Umfunktionierung

Geschriebenes

So ziemlich jeden Morgen seit gut zwei Jahren schreibe ich Morning Pages nach Julia Cameron. Es geht dabei darum, bei einer Tasse Kaffee (optional) mit einer Füllfeder (optional) auf liniertem Papier (optional) ohne den Stift abzusetzen, drei Seiten zu füllen.

In letzter Zeit sind meine Morning Pages allerdings keine Morning Pages im eigentlichen Sinne mehr. Denn anstatt alle Gedanken und Gefühle, die mich beschäftigen, in Worte zu fassen oder einfach die Finger zu bewegen, verwende ich die Zeit und das Papier dazu, um über Ideen nachzudenken und z.B. den täglichen Denkbrocken zu skizzieren.

Ich habe die Morning Pages instrumentalisiert, um frühmorgens Aufgaben zu erledigen, die ich sonst sowieso irgendwann im Verlauf des Tages zu tun hätte. Die Umfuntkionierung ist somit zweckmässig, nur ist der Zweck ein völlig anderer als ursprünglich vorgesehen.

Das ich anstelle des einen etwas anderes mache, ist nicht per se schlimm. Gefährlich wird es erst, wenn ich vergesse, dass ich mit «Morning Pages» gar nicht Morning Pages meine und dass, während ich vorgebe, Morning Pages zu schreiben, in Wirklichkeit etwas komplett Verschiedenes mache.

Und nein, weder Morning Pages, noch das, wozu ich sie missbrauche, ist in irgendeiner Form gefährlich. Nur ist es besser, bereits an harmlosen Dingen heikle Muster zu erkennen.


Bild: Kotsuis and Hohhug, Nakoaktok — Nakoaktok men in ceremonial dress, with long beaks, crouching on their haunches von Edward Curtis (ca. 1914) – Quelle.