Herman Hesse übers Zuhören: Siddhartha und der Fluss des Lebens

 «Der Fluss ist überall zugleich, am Ursprung und an der Mündung, am Wasserfall, an der Fähre, an der Stromschnelle, im Gebirge, überall zugleich, und dass es für ihn nur Gegenwart gibt, nicht den Schatten Vergangenheit, nicht den Schatten Zukunft.»

«Suchen heisst: ein Ziel haben», schreibt Hesse. «Finden aber heisst: frei sein, offen stehen, kein Ziel haben.». Auf der Suche nach deiner Bestimmung, dem perfekten Job, dem richtigen Partner, der einzigartigen Idee, verbringst du dein Leben in einem aktiven Streben nach vorne. Der entscheidende Schritt – glaubst du – liegt bei dir. Ohne Aktion keine Reaktion. Ohne Handeln keine Erfüllung. Den Blick fixiert auf das Ziel läufst du vorbei an der schönsten Blume, der herrlichsten Aussicht. Du überquerst die Ziellinie und kommst trotzdem nicht an. «Deinem Ziel nachstrebend, siehst du manches nicht, was nah vor deinen Augen steht.» Vor lauter Suchen findest du nicht.

Dem gleichen Streben verfällt in Herman Hesses indischer Dichtung «Siddhartha» von 1922 der gleichnamige Protagonist. Auf der Suche nach Weisheit verlässt der junge, ambitionierte Brahmanensohn Siddhartha sein Elternhaus. Er wendet sich von jeglichen Dogmen und Lehren ab, wandert ziellos umher, verliert sich in der Liebe und im Spiel des Samsara. Siddhartha dreht sich im Kreis. Er scheint zu rennen, so schnell kann – jedoch ohne vom Fleck zu kommen. In seiner Abwärtsspirale bleibt sein Ankerhaken in der Natur hängen. Siddhartha kommt bei einem Fährmann am Ufer eines Flusses zur Ruhe. Dort entdeckt Siddhartha seine Liebe für das fliessende Wasser und lässt sich von ihm verführen. Hesse schreibt:

«Zärtlich blickte er in das strömende Wasser, in das durchsichtige Grün, in die kristallenen Linien seiner geheimnisreichen Zeichnung. Lichte Perlen sah er aus der Tiefe steigen, stille Luftblasen auf dem Spiegel schwimmen, Himmelsbläue darin abgebildet. Mit tausend Augen blickte der Fluss ihn an, mit grünen, mit weissen, mit kristallnen, mit himmelsblauen.
(…)
Lerne von ihm!
Wer dies Wasser und seine Geheimnisse verstünde, so schien ihm, würde auch viel anderes verstehen, viele Geheimnisse, alle Geheimnisse.
(…)
Von den Geheimnissen des Flusses aber sah er heute nur eines, das ergriff seine Seele. Er sah: das Wasser lief und lief, immerzu lief es, und war doch immer da, war immer und allzeit dasselbe und doch jeden Augenblick neu!»

Der Fluss unterstützt Siddhartha bei seiner Wandlung vom Sucher, Redner, Interpreten zum einem Zuhörer, Beobachter und Versteher.

«Der Fluss lernt ihm, dass es keine Zeit gibt. Er lernt ihm das Zuhören, das Lauschen mit stillem Herzen, mit wartender geöffneter Seele, ohne Leidenschaft, ohne Wunsch, ohne Urteil, ohne Meinung.»

Der Fluss steht für den Wandel und gleichzeitig für die Beständigkeit. Er ist stets da, immer gleich und doch immer anders. Der Fluss ist die Zeit, er ist das Leben:

«Sie lauschten. Sanft klang der vielstimmige Gesang des Flusses. Siddhartha schaute ins Wasser und im ziehenden Wasser erschienen ihm Bilder: sein Vater erschien, einsam, um den Sohn trauernd, er selbst erschien, einsam, auch er mit den Banden der Sehnsucht an den fernen Sohn gebunden; es erschien sein Sohn, einsam auch er, der Knabe, begehrlich auf der brennenden Bahn seiner jungen Wünsche stürmend, jeder auf sein Ziel gerichtet, jeder vom Ziel besessen, jeder leidend. Der Fluss sang mit einer Stimme des Leidens, sehnlich sang er, sehnlich floss er seinem Ziele zu, klagend klang seine Stimme.

„Hörst du?“ fragte Vasudeva stummer Blick, Siddhartha nickte.
„Höre besser!“ flüsterte Vasudeva.

