Tourismus als Eroberungsreise – der «Retourismus» bei Lyotard

Geschriebenes

In Jean-Frarnçois Lyotards Libidinöse Ökonomie von 1974 verstecken sich in einem Dschungel aus Unverständlichkeiten unzählige fruchtbare Ideen, welche die mühselige Lektüre unter dem Strich einigermaßen lohnenswert machen. Eine schillernde Frucht meiner Expedition ist Lyotards Konzept eines «Tourismus der Rückkehr» bzw. «Retourismus», die einem kontroversen Phänomen unserer Zeit einen Namen gibt.

So wie ich beim Lesen Strapazen in Kauf genommen habe, um neue Ideen zu sammeln, erkennt Lyotard, dass jeder Reise ein Aneignungswunsch zu Grunde liegt: Man geht weg, um etwas mit nach Hause zu nehmen. Den Akt der Reise versteht Lyotard als Investition: Es werden Anstrengung, Stress und Unbehagen auf sich genommen, «die als Vorauszahlung auf einen späteren Gewinn gezahlt und als Verluste wahrgenommen und erfahren werden […]».

Die körperliche, psychische und finanzielle Aufopferung beim Reisen soll sich in der sozialen Anerkennung rentieren, die einem der «Abschlußbericht» einbringt. Weil mit den teuer erkauften Erinnerungsstücken Bilanz geführt wird, handle es sich beim Tourismus bzw. «Retourismus» im Prinzip um eine säkularisierte Form der kolonialen Eroberungsreise:

Die verdammten Hautfetzen, die an Dornen hängenbleiben, sind unwesentlich, wichtig ist der Abschlußbericht, das, was man dann später zu berichten hat – wie man es heute bei den Ferienreisen der Lohnabhängigen […] beobachten kann, geht es nur darum, Bilder, Photos, Filme, Wörter und Prestige mitzubringen, und zu berichten. Dieser Tourismus der Rückkehr, dieser Retourismus, ist eine Folge der Forschungs- und Eroberungsfahrten und funktioniert nach demselben Schema.» (S. 59)

Lässt sich dieses Gepäck abschütteln? Ich bin mir nicht ganz sicher.


Bild: Illustration aus The adventures of Louis de Rougemont (1899) von Louis de Rougemont – Quelle.

Literatur: Lyotard, Jean-Frarnçois: Libidinöse Ökonomie. Aus dem Französischen von Gabriele Ricke und Ronald Voullié. Diaphenes 2007.