Verkanntes Wissen

Geschriebenes

Nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl 1986 regnete es radioaktive Partikel über die Hügel Nordenglands. Wissenschaftler:innen besuchten die kontaminierten Gebiete, nahmen Proben und analysierten das Material. Die britische Regierung reagierte mit Sperrzonen für die Schafhaltung und sprach beruhigende Prognosen aus. Doch die Bäuerinnen und Bauern vor Ort bemerkten schnell: Die als „objektiv“ präsentierten Aussagen stimmten nicht mit ihrer landwirtschaftlichen Alltagserfahrung überein.

Dies führte zu einem grundsätzlichen Misstrauen gegenüber der Wissenschaft. Nach Brian Wynne gründete diese Spannung nicht in einem mangelnden kognitiven Verständnis wissenschaftlicher Wissensproduktion, sondern in einem strukturellen Missverhältnis: «It is that scientific knowledge tacitly imports and imposes particular and problematic versions of social relationships and identities.» (S. 20–21)

Das ‘wissenschaftliche’ Wissen ignorierte – und entwertete – lokales Erfahrungswissen. Damit setzte es auch das Vertrauen in die wissenschaftliche Wissensproduktion aufs Spiel: «[…] trust and credibility are contingent variables which depend upon evolving relationships and identities.» (S. 20)

Werden die Machtstrukturen wissenschaftlicher Kommunikation ausgeblendet, stoßen Erkenntnisse auf Widerstand – selbst wenn sie wissenschaftlich fundiert sind.


Literatur: Wynne, Brian: Misunderstood misunderstandings: social identities and public uptake of science. In: Irwin, A. & Wynne, B. (Hg.): Misunderstanding Science? The Public Reconstruction of Science and Technology. Cambridge 1992, S. 19–46.


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