Verliebtsein und Herzklopfen: Wenn wir uns nicht mehr auf die eigenen Gefühle verlassen können

Können wir uns unserer Gefühle sicher sein? Mit dieser Frage beschäftigte sich eine Studie von Hariri AR, Bookheimer SY und Mazziotta JC aus dem Jahr 2000. Sie beobachteten die Reaktionen einer Testgruppe von jungen Männern, die eine Hängebrücke überquerten. Eine junge, attraktive Frau führte mit den Männern eine Umfrage durch. Die Hälfte der Testgruppe wurde auf der Hängebrücke befragt, die andere Hälfte kurz nach der Überquerung. Im Anschluss an die Umfrage gab die junge Frau ihre Telefonnummer. Die Männer können sich bei ihr melden, falls sie noch zusätzliche Informationen zur Befragung erhalten möchten. Jene Männer, die auf der Hängebrücke angesprochen wurden, meldete sich mit einer höheren Wahrscheinlichkeit bei der jungen Frau. Wieso?

Die Männer, die mitten auf der Hängebrücke interviewt wurden, erlebten eine intensive körperliche Erregung (Herzklopfen, erhöhter Blutdruck, Adrenalinkick), die sie normalerweise als Angst wahrgenommen hätten. Weil sie allerdings von einer attraktiven Frau befragt wurden, deuteten sie ihre Erregung fälschlicherweise als sexuelle Anziehung.

Der Mensch besitzt ein primitives Nervensystem für die Verarbeitung von Emotionen wie Angst und Wut (Amygdala). Allerdings haben wir die Fähigkeit, diese instinktiven emotionalen Reaktionen durch intellektuelle Aktivität im präfrontalen Cortex zu formen, zu interpretieren und rechtzufertigen. Es ist also schwierig, zu unterschieden, ob unser Herz klopft, weil wir verliebt sind oder wir uns wegen dem Herzklopfen verlieben. Es ist schwierig zu sagen ob wir wirklich fühlen, was wir glauben zu fühlen.

Übers Unterbrechen und Fortsetzen: Hemingways Schreibstrategie

Ernest Hemingway (1899-1961) meisterte nicht nur das Schreiben selbst, sondern perfektionierte auch seinen effizienten Arbeitsstil. Larry W. Phillips hat einer Assemblage mit dem Titel «Ernest Hemingway on Writing» die Schreibessenz eines der grossartigsten amerikanischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts zusammengetragen.

Hemingway hatte die Angewohnheit, seine Arbeit mitten im Thema oder sogar mitten im Satz zu unterbrechen. So hatte er am kommenden Tag einen genauen Anhaltspunkt, wo und wie er die Arbeit weiterführen konnte. In «Monologue to the Maestro: A High Seas Letter» im Esquire vom Oktober 1935 rät Hemingway einem jungen Schriftsteller:

«The best way is always to stop when you are going good and when you know what will happen next. If you do that every day when you are writing a novel you will never be stuck. That is the most valuable thing I can tell you so try to remember it.»

«Die beste Art ist immer dann zu stoppen, wenn es gut läuft und wenn du weisst, was als nächstes passieren wird. Wenn du einen Roman schreibst und das täglich machst, wirst du niemals steckenbleiben. Das ist das Wertvollste, was ich dir zu sagen habe, also versuch, es dir zu merken»

Bevor Hemingway morgens mit dem Weiterschreiben begann, sah er den vorangegangen Part durch. So verlor er nie den Überblick und hatte die Möglichkeit, das Geschriebene zu überprüfen und allenfalls Anpassungen vorzunehmen.

«The best way is to read it all every day from the start, correcting as you go along, then go on from where you stopped the day before. When it gets so long that you can’t do this every day read back two or three chapters each day; then each week read it all from the start. That’s how you make it all of one piece.»

«Die beste Art ist es, jeden Tag alles von Anfang an zu lesen, währenddessen zu korrigieren und dann dort weiterzumachen, wo du gestern aufgehört hast. Wenn es so lange wird, dass dies nicht mehr täglich möglich ist, dann lies die letzten zwei oder drei Kapitel; und lies es jede Woche ganz von Beginn an. Auf diese Weise machst du aus Allem ein Ganzes.»

Dies ist eine universell-gültige Herangehensweise für jegliche Projektformen. Mach jeden Tag ein bisschen weniger als möglich und lerne deine Arbeit jeden Tag von Neuem kennen.

