Marc Rothkos Nr. 6

Das Gemälde des Expressionisten Marc Rothko Nr. 6 ist eine Leinwand mit schummrig aufgetragenen, weiten Flächen. Öl-Farben. Violett, Grün und Rot. Das Gemälde hat keinen Namen, bloss eine Nummer. Mehr nicht. Und doch gehört das Werk des amerikanischen Künstlers zu den zehn teuersten Kunstgemälden aller Zeiten und wurde für 186 Millionen US-Dollar (!!!) an den russischen Milliardär und Kunstsammler Dmitry Rybolovlev verkauft.

Wir kaufen etwas, wenn das Produkt für uns einen höheren Wert hat, als das Geld, das es kostet. Kunst ist objektiv gesehen nutzlos. Der Materialwert der Nr. 6 ist vernachlässigbar. Und doch hat Rybolovlev in Rothkos Gemälde einen Wert gesehen, der die unglaubliche Summe rechtfertigte, die er dafür bezahlte.
Das ist das Wunderbare an der Kunst. Ihr Charme liegt in der objektiven Nutzlosigkeit. Kunst berührt uns. Sie berührt uns in einem Masse, das nicht messbar, fassbar oder gar vernünftig ist. Kunst stellt unsere Perspektive in Frage. Sie lehrt uns zu sehen. Wir können nicht ändern, was wir sehen, doch die Entscheidung ist bei uns, wie wir etwas wahrnehmen und ob etwas in uns bewegt wird. Marc Rothkos Nr. 6 ist mehr als eine Leinwand. Mehr als nur Violett, Grün und Rot. Mehr als gemalte Flächen. Nr.6 ist Kunst.

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«Plus, Minus, Equal»: Ein Framework für Selbstentwicklung

Ken Shamrock, MMA-Pionier und mehrfacher Weltmeister, entwickelte einen strategischen Trainingsansatz für seine Kämpfer mit dem Namen «Plus, Minus, Equal». Ryan Holiday beschreibt in «Ego is the Enemy» Shamrocks Prinzip: Jeder Kämpfer brauche jemand besseres, von dem er lernen könne, jemand schlechteres, den er ausbilden und einen Gleichgestellten, den er herausfordern könne.

+ Plus
Das Plus beschreibt einen Mentor, einen Lehrer, der dich in allen Belangen übertrifft. Er besitzt Fähigkeiten und Wissen, zu denen du aufschaust und von denen du lernen kannst. Er ist dein Wegweiser, korrigiert deine Richtung, wenn du vom Pfad abkommst und hilft dir, möglichst effektiv zu deinem Ziel zu gelangen.

– Minus
Das Minus bedeutet einen Lernenden mit geringerem Geschick und Können, den du betreust und ausbildest. Du lehrst ihm die Prinzipien, Grundlagen, Techniken. Du machst einen Schritt zurück, vereinfachst und zeigst auf, was essentiell ist. Durch das Erklären wird dir bewusst, ob du wirklich weisst, was du tust.

= Equal
Mit Equal ist ein Konkurrent mit einem ähnlichen Trainingslevel gemeint. Die Konfrontation mit einem Gleichgestellten gibt dir ehrliches Feedback, ob das, was du praktizierst, auch tatsächlich funktioniert.

Diese Dreispurigkeit des Trainings ist universell anwendbar. “Plus, Minus, Equal“ ist ein wunderbares Werkzeug, um über dich hinauszuwachsen und gleichzeitig in deiner Entwicklung bescheiden und demütig zu bleiben. Weil du zugleich Schüler, Lehrer und Herausforderer bist, weisst du jederzeit, wo du stehst, wo du herkommst und wo du hinwillst. Ryan Holidayschreibt:

«The purpose of Shamrock’s formula is simple, to get real and continuous feedback about what they know and what they don’t know, from every angle. It purges out the ego that puffs us up, the fear that makes us doubt ourselves and any laziness that might make us want to coast.»

Ken Shamrock, der von ABC News als “The World’s Most Dangerous Man“ betitelt wurde, stellte fest:

«False ideas about yourself destroy you. For me, I always stay a student. That’s what martial arts are about, and you have to use that humility as a tool.»

