Zugfahrt
Geschriebenes
Das späte Sonnenlicht fällt schräg durch die Scheiben, durchzogen von Staubfäden, die sich im rhythmischen Ruckeln des Zuges wie ein pulsierendes Aderwerk durch den Wagen spannen. In der Ebene falten sich Explosionen wie Blüten auf, hell und bunt. Menschentrauben strömen zwischen Seitengassen und stehenden Autokolonnen, treiben auseinander und finden zurück.
In den Abteilen vermischen sich die Stimmen zu einem Murmeln, unterbrochen von einem scharfen Atemzug, einem lauten Entsetzen, dann wieder Flüstern. Manche pressen Stirn und Nase gegen die Scheiben, andere wenden sich ab. Ihr Blick ist gefangen im Taumeln der Bilder, während der Zug unaufhaltsam in die Stadt einfährt. Die Straßen sind gesäumt von Trümmern und Leibern, fremde Gestalten bewegen sich in einem Tanz zwischen Umarmung und Zerfall. Hände greifen, Lippen formen Worte, doch alles löst sich durch die dicken Scheiben in eine dumpfe Unwirklichkeit auf.
Dann die Durchsage. Die Wolke des Augenblicks bricht auseinander, zerfällt auf den Polstersitzen in unzählige Scherben. Es sei nun zu spät. Dasselbe auf Englisch. Ein Ruck geht durch die Abteile. Etwas wird schwer – die Luft vielleicht, oder die Zeit. Doch der Zug rollt weiter, als geht es ihn nichts an. Wir sehen uns, ihr Gesicht verzerrt von etwas, das über den Schrecken hinausgeht. Wir fallen zusammen, warm, vertraut. Der Moment dehnt sich, wird alles.
Und der Zug fährt weiter.
Bild: Detail aus Highlands of the Hudson–New York Central System (1897) von Leslie Ragan, The Library of Congress – Quelle.