Multitasking – eine (nicht) wünschenswerte Superkraft

Wir kennen sie, die Klimax eines jeden Superheldenfilms: Der Protagonist bekämpft den übermächtigen Bösewicht, während er gleichzeitig eine hübsche Blondine vor den durch die Luft fliegenden Pkws in Sicherheit bringt, ein Selfie mit einer Gruppe im Fan-Shirt schiesst und einen coolen Spruch raushaut. Dabei sitzt seine Frisur natürlich absolut einwandfrei. Unser Superheld der Szene: der perfekte Multitasker.

Doch in unserem Alltag stelle ich mir unter Multitasking etwas ganz anderes vor:
Eine gestresste Frau mit Starbucksbecher und Smartphone in der einen, Kinderwagen und Hundeleine in der anderen Hand. Das Kind schreit, der Hund reisst, der Kaffee kippt über die Jeans und der Streit mit der Freundin lässt sich nicht über Whatsapp klären.

Das ist Chaos pur. Alles auf einmal und nichts richtig.

Der amerikanische Forscher Dr. Clifford Nass erklärt im Interview mit Ira Flatow die korrosive Wirkung von Multitasking. Die Wissenschaft zeigt: Multitasker schneiden nicht nur bei verschiedensten kognitiven Aufgaben miserabel ab – inklusive Multitasking! –, sondern schädigen langfristig ihrer Fähigkeit, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren:

«The research is almost unanimous, which is very rare in social science, and it says that people who chronically multitask show an enormous range of deficits. They’re basically terrible at all sorts of cognitive tasks, including multitasking.
(…)
People who multitask all the time can’t filter out irrelevancy. They can’t manage a working memory. They’re chronically distracted.
(…)
They initiate much larger parts of their brain that are irrelevant to the task at hand. And even – they’re even terrible at multitasking. When we ask them to multitask, they’re actually worse at it. So they’re pretty much mental wrecks.
(…)
The people we talk with continually said, look, when I really have to concentrate, I turn off everything and I am laser-focused. And unfortunately, they’ve developed habits of mind that make it impossible for them to be laser-focused. They’re suckers for irrelevancy. They just can’t keep on task.
(…)
Our brains have to be retrained to multitask and our brains, if we do it all the time – brains are remarkably plastic, remarkably adaptable. We train our brains to a new way of thinking. And then when we try to revert our brains back, our brains are plastic but they’re not elastic. They don’t just snap back into shape.»

Multitasking an sich ist nicht schwierig. Ich kann beispielsweise problemlos Zähneputzen und Musikhören, Essen und Lesen, Sprechen und Denken. Was ich nicht kann, ist mich auf mehrere Sachen gleichzeitig zu konzentrieren. Wenn ich mich aufs Zähneputzen konzentriere, dann kann ich nicht wirklich Musikhören. Ich kann zwar beim Essen lesen, doch ich lese oder esse nicht konzentriert. Und ich habe auch noch niemanden getroffen, der sich gleichzeitig aufs Denken und Sprechen konzentrieren konnte. (Ich lasse mich aber natürlich gerne vom Gegenteil überzeugen.)

Das Gegenteil hingegen, sich nur auf etwas zu konzentrieren, seine Aufmerksamkeit über längere Zeit aufrechtzuerhalten, ohne dass der Geist wandert, ohne dass wir uns ablenken lassen, ist unendlich schwieriger. Und wie Dr. Nass bestätigt, gleicht unser Gehirn einem Muskel: Was nicht trainiert wird, das ist nicht abrufbar, wenn wir es brauchen. Oder wie der griechische Lyriker Archilochus vor mehr als 2500 Jahren feststellte: «We don’t rise to the level of our expectations, we fall to the level of our training.»

Vielleicht weil es unseren Superhelden vorenthalten ist, alles gleichzeitig richtig zu tun, sollten wir deshalb besser an der erreichbaren und viel wertvolleren Superkraft arbeiten: Versuchen und üben, ein Singletasker zu sein.

Nur Etwas aufs Mal. Und dafür richtig gut.

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Wassily Kandinskys Trente von 1937

Das gesamte Interview – The Myth Of Multitasking:


Der gute und der wahre Grund

Für jede Entscheidung gibt es einen guten Grund und den wahren Grund.

  • Der gute Grund ist ein an und für sich logischer, valider Punkt.
  • Der wahre Grund ist das grundlegende, ausschlaggebende Argument.

Vielleicht bräuchte ich tatsächlich noch mehr Training und Vorbereitung, doch der wahre Grund ist, dass ich mich davor fürchte, mich zu exponieren und kritisiert zu werden.

Vielleicht ist dieses neue Gadget wirklich nützlich und effektiv, doch der wahre Grund ist, dass ich es brauche, weil ich dazugehören und nicht zurückbleiben möchte.

Unser Hirn ist zufrieden mit dem guten Grund. Ob wir uns eine Ausrede ausdenken oder ehrlich sind – es finden dieselben neuronalen Prozesse statt. Wenn der Grund sich rechtfertigen lässt, dann spielt es keine Rolle, ob er imaginär oder faktisch ist.