Lass dein Ego zuhause und sei ehrlich zu dir selbst. Wenn dir klar ist, was du beherrschst und was nicht, weisst du jederzeit, was dein nächster Schritt ist. So machst du Fortschritte. Such dir dein «Plus», dein «Minus» und dein «Equal»

 

Priorität vs. Prioritäten

Das deutsche Wort «Priorität» existiert seit dem 17. Jahrhundert und kommt vom französischen «priorité», welches sich auf das lateinische Wort «prior», der Erste, der Vordere zurückverfolgen lässt. Die Pluralform «Prioritäten» entstand erst 200 Jahre später, im 19. Jahrhundert. Nach Google Ngram erhielt Prioritäten erst nach 1950 auch tatsächlich Verwendung in der deutschen Sprache.

Die Etymologie von Prioritäten trifft de Nagel des Zeitgeists auf den Kopf. Alles wird mehr, alles wird wichtiger. Indem wir Priorität pluralisieren, versuchen wir, die Realität unseren Erwartungen anzupassen. Aber alles ist nicht möglich.

Eine Priorität setzen bedeutet Stellungnahme zu beziehen. Wir geben der Priorität einen Vorrang. Geben ihr Bedeutung. Geben ihr unsere Zeit und qualitativ beste Arbeit. Die Priorität erhält unsere ungeteilte Aufmerksamkeit. Wir setzen eine Priorität mit dem Bewusstsein, dass anderes ihr weichen muss.

Wie lautet das Ergebnis, wenn wir anstelle einer Priorität mehrere Prioritäten setzen? Wenn wir alles machen und alles haben möchten, unsere Zeit und Energie aber begrenzt ist? Wir machen einen Millimeter Fortschritt in 1000 Richtungen, anstatt dass wir unsere Energie konzentrieren und einen bedeutenden Beitrag leisten1.

Richard Feynman, Nobelpreisträger in Physik, betonte die Wichtigkeit von zielgerichtetem Priorisieren in seiner Sammlung «The Pleasure of Finding Things Out: The Best Short Works of Richard P. Feynman». Feynman hatte eine selbst auferlegte Regel, keinerlei Verantwortung zu übernehmen. Natürlich, würde er liebend gern. Doch er war sich bewusst, dass er Abstriche in Kauf nehmen musste, um sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. So machte er Fortschritte in jenem Bereich, der ihm wirklich wichtig war, der Physik:

«To do high, real good physics work you do need absolutely solid lengths of time, so that when you’re putting ideas together which are vague and hard to remember, it’s very much like building a house of cards and each of the cards is shaky, and if you forget one of them the whole thing collapses again. You don’t know how you got there and you have to build them up again, and if you’re interrupted and kind of forget half the idea of how the cards went together—your cards being different-type parts of the ideas, ideas of different kinds that have to go together to build up the idea—the main point is, you put the stuff together, it’s quite a tower and it’s easy [for it] to slip, it needs a lot of concentration—that is, solid time to think—and if you’ve got a job in administrating anything like that, then you don’t have the solid time. So I have invented another myth for myself—that I’m irresponsible. I tell everybody, I don’t do anything. If anybody asks me to be on a committee to take care of admissions, no, I’m irresponsible, I don’t give a damn about the students—of course I give a damn about the students but I know that somebody else’ll do it—and I take the view, „Let George do it,“ a view which you’re not supposed to take, okay, because that’s not right to do, but I do that because I like to do physics and I want to see if I can still do it, and so I’m selfish, okay? I want to do my physics.»

Wir leben in einer Welt des kultivierten Lärms. Ablenkung ist überall. Du entscheidest, worauf du dich einlässt und was dir wichtig ist. Abtausch ist unvermeidbar. Oder wie Greg McKeown in «Essentialism»1 erklärt: «We can either make our choices deliberately or allow other people’s agendas to control our lives.» Du entscheidest. Du priorisierst.

