Größenordnungen
Geschriebenes«The greater the number of people engaged in modern forms of consumption then the less the relative influence or responsibility of each but the worse the cumulative impact of their insignificance.» (S. 150) Im Anthropozän prallen historische und geologische Zeitskalen sowie lokale und planetarische Raumkonzepte aufeinander. Diese Kollision inkompatibler Größenordnungen fasst Timothy Clark als «crisis of scale» zusammen.
Sprechen wir über das Anthropozän, wird es daher notwendig, unsere Aussagen jeweils in einer bestimmten zeitlichen und räumlichen Skala zu verorten. Clark führt dies am Beispiel der Literatur aus und schlägt drei Analyseebenen vor:
Die erste, persönliche Skala berücksichtigt «only the narrator’s immediate circle of family and acquaintances over a time scale of several years.» (S. 190) Diese Sphäre der «humanist coziness» ist zeitlich wie räumlich begrenzt. Ihr stellt Clark eine zweite, gesellschaftliche Skala gegenüber. Auf dieser Ebene werden die Handlungen der Figuren in ihren kulturellen Kontext eingebettet und im Hinblick auf die sozialen, politischen und epistemologischen Themen ihrer jeweiligen «historical period» betrachtet. Die dritte, sogenannte «expanded scale», repräsentiert die planetarische Perspektive: Sie nimmt die ganze Welt in den Blick und bezieht geologische Tiefenzeit mit ein.
Um der komplexen Verschränkung zwischen intentionaler Handlungsmacht und kumulativer Wirkungskraft des Menschen im Anthropozän gerecht zu werden, muss nach Clark ein Text immer über alle diese Skalen hinweg gelesen werden:
«In sum, reading at several scales at once cannot be just the abolition of one scale in the greater claim of another but a way of enriching, singularizing and yet also creatively deranging the text through embedding it in multiple and even contradictory frames at the same time.» (S. 163)
Literatur: Clark, Timothy: Scale. In: Cohen, Tom (Hg.): Telemorphosis. Theory in the Era of Climate Change (I). Michigan 2012, S. 148 – 166.