Über Tradition und Innovation

«Wie? Soll ich also nicht in die Fußstapfen der Vorgänger treten? Was mich betrifft, so werde ich zwar den alten Weg benützen, sollte ich aber einen besseren und ebeneren finden, so werde ich mir diesen gangbar machen. Die vor uns jene Ideen entwickelt haben, sind nicht unsere Herren, sondern unsere Führer. Die Wahrheit steht allen offen. Sie ist noch von keinem in Beschlag genommen worden. Ein grosser Teil von ihr bleibt auch noch den künftigen Geschlechtern aufgespart.» – Seneca, Briefe an Lucilius, 33.11

Traditionen sind Best Practices, die den Test der Zeit überstanden haben. Traditionen beschreiben die Evolution der Ideen. Sie sind die DNA unseres Zeitgeists. Traditionen zu verfolgen bedeutet, von Bewährtem zu profitieren und aus den Fehlern unserer Vorfahren zu lernen.

Doch Traditionen sind nur überliefertes Wissen. Und Wissen ist kein fixes Konstrukt. Jede konservative Vorstellung war einst kontrovers und innovativ. Jede Konvention war einst nur eine Idee. Was heute unerreichbar scheint, das mag morgen einengend wirken. Die Zeit eröffnet uns neue Möglichkeiten, neue Perspektiven. Deshalb dürfen wir uns nicht davor fürchten, anders zu denken und unbekannte Wege zu gehen.

Die DNA unserer Zeit ist offen gegenüber Mutationen. Diese genetischen Anpassungen nennen wir Innovationen. Was das System effektiver macht, das überlebt. Was sich erübrigt, das stirbt aus.

Das Einstiegszitat stammt von einem Philosophen aus dem alten Rom. Möglicherweise werden die Weisheiten Senecas von modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen widerlegt oder weiterentwickelt. Möglicherweise aber auch nicht. Doch der Punkt ist: Beharre nicht auf der Meinung eines Mannes, der vor 2’000 Jahren aufgehört hat zu lernen. Die Welt verändert sich und unsere Vorstellungen, Ideen und Traditionen mit ihr.

Traditionen sind nicht mehr als Empfehlungen. Bedien dich, wenn sie dir helfen und denk neu, wenn sie dich hindern.

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