Siddhartha bemühte sich besser zu hören. Das Bild des Vaters, sein eigenes Bild, das Bild des Sohnes flossen ineinander, auch Kamalas Bild erschien und zerfloss, und das Bild Govindas, und andre Bilder, und flossen ineinander über, wurden alle zum Fluss, strebten alle als Fluss dem Ziele zu, sehnlich, begehrend, leidend, und des Flusses Stimme klang voll Sehnsucht, voll von brennendem Weh, voll von unstillbarem Verlangen. Zum Ziele strebte der Fluss, Siddhartha sah ihn eilen, den Fluss, der aus ihm und den Seinen und aus allen Menschen bestand, die er je gesehen hatte, alle die Wellen und Wasser eilten, leiden, Zielen zu, vielen Zielen, dem Wasserfall, dem See, der Stromschnelle, dem Meere, und alle Ziele wurden erreicht, und jedem erfolgte ein Neues, und aus dem Wasser ward Dampf und stieg in den Himmel herab, ward Quelle, ward Bach, ward Fluss, strebte aufs neue, floss aufs neue. Aber die sehnliche Stimme hatte sich verändert. Noch tönte sie, leidvoll, suchend, aber andre Stimmen gesellten sich zu ihr, Stimmen der Freude und des Leids, gute und böse Stimmen, lachende und trauernde, hundert Stimmen, tausend Stimmen.»

Du bist, wo du bist, durch das, was du erlebt hast. Das Vergangene ist geschehen, und deshalb unveränderlich. Die Zukunft ist ungewiss und deshalb keinen Kummer wert. Was bleibt, ist die Gegenwart:

«Siddhartha lauschte. Er war nun ganz Lauscher, ganz ins Zuhören vertieft, ganz leer, ganz einsaugend, er fühlte, dass er nun das Lauschen zu Ende gelernt habe. Oft schon hatte er all die gehört, diese vielen Stimmen im Fluss, heute klang es neu. Schon konnte er die vielen Stimmen nicht mehr unterscheiden, nicht frohe von weinenden, nicht kindliche von männlichen, sie gehörten alle zusammen, Klage der Sehnsucht und Lachen des Wissenden, Schrei des Zorns und Leiden des Sterbenden, alles war eins, alles war ineinander verwoben und verknüpft, tausendfach verschlungen. Und alles zusammen, alle Stimmen, alle Ziele, alles Sehnen, alle Leiden, alle Lust, alles Gute und Böse, alles zusammen war die Welt. Alles zusammen war der Fluss des Geschehens, war die Musik des Lebens. Und wenn Siddhartha aufmerksam diesem Fluss, diesem tausendstimmigen Lied lauschte, wenn er sich nicht auf das Leid noch auf das Lachen hörte, wenn er seine Seele nicht an irgendeine Stimme band und mit seinem Ich in sie einging, sondern alles hörte, das Ganze, die Einheit vernahm, dann bestand das grosse Lied der tausend Stimmen aus einem einzigen Worte, das hiess Om: die Vollendung.»

Du suchst dir ein Narrativ, eine Stimme, die dich leitet. Du folgst dieser Stimme blindlings. Sie sagt dir, was wahr und recht ist, was bedeutend und entscheidend ist. Erst wenn du einen Schritt zurück machst und das Geschehen aus einer Distanz – ohne Urteil und Meinung – betrachtet, erkennst du die Einheit und erlebst inneren Frieden. Jede Stimme erzählt nur eine Geschichte. Alles ausser das Hier und Jetzt ist ein Gedanke. Hesse schreibt:

«Langsam blühte, langsam reifte in Siddhartha die Erkenntnis, das Wissen darum, was eigentlich Weisheit sei, was seines langen Suchens Ziel sei. Es war nichts als eine Bereitschaft der Seele, eine Fähigkeit, eine geheime Kunst, jeden Augenblick, mitten im Leben, den Gedanken der Einheit zu denken, die Einheit fühlen und einatmen zu können.»

Um sein Ziel zu erreichen, reicht aktives Handeln nicht aus. Du musst dich in die Rolle des Zuhörers versetzen. Wenn du genau lauschst, antwortet die Welt auf deine Fragen.

Die richtige Antwort kommt nicht zwingend von der Stimme, die am stärksten schreit. Sie alle möchten dir etwas mitteilen, die lauten und die leisen Stimmen, die heiteren und die klagenden, die klaren und die dumpfen Stimmen. Erst wenn die Sinfonie tausender Stimmen einen gemeinsamen Ton singen, dann hörst du sie, die Wahrheit.

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