Ich war einmal an einer Lesung…

Man bittet keinen Sternekoch, vor Publikum sein eigenes Essen zu verkosten. Man bittet keinen Tennisspieler, vor Zuschauern sein gespieltes Match am Fernseher anzuschauen. Man bittet keinen Maler, vor Menschen mit dem Finger den Linien auf seinem Gemälde nachzufahren. Nein – man bittet sie, zu kochen, zu spielen und zu malen. Aber einen Autor setzt man ...

Mit der Nase auf der Leinwand oder der Stirn an der Fensterscheibe

Sie stösst mit dem Kopf gegen das Glas. Sie setzt sich hin und versucht es bald darauf von neuem. Mit aller Kraft schlägt sie mit den Flügeln und bemüht sich, das transparente Hindernis zu durchdringen. Doch immer und immer wieder prallt sie gegen die unsichtbare Wand. Wir kennen die Fliege an der Fensterscheibe, die unermüdlich ...

Platons Olivenbaum oder die Überreste der Geschichte

Vor 2’400 Jahren unterrichtete Platon seine Schüler im Schatten eines riesigen Olivenbaumes in der Allee der berühmten Akadḗmeia in Athen. Viele Jahre später, als Platons Schüler und dessen Nachkommen schon lange das Zeitliche gesegnet hatten und von den historischen Gebäuden nur noch archäologische Reststücke übrig waren, wuchs und gedieh derselbe Olivenbaum noch immer… Bis 1976 ein schwerer Bus in den ...

Der schmale Grat zwischen Tiefsinn und Schwachsinn

Einen Stift in der mechanischen Hand haltend schreibt der Roboter ein Wort nach dem anderen auf ein weisses Blatt Papier. Die Buchstaben setzen sich zu Wörtern zusammen und diese wiederum zu Sätzen. Satz für Satz entsteht das, wonach die Maschine benannt ist – ein Manifest. Soeben den Schlusspunkt gesetzt, nummeriert und datiert der Roboter sein Werk und beginnt von neuem.

Wir wissen wie, aber wir wissen nicht wirklich wie.

200 Muskeln sind für das Sprechen verantwortlich. Dazu gehört die Muskulatur im Brustbereich, die einen gleichmässigen und kontrollierten Luftstrom aus der Lunge ermöglicht, bis hin zum beweglichen Muskellappen im Mundraum, der die Luft leitet, teilt, unterbricht oder einschränkt – unserer Zunge. Irgendwie gelingt es uns, durch ein Zusammenspiel von Flexionen und Extensionen mit dieser Vielzahl ...

Einschränkung als Bereicherung

2009 gründeten 4 Studenten der Universität Stanford das Unternehmen Skybox Imaging. Bereits nach wenigen Jahren Konzeptarbeit, Planung und Entwicklung schwebte der erste Satellit der Ingenieure im Orbit. Der Satellit kostete zwischen 2 und 5 Millionen US-Dollar. Klingt nach viel Geld. Doch die Perspektive verschiebt sich ein wenig, wenn man sich bewusst wird, dass traditionelle Konkurrenzprodukte oft Hunderte von ...

Herbstbrise

«Und breite mich aus und falle in mich hinein und werfe mich ab und bin ganz allein in dem grossen Sturm.» – Rilke

Beschuldigen vs. Verantworten

Die Russen nannten sie die Polnische Krankheit. In Polen wurde sie Deutsche Krankheit genannt. Die Deutschen nannten den Erreger Französische Krankheit, während sie in Frankreich als die Italienische Krankheit bezeichnet wurde. Die Italiener schoben die Schuld zurück und nannten sie wiederum Französische Krankheit.

Wie und wohin wir gehen – eine zeichnerische Auseinandersetzung mit dem menschlichen Gang

eigen- oder gangart? neige- oder standart? beide- oder zwangart? weite- oder schlankart? seichte- oder stampfart? leise- oder ganz hart? beine- oder tanzart? eigen- oder gangart.

Wohin mit dem Durchschnitt? – Über «Normalität» und Dostojewskijs «Alltagsmenschen»

In den 40er Jahren formte der britische Bildhauer Abram Belskie (1907 – 1988) aus einem Block weissen Alabasters einen Frauenkörper mit dem Namen «Norma». Und Norma war nicht nur irgendein Frauenkörper. «Norma» war der Frauenkörper. In Zusammenarbeit mit dem Gynäkologen Robert Latou Dickinson (1861 – 1950) wertete Belskie die gewaltige Datenkollektion des Arztes aus. 15’000 ...

Benjamin Franklin und der Versuch eines Mannes, besser zu werden

«Ungefähr um diese Zeit fasste ich den kühnen und ernsten Vorsatz, nach sittlicher Vollkommenheit zu streben. Ich wünschte leben zu können, ohne irgend einen Fehler zu irgend einer Zeit zu begehen; ich wünschte, alles zu überwinden, wozu entweder natürliche Neigung, Gewohnheit oder Gesellschaft mich veranlassen könnte.» Wie werde ich zu einem besseren Menschen? Wie springe ...

Eine kurze Geschichte über das Vergessen – TEIL 2

[Teil 1] Zuhause angekommen realisierte ich: Die Situation im Zug war erst der Anfang eines lückenhaften Dialoges mit meinem Gedächtnis, der erste Dominostein der Demenz. Es folgten Wochen voller Angstträume und geistigen Harakiris. Ich fantasierte von zerbrochenen Gläsern, von brennenden Häusern und sterbenden Büchern. Ich malte die schrecklichsten Bilder an die Innenseite meines Schädels. Bald ...