, was mit einem passieren wird…

Bild: NASA, Multi-Axis Gimble Rig in AWT with Pilot,1959
URL: https://www.flickr.com/photos/nasacommons/9457837753