Lesehaltungen
Geschriebenes
In Reaktion auf das unbefriedigende Resultat des gestrigen Beitrags, suchte ich nach einer ergiebigeren Unterscheidung zwischen der Lektüre von Sachtexten und fiktionalen Texten Ausschau zu halten. Dabei stieß ich auf Susan Wegmann, die in ihrer Arbeit zwei grundlegend verschiedene Lesehaltungen unterscheidet – einen «efferent stance» und einen «aesthetic stance».
Die efferente Lesehaltung beschreibt den Anspruch, die Lektüre für ein späteres Ereignis, etwas Test oder eine Diskussionen fruchtbar zu machen. Hier geht es darum, dem Text Informationen zu entziehen, um spezifische Fragen zu beantworten oder Aufgaben zu bewältigen.
Im Gegensatz dazu steht bei der ästhetischen Lesehaltung die Aktivität des Lesens selbst im Vordergrund. Sie ist durch ein Gefühl des Im-Moment-Seins geprägt, bei dem die Zeit verfliegt und die Lesenden die Lektüre genießen und sich darin verlieren können.
Die efferente Haltung ist also – wie der lateinische Ursprung effere (‚hinaustragen‘, ‚hinausführen‘) suggeriert – darauf ausgerichtet, etwas von der Lektüre mitzunehmen und anzuwenden. Im Gegensatz dazu kennt die ästhetische Lesehaltung kein festes Resultat, im Gegenteil: dieses könnte der Leseerfahrung im Weg stehen.
Diese Unterscheidung soll nicht wertend sein, sondern lediglich dazu dienen, die eigene Perspektive aufs Lesen zu schärfen oder etwas Freude zu bereiten. Je nachdem, wie man sie liest.
Bild: Detail des Posters For a richer, fuller life wake up and read. National Library Week (1961), The Library of Congress, via Rawpixel – Quelle.