Der gute Grund ist der Weg mit dem geringsten Widerstand. Er ist einfacher und weniger schmerzhaft.

Doch nur der wahre Grund gibt uns Erklärung, Richtung, Lösung und Anleitung.

Sehen wir also den wahren Grund? Oder haben wir einfach Angst davor?

Versuchen wir doch ehrlich zu sein.

Wir machen es für uns.

(Inspirationsquelle)

Amor fati – Friedrich Nietzsche und die Liebe zum Schicksal

«Sei nicht voreilig, trage deine Bürde, laß sie dir zum Guten dienen», schreibt der römische Kaiser und Philosoph Marc Aurel (121-180) in Selbstbetrachtungen, «entlehne ihr, was für dein vernünftiges Leben notwendig ist, wie der Magen der Speise alles Nötige entlehnt, oder wie das Feuer, welches heller auflodert, wenn man etwas hineinwirft.»

Die Vergangenheit ist unveränderlich und die Zukunft unvorhersehbar. Dessen sind wir uns eigentlich bewusst. Und trotzdem verbringen wir unsere Zeit damit, das Geschehene drehen und wenden zu wollen und das künftige Geschehen zu prophezeien und auszumalen.

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Der Geisteszustand, den Marc Aurel als loderndes Feuer beschreibt, ist eine Möglichkeit, trotz der Unberechenbarkeit der Zukunft und Unveränderlichkeit der Vergangenheit ein gutes Leben führen zu können. Friedrich Nietzsche (1844-1900) hat in seinen Schriften dieser Idee einen Namen gegeben. Er nennt es amor fati – die Liebe zum Schicksal. In Die fröhliche Wissenschaft schreibt Nietzsche:

«Ich will immer mehr lernen, das Nothwendige an den Dingen als das Schöne sehen: — so werde ich Einer von Denen sein, welche die Dinge schön machen. Amor fati: das sei von nun an meine Liebe! Ich will keinen Krieg gegen das Hässliche führen. Ich will nicht anklagen, ich will nicht einmal die Ankläger anklagen. Wegsehen sei meine einzige Verneinung! Und, Alles in Allem und Grossen: ich will irgendwann einmal nur noch ein Ja-sagender sein!»

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Wenn ein Feuer stark genug brennt, dann spielt es keine Rolle, was in die Flammen geworfen wird. Es toleriert nicht nur unterschiedliches Brennmaterial, sondern erstrahlt durch eben diese Vielfalt nur noch heller. Im autobiografischen Werk Ecce Homo fasst Nietzsche sein Konzept zusammen:

«Meine Formel für die Grösse am Menschen ist amor fati: dass man Nichts anders haben will, vorwärts nicht, rückwärts nicht, in alle Ewigkeit nicht. Das Nothwendige nicht bloss ertragen, noch weniger verhehlen – aller Idealismus ist Verlogenheit vor dem Nothwendigen –, sondern es lieben.»

Amor fati ist der kugelsichere Panzer, der Zweifel, Bedauern und Selbstkritik abprallen lässt und uns für die Reise ins Ungewisse mit Zuversicht und Selbstvertrauen ausstattet.

«Zuerst das Nöthige – und dies so schön und vollkommen als du kannst! ‚Liebe das, was nothwendig ist’ – amor fati dies wäre meine Moral, thue ihm alles Gute an und hebe es über seine schreckliche Herkunft hinauf zu dir.»

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Trotz des radikalen Akzeptanzgedankens soll sich nach Nietzsche der Mensch keinesfalls in einer fatalistischen Passivität verkriechen, sondern an Lösungen arbeiten und sich selbst verwirklichen. Das Ziel sei es, die «Unlust der Abhängigkeit, der Ohnmacht» abzulegen und zu handeln. «Wollen befreit: das ist die wahre Lehre von Wille und Freiheit», schreibt Nietzsche.

Was auch kam oder kommen mag – wir sollten es lieben und daran wachsen. Denn es kann und wird nicht anders sein.

Es gibt nur das Hier und Jetzt.

Amor fati.

«All-In»

«All-In» gehen ist eine Gratwanderung. Du kannst deinen gesamten Einsatz verlieren. Oder aber du räumst einen richtig grossen Gewinn ab.

Poker ist kein reines Glückspiel. Beim Poker geht es darum, Wahrscheinlichkeiten zu berechnen, Risiko zu minimieren und abzuwarten. Wie Annie Duke, Poker-Profi und Autorin bestätigt, ist das Ziel nicht möglichst oft, sondern im richtigen Moment seine Hand zu spielen:

«My number one tip is always to play tight. From my experience, most new players play about 80% of the hands they are dealt in Texas Hold’em. In fact, the reverse should be the case: they should only play about 20% of them!»