Motivation durch Empathie: das Gerichtsverfahren der Bemba

Berichten zufolge hat das Volk der Bemba oder BaBemba aus Sambia ein aussergewöhnliches Ritual, mit Fehlverhalten umzugehen, wie Leonard Zunin in «Contact: The First Four Minutes» beschreibt. Wenn ein Stammesmitglied ein Verbrechen oder selbstsüchtiges Unrecht begeht, versammelt sich das gesamte Dorf und bildet einen Kreis um den Übeltäter. Dann spricht jeder einzelne Dorfbewohner zum Straftäter – beginnend mit dem oder der Jüngsten, einer nach dem anderen. Jedes Mitglied erinnert den Angeklagten an die positiven Dinge, die der Gesetzwidrige in seinem Leben vollbracht hat. Jedes Ereignis und Erlebnis wird ehrlich und detailliert nacherzählt. Sarkasmus und Lügen sind verboten. Diese Prozedur dauert oft mehrere Tage. Mit der Zeit sammeln sich alle positiven Eigenschaften, guten Taten, Stärken und Gefälligkeiten des Übeltäters. Es stellt sich die Frage, wie eine Person mit so vielen positiven Qualitäten zu einer so asozialen Tat fähig sein kann. Am Ende des Rituals wird der Straftäter mit einem Fest wieder im Stamm willkommen geheissen. Die Rückfallquote ist minimal.

Ein jeder handelt zum Zeitpunkt einer Straftat nach seinen momentanen Überzeugungen und den aktuellen Umständen. Es ist möglich, dass der Gesetzwidrige zum Zeitpunkt seiner Straftat, sich seiner Untaten nicht, oder nur verzerrt bewusst war. Empathie ist lösungsorientierter als Kritik. Seneca meinte: «Achte den Leidenden heilig.». Der Straftäter ist in vielen Situationen nur ein Leidender. Anstatt ihn zu bestrafen, wäre manchmal ein moralischer Anschubser gewinnversprechender.

Fiktion als das Fundament menschlicher Zusammenarbeit: Yuval Noah Harari über die Macht erfundener Ordnungen

«Jede menschliche Zusammenarbeit im grossen Stil beruht letztlich auf unserem Glauben an erfundene Ordnungen. Das sind Gefüge von Regeln, die zwar nur in unserer Fantasie existieren, die wir aber für so real und unumstösslich wie die Schwerkraft halten.»

Wir glauben an die gleichen Geschichten und die gleichen erfundenen Ordnungen. Das macht uns in der Tierwelt einzigartig und das ist es, was den Homo Sapiens vom Neandertaler unterscheidet. Neandertaler kooperierten, wenn sie miteinander im Blute verwandt waren. Sapiens hingegen zogen zu fünfzigtausenden in die Kreuzzüge, weil sie den Glauben an das Christentum teilten.

Doch was ist mit erfundenen Ordnungen wirklich gemeint? Yuval Noah Harari beschreibt in «Homo Deus» drei Ebenen der Wirklichkeit. Die subjektive, die objektive und die intersubjektive Realität. Unter der subjektiven Wirklichkeit wird das persönliche, voreingenommene Weltbild verstanden. Es ist allgemein akzeptiert, dass subjektive Wahrnehmungen genauso real sein können wie objektive Erscheinungen. Mit der objektiven Wirklichkeit ist die sachliche, messbare Ebene der Welt gemeint. Die objektive Welt ist unabhängig von subjektiven Empfindungen. Von einer intersubjektiven Realität können sich allerdings die Wenigsten ein konkretes Bild machen. Intersubjektive Phänomene wie Geld, Gott und Nationen «hängen eher von der Kommunikation zwischen vielen Menschen ab als von den Überzeugungen und Gefühlen einzelner Personen». Sie sind ein Konstrukt, das über das Bewusstsein einer einzelnen Person hinausgeht. Die intersubjektive Realität ist Fiktion, die durch den Glauben vieler Individuen zu einer realen Macht wird.

