Wahrheit erzählen

Geschriebenes

Konventionell wird zwischen faktualen und fiktionalen Erzählungen unterschieden. Faktuale Erzählungen beziehen sich auf lebensweltliche Ereignisse, die tatsächlich stattgefunden haben. Fiktionale Erzählungen (von lat. fingere: bilden, erdichten, vortäuschen) hingegen erheben nicht den Anspruch, Aussagen über tatsächliche Begebenheiten einer außersprachlichen Wirklichkeit zu machen. In der Praxis ist diese Unterscheidung jedoch oft nicht nur unhaltbar, sondern auch irreführend.

Nach Hayden White lässt sich Erzählen als universaler Metacode verstehen, der sowohl Tatsächlichkeiten als auch Fiktionen konstruieren kann und dabei grundsätzlich unbestimmt bleibt. Erzählen ist nach White ein «human universal on the basis of which trans-cultural messages about shared reality can be transmitted.»

Sowohl im faktualen als auch im fiktionalen Erzählen kommen ähnliche Strategien und Techniken zum Einsatz, um bestimmte Sachverhalte zugänglich und ausdrücklich zu machen. Damit wird deutlich, was Albrecht Koschorke als «ontologische Indifferenz» von Erzählungen beschreibt: «Wie das Denken und Sprechen überhaupt, so verfügt auch das Erzählen über kein hinreichendes, intrinsisches Wahrheitszeichen.»

Entscheidend ist deshalb vielleicht weniger, wie sich Erzählungen kategorisch unterscheiden lassen, sondern vielmehr, wie der Metacode konkret zur Anwendung kommt.


Literatur:
Koschorke, Albrecht: Wahrheit und Erfindung. Gründzüge einer Allgemeinen Erzähltheorie. Frankfurt a. M. 2017, S. 12, 16-19, 22.
White, Hayden: The Value of Narrativity in the Representation of Reality. In: W. J. T. Mitchell (Hg.) On Narrative. Chicago / London 1981, S. 1-23.

Bild: Little Red Riding Hood (1919) von Elizabeth Tyler, Digital Commonwealth – Quelle.


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