Und die Kerzen brennen noch immer

Geschriebenes

Es ist windig an der Unfallstelle. Die braunen Knopfaugen eines Primarschulknaben folgen der frischen Brise über das Trottoir, vorbei an gesenkten Gesichten und tanzenden Blütenblättern, hoch entlang der Straßenlaterne in den dämmerigen Stadthimmel. Jemand zieht eine Kerze aus der Tasche und entzündet sie kopfüber an einem brennenden Docht. Die Kreuzung schweigt. Von oben oder links bläst es durch die Windlichter. Linien aus transparentem Grau zeichnen lautlos eine flüchtige Erinnerung in die Luft.

Vom Rauchfaden gezogen stolpert der Knabe über ausgestreckte Beine und Blumenbouquets. Er greift nach der erloschenen Kerze. Genauso wie eben hält er sie schräg über eine Flamme. Das Glas rußschwarz gefärbt, stellt er das Feuer an seinen Platz zurück und nimmt die nächste Kerze in die Hand. Wachs tropft über den Rand und trocknet auf dem schattigen Asphalt. Hinter ihm eine Böe. Der Knabe schaut fragend auf das Feuerzeug, das man ihm hinhält und macht weiter wie bisher. Ungeschickt und unbeirrbar. Von einer Kerze zur nächsten, von Flamme zu Flamme im Kreis.

Gelähmte Augen folgen dem endlosen Spiel mit den Verhältnissen. Ich frage mich, ob der Knabe versteht. Indessen zündet er eine Kerze an, die beim letzten Seufzer ausging. Sein Blick streift pflichtbewusst über die Lichter. Er ist bereit.


Bild: Ausschnitt aus “Christmas greetings card”(1924) aus The Miriam and Ira D. Wallach Division of Art, Prints and Photographs: Picture Collection publiziert von Whitney Valentine Co – Quelle.