Nehmen wir das Beispiel des Geldes. Auch wenn wir als eine Gesellschaft Geld als echt empfinden, ist Geld nicht real. Eine Münze an sich hat keinen Wert. Auch eine Banknote oder eine Zahl auf dem Konto ist an sich wertlos. Der Wert von Geld entsteht dadurch, dass wir alle an Geld glauben. Wenn, wie Harari erklärt, die Verkäuferin in einer Bäckerei unser Geld nicht entgegennehmen möchte, ist das noch kein Problem. Wir gehen einfach eine Strasse weiter in ein ähnliches Geschäft und tauschen dort unser Geld gegen Realien. Wenn allerdings auch dieses Geschäft und alle im Quartier – ja die ganze Stadt oder das ganze Land – unser Geld nicht mehr möchten, stehen wir mit leeren Händen da. Geld hat keinen realen Wert. Im 17. Jahrhundert in den Niederlanden wurde die Tulpenzwiebel zum Spekulationsobjekt. Der Tulpenzwiebel wurde ein Wert zugeschrieben und durch die geweckte Begierde und den knappen Faktor schossen die Preise durch die Decke. Die Tulpenzwiebel an sich war wertlos, der Gegenwert real. Der Höhepunkt dieser Tulpenmanie dauerte lediglich wenige Monate. Geld, ob Münzen oder Blumenzwiebeln, ist nur eine Geschichte, die wir uns erzählen.

Intersubjektive Phänomene sind erdachte Ordnungen, reine Fiktion. Und doch halten wir sie für unumstösslich. «Wir wollen nicht akzeptieren, dass unser Gott, unsere Nation oder unsere Welt blosse Fiktion sind, denn das sind die Dinge, die unserem Leben Sinn geben», wie Harari feststellt, «Sinn entsteht, wenn viele Menschen zusammen an einem gemeinsamen Geflecht von Geschichten weben.» Wir erschaffen uns «mit Hilfe der Sprache völlig neue Wirklichkeiten». Diese erfundenen Geschichten geben uns gemeinsame Ziele und ermöglichen uns Zusammenarbeit im grossen Stil.

Diese erfundenen Ordnungen stärken und festigen wir durch unsere Aufwände. Seien es wertvolle Güter, die wir den Göttern opferten, Kriegsleichen, die wir für eine ideologische Gesellschaft in Kauf nahmen und nehmen oder Stunden, in denen wir uns für Münzen und Geldnoten abarbeiten. Harari schreibt:

 «Je mehr Opfer wir für eine erfundene Geschichte bringen, desto stärker wird die Geschichte, weil wir diesen Opfern und diesem Leid, das wir verursacht haben, um jeden Preis einen Sinn geben wollen.»

Der Zahn der Zeit lockert das Geflecht unserer Geschichten und macht Platz für neue Ideen, neue Realitäten:

«Über die Jahrzehnte und Jahrhunderte löst sich das Geflecht auf, und an dessen Stelle wird ein neues Geflecht gesponnen. Sich mit Geschichten zu befassen heisst, bei der Entstehung und Auflösung dieser Geflechte zuzusehen und zu erkennen, dass das, was den Menschen in der eigenen Epoche als das Wichtigste im Leben erscheint, für ihre Nachkommen völlig bedeutungslos sein wird.»

Harari vermutet, dass der technologische Fortschritt im Laufe der kommenden Jahre unseren erfundenen Realitäten möglicherweise noch mehr Macht zuschreiben wird:

 «Im 21. Jahrhundert wird die Grenze zwischen Geschichte und Biologie vermutlich unscharf werden, nicht weil wir auf biologische Erklärungen für historische Ereignisse stossen, sondern weil ideologische Fiktionen die DNA-Stränge neu schreiben; weil politische und ökonomische Interessen das Klima verändern; und weil die Geografie von Bergen und Flüssen dem Cyberspace weicht. Wenn menschliche Fiktionen in genetische und elektronische Codes übersetzt werden, wird die intersubjektive Realität die objektive Realität verschlingen und die Biologie wird mit der Geschichte verschmelzen. Im 21. Jahrhundert könnte die Fiktion somit zur wirkungsmächtigsten Kraft auf Erden werden, wirkmächtiger noch als unberechenbare Asteroiden und die natürliche Auslese. Wenn wir unsere Zukunft verstehen wollen, wird es deshalb nicht ausreichen, Genome zu entschlüsseln und über Zahlen zu brüten. Wir müssen die Fiktionen entschlüsseln, die der Welt einen Sinn verleihen.»

Der Mensch als Individuum ist schwach. Als Kollektiv beherrschen wir jede andere Rasse auf diesem Planeten. Wir regieren den Planeten, weil wir glauben können und weil wir erfundenen Ordnungen eine reale Macht zuschreiben können. Wohin wir uns als Gesellschaft entwickeln, wird durch die Storyline der Geschichten, die wir uns erzählen, bestimmt. Deshalb sollten wir uns darauf konzentrieren, die richtigen Geschichten zu schreiben.