Doch auch in der scheinbar optimalen Situation wirst du Verlust niemals ganz ausschliessen können. Es gibt immer Komponenten, die sich nicht im Voraus berechnen lassen. Du weisst nicht, wie die Mitspieler am Tisch auf deine Aktion reagieren werden. Du hast keine Informationen zur Verfügung, ob nicht doch jemand anderes am Tisch eine höhere Chance auf den Gewinn der Runde hat. Und du bist dir nicht einmal sicher, ob es überhaupt etwas zu gewinnen geben wird. Alles, was du faktisch tun kannst, ist mit den Karten, die du in der Hand hast, das Beste anzufangen.

Wenn du immer etwas zurückhältst, immer auf der sicheren Seite bleibst, dann bist du zwar Mitspieler, doch wirst niemals den grossen Unterschied ausmachen. Man muss ein Risiko eingehen können, um aufzufallen, zu überraschen und zu verändern. Es wird nicht in jedem Fall erfolgreich ausgehen. Doch die Frage ist nicht, ob du gewinnst, sondern ob du etwas bewegen möchtest. Wenn ja – dann sei bereit, «All-in» zu gehen.

Alan Watts über exzessives Denken und Meditation

«Lug und Trug gilt als verbürgte Wahrheit», wie Henry David Thoreau (1817-1862) in Walden schreibt, «während man die Wirklichkeit nur vom Hörensagen kennt. Würde man seinen Blick auf das Wirkliche richten und sich nicht täuschen lassen, dann käme einem das Leben (verglichen mit dem, was es jetzt ist) wie ein Märchen aus ‘Tausendundeiner Nacht’ vor.»

Dieselbe Erkenntnis, die Thoreau durch seinen Rückzug von der Zivilisation in die Natur  erreichte, gelang dem britischen Denker und Schriftsteller Alan Watts (1915-1973) durch die Beschäftigung mit den damals scheinbar oppositionellen Bereichen der antiken östlichen Philosophie und der modernen westlichen Psychologie.

Thoreau beschreibt das zerebrale Abschweifen von der Realität als eine Art komatöser Schlummerzustand. «Woher kommt es, dass der Mensch mit seinem Tag so wenig ausrichtet?», fragt sich Thoreau, «Er ist nie richtig wach. […] Wach sein heisst leben.» Für Alan Watts ist das Denken der Propeller, der – sobald er einmal zu drehen beginnt – uns vom festen Boden der Realität loslöst und immer weiter in die stürmischen Höhen unserer Gedankenwelt schraubt. Für unsere geistige Gesundheit und um des Lebens willen ist es Zeit aufzuwachen! Alan Watts schreibt:

«A person who thinks all the time has nothing to think about except thoughts. So, he loses touch with reality and lives in a world of illusions. By thoughts I mean specifically ‘chatter in the skull’… perpetual and compulsive repetition of words… of reckoning and calculating.

I’m not saying thinking is bad. Like everything else, it’s useful in moderation. A good servant, but a bad master – and all so called civilized peoples have increasingly become crazy and self-destructive. Through excessive thinking, they have lost touch with reality.

Most of us would have rather money than tangible wealth… and a great occasion is somehow spoiled for us unless photographed… and to read about it the next day in the newspaper is oddly more fun for us than the original event. This is a disaster.

To get in touch with reality there is an art of meditation… It is the art of temporarily silencing the mind… of stopping the ‘chatter in the skull’. Of course you can’t force your mind to be silent. That would be like trying to smooth ripples in water with a flat iron. Water become cool and clear only when left alone.»

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Caspar David Friedrich – Der Wanderer über dem Nebelmeer

Der Unterschied zwischen Machen und Sein

Es ist interessant, wie man aus verschiedensten Gesprächen immer wieder ähnliche, ähnliche grosse Ziele und Lebenswünsche aufschnappt: Ich möchte ein Buch schreiben. Ich möchte Recht studieren. Ich möchte mein eigenes Business aufziehen. Ich möchte Arzt werden. Oder alles zusammen.

Allerdings verwechseln wir oft fälschlicherweise das Machen mit dem Sein. Möchtest du wirklich ein Buch schreiben oder nicht viel eher ein Buch unter deinem Namen veröffentlicht haben? Möchtest du Recht studieren, oder den Recht-Abschluss in der Tasche haben? Möchtest du wirklich ein eigenes Unternehmen gründen und aufbauen oder eines besitzen? Möchtest du Arzt werden oder einfach den Doktortitel vor deinem Namen stehen haben?

Wir möchten manchmal ans Ziel kommen, ohne zu reisen. Wir möchten das Sixpack ohne Training, das Ergebnis ohne die Rechnung. Das Endresultat klingt verlockend, doch der Prozess ist entscheidend. Wenn wir gewinnen möchten, dann müssen wir uns auch aufs Gewinnen vorbereiten wollen. Sei ehrlich zu dir selbst: Möchtest du das Resultat oder den Prozess? Möchtest du Sein oder möchtest du Machen? Das Leben ist zu kurz, um Dingen nachzurennen, die auf Papier gut klingen, für deren Reise wir aber keine Lust haben.