 

Rilke über Ironie

„Ironie ist das Körnchen Salz“, so schreibt Goethe (1749 – 1832), „das das Aufgetischte überhaupt erst genießbar macht.“ Der indirekten literarischen Spott sei die Würze des Lebens gegen die Fadheit der Existenz. Nach Rainer Maria Rilke (1875 – 1926) ist die Ironie allerdings in der Lage, ohne die richtige Dosierung und das Wissen um deren Anwendung, das Essen zu versalzen. Auch sei die Ironie als Mittel, das Leben fassbar zu machen, praktisch, sie ersetze allerdings nicht die Substanz, die Bedeutendes und Ernstes in ihrem Kern ausmacht. Er schreibt in einem seiner Briefe an einen jungen Dichter:

„Lassen Sie sich nicht von (der Ironie) beherrschen, besonders nicht in unschöpferischen Momenten. In schöpferischen versuchen Sie es sich ihrer zu bedienen, als eines Mittels mehr, das Leben zu fassen. Rein gebraucht, ist sie auch rein, und man muss sich ihrer nicht schämen; und fühlen Sie sich ihr vertraut, fürchten Sie die wachsende Vertraulichkeit mit ihr, dann wenden Sie sich an grosse und ernste Gegenstände, vor denen sie klein und hilflos wird. Suchen Sie die Tiefe der Dinge: dort steigt Ironie nie hinab, – und wenn Sie so an den Rand des Grossen führen, erproben Sie gleichzeitig, ob diese Auffassungsart einer Notwendigkeit Ihres Wesens entspringt. Denn unter dem Einfluss ernster Dinge wird sie entweder von Ihnen abfallen (wenn sie etwas Zufälliges ist), oder aber sie wird (so sie wirklich eingeboren Ihnen zugehört) erstarken zu einem ernsten Werkzeug und sich einordnen in der Reihe der Mittel, mit denen Sie Ihre Kunst werden bilden müssen.“

Bedeutendes, Grosses entspringt immer einer ironiefreien Tiefe. Die Ironie ist ein Werkzeug, das unserer Persönlichkeit entspricht und sogar Teil unserer Ausdrucksart sein kann. Es ist aber auch möglich, dass Ironie uns selbst komplett zuwider ist. Als Methode dies herauszufinden, empfiehlt Rilke, sich auf den Kern der wirklich wichtigen Themen zu konzentrieren und zu erproben, ob Ironie für deren Verständnis und Kommunikation unentbehrlich ist. Wage dich an das Grosse und stärke deine Ironie. Oder entsorge sie.

Edward Bernays’ Umweg-Strategie

Edward Bernays (1891-1995), Public-Relations-Urvater und Propaganda-Pionier, ist bekannt für seine revolutionären Anwendungen der modernen, psychologischen Erkenntnisse in der Öffentlichkeitsarbeit. Unter anderen popularisierte er das weibliche Rauchen als feministische Freiheitsbewegung in Kooperation mit «Lucky Strike». Oder wie in Rich Cohens «The Fish That Ate the Whale» beschrieben, arbeitete Bernays mit «United Fruit» beim Umsturz der Regierung von Guatemala zusammen. Sein Erfolgsrezept: eine indirekte Vorgehensweise.

Mit dem Auftrag, den Ford Thunderbird zu verkaufen, kümmerte sich Bernays nicht um den Direktvertrieb des Wagens. Stattdessen setzte er sich im Kongress für eine Erhöhung der Geschwindigkeitsbeschränkung ein. Denn dies macht es für potentielle Kunden unendlich attraktiver, einen Thunderbird zu besitzen.

Anderweitig wurde Bernays von besorgten Verlegern wegen eines Einbruchs der Verkaufszahlen in der Buchindustrie beauftragt. Anstatt in Schulen für Bücher zu werben, suchte Bernays das Gespräch mit Architekten und Bauherren, die für den Bau der vorstädtischen Siedlungen verantwortlich waren. Er überzeugte sie, dass Wohnungen nur dann den Zeitgeist treffen, wenn sie mit fix eingebauten Bücherregalen angeboten würden. Und diese Regale können schliesslich nicht leer stehen.

Anstatt für einzelne Verkäufe zu kämpfen, formte Bernays die Welt nach den Ansprüchen seiner Produkte. Abkürzungen sind nicht immer der schnellste Weg zum Ziel.