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Max Planck über Innovation und Fortschritt

«Wer nicht gelegentlich auch einmal kausalwidrige Dinge zu denken vermag, wird seine Wissenschaft nie um eine neue Idee bereichern können.» Um die Ecke zu denken, bedeutete für den deutschen Physiker Max Planck (1858-1947) die Grundlage eines progressiven Schaffens und Lebens. Philosophische Grenzfragen beschäftigten den fortschrittlichen Denker und Nobelpreisträger.

Planck war davon überzeugt, dass Irrlehren nur dann von neuen Erkenntnissen abgelöst werden können, wenn die davon überzeugten Professoren und deren Schüler ausstreben. Das Alte müsse zuerst beerdigt werden, bevor neue Theorien auf dem Nährboden der unvoreingenommenen Generation gedeihen können:

 «Eine neue wissenschaftliche Wahrheit pflegt sich nicht in der Weise durchzusetzen, dass ihre Gegner überzeugt werden und sich als belehrt erklären, sondern vielmehr dadurch, dass ihre Gegner allmählich aussterben und dass die heranwachsende Generation von vornherein mit der Wahrheit vertraut gemacht ist.»

Der Fortschritt bewege sich unweigerlich auf ein gottgleiches, vollkommenes Ziel zu. Dieses Ziel zu erreichen sei nicht realistisch.. Aber weil wir ein Ziel definieren, haben wir eine vorgegebene Richtung. Und dieser Richtung folgen wir Schritt für Schritt. Das ist Fortschritt. So entsteht Innovation.

„Welches ist nun die Richtung dieses Fortschrittes und welchem Ziel strebt er zu? Die Richtung ist offenbar eine beständige Verfeinerung des Weltbildes durch Zurückführung der in ihm enthaltenen realen Elemente auf ein höheres Reales von weniger naiver Beschaffenheit. Das Ziel aber ist die Schaffung eines Weltbildes, dessen Realitäten keinerlei Verbesserung mehr bedürftig sind und die daher das endgültig Reale darstellen. Eine nachweisliche Erreichung dieses Zieles wird und kann niemals gelingen.“

Konditionierung der Perspektive nach Marc Aurel

«Wähle unverletzt zu sein und du wirst dich unverletzt fühlen. Fühle dich unverletzt und du wirst unverletzt sein.» Marc Aurels Herangehensweise an einen stoischen Optimismus ist ein praktisches Werkzeug im effizienten und eleganten Umgang mit alltäglichen Stolpersteinen. Anstatt sich von negativen Einflüssen lenken zu lassen, dient sie als Möglichkeit Geduld und Verständnis zu praktizieren. Was im Weg liegt, macht den Weg interessant. Marc Aurel schreibt in «Selbstbetrachtungen»:

 «Gleich in der ersten Morgenstunde sage zu dir: Heute werde ich mit einem vorwitzigen, undankbaren, übermütigen, ränkevollen, verleumderischen, ungeselligen Menschen zusammentreffen. Alle diese Fehler haften an ihnen nur wegen ihrer Unkenntnis des Guten und des Bösen. Ich hingegen sehe ein, dass das Gute seinem Wesen nach schön, das Böse hässlich ist, und weiss von der Natur selbst des Fehlenden, dass sie mit der meinigen verwandt ist, nicht sowohl desselben Blutes und Samens, als vielmehr derselben Vernunft, des gleichen göttlichen Funkens teilhaftig. Auch weiss ich, dass weder er, noch sonst ein Mensch mich beschädigen kann; denn niemand vermag es, mich in etwas Schändliches zu verwickeln; aber ebenso wenig kann ich dem, der mir verwandt ist zürnen oder ihm gram sein; sind wir ja vielmehr zu gemeinschaftlicher Wirksamkeit da, wie die Füsse, die Hände, die Augenlieder, die oberen und unteren Reihen der Zähne. Einander entgegenwirken wäre mithin naturwidrig, auf jemand aber ungehalten sein und von ihm sich abwenden, hiesse ihm entgegenzuwirken.»